Umfrage zur Wahrnehmung der Katastrophe von Fukushima

Sehr geehrte Leserinnen und Leser, ich möchte Ihnen bereits an dieser Stelle für Ihr Engagement danken, das Sie mit dem Aufruf dieser Seite zeigen.

Die folgende Umfrage dient dem Zweck, das Interesse der Umfrageteilnehmer an dem Atomunglück von Fukushima zu ermitteln, zu hinterfragen, ob die Katastrophe in Deutschland noch immer ein Gesprächsgegenstand ist und ob sich die Haltung gegenüber einem Aufenthalt in Japan, anderthalb Jahre nach der Katastrophe, geändert hat. Zu den Befragten zählen größtenteils Studenten der Japanologien in Deutschland. Dennoch sind sämtliche Leser dieses Blogs dazu eingeladen, an der Umfrage teilzunehmen.

Verantwortlich für die Durchführung und Auswertung der Umfrage ist der Inhaber des Blogs „Fukushima 24/7“. Die Umfrage verfolgt, wie der Blog selbst, keinen kommerziellen Zweck. Das Ergebnis der Umfrage wird zeitnah auf diesem Blog veröffentlicht und sieht von der Veröffentlichung von Einzelergebnissen ab, um Ihre Anonymität zu gewähren. Falls Sie sich dennoch bei bestimmten Fragen in ihrer Privatsphäre verletzt fühlen, können Sie diese unbeantwortet lassen.

Die Umfrage beinhaltet 18 Fragen, deren Beantwortung maximal fünf Minuten in Anspruch nimmt. Außer bei den ersten drei Fragen zu Ihrer Person sind die Antwortmöglichkeiten vorgegeben. Bitte wählen Sie die für Sie passenden Antworten aus und streichen Sie die nicht zutreffenden.

Zur Auswertung bitte ich Sie, Ihre Antworten inkl. der zugehörigen Fragen an die Mail-Adresse fukushima247@googlemail.com zu schicken. Bei Rückfragen und Problemen wenden Sie sich bitte an dieselbe Mail-Adresse.

Der Einsendeschluss ist der 30. September 2012.

Das zerstörte Reaktorgebäude 3 des AKWs Fukushima Daiichi. (flickr/IAEA)

  1. Geschlecht
  2. Alter
  3. Nationalität
  4. Wie informieren Sie sich über die aktuelle Lage der Atompolitik Japans? [Mehrfachantworten möglich]
  5. Zeitung, Radio und/oder Fernsehen inkl. Internetauftritt | Blogs | Öffentliche Ämter (Verbraucherzentrale) | NGOs (Greenpeace) | Fachbücher | Freunde und Verwandte | Ich informiere mich nicht.

  6. Die Nuklearkatastrophe von Fukushima ist in meinem Umfeld noch immer ein Gesprächsthema.
  7. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  8. Trotz des Reaktorunglücks von Fukushima kommt für mich eine Reise nach Japan in Frage.
  9. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  10. Im Falle eines Aufenthalts in Japan meide ich die Metropole Tokio aufgrund deren Nähe zum Atomkraftwerk Fukushima.
  11. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  12. Im Falle eines Aufenthalts in Japan warnen mich Freunde und Familie vor den gesundheitlichen Risiken.
  13. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  14. Im Falle eines Aufenthalts in Japan achte ich beim Einkauf auf die Herkunft der Lebensmittel.
  15. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  16. Das gesundheitliche Risiko eines Aufenthalts in Japan ist heute genauso niedrig, wie vor dem Unglück von Fukushima.
  17. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  18. Der Umgang mit Atomkraft durch Vertreter aus Politik und Wirtschaft ist in Deutschland sicherer als in Japan.
  19. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  20. Die Informationen der Regierung und Medien Japans zur eigenen Atompolitik sind zuverlässig.
  21. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  22. Die Gefahr einer radioaktiven Kontamination in Japan besteht auch außerhalb der Sperrzone um das Kraftwerksgelände von Fukushima.
  23. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  24. Ich bin zuversichtlich, dass von dem Kraftwerk Fukushima Daiichi keine Gefahr mehr ausgeht.
  25. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  26. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft Japans aufgrund des Unglücks von Fukushima.
  27. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  28. Die Katastrophe von Fukushima war verheerender, als der Unfall von Tschernobyl.
  29. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  30. Aufgrund des Reaktorunglücks von Tschernobyl achte ich beim Kauf von Lebensmitteln in Deutschland auf deren Herkunft.
  31. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  32. Von Stör- und Unfällen, wie wir sie von Tschernobyl und Fukushima kennengelernt haben, sind deutsche Kernkraftwerke nicht betroffen.
  33. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

      Ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme und die Zeit, die Sie für die Beantwortung der Fragen investiert haben. Bei Anregungen und Kommentaren können Sie diese an die genannte Mail-Adresse (fukushima247@googlemail.com) schicken.

TEPCO erwägt die Wiederinbetriebnahme der Fukushima-Reaktoren

Die Arbeiten an den beschädigten Reaktoren von Fukushima I und II gehen weiter voran. Während die Reaktoren von Fukushima Daiichi gesichert werden, ging die Öffentlichkeit noch 2011 davon aus, dass auch Fukushima Daini aufgegeben wird. Der Rückbau des Meilers wurde trotz seiner verhältnismäßig geringen Beschädigung auch vom Gouverneur der Präfektur Fukushima begrüßt. „[…] die Präfektur Fukushima will sich von der Atomkraft verabschieden: Mit Rücksicht auf die Betroffenen setzt sich der Gouverneur für den Rückbau aller zehn Reaktoren in den Komplexen Daiichi und Daini ein“, schrieb Japanmarkt noch im Dezember. Kurze Zeit später wurde Fukushima II erstmals den Medien zugänglich gemacht, sodass sich die Öffentlichkeit am 8. Februar 2012 selbst ein Bild von den Bauarbeiten am Kraftwerk machen konnte. Nach weiteren Monaten entschied sich TEPCO allerdings, den Meiler wieder instand zu setzen.

