Auswertung der Umfrage und abschließende Worte

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

nach der unangekündigten Pause möchte ich mich zu allererst bei denjenigen entschuldigen, die diesen Blog regelmäßig als Informationsquelle nutzten, nun jedoch seit mehreren Monaten auf einen weiteren Artikel warten. Seit der Aufforderung zur Umfrage über die Wahrnehmung der Katastrophe von Fukushima hat sich die Motivation gelegt, diesen Blog regelmäßig mit Artikeln zu versorgen. Gründe für die Pausierung gab es viele, unter anderem die niedrige Teilnehmerzahl bei der Umfrage und das geringe Interesse an diesem Blog im Allgemeinen. Die Bemühung um die Aufrechterhaltung des Blogs stehen daher in keinem Verhältnis zur Rezeption.

Ein Sattelitenbild des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi nach dem Großbeben im März 2011. (Getty Images)

Ein Sattelitenbild des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi nach dem Großbeben im März 2011. (Getty Images)

Das Ziel dieses Blogs war es, die Ereignisse in und um Fukushima aufzuarbeiten, zusammenzufassen und zu präsentieren. Interesse für diesen Blog und seinen Inhalt in der Öffentlichkeit zu schaffen, konnte nur teilweise gelingen. Dennoch bedanke ich mich bei allen Lesern, jeden einzelnen Kommentar, jede Meinung und jeden Verbesserungsvorschlag. Zwar wird der Blog vorerst nicht weiter aktualisiert, doch stehen Ihnen die gesamten Artikel nach wie vor zur Verfügung.

Die Ergebnisse der Umfrage können Sie im Folgenden betrachten. Außerdem möchte ich Ihnen weitere Seiten empfehlen, die mir während meiner Recherche als wertvolle Quellen gedient haben. Manche dieser Seiten versorgen Sie nahezu täglich mit Informationen über die Folgen von Fukushima und die aktuellen Debatten um Japans Atompolitik. Sämtliche Quellen finden Sie unter der Rubrik „Informationsmöglichkeiten“ dieses Blogs.

Zum anderen möchte ich auf das Film-Projekt des Schweizers Thomas Köhler aufmerksam machen. Als Japan-Spezialist und Reisefachmann verlor er seine Kundschaft und schließlich seinen Job. Anstatt aufzugeben reiste er nach Japan, begab sich zu Fuß von Hokkaido über die Hauptinseln bis zum Süden Japans und lief insgesamt 2900 Kilometer. Daraus hervorgegangen ist der Film „Negativ: nichts“. Thomas Köhler wollte mit seiner Reise die Menschen überzeugen, dass Japan seit dem 11. März 2011 nicht nur Fukushima kennt. Gleichzeitig spendete er den Menschen neue Kraft und Mut. Seine Premiere feierte der Film bereits im September 2012 in Zürich und Tokio. Eine weitere Vorstellung ist für den 7. Januar in Zürich geplant.

Seit Anfang August, dem Beginn der Umfrage, hat sich in Japan vieles getan. Die Protestbewegungen finden nach wie vor jeden Freitag in Tokio statt, doch auch in anderen Gebieten Japans haben sich Protestler zusammengefunden. Sie protestieren nach wie vor für ein atomfreies Japan. Als die Energiebetreiber Mitte des Jahres sämtliche Atomreaktoren aufgrund von Wartungsarbeiten herunterfuhren und sich sowohl Politiker als auch Privatpersonen gegen die Wiederinbetriebnahme aussprachen, standen die Chancen nicht schlecht. Japan hatte die Grundlage für eine Zukunft ohne Atomstrom.

Diese Chance blieb ungenutzt. Mit der letzten Unterhauswahl und dem neuen Premierminister Abe Shinzô wird sich Japan von seiner konservativen Natur nicht lösen können. Statt der Demokratischen Partei Japans (DPJ) gewann die Liberal-Demokratische Partei (LDP) mit einer Zweidrittelmehrheit. Es ist jene Partei, die seit der Nachkriegszeit fast ununterbrochen die Zukunft Japans dirigierte. Ein Japan, das sein Heil im wirtschaftlichen Erfolg auf der Basis von Atomenergie suchte. Die LDP beförderte ihr Land zu einem der weltweit größten Nutznießer der Atomkraft. Da die LDP als Befürworter der Atomkraft gilt, ist die Hoffnung der AKW-Gegner auf ein atomfreies Japan vorerst nicht tragbar. Zwar war die Zahl derjenigen, die offen gegen Atomkraft protestierten, nicht zu unterschätzen, doch konnten sich die Parteien mit ihrem Parteiprogramm für ein zukünftiges Japan ohne Atomstrom bei der Unterhauswahl nicht durchsetzen.

Shinzo Abe

Der aktuelle Premierminister Japans: Shinzô Abe (Hajime Takashi/ZUMA Press/Newscom).

Trotz massiver Protestbewegungen ist die politische Mehrheit noch immer für die Erhaltung der Atomkraft im eigenen Land. Die Wiederinbetriebnahme und der Neubau weiterer Kraftwerke ist wahrscheinlicher geworden. Japan steht wieder am Anfang, vor der Katastrophe von Fukushima. Das Unglück jährt sich in wenigen Monaten zum zweiten Mal. Für viele Japaner ist das Unglück von 2011 längst vergessen. Für die AKW-Gegner wird es umso härter, weitere Mitglieder zu gewinnen, die die Demonstrationen am Leben halten. Womöglich härter, als wenige Wochen nach dem 11. März 2011, als sich die Japaner nach und nach als Kollektiv am öffentlichen Protest versuchten.

 

Auswertung der Umfrage

Aufgrund der geringen Teilnehmerzahl lässt sich das Ergebnis der Umfrage nur schwer interpretieren. Die Antworten sind nicht repräsentativ. Eine Betrachtung der Ergebnisse empfehle ich Ihnen dennoch. Die Umfrage wurde überwiegend deutschen Japanologen präsentiert und ist einer der möglichen Gründe für den hohen Anteil an Teilnehmerinnen. Eine Interpretation nach Nationalität ist nicht möglich, da zu wenige Menschen verschiedener Nationalitäten teilgenommen haben.

  • Teilnehmeranzahl: 36
  • davon Frauen: 72 Prozent
  • davon Teilnehmer mit deutscher Nationalität: 89 Prozent
  • Durchschnittsalter: 30 Jahre
  1. Wie informieren Sie sich über die aktuelle Lage der Atompolitik Japans? [Mehrfachantworten waren möglich]
  2. Medien (Presse): 92 Prozent
    Freunde/ Verwandte: 56 Prozent
    Blogs: 44 Prozent
    Fachbücher: 25 Prozent
    Öffentliche Ämter: 17 Prozent
    NGOs: 14 Prozent

    Alle Teilnehmer mussten bei den folgenden Fragen zwischen fünf Antwortmöglichkeiten wählen. Für die Auswertung wurde jeder Antwort ein Zahlenwert zugeordnet, um den Mittelwert zu bilden. Die entsprechende Antwort des Mittelwerts steht neben dem Zahlenwert.

