Auswertung der Umfrage und abschließende Worte

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

nach der unangekündigten Pause möchte ich mich zu allererst bei denjenigen entschuldigen, die diesen Blog regelmäßig als Informationsquelle nutzten, nun jedoch seit mehreren Monaten auf einen weiteren Artikel warten. Seit der Aufforderung zur Umfrage über die Wahrnehmung der Katastrophe von Fukushima hat sich die Motivation gelegt, diesen Blog regelmäßig mit Artikeln zu versorgen. Gründe für die Pausierung gab es viele, unter anderem die niedrige Teilnehmerzahl bei der Umfrage und das geringe Interesse an diesem Blog im Allgemeinen. Die Bemühung um die Aufrechterhaltung des Blogs stehen daher in keinem Verhältnis zur Rezeption.

Ein Sattelitenbild des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi nach dem Großbeben im März 2011. (Getty Images)

Ein Sattelitenbild des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi nach dem Großbeben im März 2011. (Getty Images)

Das Ziel dieses Blogs war es, die Ereignisse in und um Fukushima aufzuarbeiten, zusammenzufassen und zu präsentieren. Interesse für diesen Blog und seinen Inhalt in der Öffentlichkeit zu schaffen, konnte nur teilweise gelingen. Dennoch bedanke ich mich bei allen Lesern, jeden einzelnen Kommentar, jede Meinung und jeden Verbesserungsvorschlag. Zwar wird der Blog vorerst nicht weiter aktualisiert, doch stehen Ihnen die gesamten Artikel nach wie vor zur Verfügung.

Die Ergebnisse der Umfrage können Sie im Folgenden betrachten. Außerdem möchte ich Ihnen weitere Seiten empfehlen, die mir während meiner Recherche als wertvolle Quellen gedient haben. Manche dieser Seiten versorgen Sie nahezu täglich mit Informationen über die Folgen von Fukushima und die aktuellen Debatten um Japans Atompolitik. Sämtliche Quellen finden Sie unter der Rubrik „Informationsmöglichkeiten“ dieses Blogs.

Zum anderen möchte ich auf das Film-Projekt des Schweizers Thomas Köhler aufmerksam machen. Als Japan-Spezialist und Reisefachmann verlor er seine Kundschaft und schließlich seinen Job. Anstatt aufzugeben reiste er nach Japan, begab sich zu Fuß von Hokkaido über die Hauptinseln bis zum Süden Japans und lief insgesamt 2900 Kilometer. Daraus hervorgegangen ist der Film „Negativ: nichts“. Thomas Köhler wollte mit seiner Reise die Menschen überzeugen, dass Japan seit dem 11. März 2011 nicht nur Fukushima kennt. Gleichzeitig spendete er den Menschen neue Kraft und Mut. Seine Premiere feierte der Film bereits im September 2012 in Zürich und Tokio. Eine weitere Vorstellung ist für den 7. Januar in Zürich geplant.

Seit Anfang August, dem Beginn der Umfrage, hat sich in Japan vieles getan. Die Protestbewegungen finden nach wie vor jeden Freitag in Tokio statt, doch auch in anderen Gebieten Japans haben sich Protestler zusammengefunden. Sie protestieren nach wie vor für ein atomfreies Japan. Als die Energiebetreiber Mitte des Jahres sämtliche Atomreaktoren aufgrund von Wartungsarbeiten herunterfuhren und sich sowohl Politiker als auch Privatpersonen gegen die Wiederinbetriebnahme aussprachen, standen die Chancen nicht schlecht. Japan hatte die Grundlage für eine Zukunft ohne Atomstrom.

Diese Chance blieb ungenutzt. Mit der letzten Unterhauswahl und dem neuen Premierminister Abe Shinzô wird sich Japan von seiner konservativen Natur nicht lösen können. Statt der Demokratischen Partei Japans (DPJ) gewann die Liberal-Demokratische Partei (LDP) mit einer Zweidrittelmehrheit. Es ist jene Partei, die seit der Nachkriegszeit fast ununterbrochen die Zukunft Japans dirigierte. Ein Japan, das sein Heil im wirtschaftlichen Erfolg auf der Basis von Atomenergie suchte. Die LDP beförderte ihr Land zu einem der weltweit größten Nutznießer der Atomkraft. Da die LDP als Befürworter der Atomkraft gilt, ist die Hoffnung der AKW-Gegner auf ein atomfreies Japan vorerst nicht tragbar. Zwar war die Zahl derjenigen, die offen gegen Atomkraft protestierten, nicht zu unterschätzen, doch konnten sich die Parteien mit ihrem Parteiprogramm für ein zukünftiges Japan ohne Atomstrom bei der Unterhauswahl nicht durchsetzen.

Shinzo Abe

Der aktuelle Premierminister Japans: Shinzô Abe (Hajime Takashi/ZUMA Press/Newscom).

Trotz massiver Protestbewegungen ist die politische Mehrheit noch immer für die Erhaltung der Atomkraft im eigenen Land. Die Wiederinbetriebnahme und der Neubau weiterer Kraftwerke ist wahrscheinlicher geworden. Japan steht wieder am Anfang, vor der Katastrophe von Fukushima. Das Unglück jährt sich in wenigen Monaten zum zweiten Mal. Für viele Japaner ist das Unglück von 2011 längst vergessen. Für die AKW-Gegner wird es umso härter, weitere Mitglieder zu gewinnen, die die Demonstrationen am Leben halten. Womöglich härter, als wenige Wochen nach dem 11. März 2011, als sich die Japaner nach und nach als Kollektiv am öffentlichen Protest versuchten.

 

Auswertung der Umfrage

Aufgrund der geringen Teilnehmerzahl lässt sich das Ergebnis der Umfrage nur schwer interpretieren. Die Antworten sind nicht repräsentativ. Eine Betrachtung der Ergebnisse empfehle ich Ihnen dennoch. Die Umfrage wurde überwiegend deutschen Japanologen präsentiert und ist einer der möglichen Gründe für den hohen Anteil an Teilnehmerinnen. Eine Interpretation nach Nationalität ist nicht möglich, da zu wenige Menschen verschiedener Nationalitäten teilgenommen haben.

  • Teilnehmeranzahl: 36
  • davon Frauen: 72 Prozent
  • davon Teilnehmer mit deutscher Nationalität: 89 Prozent
  • Durchschnittsalter: 30 Jahre
  1. Wie informieren Sie sich über die aktuelle Lage der Atompolitik Japans? [Mehrfachantworten waren möglich]
  2. Medien (Presse): 92 Prozent
    Freunde/ Verwandte: 56 Prozent
    Blogs: 44 Prozent
    Fachbücher: 25 Prozent
    Öffentliche Ämter: 17 Prozent
    NGOs: 14 Prozent

    Alle Teilnehmer mussten bei den folgenden Fragen zwischen fünf Antwortmöglichkeiten wählen. Für die Auswertung wurde jeder Antwort ein Zahlenwert zugeordnet, um den Mittelwert zu bilden. Die entsprechende Antwort des Mittelwerts steht neben dem Zahlenwert.