Der Hauptsitz TEPCOs in Tokio, aufgenommen im April 2007. (Copyright © PON, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Bis zum Frühjahr 2013 sollen die Reparaturarbeiten inmitten der Sperrzone andauern, um das Kraftwerk gegebenenfalls an das Stromnetz anzuspeisen. Die vier Reaktoren des Kraftwerks liegen 12 Kilometer südlich von Fukushima Daiichi und wurden 1982 in Betrieb genommen. Grund genug für TEPCO, das Kraftwerk wieder in Betrieb zu nehmen, um die zwei Milliarden Euro Restwert nicht ungenutzt zu lassen. Das japanische Wirtschaftsministerium begrüßt den Vorschlag, ohne die hohen Rückbaukosten aus dem Auge zu verlieren, obwohl die Lokalregierung der Präfektur Fukushima sich Monate zuvor für die Stilllegung aussprach. Im Wiederaufbau-Plan der Präfektur ist bereits von einem Abbau der Kraftwerke die Rede.

Trotz der möglichen Wiederinbetriebnahme beabsichtigt TEPCO, die Strompreise zu erhöhen. Seine Begründung findet der Konzern in den hohen Unterhaltskosten des Meilers, die jährlich bis zu 900 Millionen Euro verschlingen. In die Kosten werden auch die Reaktoren 5 und 6 von Fukushima Daiichi einbezogen, die während der Katastrophe aufgrund ihrer Abgeschiedenheit zu den Reaktoren 1 bis 4 wenig Schaden nahmen. Ein Neustart dieser Reaktoren könnte im Angesicht der massiven Protestbewegungen eine Herausforderung für den Kraftwerksbetreiber werden. Dieser gibt sich bisher recht unentschlossen. „Über das Schicksal der Anlage in Daini sei noch nicht entschieden, erklärte Tepco-Präsident Naomi Hirose in dieser Woche.
Dafür werde man ’nationale und lokale Meinungen hören‘, zitiert ihn Japanmarkt und verweist auf ein anderes Motiv TEPCOs. Noch steht das weltweit leistungsfähigste Kraftwerk Kashiwazaki-Kariwa außer Betrieb, doch mit den beiden Fukushima-Kraftwerken als bittere Alternative, ist die Wiederinbetriebnahme des Komplexes in der Präfektur Niigata umso wahrscheinlicher.

Das Atomkraftwerk Fukushima Daini, aufgenommen im Mai 2009. (Copyright © KEI, Lizenz: CC BY 3.0)

Das Kraftwerk Fukushima II wurde ebenfalls von den beiden Naturkatastrophen überrascht und hatte Mühe, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Zwar spricht die japanische Atomaufsichtsbehörde (NISA) in beschönigenden Worten von keinerlei beunruhigenden Schäden, doch konnte eine weitere Kernschmelze nur durch Glück überwunden werden. Eine einzige funktionierende Stromquelle hatte damals verhindert, dass der Meiler dasselbe Schicksal wie Fukushima I teilt. Die Arbeiten an Fukushima II nehmen momentan auch ohne der Gewissheit ihren Lauf, dass das Kraftwerk jemals wieder in Betrieb genommen wird. Bis die Entscheidung fällt, bleibt der Schutzanzug der Arbeiter weiterhin Routine, denn trotz seiner geringen radioaktiven Strahlung befindet sich das Kraftwerk innerhalb der Sperrzone.

Quellen und weiterer Lesestoff:

Gefährdung durch Lebensmittel? – Wie Japan sein Image aufpoliert

Wie sicher sind japanische Lebensmittel? Es ist eine Frage, die sich die Menschen nach der Katastrophe von Fukushima nicht nur in Japan, sondern auch auf der anderen Seite der Erdkugel stellen. Durch den globalen Handel haben es kontaminierte Produkte leicht, die Grenzen Japans zu überwinden. In Deutschland wurden die Bürger schon am Tag der Katastrophe misstrauisch gegen alle Produkte, deren Herkunftsland Japan war. Doch Deutschland ist keine Ausnahme. Auch wenn Japans Behörden aufgrund ihrer späten und unzureichenden Informationen in Verruf geraten sind, schaut zumindest die heimische Bevölkerung nicht weg.

Japanische Lebensmittel auf dem Prüfstand. Die Unsicherheit beim Kauf heimischer Produkte.

Seit März 2011 lässt sich von zwei Gruppen in Japan sprechen: Die eine, die vor jeglichen Gütern aus Fukushima warnt und die Informationspflicht der Regierung übernimmt, und die andere, die aus Angst vor dem wirtschaftlichen Aus den Verzehr von Produkten aus der Grenzregion Fukushima propagiert. Die Katastrophe des Unglücksmeilers stellt die japanischen Bauern vor ungeahnte Schwierigkeiten. Kein Mensch kommt auf den Gedanken, Produkte aus Fukushima zu erwerben oder gar zu verzehren. Selbst Landwirte, deren Besitzungen bis zu 100 Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt liegen, haben mit mangelndem Absatz zu rechnen. Von dem Ackerland unmittelbar neben der Sperrzone ganz zu schweigen. Die Atomkatastrophe sorgt damit für einen wirtschaftlichen Schaden, der Japan noch über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, begleiten wird. Viel zu oberflächlich wäre eine bloße Konzentration der Regierung auf Dekontamination und Wiederaufbau von Sperrzone, Atommeiler und den von Tsunami und Erdbeben verwüsteten Regionen. Über diesem materiellen Wert steht das Vertrauen der Bevölkerung in die heimischen Produkte.

Zwischen diesen Gruppen steht der gemeine japanische Bürger, der im Supermarkt vor den Regalen verweilt und nach den Lebensmittelskandalen vom Sommer 2011 über die eigene Gesundheit besorgt ist. Denn nicht ohne Grunde sprossen Eigeninitiativen aus dem Boden, als kontaminierte Lebensmittel in Märkten und Kantinen entdeckt wurden. Eine dieser Initiativen ist etwa die des Japaners Motohiro Takamatsu. Aus Sorge um seine Töchter erwarb er ein deutsches Strahlenmessgerät. „Daraus entstand schliesslich eine Geschäftsidee. Im Bekumiru-Komplex beim Bahnhof Kashiwa hat Takamatsu seit kurzem ein Büro eröffnet, in dem Privatpersonen und Unternehmen selbständig ihre Lebensmittel auf Strahlung messen können“, schreibt Asienspiegel. Für bedeutend weniger Geld als bei offiziellen Stellen zur Prüfung von Lebensmitteln, verschafft Takamatsu die Sicherheit, um der Normalität eines Einkaufs in Japan ein gutes Stück näherzukommen.

