Suzuki Tomohiko – Auf der Spur der kriminellen Ader Japans

Monate nach der Katastrophe von Fukushima nahm das Interesse der japanischen Medien an der Atompolitik des eigenes Landes rapide ab. Politik, Wirtschaft und Medien waren sich einig: Der Ausnahmezustand wurde aufgehoben, da der Zustand der zerstörten Meiler wieder stabil sei. Die Information, dass die Folgen der Nuklearkatastrophe ihren Lauf nehmen, dringt nur schwach an die Öffentlichkeit. Die Gesellschaft hört weg, wenn es um Schlampereien des Kraftwerksbetreibers TEPCO geht. Erst recht, wenn sich eine Organisation der Probleme annimmt, die für ihre Mafia-ähnliche Organisationsform und kriminellen Methoden bekannt ist.

Ein Sattelitenbild des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi nach dem Großbeben im März 2011. (Getty Images)

Gemeint ist die Yakuza, eine kriminelle Organisation, die in westlichen Medien oft als „japanische Mafia“ bezeichnet wird. Ihre Entstehung geht in die Vormoderne Japans zurück. Da seit 1993 das japanische Gesetz die Zugehörigkeit zu einer kriminellen Organisation unter Strafe stellt, agieren ihre Mitglieder zunehmend im Untergrund, was ihren Einfluss auf Politik und Finanzmärkte nicht mindert. Zu ihren Geschäften zählen Prostitution, Menschen- und Drogenhandel, Glücksspiel und Schutzgelderpressung. Neu ist hingegen die Vermittlung von Arbeitskräften, zumeist Ausländer ohne Aufenthaltserlaubnis. Es ist die Verbindung der Yakuza zur Atomindustrie Japans, denn wer würde die Bereitstellung von Arbeitskräften für derart gefährliche Aufgaben in einem zerstörten Atomkraftwerk übernehmen, wenn nicht eine kriminelle Organisation?

Im Dezember 2011 veröffentlichte der Autor und Journalist Suzuki Tomohiko sein Buch „Yakuza to genpatsu. Fukushima Dai’ichi sen’nyûki [Die japanische Mafia und die Atomindustrie. Geheime Reportage über den Meiler Fukushima I]“ und gab der Öffentlichkeit erstmals einen Einblick in die Machenschaften der Yakuza im Schatten der Atomindustrie Japans. Seine Informationen gewann er aus erster Hand, denn als investigativer Journalist, getarnt als Leiharbeiter, schleußte er sich im Sommer 2011 für mehrere Wochen in Fukushima ein. Seine Entdeckungen reichten von unverantwortlichen Sparmaßnahmen TEPCOs, bis hin zur bewusst unterlassenen Gefahrenaufklärung der Leiharbeiter. Seine Aufmerksamkeit galt allerdings der Beziehung von AKW-Betreiber und Yakuza, die stetig nach Arbeitskräften für eine Tätigkeit Ausschau hielten, die bewusst niemand freiwillig übernehmen möchte.

Freier Autor und Journalist Suzuki Tomohiko bei der Präsentation seines Buches. (AFP)

Mit Minikamera im Armbanduhr-Format betrat er eine Welt, die ihm durch frühere Recherchen schon vertraut ist. Die Yakuza ist sein Spezialgebiet, seine einzige Beziehung. Denn Frau und Kinder hat er nicht. Mit einer Familie könnte er dieser Tätigkeit nicht nachgehen. Zu groß wäre das Risiko für die eigenen Angehörigen. „Suzukis Recherche, die die erste sein dürfte, die den aktuellen Abläufen im AKW Fukushima I dergestalt nahe gekommen ist, will zeigen, dass das Atomgeschäft letztlich eine schmutzige Angelegenheit darstellt, getragen von zahlreichen Akteuren und Profiteuren – die letzten Glieder in der Kette bilden die „Wegwerfarbeiter“ oder „Atomzigeuner“. Der Cold Shutdown kann aus diesem Blickwinkel eventuell nur als Versuch der Regierung gelten, sich zu rehabilitieren und zur Tagesordnung überzugehen. Der Wiederaufbau in Fukushima, so vermittelt uns Suzuki, ist aber gerade erst am Anfang“, kommentiert Lisette Gebhardt von der Japanologie Frankfurt auf der Seite der „Textinitiative Fukushima“.