    1 Stimme gar nicht zu | 2 Stimme nicht zu | 3 Weiß nicht | 4 Stimme zu | 5 Stimme völlig zu
    ___________________________________________________________________________

  3. Die Nuklearkatastrophe von Fukushima ist in meinem Umfeld noch immer ein Gesprächsthema.
  4. 3,9 – Stimme zu

  5. Trotz des Reaktorunglücks von Fukushima kommt für mich eine Reise nach Japan in Frage.
  6. 4,3 – Stimme zu

  7. Im Falle eines Aufenthalts in Japan meide ich die Metropole Tokio aufgrund deren Nähe zum Atomkraftwerk Fukushima.
  8. 1,9 – Stimme nicht zu

  9. Im Falle eines Aufenthalts in Japan warnen mich Freunde und Familie vor den gesundheitlichen Risiken.
  10. 3,6 – Stimme zu

  11. Im Falle eines Aufenthalts in Japan achte ich beim Einkauf auf die Herkunft der Lebensmittel.
  12. 3,9 – Stimme zu

  13. Das gesundheitliche Risiko eines Aufenthalts in Japan ist heute genauso niedrig, wie vor dem Unglück von Fukushima.
  14. 2,2 – Stimme nicht zu

  15. Der Umgang mit Atomkraft durch Vertreter aus Politik und Wirtschaft ist in Deutschland sicherer als in Japan.
  16. 2,7 – Weiß nicht

  17. Die Informationen der Regierung und Medien Japans zur eigenen Atompolitik sind zuverlässig.
  18. 1,9 – Stimme nicht zu

  19. Die Gefahr einer radioaktiven Kontamination in Japan besteht auch außerhalb der Sperrzone um das Kraftwerksgelände von Fukushima.
  20. 4,4 – Stimme zu

  21. Ich bin zuversichtlich, dass von dem Kraftwerk Fukushima Daiichi keine Gefahr mehr ausgeht.
  22. 1,6 – Stimme nicht zu

  23. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft Japans aufgrund des Unglücks von Fukushima.
  24. 3,8 – Stimme zu

  25. Die Katastrophe von Fukushima war verheerender, als der Unfall von Tschernobyl.
  26. 2,8 – Weiß nicht

  27. Aufgrund des Reaktorunglücks von Tschernobyl achte ich beim Kauf von Lebensmitteln in Deutschland auf deren Herkunft.
  28. 2,2 – Stimme nicht zu

  29. Von Stör- und Unfällen, wie wir sie von Tschernobyl und Fukushima kennengelernt haben, sind deutsche Kernkraftwerke nicht betroffen.
  30. 2,0 – Stimme nicht zu

Auffällig ist die mehrheitliche Zustimmung für eine Reise nach Japan trotz des Bewusstseins, dass die Kontamination über das Kraftwerksgelände von Fukushima hinausgeht. Für die große Mehrheit ist der Aufenthalt in Tokio trotz der Nähe zu Fukushima selbstverständlich. Weiterhin ist der Großteil überzeugt, dass weder die japanische Regierung noch die Medien zuverlässige Informationen liefern. Wohl gerade aus diesem Grund würden im Falle eines Aufenthalts in Japan die meisten Teilnehmer auf die Herkunft der angebotenen Lebensmittel achten. Die weitere Interpretation überlasse ich dem jeweiligen Betrachter.

Umfrage zur Wahrnehmung der Katastrophe von Fukushima

Sehr geehrte Leserinnen und Leser, ich möchte Ihnen bereits an dieser Stelle für Ihr Engagement danken, das Sie mit dem Aufruf dieser Seite zeigen.

Die folgende Umfrage dient dem Zweck, das Interesse der Umfrageteilnehmer an dem Atomunglück von Fukushima zu ermitteln, zu hinterfragen, ob die Katastrophe in Deutschland noch immer ein Gesprächsgegenstand ist und ob sich die Haltung gegenüber einem Aufenthalt in Japan, anderthalb Jahre nach der Katastrophe, geändert hat. Zu den Befragten zählen größtenteils Studenten der Japanologien in Deutschland. Dennoch sind sämtliche Leser dieses Blogs dazu eingeladen, an der Umfrage teilzunehmen.

Verantwortlich für die Durchführung und Auswertung der Umfrage ist der Inhaber des Blogs „Fukushima 24/7“. Die Umfrage verfolgt, wie der Blog selbst, keinen kommerziellen Zweck. Das Ergebnis der Umfrage wird zeitnah auf diesem Blog veröffentlicht und sieht von der Veröffentlichung von Einzelergebnissen ab, um Ihre Anonymität zu gewähren. Falls Sie sich dennoch bei bestimmten Fragen in ihrer Privatsphäre verletzt fühlen, können Sie diese unbeantwortet lassen.

Die Umfrage beinhaltet 18 Fragen, deren Beantwortung maximal fünf Minuten in Anspruch nimmt. Außer bei den ersten drei Fragen zu Ihrer Person sind die Antwortmöglichkeiten vorgegeben. Bitte wählen Sie die für Sie passenden Antworten aus und streichen Sie die nicht zutreffenden.

Zur Auswertung bitte ich Sie, Ihre Antworten inkl. der zugehörigen Fragen an die Mail-Adresse fukushima247@googlemail.com zu schicken. Bei Rückfragen und Problemen wenden Sie sich bitte an dieselbe Mail-Adresse.

Der Einsendeschluss ist der 30. September 2012.

Das zerstörte Reaktorgebäude 3 des AKWs Fukushima Daiichi. (flickr/IAEA)

  1. Geschlecht
  2. Alter
  3. Nationalität
  4. Wie informieren Sie sich über die aktuelle Lage der Atompolitik Japans? [Mehrfachantworten möglich]
  5. Zeitung, Radio und/oder Fernsehen inkl. Internetauftritt | Blogs | Öffentliche Ämter (Verbraucherzentrale) | NGOs (Greenpeace) | Fachbücher | Freunde und Verwandte | Ich informiere mich nicht.

  6. Die Nuklearkatastrophe von Fukushima ist in meinem Umfeld noch immer ein Gesprächsthema.
  7. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  8. Trotz des Reaktorunglücks von Fukushima kommt für mich eine Reise nach Japan in Frage.
  9. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  10. Im Falle eines Aufenthalts in Japan meide ich die Metropole Tokio aufgrund deren Nähe zum Atomkraftwerk Fukushima.
  11. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  12. Im Falle eines Aufenthalts in Japan warnen mich Freunde und Familie vor den gesundheitlichen Risiken.
  13. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  14. Im Falle eines Aufenthalts in Japan achte ich beim Einkauf auf die Herkunft der Lebensmittel.
  15. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  16. Das gesundheitliche Risiko eines Aufenthalts in Japan ist heute genauso niedrig, wie vor dem Unglück von Fukushima.
  17. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  18. Der Umgang mit Atomkraft durch Vertreter aus Politik und Wirtschaft ist in Deutschland sicherer als in Japan.
  19. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  20. Die Informationen der Regierung und Medien Japans zur eigenen Atompolitik sind zuverlässig.
  21. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  22. Die Gefahr einer radioaktiven Kontamination in Japan besteht auch außerhalb der Sperrzone um das Kraftwerksgelände von Fukushima.
  23. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  24. Ich bin zuversichtlich, dass von dem Kraftwerk Fukushima Daiichi keine Gefahr mehr ausgeht.
  25. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  26. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft Japans aufgrund des Unglücks von Fukushima.
  27. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  28. Die Katastrophe von Fukushima war verheerender, als der Unfall von Tschernobyl.
  29. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  30. Aufgrund des Reaktorunglücks von Tschernobyl achte ich beim Kauf von Lebensmitteln in Deutschland auf deren Herkunft.
  31. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  32. Von Stör- und Unfällen, wie wir sie von Tschernobyl und Fukushima kennengelernt haben, sind deutsche Kernkraftwerke nicht betroffen.
  33. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

      Ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme und die Zeit, die Sie für die Beantwortung der Fragen investiert haben. Bei Anregungen und Kommentaren können Sie diese an die genannte Mail-Adresse (fukushima247@googlemail.com) schicken.