    1 Stimme gar nicht zu | 2 Stimme nicht zu | 3 Weiß nicht | 4 Stimme zu | 5 Stimme völlig zu
    ___________________________________________________________________________

  3. Die Nuklearkatastrophe von Fukushima ist in meinem Umfeld noch immer ein Gesprächsthema.
  4. 3,9 – Stimme zu

  5. Trotz des Reaktorunglücks von Fukushima kommt für mich eine Reise nach Japan in Frage.
  6. 4,3 – Stimme zu

  7. Im Falle eines Aufenthalts in Japan meide ich die Metropole Tokio aufgrund deren Nähe zum Atomkraftwerk Fukushima.
  8. 1,9 – Stimme nicht zu

  9. Im Falle eines Aufenthalts in Japan warnen mich Freunde und Familie vor den gesundheitlichen Risiken.
  10. 3,6 – Stimme zu

  11. Im Falle eines Aufenthalts in Japan achte ich beim Einkauf auf die Herkunft der Lebensmittel.
  12. 3,9 – Stimme zu

  13. Das gesundheitliche Risiko eines Aufenthalts in Japan ist heute genauso niedrig, wie vor dem Unglück von Fukushima.
  14. 2,2 – Stimme nicht zu

  15. Der Umgang mit Atomkraft durch Vertreter aus Politik und Wirtschaft ist in Deutschland sicherer als in Japan.
  16. 2,7 – Weiß nicht

  17. Die Informationen der Regierung und Medien Japans zur eigenen Atompolitik sind zuverlässig.
  18. 1,9 – Stimme nicht zu

  19. Die Gefahr einer radioaktiven Kontamination in Japan besteht auch außerhalb der Sperrzone um das Kraftwerksgelände von Fukushima.
  20. 4,4 – Stimme zu

  21. Ich bin zuversichtlich, dass von dem Kraftwerk Fukushima Daiichi keine Gefahr mehr ausgeht.
  22. 1,6 – Stimme nicht zu

  23. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft Japans aufgrund des Unglücks von Fukushima.
  24. 3,8 – Stimme zu

  25. Die Katastrophe von Fukushima war verheerender, als der Unfall von Tschernobyl.
  26. 2,8 – Weiß nicht

  27. Aufgrund des Reaktorunglücks von Tschernobyl achte ich beim Kauf von Lebensmitteln in Deutschland auf deren Herkunft.
  28. 2,2 – Stimme nicht zu

  29. Von Stör- und Unfällen, wie wir sie von Tschernobyl und Fukushima kennengelernt haben, sind deutsche Kernkraftwerke nicht betroffen.
  30. 2,0 – Stimme nicht zu

Auffällig ist die mehrheitliche Zustimmung für eine Reise nach Japan trotz des Bewusstseins, dass die Kontamination über das Kraftwerksgelände von Fukushima hinausgeht. Für die große Mehrheit ist der Aufenthalt in Tokio trotz der Nähe zu Fukushima selbstverständlich. Weiterhin ist der Großteil überzeugt, dass weder die japanische Regierung noch die Medien zuverlässige Informationen liefern. Wohl gerade aus diesem Grund würden im Falle eines Aufenthalts in Japan die meisten Teilnehmer auf die Herkunft der angebotenen Lebensmittel achten. Die weitere Interpretation überlasse ich dem jeweiligen Betrachter.

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Das vorläufige Ende eines atomfreien Japans

Japan fährt wieder hoch. Am kommenden Sonntag wird der Kraftwerksbetreiber Kansai Electric (KEPCO) Reaktor Nummer 3 des Atomkraftwerks Oi in der Präfektur Fukui wieder in Betrieb nehmen. Reaktor Nummer 4 soll wenig später folgen. Damit währte die Zeit eines atomfreien Japans nur für kurze Zeit. Seit dem 6. Mai 2012 waren alle Kraftwerke aufgrund von Stresstests und Wartungsarbeiten heruntergefahren, nachdem die Katastrophe von Fukushima im März 2011 die Atompolitik in ihren Grundfesten erschütterte. Durch Proteste von Bevölkerung und Politikern gegen die Wiederinbetriebnahme der Kraftwerke kam das Land fast zwei Monate ohne Atomstrom aus. Mit dem erneuten Hochfahren erreichen die Proteste der Atomkraftgegner einen neuen Höhepunkt.

Am 29. Juni 2012 protestierten zehntausende Japaner gegen die Wiederinbetriebnahme des AKW Oi. (AFP)

„Aus Unmut über den geplanten Neustart von zwei Atomreaktoren sind Zehntausende Demonstranten in Tokio auf die Strasse gegangen. Nach Angaben der Veranstalter versammelten sich sogar rund 150.000 Menschen“, schreibt die Basler Zeitung. Angesichts dieser Menschenmasse überbot man den Protest von September 2011 um das 2,5-fache, als die Veranstalter eine Masse von 60.000 Menschen heraufbeschwörten, um gegen Atomkraft und das träge politische System zu demonstrieren. Damals setzten die Protestierenden ein Zeichen für das Umdenken in der Gesellschaft und den Wechsel von kollektiver Verantwortung auf die politische Meinung des Einzelnen. Dieses Mal ist es mehr als ein Fingerzeig bürgerlicher Entrüstung. Es sind bedeutende Massenproteste geworden, die um das politische Mitbestimmungsrecht des Volkes kämpfen.

Protestiert wurde nahe des Amtssitzes von Premierminister Yoshihiko Noda, denn er ist der Mann, der grünes Licht für die beiden Reaktoren des AKWs Oi gab. Seit März protestieren die Atomkraftgegner in ganz Japan. Den größten Zulauf gibt es auf den Straßen in der Millionenmetropole Tokio. Beliebtester Treffpunkt ist seither der Amtssitz Nodas, dessen Bewilligung zum Hochfahren neue Kräfte bei den Atomkraftgegnern mobilisierte. Denn die Sorge um einen weiteren nuklearen Unfall hat sich seit Fukushima fest in den Köpfen der Japaner verankert. „Ein weiterer Atomunfall wird das Ende von Japan sein», meint ein 62-jähriger Japaner und spricht damit aus, wovor sich ein Großteil der Bevölkerung fürchtet. Ein anderer stellt die Aufrechterhaltung der Protestbewegung in den Vordergrund: „Wenn wir jetzt nicht unsere Stimme erheben, dann ist das so, als würden wir dem Entscheid Nodas zustimmen.“

Die Widerstände beschränken sich nicht nur auf die Massenproteste, auch in der eigenen Partei Nodas entwickelte sich eine Opposition. In einer schriftlichen Petition mahnten 117 Abgeordnete seiner Demokratischen Partei (DPJ) zu großer Vorsicht bei der Wiederinbetriebnahme der Kraftwerke. Die politische Führung ist gespalten. Neun Gouverneure und Bürgermeister im Umkreis des Kraftwerks Oi hatten sich für den Neustart der Reaktoren 3 und 4 ausgesprochen. Zwei machten wenig später einen Rückzieher aufgrund heftiger Kritik aus den eigenen Reihen. Die Gouverneure der Präfekturen Shiga und Kyoto forderten nach einiger Bedenkzeit nach mehr Sicherheit und Pläne für den Ausstieg aus der Atompolitik. Außerdem tendierten sie nur zu einem temporären Neustart des AKWs Oi, um für den hohen Energieverbrauch der heißen Sommermonate auszusorgen.

Es sind jene Monate, die Wirtschaft und Atomlobby als Druckmittel nutzen, denn ihr Hauptargument bleibt, Japan würde ohne Atomstrom an Stromknappheit und hohen wirtschaftlichen Verlusten leiden. Anders als Naoto Kan, der sich als Premierminister während der Katastrophe gegen die Atomlobby stellte, argumentiert Noda gegen den sofortigen Ausstieg: „Die japanische Wirtschaft und der japanische Lebensstil würden einen sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie nicht vertragen.“ Die Opposition kontert hingegen mit der öffentlichen Meinung: “Der Großteil der Öffentlichkeit ist der Meinung, dass Japan die Energiebedürfnisse des Sommers durch Sparen und Flexibilität überwinden sollte.”