Laut Suzuki, der schon öfters Berichte über die Yakuza an japanische Medien sendete, seien die Kriminellen schon vor dem Unglück von 2011 keine Unbekannten in Fukushima und der Atomindustrie gewesen. Gerade durch die Katastrophe ist ihr Einfluss mit der Beschaffung von Arbeitskräften für die AKW-Betreiber noch mehr gewachsen. „Es wird gemunkelt, dass die Yakuza-Mitglieder, die vor dem Unfall gewöhnliche Fahrzeugen fuhren, nun mit noblen Autos unterwegs sind“, berichtet er. Zur Zeit seiner Recherche als Leiharbeiter in Fukushima war es für die Arbeiter nicht unüblich, ihre Strahlenmessgeräte zu manipulieren. Da Regierung und TEPCO verkündet hatten, alles stehe wieder unter ihrer Kontrolle, wurde der Lohn für die Arbeiter stark gekürzt. Um trotz der hohen Strahlung nicht ausgetauscht zu werden, gingen manche Arbeiter sogar soweit, indem sie die Dosiermeter bewusst falsch bedienten oder in ihre Socken steckten, um die Messwerte auf einem möglichsten geringem Niveau zu halten.

Das Cover von Suzuki Tomohikos Buch „Yakuza to Genpatsu“. (Bungei Shunju)

Im Zentrum der Korruption von Atomwirtschaft und Politik steht die japanische Mafia. Suzuki weiß, dass die Beteiligung der Yakuza an der Atomindustrie für westliche Leser unverständlich ist und ihre Mitglieder sogar ihr eigenes Leben im Falle eines nuklearen Unfalls riskieren. Doch Suzuki weiß durch seine langjährigen Recherchen auch, dass die Yakuza tief in der japanischen Gesellschaft verwurzelt sind. Tatsächlich waren die Mitglieder dieser Organisation eine der ersten Helfer nach dem Beben, unterstützten die Anwohner mit Lebensmitteln und Lieferungen und kontrollierten die Straßen, um Plünderungen vorzubeugen. Die Existenz der Yakuza ist auch für die Regierung Japans kein Geheimnis. Die Organisation verfolgt ihre eigenen Interessen und kümmert sich um die Art von schmutzigen Geschäften, die keine Behörde, keine Gruppe und keine Einzelperson in Japan sonst nachgehen würde. Damit füllt sie eine Lücke in Japan, die sich zwar im Grenzbereich des Legalen und darüber hinaus bewegt, für das japanische System aber eine Rolle übernimmt, die womöglich nicht mehr wegzudenken ist.

Suzuki erinnert sich an ein Gespräch: „Ein ehemaliger Yakuza-Boss erzählte mir, dass seine ‚Gruppe‘ schon immer in der Rekrutierung von Arbeitern für die Atomindustrie involviert war. ‚Es ist dreckige, gefährliche Arbeit und die einzigen Personen, die es machen wollen, sind obdachlos, Yakuza oder Leute, die so hoch verschuldet sind, dass sie keinen anderen Ausweg sehen, als es in dieser Form abzubezahlen.'“ Für Suzuki liegt die Inkaufnahme des Todes durch radioaktive Verstrahlung darin begründet, dass die Mehrheit der Arbeiter keine Kenntnisse über Radioaktivität besitzen. Für sie ist es ein gesundheitlicher Schaden, der sich vielleicht in zehn Jahren bemerkbar machen könnte. Damit ist es ein Risiko, dass die Arbeiter bereit sind, einzugehen, anstatt von dem kriminellen Netzwerk verschluckt zu werden.

Dass die Arbeiten im Unglücksmeiler alles andere als ungefährlich sind, wissen auch die Arbeiter. Einer erzählt, er wurde mit dem Hinweis zum Weiterarbeiten bewogen, dass sich eine Yakuza-Gruppe in der Umgebung befindet, als er versucht hatte, die Arbeit frühzeitig zu beenden. Dass Betreiber TEPCO nichts von diesen Machenschaften weiß, bezweifelt er. Und in der Tat stimmten ehemalige Manager, Arbeiter und Polizeibeamten TEPCOs zu, das Unternehmen wisse, dass es mit der Yakuza zusammenarbeitet. Nur kümmern tut es den Konzern nicht.

Quellen und weiterer Lesestoff:

„Zur politischen Kultur in Japan“ – Eine Diskussion über das Fünfeck der Atompolitik Japans

Der Thomasius Club lud am 22. Februar 2012 in die Südvorstadt Leipzigs, um über die politische Kultur Japans zu sprechen. Hintergrund der Auseinandersetzung war die Dreifachkatastrophe von Fukushima und die neuen Protestbewegungen der vermeintlich unpolitischen Japaner. Ein uriges Ambiente und bequeme Sitzgelegenheiten zierten den Veranstaltungsraum. Eine Ausstattung, wie es sich für die monatlichen Gespräche des Thomasius Clubs gehört. Speziell für dieses Thema eingeladen wurde Steffi Richter, Professorin und Lehrstuhlinhaberin der Japanologie an der Universität Leipzig. Ihr Schwerpunkt: „Gesellschaft und Kulturen im neuzeitlich-modernen Japan“. Begleitet und angetrieben wurde die Diskussion von den Moderatoren Bettina Kremberg und Ulrich Johannes Schneider. Lasst uns diskutieren.