Gefährdung durch Lebensmittel? – Wie Japan sein Image aufpoliert

Wie sicher sind japanische Lebensmittel? Es ist eine Frage, die sich die Menschen nach der Katastrophe von Fukushima nicht nur in Japan, sondern auch auf der anderen Seite der Erdkugel stellen. Durch den globalen Handel haben es kontaminierte Produkte leicht, die Grenzen Japans zu überwinden. In Deutschland wurden die Bürger schon am Tag der Katastrophe misstrauisch gegen alle Produkte, deren Herkunftsland Japan war. Doch Deutschland ist keine Ausnahme. Auch wenn Japans Behörden aufgrund ihrer späten und unzureichenden Informationen in Verruf geraten sind, schaut zumindest die heimische Bevölkerung nicht weg.

Japanische Lebensmittel auf dem Prüfstand. Die Unsicherheit beim Kauf heimischer Produkte.

Seit März 2011 lässt sich von zwei Gruppen in Japan sprechen: Die eine, die vor jeglichen Gütern aus Fukushima warnt und die Informationspflicht der Regierung übernimmt, und die andere, die aus Angst vor dem wirtschaftlichen Aus den Verzehr von Produkten aus der Grenzregion Fukushima propagiert. Die Katastrophe des Unglücksmeilers stellt die japanischen Bauern vor ungeahnte Schwierigkeiten. Kein Mensch kommt auf den Gedanken, Produkte aus Fukushima zu erwerben oder gar zu verzehren. Selbst Landwirte, deren Besitzungen bis zu 100 Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt liegen, haben mit mangelndem Absatz zu rechnen. Von dem Ackerland unmittelbar neben der Sperrzone ganz zu schweigen. Die Atomkatastrophe sorgt damit für einen wirtschaftlichen Schaden, der Japan noch über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, begleiten wird. Viel zu oberflächlich wäre eine bloße Konzentration der Regierung auf Dekontamination und Wiederaufbau von Sperrzone, Atommeiler und den von Tsunami und Erdbeben verwüsteten Regionen. Über diesem materiellen Wert steht das Vertrauen der Bevölkerung in die heimischen Produkte.

Zwischen diesen Gruppen steht der gemeine japanische Bürger, der im Supermarkt vor den Regalen verweilt und nach den Lebensmittelskandalen vom Sommer 2011 über die eigene Gesundheit besorgt ist. Denn nicht ohne Grunde sprossen Eigeninitiativen aus dem Boden, als kontaminierte Lebensmittel in Märkten und Kantinen entdeckt wurden. Eine dieser Initiativen ist etwa die des Japaners Motohiro Takamatsu. Aus Sorge um seine Töchter erwarb er ein deutsches Strahlenmessgerät. „Daraus entstand schliesslich eine Geschäftsidee. Im Bekumiru-Komplex beim Bahnhof Kashiwa hat Takamatsu seit kurzem ein Büro eröffnet, in dem Privatpersonen und Unternehmen selbständig ihre Lebensmittel auf Strahlung messen können“, schreibt Asienspiegel. Für bedeutend weniger Geld als bei offiziellen Stellen zur Prüfung von Lebensmitteln, verschafft Takamatsu die Sicherheit, um der Normalität eines Einkaufs in Japan ein gutes Stück näherzukommen.

Eine weitere Initiative startete der Politiker Yasuhiko Furuya, der im obigen Video über Lautsprecher seine Mitbürger warnt. Jede Woche steht er auf der Straße und mahnt sein Umfeld zur Vorsicht beim Lebensmittelkauf. Auch er fand sein Engagement zur Aufklärung durch die Sorge um die eigenen Kinder. Beim Lebensmittelskandal im Sommer 2011, als kontaminiertes Fleisch in Schulkantinen bedenkenlos verteilt wurde, waren seine drei Söhne ein kleiner Teil der mehr als 84.000 Schüler aus Yokohama. „Viele Eltern regen sich auf. Wir alle können nicht verstehen, wie verseuchte Nahrung überhaupt in den Handel gelangen kann. Wir dachten, hier in der Schule wären unsere Kinder sicher. Und genau dort serviert man ihnen verstrahltes Essen. Mir macht das Angst“, kommentiert Furuya seine bittere Erfahrung mit den japanischen Behörden. Denn diese scheinen als letztes zu schalten, wenn es um die Sicherheit der Bevölkerung geht.

Kontaminiert wurde das Fleisch durch Futter aus Fukushima. Japan ist ein Negativ-Beispiel für weite Ackerflächen und riesige Weideflächen. Zwei Drittel des Landes wird vom Gebirge beansprucht, sodass sich auf 20 Prozent der Landmasse Industrie, Menschen und Landwirtschaft ihren Platz teilen müssen. Bei diesen Bedingungen ist es ein tragisches Schicksal, wenn die begrenzten Flächen für die Landwirtschaft nun kontaminiert sind. Das Liefer- und Ausfuhrverbot von Lebensmitteln und Stroh aus Fukushima bedeutete das finanzielle Desaster für die Farmer, auch wenn die Entfernung zwischen Ackerfläche und Atommeiler Dutzende Kilometer beträgt.

Importierte Lebensmittel aus Japan. (flickr/ Jean-François Chénier)

Monate nach dem Verbot zeichnet sich ein anderes Bild ab. Regierung und Behörden sprechen sich momentan für die Sicherheit von Waren aus Fukushima aus und betreiben aufwendige Werbe- und Image-Maßnahmen, um den wirtschaftlich brach liegenden Regionen von Fukushima neues Wachstum zu verleihen. Das Ziel des japanischen Außenministeriums ist es unterdessen, die internationalen Einfuhr-Beschränkungen von Lebensmitteln zu lockern, nachdem der Griff nach japanischen Lebensmitteln weltweit gleich drei Mal überdacht wurde. Die richtige Richtung schlägt die Regierung seit April 2012 mit der Verschärfung der Grenzwerte für Grundnahrungsmittel ein, auch wenn diese nur für Konsumenten im Inland gelten. Von zulässigen 500 Becquerel wurde die Radioaktivität auf 100, Babynahrung auf 50 Becquerel pro Kilogramm gesenkt. Der Grenzwert von Wasser wurde sogar um 95 Prozent gemindert. Mit den neuen Auflagen zählt Japan aktuell zu den Ländern mit den strengsten Grenzwerten. „In den USA sind 1.200 Becquerel aus Cäsium pro Kilogramm erlaubt. Die EU schreibt bei einem Atomunfall maximal 1.000 Becquerel pro Kilogramm an Cäsium vor. Nach Ansicht von Wissenschaftlern sind diese Strahlenmengen gesundheitlich unbedenklich“, schreibt Japanmarkt.