Yoshihiko Noda, seit dem 2. September 2011 Ministerpräsident Japans. Anders als sein Vorgänger Naoto Kan tendiert er gegen den sofortigen Atomausstieg.

Zwar haben sich die Auflagen für die Wiederinbetriebnahme der AKWs geändert, indem strengere Tests durchgeführt werden und der Neustart nur im Einvernehmen der lokalen Behörden und zuständigen Minister erfolgt, doch an Sicherheitsstandards mangelt es nach wie vor. Entscheidungswege sind noch immer undurchsichtig, „viele versprochenen bauliche Sicherheitsmaßnahmen noch gar nicht existent“, wie Asienspiegel berichtet. Tokio erschafft einen „neuen Mythos der Sicherheit“, klagt Hirohiko Izumida als Gouverneur der Präfektur Niigata, die mit Kashiwazaki-Kariwa das leistungsstärkste AKW der Welt beherbergt. Izumida wird zu einem hartnäckigen Gegenspieler, sollte die Wiederinbetriebnahme aller 48 verbleibenden Kernreaktoren debattiert werden. Doch bis dahin will die Regierung mit der Nuklearen Regulierungsbehörde eine neue Kontrollinstanz schaffen. Bis diese allerdings erste Entscheidungen treffen kann, können weitere zehn Monate vergehen.

Dass Japan eine Energiereform benötigt, steht außer Frage. Vier Szenarien hat das japanische Wirtschaftsministerium (METI) entwickelt, die alle den Anteil der Atomkraft an der Energieproduktion des Landes bis 2030 senken. Vor Fukushima deckte dieser 30 Prozent des Energiehaushaltes. Zur Auswahl stehen 15 und 25 Prozent, der komplette Atomausstieg oder die Ausrichtung auf die Nachfrage der Wirtschaft, ohne prozentuale Werte vorzugeben. Noch diesen Sommer soll eine Entscheidung fallen. Wie sich die Regierung auch entscheiden wird, die Ausrichtung auf den Bedarf der Wirtschaft ist am wahrscheinlichsten, denn ohne feste Grenzen wäre die Auslastung der AKWs erneut den Befürwortern von Atomkraft überlassen.

Quellen und weiterer Lesestoff:

„Die Suche nach der Wahrheit“ – Ein Vortrag zwischen Lüge und Aufklärung

„Die Geschichte der Lügen um die Kernkraft ist so alt, wie die Kernkraft selbst“, startete Dr. Sebastian Pflugbeil seinen Vortrag und lud am 23. Mai mit dem Thema „Tschernobyl, Fukushima und Atomkraft in Deutschland – Die Suche nach der Wahrheit“ in den Vortragssaal der Hauptbibliothek Leipzigs. Der Zusatz dieses Titels kam nicht von ungefähr, denn was sich dem aufmerksamen Publikum bot, war eine Aneinanderreihung von Lügen aus offizieller Seite, die emsig über die Jahre hinweg von Herrn Pflugbeil zusammengetragen wurden. Es eröffnete sich eine zweite Perspektive auf die Welt, wie wir sie kennen oder gekannt geglaubt haben.

Physiker, Umweltschützer, Bürgerrechtler und Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz e.V. Sebastian Pflugbeil. (IPPNW)

Mit einem gewissen Unbehagen lauschte man der ruhigen, aber umso kräftigeren Stimme eines Mannes, der den sarkastischen Titel „einziger Oppositionelle in der DDR“ trägt. Denn wird über Atomkraft debattiert, waren die Lügen schon seit den 1960ern nicht fern. Es entsteht ein politisches Spannungsfeld, dessen Pol zur offenen Befürwortung der Atomkraft überwiegend dominiert. Wer Kernenergie kritisiert, macht sich zum Feind der Politiker und Ökonomen, heute nicht weniger als noch vor wenigen Jahrzehnten. Herr Pflugbeil als gestandener Physiker und Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz e.V. wählte den Weg der Aufklärung, setzte sich früh mit Kernenergiepolitik auseinander und war einer der Ersten, die sich offen mit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 beschäftigen. So ist er bis heute einer der Wenigen die das Innere der Betonschutzhülle des Unglücksreaktors betraten.

Mit ernster Miene verriet er seine Trauer über das eigentliche Verbrechen der Kernkraft-Lobbyisten. Nicht nur das Spiel mit einer riskanten Hochtechnologie, sondern der Schaden an Natur und Lebewesen macht ihm zu schaffen. Kurz flackerte das Bild eines Kindes zu Anfang seiner Präsentation auf. Eine trauernde Mimik, ein geschorener Kopf und die Angst vor dem Ungewissen. Pflugbeil hielt inne, schaltete um und erklärte, die Begegnung mit an Leukämie (Blutkrebs) erkrankten Kindern sei Grund genug, seine Recherche und Aufklärungsarbeiten fortzusetzen.

Die Behandlung eines an Leukämie erkrankten Patienten in der Universitätsklinik Leipzig am 10. März 1989. (Copyright © Deutsches Bundesarchiv, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Auf der anderen Seite vertrauenerweckend formulierte Organisationen mit falscher Führung und profitgierigem Credo, ohne Rückgrat, ohne Skrupel. Die International Atomic Energy Agency (IAEO), das United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic Radiation (UNSCEAR), die World Association of Nuclear Operators (WANO) und selbst The International Project on the Health Effects of the Chernobyl Accident. Eine Liste ohne Ende, doch in ihrer Argumentation sind sie sich einig. Die Rede ist von Beschönigung, Verharmlosung und dreisten Lügen. Schon Eisenhower als ehemaliger Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika (1953–1961) wusste mit Atomkraft umzugehen und unterrichtete die zuständigen politischen Organe mit den Worten: „Haltet sie [das Volk] im Unklaren über Kernspaltung und Kernfusion.“

Der Lügenkanon nimmt kein Ende und sammelt sich nach Pflugbeils Worten zu einem Gemisch oberster Perversität. Zu seinen Favoriten zählen zwei Zitate von japanischer Seite, vor und nach dem Unglück von Fukushima: „Strahlenschäden kommen nicht zu Menschen, die glücklich sind und lächeln. Sie kommen zu Leuten, die verzagt sind.“ Das Volk leidet an Strahlenphobie, denn von offizieller Seite gibt es kaum bis keine eindeutigen Beweise für tödliche Erkrankungen im Zuge von Reaktorunglücken und atomaren Experimenten. „Der Unfall von Fukushima ist ein Beweis dafür, wie sicher Atomkraftwerke sind.“ Der Gipfel der Verharmlosung.

Der Tschernobyl Reaktor Nummer 4, aufgenommen am 18. September 2006. (Copyright © Carl Montgomery, Lizenz: CC BY 2.0)

Beweise gibt es viele, doch werden diese emsig unter Verschluss gehalten. Pflugbeil präsentierte Statistiken über Statistiken zur Häufigkeit der Strahlenschäden, sortierte sie nach Alter und Generation und verdeutlichte die Kontamination der betroffenen Gebiete. Laut offiziellen Angaben sei die Region um Tschernobyl in wenigen Jahrzehnten wieder begehbar. Dass es sich um Jahrtausende handelt, darüber lässt man die Öffentlichkeit im Unklaren. Seit dem Reaktorunfall erreichte die Erkrankung an Strahlenschäden beunruhigende Werte, nicht nur im Kreise der Ukraine, sondern auch in Deutschland. Ein doppeltes Spiel für wissenschaftliche Forschungen: Wer sich an die Öffentlichkeit wendet, riskiert die eigene Karriere. Auch Universitäten müssen sich den Interessen von Politik und Wirtschaft beugen, wenn es um Anträge auf Drittmittel zur Finanzierung von Forschung und Lehre geht. Abhängig von finanziellen Mitteln fügten sich in der Vergangenheit selbst renommierte Wissenschaftler den Richtlinien der Industrie.