Eine weitere Initiative startete der Politiker Yasuhiko Furuya, der im obigen Video über Lautsprecher seine Mitbürger warnt. Jede Woche steht er auf der Straße und mahnt sein Umfeld zur Vorsicht beim Lebensmittelkauf. Auch er fand sein Engagement zur Aufklärung durch die Sorge um die eigenen Kinder. Beim Lebensmittelskandal im Sommer 2011, als kontaminiertes Fleisch in Schulkantinen bedenkenlos verteilt wurde, waren seine drei Söhne ein kleiner Teil der mehr als 84.000 Schüler aus Yokohama. „Viele Eltern regen sich auf. Wir alle können nicht verstehen, wie verseuchte Nahrung überhaupt in den Handel gelangen kann. Wir dachten, hier in der Schule wären unsere Kinder sicher. Und genau dort serviert man ihnen verstrahltes Essen. Mir macht das Angst“, kommentiert Furuya seine bittere Erfahrung mit den japanischen Behörden. Denn diese scheinen als letztes zu schalten, wenn es um die Sicherheit der Bevölkerung geht.

Kontaminiert wurde das Fleisch durch Futter aus Fukushima. Japan ist ein Negativ-Beispiel für weite Ackerflächen und riesige Weideflächen. Zwei Drittel des Landes wird vom Gebirge beansprucht, sodass sich auf 20 Prozent der Landmasse Industrie, Menschen und Landwirtschaft ihren Platz teilen müssen. Bei diesen Bedingungen ist es ein tragisches Schicksal, wenn die begrenzten Flächen für die Landwirtschaft nun kontaminiert sind. Das Liefer- und Ausfuhrverbot von Lebensmitteln und Stroh aus Fukushima bedeutete das finanzielle Desaster für die Farmer, auch wenn die Entfernung zwischen Ackerfläche und Atommeiler Dutzende Kilometer beträgt.

Importierte Lebensmittel aus Japan. (flickr/ Jean-François Chénier)

Monate nach dem Verbot zeichnet sich ein anderes Bild ab. Regierung und Behörden sprechen sich momentan für die Sicherheit von Waren aus Fukushima aus und betreiben aufwendige Werbe- und Image-Maßnahmen, um den wirtschaftlich brach liegenden Regionen von Fukushima neues Wachstum zu verleihen. Das Ziel des japanischen Außenministeriums ist es unterdessen, die internationalen Einfuhr-Beschränkungen von Lebensmitteln zu lockern, nachdem der Griff nach japanischen Lebensmitteln weltweit gleich drei Mal überdacht wurde. Die richtige Richtung schlägt die Regierung seit April 2012 mit der Verschärfung der Grenzwerte für Grundnahrungsmittel ein, auch wenn diese nur für Konsumenten im Inland gelten. Von zulässigen 500 Becquerel wurde die Radioaktivität auf 100, Babynahrung auf 50 Becquerel pro Kilogramm gesenkt. Der Grenzwert von Wasser wurde sogar um 95 Prozent gemindert. Mit den neuen Auflagen zählt Japan aktuell zu den Ländern mit den strengsten Grenzwerten. „In den USA sind 1.200 Becquerel aus Cäsium pro Kilogramm erlaubt. Die EU schreibt bei einem Atomunfall maximal 1.000 Becquerel pro Kilogramm an Cäsium vor. Nach Ansicht von Wissenschaftlern sind diese Strahlenmengen gesundheitlich unbedenklich“, schreibt Japanmarkt.

Die EU übernahm die Grenzwerte für Importwaren aus Japan. Allerdings sind von dieser Verschärfung getrocknete Teeblätter, Reis und Sojabohnen und deren Erzeugnisse ausgeschlossen. Hier gelten nach wie vor die alten Grenzwerte. Es scheint, als befinde sich in Sachen Lebensmittelkontrolle nicht mehr die japanische Regierung, sondern die Europäische Union im Kreuzfeuer der Kritik. Denn die Verbraucherzentrale Hamburg schreibt: „Auch für Lebensmittel aus anderen Regionen, z.B. aus der Region rund um Tschernobyl, gelten weiterhin die alten Werte von 600 Becquerel, um in der Europäischen Union in den Handel zu gelangen. Selbst in der Ukraine und in Weissrussland gelten strengere Grenzwerte als in der EU. Das ‚Grenzwert-Chaos‘ wird von den Verbraucherzentralen bemängelt; verbraucherfreundlicher wäre das Absenken aller gültigen Grenzwerte auf das neue Niveau für japanische Lebensmittel.“ Japan wird zum weltweiten Vorbild radioaktiver Grenzwertkontrollen. Es ist der erste erfolgreiche Schritt, das Image des Landes aufzupolieren.

Japanischer Lebensmittelmarkt in Sendai. (AFP)

Ein anderer Fall, die japanische Fisch-Industrie. Während der Katastrophe wurde, ob bewusst oder ungewollt, kontaminiertes Kühlwasser in das Meer abgelassen. Die Auswirkungen spüren wir erst in den folgenden Jahren und Jahrzehnten, doch könnten sie immens sein. Erhöhte Strahlenwerte in der Küstenregion um Fukushima wurden bereits zuhauf gemessen, die sich selbst auf die südliche Küstenregion der Präfektur Ibaraki ausgeweitet haben. Ungewohnt früh reagierte die Regierung und verhängte bereits im März 2011 ein Fangverbot für diese Regionen. Vorzeitige Entwarnung gab es allerdings bei den übrigen Regionen. Im Januar 2012 wurden über 5000 Fische dieser Gebiete auf ihre Radioaktivität getestet, kein einziger überstieg die Grenzwerte. Selbst Wanderfische wie der Thunfisch, der die Küstenregion um Fukushima durchwandert, zeigte keine beunruhigenden Werte, sofern den Angaben zu trauen ist. Laut Asienspiegel könnten die Fische südlich von Tokio bedenkenlos verzehrt werden, da durch die Strömungsverhältnisse kontaminiertes Wasser aus Fukushima maximal bis zur Präfektur Chiba gelangt, bevor es in Richtung Pazifik abdriftet. Ohne ein Fangverbot an der Küste Chibas bleibt trotz aller Entwarnungen zu hoffen, dass diese Lücke keine weiteren Lebensmittelskandale zu Tage fördern.