Die EU übernahm die Grenzwerte für Importwaren aus Japan. Allerdings sind von dieser Verschärfung getrocknete Teeblätter, Reis und Sojabohnen und deren Erzeugnisse ausgeschlossen. Hier gelten nach wie vor die alten Grenzwerte. Es scheint, als befinde sich in Sachen Lebensmittelkontrolle nicht mehr die japanische Regierung, sondern die Europäische Union im Kreuzfeuer der Kritik. Denn die Verbraucherzentrale Hamburg schreibt: „Auch für Lebensmittel aus anderen Regionen, z.B. aus der Region rund um Tschernobyl, gelten weiterhin die alten Werte von 600 Becquerel, um in der Europäischen Union in den Handel zu gelangen. Selbst in der Ukraine und in Weissrussland gelten strengere Grenzwerte als in der EU. Das ‚Grenzwert-Chaos‘ wird von den Verbraucherzentralen bemängelt; verbraucherfreundlicher wäre das Absenken aller gültigen Grenzwerte auf das neue Niveau für japanische Lebensmittel.“ Japan wird zum weltweiten Vorbild radioaktiver Grenzwertkontrollen. Es ist der erste erfolgreiche Schritt, das Image des Landes aufzupolieren.

Japanischer Lebensmittelmarkt in Sendai. (AFP)

Ein anderer Fall, die japanische Fisch-Industrie. Während der Katastrophe wurde, ob bewusst oder ungewollt, kontaminiertes Kühlwasser in das Meer abgelassen. Die Auswirkungen spüren wir erst in den folgenden Jahren und Jahrzehnten, doch könnten sie immens sein. Erhöhte Strahlenwerte in der Küstenregion um Fukushima wurden bereits zuhauf gemessen, die sich selbst auf die südliche Küstenregion der Präfektur Ibaraki ausgeweitet haben. Ungewohnt früh reagierte die Regierung und verhängte bereits im März 2011 ein Fangverbot für diese Regionen. Vorzeitige Entwarnung gab es allerdings bei den übrigen Regionen. Im Januar 2012 wurden über 5000 Fische dieser Gebiete auf ihre Radioaktivität getestet, kein einziger überstieg die Grenzwerte. Selbst Wanderfische wie der Thunfisch, der die Küstenregion um Fukushima durchwandert, zeigte keine beunruhigenden Werte, sofern den Angaben zu trauen ist. Laut Asienspiegel könnten die Fische südlich von Tokio bedenkenlos verzehrt werden, da durch die Strömungsverhältnisse kontaminiertes Wasser aus Fukushima maximal bis zur Präfektur Chiba gelangt, bevor es in Richtung Pazifik abdriftet. Ohne ein Fangverbot an der Küste Chibas bleibt trotz aller Entwarnungen zu hoffen, dass diese Lücke keine weiteren Lebensmittelskandale zu Tage fördern.

Quellen und weiterer Lesestoff:

„Die Suche nach der Wahrheit“ – Ein Vortrag zwischen Lüge und Aufklärung

„Die Geschichte der Lügen um die Kernkraft ist so alt, wie die Kernkraft selbst“, startete Dr. Sebastian Pflugbeil seinen Vortrag und lud am 23. Mai mit dem Thema „Tschernobyl, Fukushima und Atomkraft in Deutschland – Die Suche nach der Wahrheit“ in den Vortragssaal der Hauptbibliothek Leipzigs. Der Zusatz dieses Titels kam nicht von ungefähr, denn was sich dem aufmerksamen Publikum bot, war eine Aneinanderreihung von Lügen aus offizieller Seite, die emsig über die Jahre hinweg von Herrn Pflugbeil zusammengetragen wurden. Es eröffnete sich eine zweite Perspektive auf die Welt, wie wir sie kennen oder gekannt geglaubt haben.

Physiker, Umweltschützer, Bürgerrechtler und Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz e.V. Sebastian Pflugbeil. (IPPNW)

Mit einem gewissen Unbehagen lauschte man der ruhigen, aber umso kräftigeren Stimme eines Mannes, der den sarkastischen Titel „einziger Oppositionelle in der DDR“ trägt. Denn wird über Atomkraft debattiert, waren die Lügen schon seit den 1960ern nicht fern. Es entsteht ein politisches Spannungsfeld, dessen Pol zur offenen Befürwortung der Atomkraft überwiegend dominiert. Wer Kernenergie kritisiert, macht sich zum Feind der Politiker und Ökonomen, heute nicht weniger als noch vor wenigen Jahrzehnten. Herr Pflugbeil als gestandener Physiker und Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz e.V. wählte den Weg der Aufklärung, setzte sich früh mit Kernenergiepolitik auseinander und war einer der Ersten, die sich offen mit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 beschäftigen. So ist er bis heute einer der Wenigen die das Innere der Betonschutzhülle des Unglücksreaktors betraten.

Mit ernster Miene verriet er seine Trauer über das eigentliche Verbrechen der Kernkraft-Lobbyisten. Nicht nur das Spiel mit einer riskanten Hochtechnologie, sondern der Schaden an Natur und Lebewesen macht ihm zu schaffen. Kurz flackerte das Bild eines Kindes zu Anfang seiner Präsentation auf. Eine trauernde Mimik, ein geschorener Kopf und die Angst vor dem Ungewissen. Pflugbeil hielt inne, schaltete um und erklärte, die Begegnung mit an Leukämie (Blutkrebs) erkrankten Kindern sei Grund genug, seine Recherche und Aufklärungsarbeiten fortzusetzen.

Die Behandlung eines an Leukämie erkrankten Patienten in der Universitätsklinik Leipzig am 10. März 1989. (Copyright © Deutsches Bundesarchiv, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Auf der anderen Seite vertrauenerweckend formulierte Organisationen mit falscher Führung und profitgierigem Credo, ohne Rückgrat, ohne Skrupel. Die International Atomic Energy Agency (IAEO), das United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic Radiation (UNSCEAR), die World Association of Nuclear Operators (WANO) und selbst The International Project on the Health Effects of the Chernobyl Accident. Eine Liste ohne Ende, doch in ihrer Argumentation sind sie sich einig. Die Rede ist von Beschönigung, Verharmlosung und dreisten Lügen. Schon Eisenhower als ehemaliger Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika (1953–1961) wusste mit Atomkraft umzugehen und unterrichtete die zuständigen politischen Organe mit den Worten: „Haltet sie [das Volk] im Unklaren über Kernspaltung und Kernfusion.“

Der Lügenkanon nimmt kein Ende und sammelt sich nach Pflugbeils Worten zu einem Gemisch oberster Perversität. Zu seinen Favoriten zählen zwei Zitate von japanischer Seite, vor und nach dem Unglück von Fukushima: „Strahlenschäden kommen nicht zu Menschen, die glücklich sind und lächeln. Sie kommen zu Leuten, die verzagt sind.“ Das Volk leidet an Strahlenphobie, denn von offizieller Seite gibt es kaum bis keine eindeutigen Beweise für tödliche Erkrankungen im Zuge von Reaktorunglücken und atomaren Experimenten. „Der Unfall von Fukushima ist ein Beweis dafür, wie sicher Atomkraftwerke sind.“ Der Gipfel der Verharmlosung.

Der Tschernobyl Reaktor Nummer 4, aufgenommen am 18. September 2006. (Copyright © Carl Montgomery, Lizenz: CC BY 2.0)

Beweise gibt es viele, doch werden diese emsig unter Verschluss gehalten. Pflugbeil präsentierte Statistiken über Statistiken zur Häufigkeit der Strahlenschäden, sortierte sie nach Alter und Generation und verdeutlichte die Kontamination der betroffenen Gebiete. Laut offiziellen Angaben sei die Region um Tschernobyl in wenigen Jahrzehnten wieder begehbar. Dass es sich um Jahrtausende handelt, darüber lässt man die Öffentlichkeit im Unklaren. Seit dem Reaktorunfall erreichte die Erkrankung an Strahlenschäden beunruhigende Werte, nicht nur im Kreise der Ukraine, sondern auch in Deutschland. Ein doppeltes Spiel für wissenschaftliche Forschungen: Wer sich an die Öffentlichkeit wendet, riskiert die eigene Karriere. Auch Universitäten müssen sich den Interessen von Politik und Wirtschaft beugen, wenn es um Anträge auf Drittmittel zur Finanzierung von Forschung und Lehre geht. Abhängig von finanziellen Mitteln fügten sich in der Vergangenheit selbst renommierte Wissenschaftler den Richtlinien der Industrie.