Für Sebastian Pflugbeil sprechen die Statistiken: Die abnehmende Tendenz der gesunden Bevölkerung um Tschernobyl, die Häufigkeit von Mutationen, die Verbreitung psychologischer Störungen im Kindesalter und abnormale Zahlen von Totgeburten und Abtreibungen mit hoher Dunkelziffer – europaweit. Selbst provisorische Endlagerstätten wie Gorleben werden in der Recherche untersucht und weisen ähnliche Anomalien auf. So verkündet Pflugbeil die erschütternde These, bereits im Umkreis von Kernkraftwerken im Normalbetrieb liefern die Daten erhöhte Zahlen zu Erkrankungen in Folge von Strahlenschäden.

Seit 2011 weist Japan ein ähnliches Bild auf, auch wenn die Größe der kontaminierten Fläche weitaus kleiner ausfällt, als Tschernobyl. International auf sich aufmerksam macht jedoch nicht die Kontamination, sondern die über 1000 gelagerten Brennstäbe des Reaktorblocks vier. Ein erneutes Erdbeben, ein weiterer Tsunami könnte die Trümmerfestung samt Kühlbecken zum Absturz bringen. Schon jetzt zieren Risse die einst massive Konstruktion des Beckens. Im schlimmsten Falle erlebt Japan ein weiteres Unglück, dass dem von 2011 in nichts nachsteht. Mit der Zerstörung der Brennstäbe wird eine Menge an radioaktiven Partikeln frei, die Teile Tokios zur Evakuierung zwingen würden. Ein unmögliches Unterfangen. Deutschland hat keine bessere Ausgangslage vorzuweisen. Wie aus einem Gutachten der Strahlenschutzkommission hervorgeht, sei die Bundesrepublik im Falle einer Nuklearkatastrophe in keinem Maße vorbereitet. Doch mindestens mit der Verantwortung sollte es in Deutschland ja wesentlich günstiger laufen, als bei unseren japanischen Freunden⸮

Eine Übersicht der aktiven und stillgelegten Kernkraftwerke in Deutschland – Stand 2011. (Copyright © Lencer, Lizenz: CC BY-SA 2.5)

Sebastian Pflugbeil nutzt zum Abschluss seines Vortrags ein Zitat aus Bertolt Brechts „Leben des Galilei“, das auch wir hierfür nutzen möchten. Brecht befand sich während seiner Arbeit an dem Theaterstück im dänischen Exil, während in Deutschland Forschungen in der Kernphysik ihren Höhepunkt fanden. Mit einer ins Englische übersetzten Version nach den Atombombenabwürfen auf Japan änderte Brecht die Kernaussage vom „Umgang mit Macht“, in die „Verantwortung der Wissenschaft“. So äußerte sich Galileo Galilei in Brechts Werk mit folgenden Worten: „Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!“ Ein denkwürdiger Kommentar.

Quellen und weiterer Lesestoff:

 

Radioactivists – Eine Dokumentation zur Protestbewegung in Japan

Protest war in der japanischen Öffentlichkeit eine Randerscheinung. In Japan ist das Wort kôgi (抗議) ein geläufiger Begriff für diese Art der Meinungsäußerung. Doch die Lettern schließen auch unsere Bedeutung von Einspruch und Einwand ein. Ein schwieriges Unterfangen bei einem System, das seit Jahrzehnten als Kollektiv operiert und die Meinung des Einzelnen straft oder ignoriert. Seit 2011 erlebt Japan allerdings einen Umbruch, der nicht nur das politische System in Frage stellt, sondern gleichsam die Gesellschaft an neue Möglichkeiten heranführt. Protestbewegung ist der Schlüsselbegriff, der den japanischen Bürgern Initiative ergreifen lässt, um sich gegen das marode System aus Bürokratie, Wirtschaft und Politik zu behaupten.

Die Protestbewegung in Japan. (Copyright © Radioactivists.org)

Nach dem Unglück in Fukushima war es für die Leipziger Studentinnen Julia Leser und Clarissa Seidel geradezu verpflichtend, die Anfänge der neuen Bürgerbewegung Japans zu dokumentieren. Mit kompakten Film-Equipment ausgestattet und dem Interesse, einen tieferen Einblick in diese Bewegung zu erhalten, bündelten sie ihre Eindrücke in dem Dokumentarfilm „Radioactivists“. In 70 Minuten zeigt der Film verschiedene Akteure der Bewegung, um die Ansichten und Beweggründe der Protestierenden einzufangen. Gegenstand ist der Protest und die Menschen, die ihn nach Jahren für sich wiederentdecken. In kurzen Sätzen verweisen Julia und Clarissa auf vergangene Ereignisse, arbeiten für den Betrachter auf und fassen die Informationen zusammen, die sich aus den Gesprächen der Akteure ergeben.

Zu den Gesprächspartnern zählen Vertreter der Mittelschicht, Anarchisten und akademisch orientierte Aktivisten. Doch so durchmischt sie auch sind, das Ziel bleibt bei allen gleich. Gegen Atomkraft, gegen die politische Struktur. Denn wie aus dem Film hervorgeht, ist die Atomkraft selbst nur ein Nebenprodukt der eigentlichen Problematik. Ein System, das vor der eigenen Verantwortung die Augen schließt und die Öffentlichkeit im Dunkeln lässt. Protestiert wird gegen den aktuellen Zustand der eigenen Gesellschaft, gegen die japanische Version von Leiharbeitern und Tagelöhnern (Freeter), die sich in Atomkraftwerken gesundheitlicher Risiken aussetzen, um das Mindestmaß ihrer Existenz zu sichern. Die Öffentlichkeit ignorierte derartige Probleme konsequent. Nun senkt sie langsam ihr Haupt und wirft die Frage auf, wie sich diese Zustände rechtfertigen ließen. Der Protest macht diesem Ärger Luft: Es wird Zeit, einen neuen Lebensstil anzustreben.

Anti-Atomkraft-Protest in Tokio am 16. November 2011.

Protest ist in Japan allerdings kein Fremdwort. Doch seit den 1970ern nahmen die Protestbewegungen rapide ab. Zu schnell wurde die Parallele zu politischen Ideologien wie Sozialismus und Kommunismus gezogen, zu sehr fürchtete der Staat die Auseinandersetzungen, mit denen man seit den Arbeiterbewegungen und Studentenrevolten vertraut war. Es entwickelte sich binnen weniger Jahre eine Abneigung gegen jegliche Form der Demonstration, die es politischen Engagierten schwer machte, an Protesten unbehelligt teilzunehmen. Heute sind die Menschen wütend. Zwischen Wut und Ärgernis mischt sich indes ein dritter Faktor, der die Meinungsäußerung im Kollektiv so populär macht. Es ist eine Form von Spaß, die Lust zum Protestieren und die Befreiung von den Ketten stummer Resignation. Japan übt sich in seiner eigenen Form des Protests. So kommen bunte Clowns und alternative Szenen zum Vorschein, um sich gegenseitig die Hände für ein gemeinsames Anliegen zu reichen. Bunt und schrill präsentieren sie sich und holen Protestsongs aus einem Repertoire, das einst den späten 80ern galt.