Quellen und weiterer Lesestoff:

Suzuki Tomohiko – Auf der Spur der kriminellen Ader Japans

Monate nach der Katastrophe von Fukushima nahm das Interesse der japanischen Medien an der Atompolitik des eigenes Landes rapide ab. Politik, Wirtschaft und Medien waren sich einig: Der Ausnahmezustand wurde aufgehoben, da der Zustand der zerstörten Meiler wieder stabil sei. Die Information, dass die Folgen der Nuklearkatastrophe ihren Lauf nehmen, dringt nur schwach an die Öffentlichkeit. Die Gesellschaft hört weg, wenn es um Schlampereien des Kraftwerksbetreibers TEPCO geht. Erst recht, wenn sich eine Organisation der Probleme annimmt, die für ihre Mafia-ähnliche Organisationsform und kriminellen Methoden bekannt ist.

Ein Sattelitenbild des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi nach dem Großbeben im März 2011. (Getty Images)

Gemeint ist die Yakuza, eine kriminelle Organisation, die in westlichen Medien oft als „japanische Mafia“ bezeichnet wird. Ihre Entstehung geht in die Vormoderne Japans zurück. Da seit 1993 das japanische Gesetz die Zugehörigkeit zu einer kriminellen Organisation unter Strafe stellt, agieren ihre Mitglieder zunehmend im Untergrund, was ihren Einfluss auf Politik und Finanzmärkte nicht mindert. Zu ihren Geschäften zählen Prostitution, Menschen- und Drogenhandel, Glücksspiel und Schutzgelderpressung. Neu ist hingegen die Vermittlung von Arbeitskräften, zumeist Ausländer ohne Aufenthaltserlaubnis. Es ist die Verbindung der Yakuza zur Atomindustrie Japans, denn wer würde die Bereitstellung von Arbeitskräften für derart gefährliche Aufgaben in einem zerstörten Atomkraftwerk übernehmen, wenn nicht eine kriminelle Organisation?

Im Dezember 2011 veröffentlichte der Autor und Journalist Suzuki Tomohiko sein Buch „Yakuza to genpatsu. Fukushima Dai’ichi sen’nyûki [Die japanische Mafia und die Atomindustrie. Geheime Reportage über den Meiler Fukushima I]“ und gab der Öffentlichkeit erstmals einen Einblick in die Machenschaften der Yakuza im Schatten der Atomindustrie Japans. Seine Informationen gewann er aus erster Hand, denn als investigativer Journalist, getarnt als Leiharbeiter, schleußte er sich im Sommer 2011 für mehrere Wochen in Fukushima ein. Seine Entdeckungen reichten von unverantwortlichen Sparmaßnahmen TEPCOs, bis hin zur bewusst unterlassenen Gefahrenaufklärung der Leiharbeiter. Seine Aufmerksamkeit galt allerdings der Beziehung von AKW-Betreiber und Yakuza, die stetig nach Arbeitskräften für eine Tätigkeit Ausschau hielten, die bewusst niemand freiwillig übernehmen möchte.

Freier Autor und Journalist Suzuki Tomohiko bei der Präsentation seines Buches. (AFP)

Mit Minikamera im Armbanduhr-Format betrat er eine Welt, die ihm durch frühere Recherchen schon vertraut ist. Die Yakuza ist sein Spezialgebiet, seine einzige Beziehung. Denn Frau und Kinder hat er nicht. Mit einer Familie könnte er dieser Tätigkeit nicht nachgehen. Zu groß wäre das Risiko für die eigenen Angehörigen. „Suzukis Recherche, die die erste sein dürfte, die den aktuellen Abläufen im AKW Fukushima I dergestalt nahe gekommen ist, will zeigen, dass das Atomgeschäft letztlich eine schmutzige Angelegenheit darstellt, getragen von zahlreichen Akteuren und Profiteuren – die letzten Glieder in der Kette bilden die „Wegwerfarbeiter“ oder „Atomzigeuner“. Der Cold Shutdown kann aus diesem Blickwinkel eventuell nur als Versuch der Regierung gelten, sich zu rehabilitieren und zur Tagesordnung überzugehen. Der Wiederaufbau in Fukushima, so vermittelt uns Suzuki, ist aber gerade erst am Anfang“, kommentiert Lisette Gebhardt von der Japanologie Frankfurt auf der Seite der „Textinitiative Fukushima“.

Laut Suzuki, der schon öfters Berichte über die Yakuza an japanische Medien sendete, seien die Kriminellen schon vor dem Unglück von 2011 keine Unbekannten in Fukushima und der Atomindustrie gewesen. Gerade durch die Katastrophe ist ihr Einfluss mit der Beschaffung von Arbeitskräften für die AKW-Betreiber noch mehr gewachsen. „Es wird gemunkelt, dass die Yakuza-Mitglieder, die vor dem Unfall gewöhnliche Fahrzeugen fuhren, nun mit noblen Autos unterwegs sind“, berichtet er. Zur Zeit seiner Recherche als Leiharbeiter in Fukushima war es für die Arbeiter nicht unüblich, ihre Strahlenmessgeräte zu manipulieren. Da Regierung und TEPCO verkündet hatten, alles stehe wieder unter ihrer Kontrolle, wurde der Lohn für die Arbeiter stark gekürzt. Um trotz der hohen Strahlung nicht ausgetauscht zu werden, gingen manche Arbeiter sogar soweit, indem sie die Dosiermeter bewusst falsch bedienten oder in ihre Socken steckten, um die Messwerte auf einem möglichsten geringem Niveau zu halten.

Das Cover von Suzuki Tomohikos Buch „Yakuza to Genpatsu“. (Bungei Shunju)

Im Zentrum der Korruption von Atomwirtschaft und Politik steht die japanische Mafia. Suzuki weiß, dass die Beteiligung der Yakuza an der Atomindustrie für westliche Leser unverständlich ist und ihre Mitglieder sogar ihr eigenes Leben im Falle eines nuklearen Unfalls riskieren. Doch Suzuki weiß durch seine langjährigen Recherchen auch, dass die Yakuza tief in der japanischen Gesellschaft verwurzelt sind. Tatsächlich waren die Mitglieder dieser Organisation eine der ersten Helfer nach dem Beben, unterstützten die Anwohner mit Lebensmitteln und Lieferungen und kontrollierten die Straßen, um Plünderungen vorzubeugen. Die Existenz der Yakuza ist auch für die Regierung Japans kein Geheimnis. Die Organisation verfolgt ihre eigenen Interessen und kümmert sich um die Art von schmutzigen Geschäften, die keine Behörde, keine Gruppe und keine Einzelperson in Japan sonst nachgehen würde. Damit füllt sie eine Lücke in Japan, die sich zwar im Grenzbereich des Legalen und darüber hinaus bewegt, für das japanische System aber eine Rolle übernimmt, die womöglich nicht mehr wegzudenken ist.