Für Sebastian Pflugbeil sprechen die Statistiken: Die abnehmende Tendenz der gesunden Bevölkerung um Tschernobyl, die Häufigkeit von Mutationen, die Verbreitung psychologischer Störungen im Kindesalter und abnormale Zahlen von Totgeburten und Abtreibungen mit hoher Dunkelziffer – europaweit. Selbst provisorische Endlagerstätten wie Gorleben werden in der Recherche untersucht und weisen ähnliche Anomalien auf. So verkündet Pflugbeil die erschütternde These, bereits im Umkreis von Kernkraftwerken im Normalbetrieb liefern die Daten erhöhte Zahlen zu Erkrankungen in Folge von Strahlenschäden.

Seit 2011 weist Japan ein ähnliches Bild auf, auch wenn die Größe der kontaminierten Fläche weitaus kleiner ausfällt, als Tschernobyl. International auf sich aufmerksam macht jedoch nicht die Kontamination, sondern die über 1000 gelagerten Brennstäbe des Reaktorblocks vier. Ein erneutes Erdbeben, ein weiterer Tsunami könnte die Trümmerfestung samt Kühlbecken zum Absturz bringen. Schon jetzt zieren Risse die einst massive Konstruktion des Beckens. Im schlimmsten Falle erlebt Japan ein weiteres Unglück, dass dem von 2011 in nichts nachsteht. Mit der Zerstörung der Brennstäbe wird eine Menge an radioaktiven Partikeln frei, die Teile Tokios zur Evakuierung zwingen würden. Ein unmögliches Unterfangen. Deutschland hat keine bessere Ausgangslage vorzuweisen. Wie aus einem Gutachten der Strahlenschutzkommission hervorgeht, sei die Bundesrepublik im Falle einer Nuklearkatastrophe in keinem Maße vorbereitet. Doch mindestens mit der Verantwortung sollte es in Deutschland ja wesentlich günstiger laufen, als bei unseren japanischen Freunden⸮

Eine Übersicht der aktiven und stillgelegten Kernkraftwerke in Deutschland – Stand 2011. (Copyright © Lencer, Lizenz: CC BY-SA 2.5)

Sebastian Pflugbeil nutzt zum Abschluss seines Vortrags ein Zitat aus Bertolt Brechts „Leben des Galilei“, das auch wir hierfür nutzen möchten. Brecht befand sich während seiner Arbeit an dem Theaterstück im dänischen Exil, während in Deutschland Forschungen in der Kernphysik ihren Höhepunkt fanden. Mit einer ins Englische übersetzten Version nach den Atombombenabwürfen auf Japan änderte Brecht die Kernaussage vom „Umgang mit Macht“, in die „Verantwortung der Wissenschaft“. So äußerte sich Galileo Galilei in Brechts Werk mit folgenden Worten: „Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!“ Ein denkwürdiger Kommentar.

Quellen und weiterer Lesestoff:

 

Ohne Verantwortung – Drei Videos über die politische Lage Japans

Nach der ZDF-Reportage greifen wir mit dem heutigen Artikel drei Videos auf, die uns mehr Einsicht in die politische Situation Japans geben. Sie zeigen, mit welcher Nachlässigkeit die Regierung agiert und verdeutlicht noch einmal das japanische Phänomen, wonach Einzelentscheidungen ein Fremdwort sind. Anstatt Verantwortung als Einzelperson zu übernehmen, wird im Kollektiv geschwiegen. An die Stelle einer engagierten Führungsweise von Politikern und Beamten treten Bürger und Wissenschaftler und warnen selbstständig vor den Risiken, Folgen und Problemen der Atomkatastrophe. Schnell lässt sich erkennen, dass nicht nur die Atomkatastrophe der Gesellschaft Probleme bereiten.

Am 19. Juli 2011 versammelten sich Bewohner der Präfektur Fukushima, um mit offiziellen Vertretern der japanischen Regierung in Kontakt zu treten. Aufgrund ihrer unsicheren Lage und der Gefahr vor Radioaktivität befragten sie die Beamten, ob die Einwohner von Fukushima das Recht genießen, vor radioaktiver Strahlung geschützt zu werden. Eine bejahende Antwort hätte genügt, um das Rückgrat des Beamtenapparats zu stärken und das Vertrauen der Öffentlichkeit zu gewinnen. Stattdessen kommt die Antwort, man wisse nicht, ob das Recht auf Gesundheit jedem Anwohner Fukushimas zusteht. Entrüstung, und eine Antwort, wie man sie nicht erwartet hätte. Die Regierung verlässt sich auf ihren Kommentar, man sei darum bemüht, die radioaktive Belastung zu reduzieren. Die Beantwortung der Frage steht damit aus, ob die Bewohner Fukushimas Unterstützung bei ihrer Flucht vor der Kontamination erfahren.

Kurze Zeit später erhebt sich ein einzelner Japaner mit einer Bitte: „Es gibt Leute in Fukushima, die evakuiert werden wollen. Bitte unterstützt sie bei der Evakuierung.“ Schweigen, gefolgt von dem Kommentar, man unterstütze keine Leute, die bereits in Sicherheit leben. Ein Schlag ins Gesicht für die Anwohner Fukushimas. Behutsam schiebt Akira Satoh als Sprecher der lokalen Atom-Notfallzentrale das Mikro von sich. Seine Antworten wirken schwach und leise, als fiele es ihm mit jedem Wort schwerer, seine Wörter zu formen. Was geht in einem Menschen vor, der zu solchen Aussagen in aller Öffentlichkeit fähig ist? Ist es seine Meinung als Bürger Japans oder die Meinung in dem fest verwebten System des Eisernen Dreiecks? Die Besprechung findet ihr abruptes Ende mit der Forderung, Urinproben auf ihre Radioaktivität zu testen. Drängend und bittend reden die Anwohner auf die Beamten ein, als diese in schnellem Tempo den Raum verlassen. Ihre Worte sind uns vertraut: „Wir sind nicht verantwortlich.“ Ein Mann versperrt den Fahrstuhl, baut sich vor den Beamten auf, die ihn kommentarlos ignorieren. Mitleid und Anteilnahme fehlt es in diesem Augenblick. Ein anderer Fahrstuhl öffnet sich. Der Beamtenapparat ordnet sich. Zwischen ihnen ein Teil der japanischen Öffentlichkeit, fassungslos, verzweifelt. Die Türen schließen sich.