Mit 15.000 Teilnehmern wurde am 10. April 2011, ein Monat nach der Katastrophe, eine beachtliche Masse an Protestlern erzeugt, die der konservativen Lebensweise die Stirn bot. Anfangs ungeachtet von Politikern und Medien einigte man sich auf monatliche Proteste, um das aufbegehrende Streben für eine tiefgreifende Veränderung in Japan nicht zu verlieren. Initiator und Organisator ist der Verein „Shiroto no Ran“ (Aufstand der Amateure), eine Gruppe aus Betreibern von Second-Hand-Läden und anarchistisch gerichteten Mitmenschen, die schon vor Fukushima den Protest auf kleiner Ebene probten. Der 11. März war Anlass genug, den Protest gegen Atomkraft auszurichten. Erwartet wurden 500 Teilnehmer – eine krasse und doch erfreuliche Fehleinschätzung bei Demonstrationen, die im Laufe des Jahres mehrere Zehntausend Protestierenden zählten.

Die Studentinnen Clarissa Seidel (l.) und Julia Leser (r.) während der Dreharbeiten für ihren Dokumentarfilm „Radioactivists“. (Copyright © Radioactivists.org)

„Radioactivists“ ist nicht nur Dokumentation, sondern auch Kritik gegen die Ablehnung jeglicher Individualität und freier Meinungsäußerung in Japan. „Es ist eine Kritik daran, dass es immer noch schwierig ist, in Japan eigene Gedanken oder Meinungen zu äußern, Dinge zu kritisieren, zu hinterfragen“, berichtet Julia Leser, die uns gleichzeitig für ein kurzes Interview zur Verfügung stand.

Fukushima 24/7: Wie seid ihr dazu gekommen, euch mit der Protestbewegung auseinanderzusetzen? Du als Japanologie-Studentin hast natürlich einen Bezug, doch Clarissa stammt aus der Medienwissenschaft. Habt ihr euch erst durch das Projekt kennengelernt?

Julia Leser: Ich habe mich während meines Studiums schon mit der Protestkultur Japans beschäftigt, da ich dieses Thema äußerst spannend fand, besonders die D.I.Y.- und Punkkultur um Shirōto no Ran, den „Aufstand der Amateure“ aus Tokio. Mit Clarissa habe ich vor meinem Japanaufenthalt in Leipzig zusammen gelebt, so dass wir die Interessen- und Studiengebiete des jeweils anderen gut kannten und dafür interessierten. So konnte ich sie auch für das Thema begeistern, lang bevor überhaupt die Filmidee aufkam. Mein Auslandsstudium habe ich von September 2010 bis August 2011 in Tokio an der Waseda Universität verbracht, habe also ein Jahr dort gelebt. Auch Clarissa hat mehrere Wochen in Tokio verbracht um einen Japanisch-Sprachkurs zu machen. So waren wir beide an dem Tag in Japan, als die Katastrophe passierte und haben deshalb auch die Entscheidung getroffen, zusammen den Film zu drehen.

Fukushima 24/7: Wie schätzt du die Protestbewegungen in Japan ein? Denkst du, sie unterscheiden sich erheblich von den Protesten in Deutschland und anderen Ländern?

Julia Leser: Mit unserem Film wollten wir vor allem zeigen, wie besonders diese Demonstrationen sind, die in Japan seit der Katastrophe stattfinden. In Japan ist es eher unüblich zu demonstrieren, aus ganz verschiedenen Gründen. Zum Beispiel haben Demos immer noch ein schlechtes Image, das von gewalttätigen Protesten der 1970er Jahre herrührt. Außerdem ist es schwieriger in Japan als hier, seine Meinung öffentlich zu äußern. Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass seit gut einem Jahr soviele Menschen auf die Straße gehen – für Japan ist das ein historischer Moment.

Fukushima 24/7: Anfangs stand die Masse von 15.000 Protestierenden im Vordergrund, sodass man annehmen konnte, die künftigen Proteste seien mit weniger Teilnehmern bereits unbedeutend. Allerdings fasste der nächste Protestzug einen Monat später abermals 15.000, der dritte bereits 20.000 Teilnehmer. Wie lässt sich die Lage nach euren Dreharbeiten und in der Gegenwart einschätzen?

Julia Leser: Die Proteste, die wir bis Juni 2011 dokumentieren, gingen seitdem weiter. Die größte fand im September statt, mit 60.000 Teilnehmern in Tokio. Mittlerweile haben sich die Proteste über das ganze Land ausgedehnt und viele Gruppen und Initiativen sind hinzu gekommen und organisieren eigene Demos. Außerdem hat die Bewegung mittlerweile sehr feste Strukturen angenommen. Im April vor einem Jahr war es noch ein „amateurhafter“ Aufruf zur Demo. Mittlerweile finden Konferenzen, zunehmend internationale Vernetzung der Aktivisten, konkrete Forderungen (z.B. nach Entschädigungszahlungen, Strahlengrenzen usw.) und erste Schritte zur Gründung einer grünen Partei statt. Heute blicken wir auf ein Japan, dass seit dem 06. Mai ohne Atomstrom auskommt. Ich denke, dass ist ein Riesenerfolg und wäre für viele Menschen vor einem Jahr noch undenkbar gewesen.

Fukushima 24/7: Im zweiten Protestzug wurden vier Protestler „ohne Rechtsgrundlage“ verhaftet, wie aus dem Film hervorgeht. Konntest du genauere Informationen bekommen, mit welchem Vorwand die Leute abgeführt wurden und was mit ihnen geschehen ist?

Julia Leser: Zwei wurden am selben Tag wieder frei gelassen, die anderen beiden wurden 18 und 21 Tage festgehalten, ohne Rechtsgrundlage. Das ist ein großes Problem, mit dem die Aktivisten und Demonstranten zu kämpfen haben. Die Repression der Polizei hat auch weiterhin zugenommen: Im September kam es zu 12 Festnahmen, darunter größtenteils Organisatoren, die wegen Schikanen festgenommen wurden.

Fukushima 24/7: Mit Kamera und Mikro dem Protestzug stets auf den Fersen, habt ihr wahrscheinlich ein ungewohntes Bild abgeben. Wie fiel die Reaktion auf Seiten der Protestierenden und speziell der Polizisten aus?

Julia Leser: So sehr sind wir mit unserer vergleichsweise kleinen Kamera gar nicht aufgefallen. Aber viele waren schon neugierig, und nach zwei, drei Demos, die wir mit der Kamera begleiteten, kannte man sich dann auch. Mit der Polizei hatten wir keine Probleme, natürlich wurden wir ab und zu ermahnt, nicht zu filmen. Dann taten wir, als verstünden wir kein Japanisch, und das funktionierte dann auch meistens.

Im Rahmen der Internationalen Studentischen Woche 2012 in Leipzig wird „Radioactivists“ am Mittwoch dem 23. Mai im Vortragssaal der Hauptbibliothek (Bibliotheca Albertina) in der Beethovenstraße 6 präsentiert. Zuvor behandeln um 17 Uhr Dr. Sebastian Pflugbeil als Physiker und Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz e.V. und Professor Steffi Richter als Lehrstuhlinhaberin der Japanologie Leipzig das Thema „Tschernobyl, Fukushima und Atomkraft in Deutschland“. Nach zweistündiger Diskussion startet der Dokumentarfilm um 19.00 Uhr. „Fukushima 24/7“ ist selbstverständlich auch anwesend, um über die Diskussion im Anschluss zu berichten.