Suzuki erinnert sich an ein Gespräch: „Ein ehemaliger Yakuza-Boss erzählte mir, dass seine ‚Gruppe‘ schon immer in der Rekrutierung von Arbeitern für die Atomindustrie involviert war. ‚Es ist dreckige, gefährliche Arbeit und die einzigen Personen, die es machen wollen, sind obdachlos, Yakuza oder Leute, die so hoch verschuldet sind, dass sie keinen anderen Ausweg sehen, als es in dieser Form abzubezahlen.'“ Für Suzuki liegt die Inkaufnahme des Todes durch radioaktive Verstrahlung darin begründet, dass die Mehrheit der Arbeiter keine Kenntnisse über Radioaktivität besitzen. Für sie ist es ein gesundheitlicher Schaden, der sich vielleicht in zehn Jahren bemerkbar machen könnte. Damit ist es ein Risiko, dass die Arbeiter bereit sind, einzugehen, anstatt von dem kriminellen Netzwerk verschluckt zu werden.

Dass die Arbeiten im Unglücksmeiler alles andere als ungefährlich sind, wissen auch die Arbeiter. Einer erzählt, er wurde mit dem Hinweis zum Weiterarbeiten bewogen, dass sich eine Yakuza-Gruppe in der Umgebung befindet, als er versucht hatte, die Arbeit frühzeitig zu beenden. Dass Betreiber TEPCO nichts von diesen Machenschaften weiß, bezweifelt er. Und in der Tat stimmten ehemalige Manager, Arbeiter und Polizeibeamten TEPCOs zu, das Unternehmen wisse, dass es mit der Yakuza zusammenarbeitet. Nur kümmern tut es den Konzern nicht.

Quellen und weiterer Lesestoff:

Wichtige Begriffe – Die Zusammenfassung als Grundverständnis

Nach nunmehr 17 Artikeln zur Atompolitik Japans und den Folgen der Dreifachkatastrophe möchten wir mit diesem Artikel eine Basis schaffen, die es unseren Lesern ermöglicht, leichteren Zugang zu vergangenen und künftigen Artikeln auf Fukushima 24/7 zu erhalten. Als überschaubare Zusammenfassung gedacht, thematisiert der Artikel Akteure, Organisationen, Regionen und andere Begriffe, die dem Grundverständnis für diese Thematik dienen. Die Zusammenfassung ist ab sofort innerhalb des oberen Reiters „Wichtige Begriffe“ zu finden und wird von Zeit zu Zeit mit weiteren Begriffen aktualisiert.

Akteure

  • Naoto Kan – Vom vierten Juni 2010 bis zum zweiten November 2011 begleitete er das Amt des Premierministers und war Mitbegründer der Demokratischen Partei (DPJ) von Japan. Während der Katastrophe richtete er einen Krisenstab ein, dessen Führung und Organisation er übernahm. Vor seinem Rücktritt widmete er sich dem Krisenmanagement, Wiederaufbaumaßnahmen und verabschiedete ein Gesetz für erneuerbare Energien.
  • Yoshihiko Noda – Seit dem 2. September übernahm er das Amt des Premierministers und stellte sich damit der Aufgabe des Wiederaufbaus Japans. Einer ähnlichen Intention Naoto Kans folgend, begrüßt auch er den Ausbau erneuerbarer Energien, auch wenn seine Stimme nicht ausreicht, Japan zum Austritt aus der Atompolitik zu bewegen. Seit 1998 identifiziert er sich mit der Demokratischen Partei (DPJ).
  • Masataka Shimizu – Als Präsident TEPCOs wurde ihm die größte Verantwortung zur momentanen Situation Japans aufgeladen. Durch mangelnde Transparenz, drastische Sparmaßnahmen und der Vernachlässigung von Sicherheitsvorkehrungen der Kernkraftwerke TEPCOs schrieben ihn Medien und Gesellschaft die Schuld an der Atomkatastrophe zu. Sein einmonatiges Verschwinden aus der Öffentlichkeit nach dem 11. März sorgte für große Entrüstung bei dem japanischen Volk. Am 20. Mai 2011 trat er von seinem Amt als Präsident des Unternehmens zurück. –> Weitere Informationen

Naoto Kan als Premierminister Japans während des G20-Gipfels von 2010.

Organisationen und Unternehmen

  • TEPCO – Die Tokyo Electric Power Company (TEPCO) ist ein Energiekonzern Japans, zu dessen Einzugsbereich der Großraum Tokio zählt. Im Jahr 1951 entsprang das Unternehmen aus der Privatisierung zuvor verstaatlichter Betriebe. Weltweit zählte TEPCO zu den wirtschaftlich stärksten Unternehmen und befasst sich neben Kernreaktoren auch mit anderen Energieformen wie Wasser- und Windkraft oder Verbrennungskraftwerken. Zu dem Unternehmen gehören die Kraftwerke Fukushima I und Fukushima II, sowie das leistungsstärkste Kernkraftwerk der Welt: Kashiwazaki-Kariwa. Bereits im 20. Jahrhundert mehrten sich kritische Vorfälle, die aufgrund mangelnder Transparenz des Energiekonzerns nicht an die Öffentlichkeit drangen. Erst innerhalb der letzten Jahre und Jahrzehnte wurden vermehrt Dokumente aufgedeckt, die von einer korrupten und risikofreudigen Arbeitsweise des Unternehmens zeugen. Weitere Informationen.
  • IAEO – Die Internationale Atomenergie-Organisation ist eine autonome Organisation und kooperiert mit den Vereinten Nationen (UN). Sie liefert dem Sicherheitsrat und der Generalversammlung der UN Informationen, sofern internationale Gesetze zur atomaren Sicherheit gefährdet sind. Laut eigenem Verständnis sieht die IAEO ihre Aufgabe darin, den Beitrag der Kernenergie zu Frieden, Gesundheit und Wohlstand weltweit zu beschleunigen und zu vergrößern. Die Organisation versucht zwar die militärische Nutzung von atomaren Technologien zu unterbinden, versucht allerdings die Anwendung radioaktiver Stoffe zu verbreiten. Während der Atomkatastrophe in Fukushima stellte sie ein Expertenteam zusammen, um den Schaden der Kontamination einzuschätzen. Durch undurchsichtige Messwerte und beschönigende Analysen zu den gesundheitlichen Risiken der Katastrophe, wurde die IAEO stark kritisiert.
  • NISA – Die Aufgabe der Japanischen Atomaufsichtsbehörde ist es, als Behörde die Sicherheit der japanischen Bevölkerung vor atomaren Risiken zu gewährleisten. Eng mit dem bürokratischen Geflecht Japans verbunden und unterstützt von der Japanischen Nuklearenergiesicherheits-Organisation (JNES), stößt auch die NISA auf Kritik hinsichtlich beschönigender Analysen zu atomaren Risiken.