„So fühlen die Leute in Fukushima“, erklärte Akira Matsu (Kômeitô) während einer Sitzung des Oberhauses am 29. September 2011. Sie berichtete von einer Anwältin, die während eines Symposiums über die Katastrophe von Fukushima über ihre Familie erzählte. Ihre vier Kinder und sie selbst wurden positiv auf Cäsium getestet. Aus Sorge wandte sie sich an die örtlichen Behörden, die sie mit der Antwort abspeisten, sie sei keinen gesundheitsgefährdenden Risiken ausgesetzt. Zufrieden hatte sie es nicht gestellt, sodass sie ihren Kindern den Rat gab, keine Milch in der Schulkantine zu trinken. Die Lehrer der Kinder teilten andere Sorgen. „Diejenigen, die keine Milch trinken, sind keine Leute aus Fukushima und auch nicht dazu berechtigt, hier zu leben!“, gaben sie ihren Schülern zu verstehen, nachdem sie sie vor die Klasse mit einem Eimer Milch vortreten ließen. „Sie werden wie Verräter im Krieg behandelt“, entrüstete sich Akira Matsu. Ihre Entrüstung kommt zu einem Tiefpunkt, als sie zu Wirtschaftsminister Yukio Edano und Chefkabinettssekretär Osamu Fujimaru blickt. Ihr Gelächter spricht Bände über die politische Situation Japans.

Während einer Tagung des Gesundheitsministeriums informiert Doktor Katsuhiko Kodama als Vorsitzender des radioisotopischen Zentrums der Universität Tokio die Beamten über die Risiken und Folgen der Atomkatastrophe von Fukushima Daiichi. Zu Beginn erläutert er die gemessenen Strahlungen im Raum Tokio und seine Besorgnis über mögliche Hot Spots und die Ungewissheit vor höheren Messwerten. Zu seiner Sorge mischt sich Ärger, da sowohl TEPCO als auch die japanische Regierung keine Unternehmungen anstellt, der Öffentlichkeit korrekte Messwerte mitzuteilen, mit denen Herr Kodama arbeiten könnte. Seine Sorge wandelt sich in Aggression. Halb schreiend, halb klagend kritisiert er die Informationspolitik von Politik und Wirtschaft. Nach eigenen Untersuchungen und Messungen konnte sein Team eine Gesamt-Kontamination feststellen, die etwa dem 30-fachen Wert der Kontamination von Hiroshima gen Ende des Zweiten Weltkrieges entspricht. Die Kontamination erreicht dabei einen Wert, der die Katastrophe von Fukushima laut Kodama bedenkenlos mit Tschernobyl vergleichen lässt.

Besorgniserregend sind auch die Werte der Radioaktivität des Niederschlags nach der Katastrophe. So wurde in der Präfektur Iwate ein Wert von 57.000 Becquerel pro Kilogramm gemessen. Ein Vergleich boten wir bereits zwei Wochen zuvor. Katsuhiko Kodama verweist auf die Gefahr, die von den radioaktiven Partikeln ausgeht, da sie durch Wind und Niederschläge große Flächen des Landes kontaminieren können. Mit seiner Position sieht er sich verantwortlich für die Aufklärung der Bevölkerung Japans und fordert die Regierung auf, die Bewohner Fukushimas zu informieren. Er stellt die Frage, welche Vorstellung die Regierung hat, für eine umfassende Dekontamination ohne die nötigen finanziellen Mittel zu sorgen. Eine Antwort ist man der Gesellschaft noch immer schuldig. Einzig ein müdes Lächeln tut sich hinter Katsuhiko zum Ende seiner Rede auf. Vielleicht ist es das Einzige, zu was Bürokratie und Politik angesichts dieser prekären Lage imstande sind.

Die Gesellschaft übt sich in Kritik – Protestsongs statt Protestmarsch

Protestbewegungen in Japan wachsen nur langsam. Nicht nur die Regierung stellt sich öffentlichen Protesten in den Weg, auch der Großteil der Japaner verspüren kaum den Drang, öffentlich den Staat zu kritisieren. Zu konservativ ist die eigene Einstellung. Die Gesellschaft steht über dem Individuum. Was zählen da einzelne Meinungen und Bekundungen gegen Atomkraft? Der Protest findet daher nicht nur auf der Straße statt. Seit Tschernobyl und Fukushima findet der Protest seine Basis in den Texten von Bands und einzelnen Musikern. In einem sind sie sich einig: Der Staat braucht Transparenz.

Der Anti-Atomkraft-Song „You can’t see it, you can’t smell it“ ist eine Kooperation des japanischen Reggae-Musikers Rankin Taxi und der Dub Ainu Band. Die Band des japanischen Musikers Oki Kano sorgt für die musikalische Unterstützung, während sich Rankin Taxi dem Text widmete. Dieser kritisiert in skurriler, fast unterhaltender Weise die japanischen Regierung. Der Song tadelt die Regierung, Atomenergie für sicher erklärt zu haben, ohne die Einwohner Japans über die Folgen ausreichend aufgeklärt zu haben. Mehrfach wird in dem Video die unsichtbare Gefahr von Atomkraft und die Auswirkungen nach der Katastrophe von Fukushima veranschaulicht.

Auch die japanische Popkultur setzt sich mit dem Thema Atomkraft und deren Risiken auseinander. Das untere Video zeigt eine Band, die durch kindliche Choreografien im japanischen Schuldmädchen-Outfit nicht auf jedermanns Geschmack stößt. Das Thema, das die fünf Mädchen aufgreifen, steht der Präsentation des Songs allerdings im krassen Gegensatz. Kritisch äußern sie sich zu der riskanten Technologie bei einem Musikgenre, dem solche Themen kaum zuzumuten sind. Mehr Informationen lassen sich bei der Textinitiative Fukushima finden.

Es folgen drei weitere Songs, deren Musiker im Westen meist unbekannt sind, der japanischen Gesellschaft jedoch einen kritischen Charakter verleihen. Protestbewegungen in Japan sind selten, da sie von der Regierung unter Druck gesetzt und stark behindert werden. Die Musiker entdecken ihre Form des Protests im Schreiben neuer Songs mit kritischem Inhalt. Durch die Aufnahme dieser Titel in ihr Programm erreichen sie bei Konzerten mehr Hörer, als auf den Straßen der Städte Japans auf taube Ohren zu stoßen. Den Songs wurde eine deutsche Übersetzung angefügt, um sich auch als Person ohne Japanisch-Kenntnisse mit dem kritischen Inhalt auseinanderzusetzen. Die Übersetzung stammt nicht von Fukushima 24/7, sondern von dem engagierten Team der „Textinitiative Fukushima“. Eine Angabe der Quelle gibt es hinter jedem Video.

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Titel: „Summer Time Blues“ von Kiyoshirô Iwamano (1988) – Übersetzung

Der heiße Sommer kommt immer näher, alle sind unterwegs ans Meer.
Als ich im menschenleeren Meer schwamm, entdeckte ich ein Atomkraftwerk.
Ich kapier es einfach nicht: Wozu bloß? Kleines Japan, das ist dein Summertime Blues.

Glühende Flammen spucken die Schlote empor, die Tôkai-Beben kommen immer näher.
Trotzdem werden es mehr und mehr, werden weiter Atomkraftwerke gebaut.
Ich kapier es einfach nicht: Für wen bloß? Kleines Japan, das ist dein Summertime Blues.

Der eisige Winter kommt immer näher.
Du verlierst in letzter Zeit auch eine Menge Haar (das ist schon echt schlimm)
Trotzdem, im Fernsehen heißt es: „Die japanischen AKWs sind sicher.“
Ich kapier es einfach nicht: Alles aus der Luft gegriffen (Wo ist der Beweis?)
Das ist der allerletzte Summertime Blues.