Ein Foto der Gesprächsteilnehmer: v.l. Bettina Kremberg, Steffi Richter, Ulrich Johannes Schneider. (Thomasius Club)

Im Schatten des Gesprächs stand der baldige Jahrestag der Katastrophe von Japan. Frau Richter selbst versuchte zu Beginn die Auswirkungen dieses Unglücks außerhalb der Grenzen Japans zu verdeutlichen. Für sie als Japanologin war der 11. März 2011 ein tiefer Schock der sie bis heute zeichnet. Fällt Japan in einem Gespräch, spielen sich die Geschehnisse der Katastrophe erneut ab. So weist sie auch am 22. Februar auf jene dramatischen Tage hin. „Eine Katastrophe auf zwei Ebenen“, versucht sie zu charakterisieren: institutionell und wissenschaftlich. Die Leipziger Japanologie machte sich Sorgen um ihre Studenten in Japan. Groß war die Erleichterung, als die jungen Japanologen unversehrt ihren Fuß nach Deutschland setzen konnten. Doch der Forschungsschwerpunkt änderte sich.

In den ersten Wochen nach der Katastrophe war es schwer, einen klaren Gedanken zu sammeln. Wie soll es weitergehen? Die Massenmedien berichteten unentwegt von der Atomkatastrophe in Fukushima. Eine einseitige Berichterstattung folgte auf die nächste. Das Ziel musste es sein, neue Perspektiven zu eröffnen. Die Basis für Frau Richters aktuelles Projekt war geschaffen. Eine Kooperation der Japanologien von Leipzig, Frankfurt und Zürich schuf die Textinitiative Fukushima. Der Leitgedanke war, spezielles Wissen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, das mangels des eigenen Wissensstands verwehrt wurde. Nicht etwa das Aufdecken von Verheimlichungen der Regierung Japans ist die Aufgabe dieser Initiative, sondern das Übersetzen japanischer Protestaktionen, Texte und Bücher. Die deutsche Öffentlichkeit sollte informiert werden. Ein ungeheurer Aufwand stand den Japanologen bevor, zu denen sich die Studenten höheren Semesters aus eigenem Engagement heraus verpflichtet fühlten.

So betont Frau Richter die gemeinsame Anstrengung der Studenten, die bis heute auf 30 Übersetzungen zurückblicken kann. Als Material stand zumeist japanischer Pop-Protest zur Verfügung. Aufbegehrende Videos japanischer Künstler ziert das Internet und alle stimmen sie in einen Anti-Atomkraft-Kanon ein. Die Protestbewegung Japans beginnt sich zu entfalten, doch eine soziale Bewegung ist es noch lange nicht. Die Proteste sind politisch, zeigen aber wenig Bestand und verflüchtigen sich. Für eine soziale Bewegung, die den Anti-Atomkraft-Forderungen der Japaner Auftrieb verleihen würde, muss sich diese Protest-Bewegung in den Alltag integrieren. Sie muss an Vielfalt gewinnen und ein Markenzeichen der Gesellschaft Japans werden. Bis dieser Zustand erreicht ist, muss das japanische Volk noch viele Hürden meistern. Die Berechtigung der Textinitiative bleibt, denn sie gibt ein Bild Japans, dem wir in den Massenmedien nicht begegnen.

Anti-Atomkraft-Protest in Tokio am 16. November 2011.

Einer weiteren Thematik schenkte Frau Richter in diesem Gespräch Beachtung. Das „Eiserne Dreieck“, wie wir es schon in unserem Einstieg zu Fukushima 24/7 behandelt hatten. Die Interessenverflechtung von Politik, Wirtschaft und dem Staat in Form der Bürokratie. Doch die Professorin hatte noch eine vierte Ecke für das Dreieck, die Gefälligskeitswissenschaftler. Eine Gruppe von Wissenschaftlern, die zugunsten eines finanziellen Vorteils die Machenschaften des Staats befürworten, so fraglich und riskant sie auch sein mögen. In den 1960ern war die Nuklearisierung der Stromindustrie Japans allerdings eine rein politische Entscheidung. Die Wirtschaft fand keinen Gefallen an den kostspieligen Atomkraftwerken. Zu groß waren die Investitionen in neue Sicherheitssysteme. Doch die Politik gab den Anstoß und was die Investitionen in Sicherheit angeht, sehen wir seit dem späten 20. Jahrhundert weltweit durch die Stör- und Unfälle von Kernkraftwerken.