Das Atomkraftwerk Fukushima I. Im Vordergrund der Reaktorblock 1. (Copyright © Kawamoto Takuo, Lizenz: CC BY 2.0)

Städte und Regionen

  • Fukushima – Fukushima ist der Name einer Präfektur in Japan, die sich auf der Hauptinsel Honshû im Süden der Region Tôhoku befindet. Die Präfektur hatte Anfang 2012 etwa zwei Millionen Einwohner und wurde aus verwaltungstechnischen Gründen in die drei Regionen Hamadôri, Nakadôri und Aizu eingeteilt. Alle drei Regionen sind von verschiedenen klimatischen Bedingungen und Geographien geprägt. Während Aizu als abgelegenes Hochgebirge gilt und Hamadôri als Flachland mit Meeresklima beschrieben wird, ist Nakadôri das kultruelle Zentrum, das mitunter die Hauptstadt Fukushima der gleichnamigen Präfektur beherbergt. Am Pazifik liegen die Kernkraftwerke Fukushima I und Fukushima II.
  • Ôkuma, Futaba, Namie – Die drei Städte umfassen insgesamt eine Einwohnerzahl von schätzungsweise 50.000 Menschen, auch wenn sich nach offiziellen Angaben kein Japaner in den Kleinstädten aufhält. Es handelt sich um Geisterstädte, die nordwestlich von Fukushima I liegen und aufgrund der Windverhältnisse während der Katastrophe am stärksten von den radioaktiven Partikeln kontaminiert wurden. Im April 2012 erklärte die japanische Regierung die Kleinstädte zur Sperrzone, die innerhalb der nächsten 20 Jahre nicht mehr betreten werden kann. Futaba und Namie weisen Strahlenwerte von über 50 Millisievert pro Jahr auf. Eine Belastung, die die Regionen vorerst unbewohnbar machen, denn selbst nach 20 Jahren werden alle drei Städte den gesetzlichen Rahmen von 20 Millisievert überschreiten.
  • Sendai – In der japanischen Präfektur Miyagi in der Region Tôhoku gelegen, ist Sendai eine Großtstadt mit über einer Million Einwohner. Während des Großbebens vom 11. März wurde die Küstenregion der Stadt durch den Tsunami schwer verwüstet und hatte etwa 700 Tote und 200 Vermisste zu beklagen. Zahlreiche Videoaufnahmen und Bilder stammten aus Sendai, um die Zerstörungskraft der Wassermassen zu dokumentieren.

Die Küstenregion der Großstadt Sendai nach dem Tsunami.

Messeinheiten zur radioaktiven Belastung

  • Sievert (Sv) – Sievert ist die Maßeinheit für Strahlendosen und wird zur Bestimmung der Strahlenbelastung auf Lebewesen herangezogen. Da 1 Sievert bereits von einer überdurchschnittlich hohen Strahlung zeugt, werden kleinere Einheiten wie Millisievert (mSv) und Mikrosievert (µSv) genutzt. Als Vergleich zur Bewertung von Strahlenrisiken dient die natürliche Strahlenbelastung, die in Deutschland 2,4 mSv pro Jahr entspricht. Bereits eine Dosis von 100 mSv führt zu stark erhöhtem Krebsrisiko, während 250 mSv zu akuten Strahlenerkrankungen führen können. Eine Strahlung von 4000 mSv führt bei jeder zweiten Person zum Tod, wobei 7000 mSv, also sieben Sievert, keine Überlebenschancen garantieren. Nach der Katastrophe wurde die Stahlenbelastung von Schulkindern in Japan auf 20 mSv pro Jahr angehoben, auch wenn die Regierung diese Werte als unbedenklich einschätzt. Für die Mitarbeiter TEPCOs, die mit der Krisenbewältigung in Fukushima beauftragt wurden, erhöhte man die jährliche Dosis von 100 mSv auf 250 mSv.
  • Becquerel (Bq) – Diese Einheit bezeichnet die Aktivität eines radioaktiven Stoffes und gibt die durchschnittliche Anzahl der Atomkerne an, die pro Sekunde radioaktiv zerfallen. Anders als Sievert entspricht 1 Bequerel einem relativ geringem Wert, sodass die Einheit meist mit Vorsätzen wie Kilo oder Mega auftritt. Ein Kilogramm Kalium hat eine (Radio-)Aktivität von etwa 32.000 Becquerel. Die Menge des im menschlichen Körper enthaltenen Kaliums zeugt von einer Aktivität von 5.000 Becquerel. Das natürliche in Mineralien auftretende Element Uran hat eine Aktivität von 12,45 Millionen Becquerel pro Kilogramm.