Wir sollten auch noch einmal die Abkürzung AKWs überdenken.
Es ist ein schlechte Angewohnheit der Japaner alles abkürzen zu müssen.
Gibt es denn den korrekten Ausdruck Atomkraftwerk nicht? (Macht euch keine Sorgen)

Ich schufte mich ab, um meine Steuern zu zahlen,
und wenn ich dann doch mal im Urlaub aufs Land fahre, stehen da schon 37 neue Meiler rum
Die Atomkraftwerke werden immer mehr. Noch ehe wir es merken, leckt es.
Wie schrecklich, dieser Summertime Blues.

Atomkraft ist überflüssig, wir brauchen sie nicht mehr, nie mehr.
Atomkraft ist überflüssig, wir brauchen und wollen sie nicht mehr.
Atomkraft braucht keiner, sie ist gefährlich und unerwünscht.
Wir brauchen, brauchen und wollen sie nicht.
Brauchen, brauchen die nicht, denn Atomkraft ist so überflüssig.
Sinnlos und gefährlich.

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Titel: „Alles nur Lügen“ von Saito Kazuyoshi – Übersetzung

Läuft man durch diese Land, sieht man 54 Atommeiler.
In den Schulbüchern und Werbung heißt es „Die sind sicher“.
Sie haben uns belogen und nannten es „unvorstellbar“.
So vertraut dieser Himmel, so juckend der schwarze Regen.
Die ganze Zeit nur gelogen. Alles gelogen die ganze Zeit
Jetzt ist es doch raus gekommen, wirklich alles nur Lügen.
Atomkraft ist sicher.

Alles gelogen die ganze Zeit. Ich möchte so gern Spinat. Wirklich alles nur Lügen.
Habt ihr eigentlich überhaupt was gemerkt? Ihr kanntet die Lage, nicht wahr?

Die Strahlung weht unaufhaltsam im Wind.
Wie viele Menschen werden schon verstrahlt sein, ehe ihr es endlich merkt?
Liebe Regierung dieses Landes, gibt es außerhalb dieser Stadt noch irgendwo gutes Wasser?
Sagt uns wo! Ach schon gut. Kein Ort mehr, an den wir fliehen können.

Alles nur Scheiße! TEPCO, HEPCO, CECPO, KEPCO
haben zwar nicht immer gepennt, aber nur Scheiße erzählt!
Trotzdem wollt ihr so weitermachen!? Das war wirklich alles nur Scheiße!
Ich will irgendwas unternehmen. Alles waren alles nur Lügen. Alles war nur Scheiße.

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Titel: „Tschernobyl“ von The Blue Hearts (1988) – Übersetzung

Irgendwer zieht eine Grenze. Der Lärm bringt alles durcheinander.
Jemand starrt mich mit aufgerissenen Augen an hoch oben vom Himmel.
Ich will nicht nach Tschernobyl.
Dieses Mädchen möchte ich in die Arme schließen.
Ist es wirklich überall dasselbe?

In der Stadt im Osten regnet es. In der Stadt im Westen regnet es.
Im Norden am Meer regnet es. Im Süden auf den Inseln regnet es.
Ich will nicht nach Tschernobyl.
Dieses Mädchen würde ich so gern küssen…
Auf diesem so winzigen Planeten.
Wem gehört die runde Erde nun?
Wem gehört die alles vernichtende Flut?

In der Stadt im Osten regnet es. In der Stadt im Westen regnet es.
Im Norden am Meer regnet es. Im Süden auf den Inseln regnet es.
Ich will nicht nach Tschernobyl.
Dieses Mädchen würde ich so gern küssen…
Auf diesem so winzigen Planeten
Wem gehört die runde Erde nun?
Wem gehört die alles vernichtende Flut?
Wem gehört der Gegenwind?
Wem gehört der schöne Morgen?
Nach Tschernobyl – ah nach Tschernobyl – ah.
Nach Tschernobyl will ich auf keinen Fall.

Atomenergie & Japan – Teil 1: Geschichte und Funktionweise von Kernkraftwerken

„Verstehen um zu Urteilen“ lautet die Devise unseres dreiteiligen Artikels, der bis zum Ende der Woche das umstrittene Thema Kernkraft in Japan analysiert. Nahezu ein Jahr ist nach der Katastrophe des 11. März 2011 vergangen. Ein Jahr, um Ereignisse und Fakten zu ordnen, Pläne zu hinterfragen und Bezug auf die Gegenwart zu nehmen. Doch um diese Schritte zu unternehmen, wollen wir die Geschehnisse rekapitulieren und ein gemeinsames Verständnis, sowie die Grundlage für weitere Diskussionen erzeugen. Der erste Teil dieses Artikels bildet daher die Grundlage: Was ist Kernkraft und worin bestehen die Risiken?

Das Atomkraftwerk bei Grohnde in Niedersachsen. Zu sehen sind die beiden typischen Merkmale eines DRW: Die beiden Kühltürme und der kuppelartige Bau, der den Reaktor birgt. (Copyright © Heinz-Josef Lücking, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Geschichte und Nutznießer der Kernkraft
Kernenergie – ein Begriff, der mit dem Atomunfall von Tschernobyl (1986) und spätestens seit der Katastrophe von Fukushima (2011) in unserer Gesellschaft heftig diskutiert wird. Risiko- und Nutzenanalysen von Experten stehen im klaren Kontrast zu den Befürchtungen potentieller Opfer, die sich im Angesicht dieser hoch riskanten Technologie nicht sicher glauben. Die Wahrscheinlichkeit eines Störfalls ist prozentual so gering, dass er gerne vernachlässigt wird. So minimal, das Akteure aus Wirtschaft und Politik das geringe Schadenspotential nur allzu gern als Vorteil verkaufen. Doch setzt der Störfall fern jeglicher Analysen und Vorausberechnungen ein, ist die Katastrophe vorprogrammiert.

Der erste Atommeiler zur Erzeugung elektrischer Energie nahm 1954 mit dem Kernkraftwerk Obninsk nahe Moskau seinen Betrieb auf. Darauf sprossen global bis hin zu den 1960ern weitere Kernkraftwerke aus dem Boden, um in das lokale Stromnetzwerk eingespeist zu werden und den Hunger der Länder nach Energie zu befriedigen. Der Ölschock von 1973 – die künstliche Teuerung des Ölpreises – übernahm die Rolle des Katalysators zum Bau weiterer Kraftwerke, um die Energieabhängigkeit der Nationen so weit wie möglich zu drosseln. Ergebnis dieses Kraftwerk-Booms war die beträchtliche Anzahl von weltweit mehr als 500 Kernkraftwerken, von denen heute laut Statistiken der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) noch über 430 in Betrieb sind. Davon sind die USA gegenwärtig die größten Nutznießer mit über 104 Kernreaktoren, während in Europa Frankreich die Spitze aktuell genutzter Kernkraftwerke (58) erklimmt und Japan vor der Katastrophe bereits die Marke von 50 nutzbaren Kraftwerken erreicht hatte.

Grafische Übersicht der weltweit geplanten Nutzung von Atomkraftwerken (2009)

Selbstverständlich finden sich Vor- und Nachteile für diese Technologie, denn ohne sie wäre eine Diskussion über Jahrzehnte gar nicht möglich. Der Leitgedanke, der Wirtschaft und Politik Hand in Hand gehen lässt, ist die rentable, kostengünstige Bereitstellung großer Massen elektrischer Energie auf verhältnismäßig kleinem Raum. All dies sind Fakten, die jedem Energiekonzern das Herz höher schlagen lässt, wenn es um die zukunftsträchtige Energieversorgung einer Nation geht. Dass ein Großteil dieser Pro-Argumente einfach widerlegt werden kann und oftmals von Beschönigungen angetrieben werden, versuchen Atomkraft-Gegner, die sich dem Umweltschutz und der Sicherheit vor katastrophalen Schäden verschrieben haben, zu beweisen. Unser Ziel soll es jedoch nicht sein, das Für- und Wider zu bewerten, sondern für die nötige Aufklärung zu sorgen. All unsere Leser, die sich mit dem Gegenargumenten näher auseinandersetzen wollen, verweisen wir daher auf das Dokument „Risiko Atomkraft“ – herausgegeben von keinem geringerem als der NGO Greenpeace.