Nun musste man dem Volk die riskante Technologie schmackhaft machen. Vertrauen sollte geschaffen werden. Was wäre da nicht besser, als ein japanischer Comic? Aus seiner deutschen Übersetzung lässt der Cartoon-Charakter Astro Boy keine Rückschlüsse auf Atomkraft zu. Dass der Roboterjunge als Heldenfigur im Kinderprogramm Atomkraft propagiert, ist schwer zu glauben. Doch mit Tetsuwan Atomu, die korrekte Übersetzung wäre „Eisenarm Atom“, hört der Roboter auf seinen Original-Namen. Tetsuwan Atomu erschien von 1952 bis 1968 im Manga-Magazin Shōnen. Ab 1962 begann die Produktion des gleichnamigen Animes, der 1980 und 2003 durch weitere Folgen ergänzt wurde. Hinzu kamen Kinofilme, Videospiele und eine Fülle von Merchandise-Artikeln, die dem japanischen Volk die Atomkraft schmackhaft machen sollten. Immerhin sorgt sich der kleine Atom-Boy um die Erhaltung von Frieden und setzt sich gegen Krieg und Unrecht ein. Was kann es nicht besseres geben, als eine sichere, verlässliche Technologie⸮

Zum Ende der Diskussion kam Frau Richter auf den engagierten Journalisten Suzuki Tomohiko zu sprechen. Tomohiko beschäftigt sich intensiv mit dem Abgrund der japanischen Gesellschaft und stellte die Verflechtung der Atomindustrie mit der japanischen Mafia dar, auch als Yakuza bekannt. So mutiert die vermeintliche Dreiecksbeziehung zu einem gut organisierten Fünfeck. Die Aufgabe der Yakuza liegt darin, Arbeitskräfte für die Säuberung von Atomreaktoren und speziell für die Aufräum- und Reparaturarbeiten in Fukushima I zu verpflichten. Ein ernstes Thema, dass gerne verschwiegen wird. Die aus ihrer Existenznot kooperierenden Arbeiter tragen den Namen „Wegwerfarbeiter“. Menschliches Kapital für gesundheitsgefährdende Arbeiten. Die Bezahlung gleicht purem Spott. Bei einem Job, der die Lebenserwartung der Betroffenen drastisch senkt. Etwa 80.000 dieser „AKW-Gipsy“ existieren in Japan. Von einem japanischen Phänomen ist allerdings abzusehen. Wer in Japan als „Wegwerfarbeiter“ sein Leben bewältigt, trägt in anderen Ländern ähnliche Bezeichnungen. Frankreich verfügt über schätzungsweise 30.000 sogenannter Atom-Nomaden. Und selbst Deutschland zählt bereits 24.000 Menschen, die einen Namen tragen, der im Sprachgebrauch schon zum Alltag gehört: Leiharbeiter.

Journalist Suzuki Tomohiko (AFP)

Es bleibt die Aufgabe der Textinitiative, mit ihrer Internetpräsenz Informationen an die Öffentlichkeit zu tragen, die aufgrund des eigenen Wissensdefizits der Menschen unsichtbar bleiben. Die Massenmedien konzentrieren sich längst nicht mehr auf den Unglücksfall Fukushima. Spätestens am Jahrestag der Katastrophe wird der Hauptstrom der Ereignisse erneut aufgearbeitet und die Öffentlichkeit mit dem Mainstream an Informationen versorgt, den sie ohnehin schon kennt. Die Informationen am Rande sind nur marginal verteilt. Die Kanäle, um an sie zu gelangen, sind rar gesät.

Aus dem Publikum kam die These, allein 70 Prozent der weltweiten Medienberichte über Fukushima stammen aus Deutschland. Es ist ein Einwurf, der nicht nur die scheinbare Atom-Hysterie der Deutschen in Betracht zieht, sondern umso mehr das Interesse nach Aufklärung und Diskussion. Der Einwurf der Moderatorin Bettina Kremberg kam zugleich, ob die Textinitiative Fukushima nicht Informationen aus dem Deutschen übersetzen könnte, um der desaströsen Informationspolitik Japans entgegenzuwirken. Ein Vorschlag, dem Frau Richter nichts entgegenzusetzen hätte. Doch die Arbeit ist zu aufwendig, als dass sie von einem Team aus wenigen engagierten Studenten bewältigt werden könnte. „Eine Krise des investigativen Journalismus.“ Das Schlusswort des Abends.

[Die gesamte Unterhaltung ist als Audio-Datei unter diesem Link verfügbar.]