Die grafische Darstellung eines Druckwasserreaktors mit getrennten Wasserkreisläufen. (Copyright © San Jose, Lizenz: CC BY 3.0)

Verbreitete Karftwerkstypen

  • Druckwasserreaktor (DWR) – Dieser Kraftwerkstyp findet weltweit am häufigsten Verwendung und wird mehrheitlich von europäischen Industrieländern wie Deutschland und Frankreich genutzt. Anders als beim Siedewasserreaktor (SWR) verfügt dieser Typ über mehrere Wasserkreisläufe. Das durch die Brennstäbe erhitzte Wasser und der erzeugte Wasserdampf kommen nicht mit den Turbinen in Kontakt. Das kontaminierte Wasser hat einen separaten Wasserkreislauf und durchströmt nur einen Teil des Kraftwerks, um den zweiten Wasserkreislauf zu erhitzen.
  • Siedewasserreaktor (SWR) – Das Kühlsystem des SWR ist mit mehr Risiken verbunden, da das mit den Spaltprodukten versetzte Wasser direkt mit den Turbinen in Kontakt tritt. Im Gegensatz zum DWR nutzt dieser Kraftwerkstyp weniger Wasserkreisläufe. Siedewasserreaktoren wurden zu großen Stückzahlen in Japan gebaut. Durch die Kontaminierung der Turbinen stoßen Wartungs -und Reinigungsarbeiten häufig auf Probleme und gesundheitsgefährdende Risiken.
  • Brutreaktor – Ein Brutreaktor stellt mehr Energie als ein DWR oder SWR bereit, sorgt neben der Energiegewinnung aber auch zur Erzeugung von spaltbarem Brennmaterial. Zwar erzeugt jeder Kernreaktor Spaltprodukte, doch wird in einem Brutreaktor mehr Material erzeugt, als er zur Energiegewinnung benötigt. Der Reaktortyp wird aufgrund seiner höheren Sicherheitsrisiken und der Erzeugung von waffenfähigem Plutonium als riskant eingestuft. Dennoch plante Japan vor dem Unglück von Fukushima, diese Reaktortechnik im eigenen Land weiter auszubauen, da auf kleinerem Raum größere Energiemengen erzeugt werden. Zur Energiegewinnung und zu Forschungszwecken nutzen heute die USA, Russland, die Volksrepublik China und Indien diese Art von Reaktor.

Quellen:

Atomenergie & Japan – Teil 1: Geschichte und Funktionweise von Kernkraftwerken

„Verstehen um zu Urteilen“ lautet die Devise unseres dreiteiligen Artikels, der bis zum Ende der Woche das umstrittene Thema Kernkraft in Japan analysiert. Nahezu ein Jahr ist nach der Katastrophe des 11. März 2011 vergangen. Ein Jahr, um Ereignisse und Fakten zu ordnen, Pläne zu hinterfragen und Bezug auf die Gegenwart zu nehmen. Doch um diese Schritte zu unternehmen, wollen wir die Geschehnisse rekapitulieren und ein gemeinsames Verständnis, sowie die Grundlage für weitere Diskussionen erzeugen. Der erste Teil dieses Artikels bildet daher die Grundlage: Was ist Kernkraft und worin bestehen die Risiken?

Das Atomkraftwerk bei Grohnde in Niedersachsen. Zu sehen sind die beiden typischen Merkmale eines DRW: Die beiden Kühltürme und der kuppelartige Bau, der den Reaktor birgt. (Copyright © Heinz-Josef Lücking, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Geschichte und Nutznießer der Kernkraft
Kernenergie – ein Begriff, der mit dem Atomunfall von Tschernobyl (1986) und spätestens seit der Katastrophe von Fukushima (2011) in unserer Gesellschaft heftig diskutiert wird. Risiko- und Nutzenanalysen von Experten stehen im klaren Kontrast zu den Befürchtungen potentieller Opfer, die sich im Angesicht dieser hoch riskanten Technologie nicht sicher glauben. Die Wahrscheinlichkeit eines Störfalls ist prozentual so gering, dass er gerne vernachlässigt wird. So minimal, das Akteure aus Wirtschaft und Politik das geringe Schadenspotential nur allzu gern als Vorteil verkaufen. Doch setzt der Störfall fern jeglicher Analysen und Vorausberechnungen ein, ist die Katastrophe vorprogrammiert.

Der erste Atommeiler zur Erzeugung elektrischer Energie nahm 1954 mit dem Kernkraftwerk Obninsk nahe Moskau seinen Betrieb auf. Darauf sprossen global bis hin zu den 1960ern weitere Kernkraftwerke aus dem Boden, um in das lokale Stromnetzwerk eingespeist zu werden und den Hunger der Länder nach Energie zu befriedigen. Der Ölschock von 1973 – die künstliche Teuerung des Ölpreises – übernahm die Rolle des Katalysators zum Bau weiterer Kraftwerke, um die Energieabhängigkeit der Nationen so weit wie möglich zu drosseln. Ergebnis dieses Kraftwerk-Booms war die beträchtliche Anzahl von weltweit mehr als 500 Kernkraftwerken, von denen heute laut Statistiken der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) noch über 430 in Betrieb sind. Davon sind die USA gegenwärtig die größten Nutznießer mit über 104 Kernreaktoren, während in Europa Frankreich die Spitze aktuell genutzter Kernkraftwerke (58) erklimmt und Japan vor der Katastrophe bereits die Marke von 50 nutzbaren Kraftwerken erreicht hatte.

Grafische Übersicht der weltweit geplanten Nutzung von Atomkraftwerken (2009)

Selbstverständlich finden sich Vor- und Nachteile für diese Technologie, denn ohne sie wäre eine Diskussion über Jahrzehnte gar nicht möglich. Der Leitgedanke, der Wirtschaft und Politik Hand in Hand gehen lässt, ist die rentable, kostengünstige Bereitstellung großer Massen elektrischer Energie auf verhältnismäßig kleinem Raum. All dies sind Fakten, die jedem Energiekonzern das Herz höher schlagen lässt, wenn es um die zukunftsträchtige Energieversorgung einer Nation geht. Dass ein Großteil dieser Pro-Argumente einfach widerlegt werden kann und oftmals von Beschönigungen angetrieben werden, versuchen Atomkraft-Gegner, die sich dem Umweltschutz und der Sicherheit vor katastrophalen Schäden verschrieben haben, zu beweisen. Unser Ziel soll es jedoch nicht sein, das Für- und Wider zu bewerten, sondern für die nötige Aufklärung zu sorgen. All unsere Leser, die sich mit dem Gegenargumenten näher auseinandersetzen wollen, verweisen wir daher auf das Dokument „Risiko Atomkraft“ – herausgegeben von keinem geringerem als der NGO Greenpeace.