Wirkungsweise und Arten von Kernreaktoren
Leitgedanke hinter jedem Kernkraftwerk ist die Nutzung des kontrollierten, radioaktiven Zerfalls von Atomen zur Umwandlung in thermische Energie, die wiederum durch das Zusammenspiel von Dampfturbinen und Generatoren in elektrische Energie umgewandelt wird. Hierzu werden Atomkerne gezielt durch die Hinzuführung von Neutronen angeregt, die zur Spaltung des Kerns führen. Diese Spaltung setzt neben radioaktiven Spaltprodukten enorme Energiemengen frei, die man sich durch die Kernreaktor-Technologie zunutze machen möchte. In großem Maßstab finden hierfür die sogenannten Brennstäbe Verwendung. Gefüllt mit Uran – einem Isotop mit für diese Reaktion günstigen Ausgangsbedingungen -, regen sich die einzelnen Brennstäbe untereinander durch deren Wechselwirkung und den Austausch von Neutronen an. Die erzeugte Wärmeenergie erhitzt das die Brennstäbe umgebende Wasser, das durch die hohen Temperaturen verdampft. Der Wasserdampf treibt Dampfturbinen an, die an Generatoren angeschlossen sind und der Erzeugung von Strom dienen. Das Wasser übernimmt dabei nicht nur die Rolle der Energieübertragung, sondern sorgt gleichermaßen für die nötige Kühlung des Systems.

Grafische Übersicht eines Siedewasserreaktors. (Copyright © Robert Steffens, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Um trotz der automatischen Kühlung potentiellen Störfällen vorzubeugen, wurde in allen Kernkraftwerke eine Vielzahl von Sicherungsmaßnahmen integriert. Diese wirken direkt auf die Neutronenaktivität ein und versuchen sie einzudämmen, sodass die Wechselwirkung der Brennstäbe zum Erliegen kommt. Bekannte Mittel sind etwa das Hinzufügen von Borsäure in das Kühlwasser oder das automatische Einfahren der sogenannten Steuerstäbe zwischen die Brennstäbe. Das eigentliche Risiko besteht darin, dass trotz der Unterbrechung der Kettenreaktion die Brennstäbe weiterhin Energie und damit Wärme produzieren. Eine kontinuierliche Kühlung ist deshalb unverzichtbar. Die Anfälligkeit eines Kernreaktors erklärt sich daher, dass für eine unablässige Kühlung Energie bereitstehen muss, um die Pumpen des Kühlsystems anzutreiben. Setzt die Kühlung aus, erhitzen sich die Brennstäbe auf eine derart hohe Temperatur, dass die Kühlflüssigkeit verdampft, sich das radioaktive Material regelrecht durch die Außenwände frisst und in Kontakt mit der Systemumwelt kommt. Es entsteht eine Kernschmelze, dicht gefolgt von dem gefürchteten „größten anzunehmenden Unfall“ (GAU), der sich durch die Überschreitung der angenommenen Folgen zum Super-GAU entwickeln kann. Die Katastrophe ist vorprogrammiert.

Angesichts der verfügbaren Technologien von Atomkraftwerken unterscheidet man in Leicht- und Schwerwasserreaktoren, Graphitreaktoren, Brutreaktoren und diverse Sondertypen. Jede Art birgt seine eigenen Vor- und Nachteile im Risiko eines Störfalls und der effizienten Nutzung des Spaltmaterials. Da für unsere Betrachtung nur Leichtwasserreaktoren in Frage kommen und dieser Typ die Mehrheit heutiger Kernkraftwerke ausmacht, gehen wir auf die übrigen Reaktortypen nicht weiter ein. Eine Übersicht ist bei Wikipedia zu finden.

Eine Wasserdampfturbine in Originalgröße, wie sie im Kühlsystem von Kernreaktoren Verwendung findet. (Copyright © Wittkowsky, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Der Leichtwasserreaktor trägt seinen Namen durch die Nutzung von normalem, leichtem Wasser, das in das Kühlsystem des Reaktors eingespeist wird. Dies macht die Nutzung von angereichertem Uran zur Förderung der Kernspaltung notwendig. Hierzu zählen der Siedewasserreaktor (SWR), als auch der Druckwasserreaktor (DWR). Der DWR wird bei den heutigen in Betrieb stehenden Reaktoren am häufigsten verwendet. In Europa und besonders Deutschland und Frankreich wurde er fast ausschließlich gebaut, während Japan von der SWR-Technologie profitieren möchte.

Der wichtigste Unterschied beider Reaktortypen besteht in der Wirkungsweise des Kühlsystems. Während beim Siedewasserreaktor das Wasser zum Antreiben der Turbinen mit den Brennstäben in Kontakt kommt und unter anderem die Reinigung der Turbinen erschwert, verfügt der Druckwasserreaktor über mehrere Wasserkreisläufe. Das durch die Brennstäbe erhitzte Wasser sorgt für die Erhitzung eines zweiten Wasserkreislaufs, der für das Antreiben der Turbinen genutzt wird. Somit wird der Kreislauf des mit Spaltprodukten belasteten Wassers klein gehalten, ohne durch das gesamte System zu strömen.

Ein weiterer Nachteil der Siedewasserreaktoren ist der Verbau der Steuerstäbe. Diese sitzen technisch bedingt zumeist am Boden des Reaktors und müssen bei einem Störfall durch Energiezufuhr zwischen die Brennstäbe geschoben werden. Bei einem Druckwasserreaktor wurde das Problem auf die Weise gelöst, dass die Steuerstäbe während des normalen Betriebsablaufs elektronisch über den Brennstäben arretiert sind. Kommt es zu einem Ausfall der Energieversorgung, unterbricht der Stromkreis und die Steuerstäbe fallen automatisch zwischen die Brennstäbe. Eine Weiterentwicklung des DWR stellt der Europäische Druckwasserreaktor (EWR) dar. Dieser ähnelt dem gängigen DWR, wurde jedoch auf die Gefahr einer Kernschmelze hin mit zusätzlichen Sicherungsmaßnahmen wie der Integrierung einer Auffangwanne ausgestattet.

Die grafische Darstellung eines Druckwasserreaktors mit getrennten Wasserkreisläufen. (Copyright © San Jose, Lizenz: CC BY 3.0)

Mit dieser Erläuterung von Kernreaktoren hoffen wir, die nötige Basis geschaffen zu haben, um uns dem zweiten Teil unseres Artikels zu widmen: Ursache und Ablauf der Katastrophe von Fukushima Daiichi. Sollten Sie uns auf bestimmte Themen hinweisen wollen, bei unseren Ausführungen einen Fehler bemerkt oder gewisse Zusammenhänge näher erklärt haben, so stehen wir Ihnen unter fukushima247@googlemail.com gerne zur Verfügung. Alternativ können Sie auch ein Kommentar hinterlassen.

Quellen: IEAE | physikblog.eu