Weiterer Lesestoff:

Ohne Verantwortung – Drei Videos über die politische Lage Japans

Nach der ZDF-Reportage greifen wir mit dem heutigen Artikel drei Videos auf, die uns mehr Einsicht in die politische Situation Japans geben. Sie zeigen, mit welcher Nachlässigkeit die Regierung agiert und verdeutlicht noch einmal das japanische Phänomen, wonach Einzelentscheidungen ein Fremdwort sind. Anstatt Verantwortung als Einzelperson zu übernehmen, wird im Kollektiv geschwiegen. An die Stelle einer engagierten Führungsweise von Politikern und Beamten treten Bürger und Wissenschaftler und warnen selbstständig vor den Risiken, Folgen und Problemen der Atomkatastrophe. Schnell lässt sich erkennen, dass nicht nur die Atomkatastrophe der Gesellschaft Probleme bereiten.

Am 19. Juli 2011 versammelten sich Bewohner der Präfektur Fukushima, um mit offiziellen Vertretern der japanischen Regierung in Kontakt zu treten. Aufgrund ihrer unsicheren Lage und der Gefahr vor Radioaktivität befragten sie die Beamten, ob die Einwohner von Fukushima das Recht genießen, vor radioaktiver Strahlung geschützt zu werden. Eine bejahende Antwort hätte genügt, um das Rückgrat des Beamtenapparats zu stärken und das Vertrauen der Öffentlichkeit zu gewinnen. Stattdessen kommt die Antwort, man wisse nicht, ob das Recht auf Gesundheit jedem Anwohner Fukushimas zusteht. Entrüstung, und eine Antwort, wie man sie nicht erwartet hätte. Die Regierung verlässt sich auf ihren Kommentar, man sei darum bemüht, die radioaktive Belastung zu reduzieren. Die Beantwortung der Frage steht damit aus, ob die Bewohner Fukushimas Unterstützung bei ihrer Flucht vor der Kontamination erfahren.

Kurze Zeit später erhebt sich ein einzelner Japaner mit einer Bitte: „Es gibt Leute in Fukushima, die evakuiert werden wollen. Bitte unterstützt sie bei der Evakuierung.“ Schweigen, gefolgt von dem Kommentar, man unterstütze keine Leute, die bereits in Sicherheit leben. Ein Schlag ins Gesicht für die Anwohner Fukushimas. Behutsam schiebt Akira Satoh als Sprecher der lokalen Atom-Notfallzentrale das Mikro von sich. Seine Antworten wirken schwach und leise, als fiele es ihm mit jedem Wort schwerer, seine Wörter zu formen. Was geht in einem Menschen vor, der zu solchen Aussagen in aller Öffentlichkeit fähig ist? Ist es seine Meinung als Bürger Japans oder die Meinung in dem fest verwebten System des Eisernen Dreiecks? Die Besprechung findet ihr abruptes Ende mit der Forderung, Urinproben auf ihre Radioaktivität zu testen. Drängend und bittend reden die Anwohner auf die Beamten ein, als diese in schnellem Tempo den Raum verlassen. Ihre Worte sind uns vertraut: „Wir sind nicht verantwortlich.“ Ein Mann versperrt den Fahrstuhl, baut sich vor den Beamten auf, die ihn kommentarlos ignorieren. Mitleid und Anteilnahme fehlt es in diesem Augenblick. Ein anderer Fahrstuhl öffnet sich. Der Beamtenapparat ordnet sich. Zwischen ihnen ein Teil der japanischen Öffentlichkeit, fassungslos, verzweifelt. Die Türen schließen sich.

„So fühlen die Leute in Fukushima“, erklärte Akira Matsu (Kômeitô) während einer Sitzung des Oberhauses am 29. September 2011. Sie berichtete von einer Anwältin, die während eines Symposiums über die Katastrophe von Fukushima über ihre Familie erzählte. Ihre vier Kinder und sie selbst wurden positiv auf Cäsium getestet. Aus Sorge wandte sie sich an die örtlichen Behörden, die sie mit der Antwort abspeisten, sie sei keinen gesundheitsgefährdenden Risiken ausgesetzt. Zufrieden hatte sie es nicht gestellt, sodass sie ihren Kindern den Rat gab, keine Milch in der Schulkantine zu trinken. Die Lehrer der Kinder teilten andere Sorgen. „Diejenigen, die keine Milch trinken, sind keine Leute aus Fukushima und auch nicht dazu berechtigt, hier zu leben!“, gaben sie ihren Schülern zu verstehen, nachdem sie sie vor die Klasse mit einem Eimer Milch vortreten ließen. „Sie werden wie Verräter im Krieg behandelt“, entrüstete sich Akira Matsu. Ihre Entrüstung kommt zu einem Tiefpunkt, als sie zu Wirtschaftsminister Yukio Edano und Chefkabinettssekretär Osamu Fujimaru blickt. Ihr Gelächter spricht Bände über die politische Situation Japans.

Während einer Tagung des Gesundheitsministeriums informiert Doktor Katsuhiko Kodama als Vorsitzender des radioisotopischen Zentrums der Universität Tokio die Beamten über die Risiken und Folgen der Atomkatastrophe von Fukushima Daiichi. Zu Beginn erläutert er die gemessenen Strahlungen im Raum Tokio und seine Besorgnis über mögliche Hot Spots und die Ungewissheit vor höheren Messwerten. Zu seiner Sorge mischt sich Ärger, da sowohl TEPCO als auch die japanische Regierung keine Unternehmungen anstellt, der Öffentlichkeit korrekte Messwerte mitzuteilen, mit denen Herr Kodama arbeiten könnte. Seine Sorge wandelt sich in Aggression. Halb schreiend, halb klagend kritisiert er die Informationspolitik von Politik und Wirtschaft. Nach eigenen Untersuchungen und Messungen konnte sein Team eine Gesamt-Kontamination feststellen, die etwa dem 30-fachen Wert der Kontamination von Hiroshima gen Ende des Zweiten Weltkrieges entspricht. Die Kontamination erreicht dabei einen Wert, der die Katastrophe von Fukushima laut Kodama bedenkenlos mit Tschernobyl vergleichen lässt.

Besorgniserregend sind auch die Werte der Radioaktivität des Niederschlags nach der Katastrophe. So wurde in der Präfektur Iwate ein Wert von 57.000 Becquerel pro Kilogramm gemessen. Ein Vergleich boten wir bereits zwei Wochen zuvor. Katsuhiko Kodama verweist auf die Gefahr, die von den radioaktiven Partikeln ausgeht, da sie durch Wind und Niederschläge große Flächen des Landes kontaminieren können. Mit seiner Position sieht er sich verantwortlich für die Aufklärung der Bevölkerung Japans und fordert die Regierung auf, die Bewohner Fukushimas zu informieren. Er stellt die Frage, welche Vorstellung die Regierung hat, für eine umfassende Dekontamination ohne die nötigen finanziellen Mittel zu sorgen. Eine Antwort ist man der Gesellschaft noch immer schuldig. Einzig ein müdes Lächeln tut sich hinter Katsuhiko zum Ende seiner Rede auf. Vielleicht ist es das Einzige, zu was Bürokratie und Politik angesichts dieser prekären Lage imstande sind.