Wirkungsweise und Arten von Kernreaktoren
Leitgedanke hinter jedem Kernkraftwerk ist die Nutzung des kontrollierten, radioaktiven Zerfalls von Atomen zur Umwandlung in thermische Energie, die wiederum durch das Zusammenspiel von Dampfturbinen und Generatoren in elektrische Energie umgewandelt wird. Hierzu werden Atomkerne gezielt durch die Hinzuführung von Neutronen angeregt, die zur Spaltung des Kerns führen. Diese Spaltung setzt neben radioaktiven Spaltprodukten enorme Energiemengen frei, die man sich durch die Kernreaktor-Technologie zunutze machen möchte. In großem Maßstab finden hierfür die sogenannten Brennstäbe Verwendung. Gefüllt mit Uran – einem Isotop mit für diese Reaktion günstigen Ausgangsbedingungen -, regen sich die einzelnen Brennstäbe untereinander durch deren Wechselwirkung und den Austausch von Neutronen an. Die erzeugte Wärmeenergie erhitzt das die Brennstäbe umgebende Wasser, das durch die hohen Temperaturen verdampft. Der Wasserdampf treibt Dampfturbinen an, die an Generatoren angeschlossen sind und der Erzeugung von Strom dienen. Das Wasser übernimmt dabei nicht nur die Rolle der Energieübertragung, sondern sorgt gleichermaßen für die nötige Kühlung des Systems.

Grafische Übersicht eines Siedewasserreaktors. (Copyright © Robert Steffens, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Um trotz der automatischen Kühlung potentiellen Störfällen vorzubeugen, wurde in allen Kernkraftwerke eine Vielzahl von Sicherungsmaßnahmen integriert. Diese wirken direkt auf die Neutronenaktivität ein und versuchen sie einzudämmen, sodass die Wechselwirkung der Brennstäbe zum Erliegen kommt. Bekannte Mittel sind etwa das Hinzufügen von Borsäure in das Kühlwasser oder das automatische Einfahren der sogenannten Steuerstäbe zwischen die Brennstäbe. Das eigentliche Risiko besteht darin, dass trotz der Unterbrechung der Kettenreaktion die Brennstäbe weiterhin Energie und damit Wärme produzieren. Eine kontinuierliche Kühlung ist deshalb unverzichtbar. Die Anfälligkeit eines Kernreaktors erklärt sich daher, dass für eine unablässige Kühlung Energie bereitstehen muss, um die Pumpen des Kühlsystems anzutreiben. Setzt die Kühlung aus, erhitzen sich die Brennstäbe auf eine derart hohe Temperatur, dass die Kühlflüssigkeit verdampft, sich das radioaktive Material regelrecht durch die Außenwände frisst und in Kontakt mit der Systemumwelt kommt. Es entsteht eine Kernschmelze, dicht gefolgt von dem gefürchteten „größten anzunehmenden Unfall“ (GAU), der sich durch die Überschreitung der angenommenen Folgen zum Super-GAU entwickeln kann. Die Katastrophe ist vorprogrammiert.

Angesichts der verfügbaren Technologien von Atomkraftwerken unterscheidet man in Leicht- und Schwerwasserreaktoren, Graphitreaktoren, Brutreaktoren und diverse Sondertypen. Jede Art birgt seine eigenen Vor- und Nachteile im Risiko eines Störfalls und der effizienten Nutzung des Spaltmaterials. Da für unsere Betrachtung nur Leichtwasserreaktoren in Frage kommen und dieser Typ die Mehrheit heutiger Kernkraftwerke ausmacht, gehen wir auf die übrigen Reaktortypen nicht weiter ein. Eine Übersicht ist bei Wikipedia zu finden.

Eine Wasserdampfturbine in Originalgröße, wie sie im Kühlsystem von Kernreaktoren Verwendung findet. (Copyright © Wittkowsky, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Der Leichtwasserreaktor trägt seinen Namen durch die Nutzung von normalem, leichtem Wasser, das in das Kühlsystem des Reaktors eingespeist wird. Dies macht die Nutzung von angereichertem Uran zur Förderung der Kernspaltung notwendig. Hierzu zählen der Siedewasserreaktor (SWR), als auch der Druckwasserreaktor (DWR). Der DWR wird bei den heutigen in Betrieb stehenden Reaktoren am häufigsten verwendet. In Europa und besonders Deutschland und Frankreich wurde er fast ausschließlich gebaut, während Japan von der SWR-Technologie profitieren möchte.

Der wichtigste Unterschied beider Reaktortypen besteht in der Wirkungsweise des Kühlsystems. Während beim Siedewasserreaktor das Wasser zum Antreiben der Turbinen mit den Brennstäben in Kontakt kommt und unter anderem die Reinigung der Turbinen erschwert, verfügt der Druckwasserreaktor über mehrere Wasserkreisläufe. Das durch die Brennstäbe erhitzte Wasser sorgt für die Erhitzung eines zweiten Wasserkreislaufs, der für das Antreiben der Turbinen genutzt wird. Somit wird der Kreislauf des mit Spaltprodukten belasteten Wassers klein gehalten, ohne durch das gesamte System zu strömen.

Ein weiterer Nachteil der Siedewasserreaktoren ist der Verbau der Steuerstäbe. Diese sitzen technisch bedingt zumeist am Boden des Reaktors und müssen bei einem Störfall durch Energiezufuhr zwischen die Brennstäbe geschoben werden. Bei einem Druckwasserreaktor wurde das Problem auf die Weise gelöst, dass die Steuerstäbe während des normalen Betriebsablaufs elektronisch über den Brennstäben arretiert sind. Kommt es zu einem Ausfall der Energieversorgung, unterbricht der Stromkreis und die Steuerstäbe fallen automatisch zwischen die Brennstäbe. Eine Weiterentwicklung des DWR stellt der Europäische Druckwasserreaktor (EWR) dar. Dieser ähnelt dem gängigen DWR, wurde jedoch auf die Gefahr einer Kernschmelze hin mit zusätzlichen Sicherungsmaßnahmen wie der Integrierung einer Auffangwanne ausgestattet.

Die grafische Darstellung eines Druckwasserreaktors mit getrennten Wasserkreisläufen. (Copyright © San Jose, Lizenz: CC BY 3.0)

Mit dieser Erläuterung von Kernreaktoren hoffen wir, die nötige Basis geschaffen zu haben, um uns dem zweiten Teil unseres Artikels zu widmen: Ursache und Ablauf der Katastrophe von Fukushima Daiichi. Sollten Sie uns auf bestimmte Themen hinweisen wollen, bei unseren Ausführungen einen Fehler bemerkt oder gewisse Zusammenhänge näher erklärt haben, so stehen wir Ihnen unter fukushima247@googlemail.com gerne zur Verfügung. Alternativ können Sie auch ein Kommentar hinterlassen.

Quellen: IEAE | physikblog.eu