Masataka Shimizu und die Angst vor der Verantwortung

Von der japanischen Öffentlichkeit verachtet und von Politikern gemieden, hält sich Masataka Shimizu als einstiger Präsident TEPCOS im Hintergrund bedeckt. Seine Glanzzeit bei einem der wirtschaftlich stärksten Energieunternehmen Japans ist abgelaufen und wurde mit dem Tôhoku-Beben besiegelt. Spätestens seit seinem Austritt aus dem Energiekonzern am 20. Mai 2011, zusammen mit anderen hochgradigen Managern TEPCOS, wird Shimizu in Schande leben müssen. Unter seiner Führung zog das Unternehmen den Inselstaat Japan mit dem Atomkraftwerk Fukushima Daiichi ins Verderben. Seine Tage als verlässliche Führungskraft sind gezählt. In den Köpfen der Japaner hat er sich verewigen können, doch sein Name wird nur noch dann fallen, wenn die dramatischen Ereignisse des 11. März erneut aufgerollt werden.

Masataka Shimizu während eines Interviews zur Unternehmenspolitik TEPCOs am 14. Dezember 2010. (Copyright © TEPCO)

Noch während eines Interviews vom 14. Dezember 2010 zur Unternehmenspolitik TEPCOS hätte er sich nicht träumen lassen, nur drei Monate später eine solche Krise durchleben zu müssen. Damals sprach er noch in großen Tönen von der „2020 Vision“ TEPCOS und warb mit dem Slogan „Itsumono denki, Motto Sakie“ [zu Deutsch: „Mit gewöhnlicher Energie in Richtung einer besseren Zukunft“] für den Energiekonzern. Beinahe ironisch, einer Farce gleichend, lesen sich die Worte des ehemaligen Wirtschaftsbosses. So spricht er etwa davon, mehr Wert auf das Vertrauen der Gesellschaft in TEPCO zu legen. „Die TEPCO Group wird immer derselbe zuverlässige Energiekonzern sein, während wir Fortschritte zugunsten einer besseren Zukunft machen.“

Nette Worte, die er als einstiger Chef der PR-Abteilung TEPCOs nur allzu gut zu wählen wusste. Sein umworbener „2020 Vision Plan“ betonte unablässig die Erzeugung von kostengünstigem, umweltfreundlichem Strom und das Vertrauen der Öffentlichkeit in den Konzern. Bei diesen edlen Vorsätzen stand die eigene Wirtschaftlichkeit an oberster Stelle, während das eigentliche Vertrauen mehr und mehr darunter litt. Nicht umsonst war Masataka Shimizu als Cost Cutter bekannt, der die Unternehmenskosten unablässig zu senken versuchte. Kapitalintensive Sicherheitsvorkehrungen wurden abgewiesen, denn das Unternehmen wollte wachsen und seine Monopolstellung als Stromerzeuger und -verteiler für den Großraum Tokio weiter ausbauen.

Seit Jahrzehnten ist Shimizu Teil des Unternehmens. Bereits im Jahre 1968 trat er mit 22 Jahren TEPCO bei und stieg kontinuierlich in der Hierarchie des Energiekonzerns auf. Ab 2006 übernahm er die Stelle des Vize-Präsidenten und rückte 2008 nach ganz oben. Sein Vorgänger Tsunehisa Katsumata musste sein Amt niederlegen, als TEPCO gerade in einem seiner zahlreichen Skandale verwickelt war. Eine übliche Praktik, die 2011 seinen Höhepunkt fand. Trotz vorheriger Skandale, die statt einer Ausnahme bereits zur Unternehmensroutine wurde, setzte die Katastrophe dem damals 66-Jährigen gewaltig zu. Von der Bildfläche verschwunden, rätselten Medien und Politiker über seinen Zustand. Nach ersten Vermutungen einer Landesflucht oder dem Freitod gab das Unternehmen bekannt, der Präsident leide an Kreislaufproblemen und wäre nicht für öffentliche Stellungnahmen zu gewinnen. Seine Flucht vor der Verantwortung hinterließ starke Narben.

Es war eine Schuld, der er sich zum Großteil selbst verantworten musste. Als Präsident traf er die Entscheidungen zu Einsparungen und nachlässiger Sicherheit. Japan konnte den Rückzug Shimizus aus der Öffentlichkeit nicht nachvollziehen. Der Mann, dessen Unternehmensstrategie mitunter zu der Katastrophe führte, entzog sich seiner Verantwortung, während Premierminister Naoto Kan in Kürze einen Krisenstab unter eigener Führung einrichtete. Nach einmonatiger Abwesenheit trat Masataka Shimizu wieder öffentlich auf. Viel zu sagen hatte er nicht, konnte er nicht. Wichtig waren allerdings die vier Worte „Ich übernehme die Verantwortung“, die Japan noch einmal kurzzeitig aufhorchen ließen. Er verneigte sein Haupt vor laufender Kamera während einer Pressekonferenz, doch seine Buße kam viel zu spät. Zu lange hatte er sich der Verantwortung entzogen. Für Japan ein unentschuldbares Vergehen.

Masataka Shimizu (2. v. l.) und andere Mitglieder TEPCOs verneigen sich öffentlich im Angesicht ihrer Schuld. (Copyright © The Oregonian)

War es Angst, die den Cost Cutter so sehr unter Druck setzte? Angst vor der Öffentlichkeit, den hasserfüllten Blicken und der Trauer eines ganzen Landes? Mit Weisheiten ließ er jedenfalls nicht geizen. Neben seiner hohen Position bei TEPCO begleitete er auch das Amt des Vize-Präsidenten von Keidanren. Jenem Wirtschaftsverband, der die einzelnen Unternehmen Japans zusammenhält. Er gilt als stark konservativ und versucht nach eigener Überzeugung, das Wirtschaftswachstum Japans und die Kooperation der Konzerne zu fördern. Masataka verkündete in dieser Position, Kommunikation sei zum Überleben wichtig. Eine Aussage, die nicht nur wir an dieser Stelle gerne auf die Goldwaage legen, denn Kommunikation und Transparenz ließ der Energiekonzern bereits vor 2011 erheblich missen. Masatakas Lebensmotto lautet „Achte auf das, was unter deinen Füßen liegt“, eine Weisheit des Zen-Buddhismus, die er sich zunutze macht. Für ihn heißt es Weitsichtigkeit, um selbst bei extremen Situationen nicht den Überblick zu verlieren. Eine noble Einstellung die allerdings so weit nicht reichen konnte. Weitsichtigkeit heißt, Fehler und Gefahren im Voraus zu erkennen. Die Vermeidung dieser schloss Masataka anscheinend nicht ein. Nun ist er ein gefallener Mann, dessen Präsens zum Gedenktag der Katastrophe von TEPCO verschwiegen wird. Das Unternehmen hat Ersatz gefunden – Toshio Nishizawa. Als Präsident TEPCOs lässt sich erahnen, dass auch er an der Tradition des Unternehmens festhalten wird.

Quellen:

TEPCO: „Announcement of Changes of Directors“
Keidanren: „Watch your Step“
Spiegel: „Zorn auf Mr. Unsichtbar“
N-TV: „Versagt, abgetaucht, zurückgetreten“

TEPCO – Teil 1: Die Hintergründe langjähriger Verschwiegenheit

Bringt man den Namen TEPCO ins Gespräch fallen die Worte Fukushima, Atomkraft und Misstrauen auf den nächsten Augenblick, während  die Verflechtung von Politik, Wirtschaft und großzügigem Risikomanagement assoziiert wird. Kein anderes Unternehmen schaffte es im letzten und in diesem Jahr für so viel Gesprächsstoff, der nicht durch Ruhm, Engagement und Innovation geschuldet war. Die Aktiengesellschaft als größtes Energieversorgungsunternehmen Japans, mit vollem Name „Tokyo Electric Power Company“, wird auch heute noch von den Medien aufgegriffen, um ein Vorzeigebeispiel für Verantwortungslosigkeit und desaströser Informationspolitik zu erzeugen.

Ein Foto des Kohlekraftwerks Senjû in den 1940ern. (Quelle: Japanese book "Archives for the Tokyo downtown area 100 years" published by Life Information Center.)

Doch TEPCOs eigentümliche Firmenpolitik wurde nicht erst durch den nuklearen Unfall von Fukushima I bekannt. Bereits Jahre zuvor fiel der Konzern immer wieder im Schatten der Medien durch Vertuschungen und Unglaubwürdigkeit auf, konnte sein Gesicht allerdings über Jahrzehnte hinweg wahren. Das „Tôhoku-Beben“ bildet letztendlich den Katalysator. Eine Vielzahl begieriger Medienunternehmen stürzten sich auf den Energieversorger und stimmten in einer gemeinsamen Parole ein, dem Unternehmen sei nicht zu trauen. Der 11. März legte damit den Grundstein, die Fehler der Unternehmensleitung weltweit zu offenbaren und sich über die Grenzen Japans auszuweiten.

Dabei wurde zur Gründung des Unternehmens am 11. Mai 1951 eine solide Ausgangsbasis geschaffen, die dem Energiekonzern auch mit genügend Transparenz zu positivem Glanz verholfen hätte. Kurz vor dem 2. Weltkrieg wurden alle stromerzeugenden Betriebe Japans verstaatlicht und im Verlaufe des Krieges zu neun großen Staatsunternehmen zusammengefasst. Als sich nach der Kapitulation Japans die Besatzungsmächte für eine neue politische Struktur aussprachen, folgte im Mai 1951 die Privatisierung der Unternehmen. Ausgestattet mit regionalen Monopolen lag es nun in der Hand dieser neun Unternehmen, ihr Land mit Energie zu versorgen. TEPCO selbst gewann im Laufe der Jahre die Oberhand und zählt bis vor der Katastrophe 2011 zu den weltweit umsatzstärksten Unternehmen, die sich gar den 136. Platz unter den Fortune 500 erkämpften.

So ist es fast überflüssig, den Konzern als größten Energieproduzenten Japans darzustellen, der 27 Prozent des Energiebedarfs seines Landes deckt. Insbesondere die Metropole Tokio zählt zu seinem Zuständigkeitsbereich, womit 45 Millionen Menschen auf den Energielieferanten angewiesen sind – mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung Japans. Seit 2009 zählt die Tokyo Electric Power Company 160 Wasserkraftwerke und 25 Verbrennungskraftwerken durch Öl, Kohle und Erdgas, sowie je ein Geothermie- und Windkraftwerk denen eine vergleichsweise marginale Rolle zukommt. Nicht zu vergessen die Technologie, die das Unternehmen ohne deren Verwendung vermutlich in ein positiveres Licht gerückt hätte: Die drei Kernkraftwerke Fukushima Daiichi, Fukushima Daini und Kashiwazaki-Kariwa mit insgesamt 17 Atomreaktoren.

Der Hauptsitz TEPCOs in Tokio, aufgenommen im April 2007. (Copyright © PON, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Spätestens im August 2002 drangen erstmals Dokumente an die japanische Öffentlichkeit, die den Schein TEPCOS, als sicheres und glaubwürdiges Unternehmen aufzutreten, stark trübten. Die japanischen Medien sprachen von gefälschten Berichten, bewusst verzögerten Reparaturen und dem Nichterfüllen gesetzlich vorgeschriebener Meldungen von Störfällen. Mindestens 16 Jahre schafften die Verantwortlichen TEPCOs, das mediale Aufbegehren gegen den Energieversorger zu unterbinden. Nach der Enthüllung wurden Ämter neu besetzt, die nur wenig der unterdrückten Meldepflicht entgegensetzen konnten. So wurden mindestens sechs Notabschaltungen und eine siebenstündige kritische Reaktion in Block 3 von Fukushima I verschwiegen. Ein Schaden durch Erdbeben und mangelnde Wartung folgte auf den nächsten, ein routinierter Test führte im Mai 2008 in Block 6 zum Ausfall mehrerer Kühlsysteme und als am 1. März 2011 die japanische Atomaufsichtsbehörde (NISA) eine Inspektion initiierte, kamen weitere Übel zutage, die sich in mangelnden Kontrollen technischer Geräte über Jahre hinweg äußerte. Sie bildeten den Ausgangspunkt für die nukleare Katastrophe.

Nehmen wir uns an dieser Stelle die Zeit und überdenken die Frage, ob TEPCO ohne Atomkraft diesem Desaster entgangen wäre. Da sich bei einer kurzen Recherche ausschließlich Störfälle innerhalb der atomaren Kraftwerke finden lassen und diese Technologie als weitaus komplexer und damit risikoträchtiger als andere Kraftwerke angesehen wird, folgt eine klare Antwort: Ohne Atomkraft hätte sich TEPCO als Energielieferant besser verdient gemacht. Doch trifft es angesichts der Sicherheitsmängel einzig dieses Unternehmen? Es müsste nahezu als „Glückstreffer“ gewertet werden, dass gerade dieses Unternehmen von einer Katastrophe dermaßen herausgefordert wird, dass es Störfälle nicht mehr verheimlichen kann. Bei weiterer Recherche lässt sich allerdings feststellen, dass TEPCO keine Ausnahme in Sicherheitsmängeln und mangelnder öffentlicher Aufklärung bildet. Stünde Fukushima Daiichi unter der Verwaltung eines anderen Energiekonzerns Japans, so hätten sich voraussichtlich dieselben dramatischen Stunden abgespielt und nicht TEPCO, sondern KEPCO, Hokuden und die Namen anderer Konzerne stünden in den Schlagzeilen der letzten Monate.

Das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi im Jahr 2007. (Copyright © KEI, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Die Sicherheitslücken der Tokyo Electric Power Company dürfen an dieser Stelle nicht vernachlässigt werden, denn zählt man die Stör- und Unfälle der Kraftwerke anderer Betreiber zusammen, bildet TEPCO noch immer die oberste Spitze. Handelt es sich nun um ein japanisches Phänomen? Können wir diese Haltung mit den einfachen japanischen Stereotypen Verschwiegenheit, Intransparenz und übermäßigem Stolz vereinbaren? In keinerlei Hinsicht, denn Störfälle sind ein weltweites Phänomen von Atommeilern, von denen sich jeder allzu gerne der Verantwortung entziehen möchte. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Die finanziellen Interessen überwiegen; und nehmen wir stichprobenartig ein deutsches Atomkraftwerk, so füllen die Störfälle bereits eine ganze Seite.

Dieser Absatz möchte zeigen, dass man in Sachen Sicherheitsbedenken und Verantwortungsentzug nicht einzig japanische Unternehmen und TEPCO einzukreisen hat. Dennoch lässt dieser Abschnitt vorerst keine weiteren Schlussfolgerung angesichts der verhältnismäßig kurzen, stichprobenartigen Recherche zu.