Radioactivists – Eine Dokumentation zur Protestbewegung in Japan

Protest war in der japanischen Öffentlichkeit eine Randerscheinung. In Japan ist das Wort kôgi (抗議) ein geläufiger Begriff für diese Art der Meinungsäußerung. Doch die Lettern schließen auch unsere Bedeutung von Einspruch und Einwand ein. Ein schwieriges Unterfangen bei einem System, das seit Jahrzehnten als Kollektiv operiert und die Meinung des Einzelnen straft oder ignoriert. Seit 2011 erlebt Japan allerdings einen Umbruch, der nicht nur das politische System in Frage stellt, sondern gleichsam die Gesellschaft an neue Möglichkeiten heranführt. Protestbewegung ist der Schlüsselbegriff, der den japanischen Bürgern Initiative ergreifen lässt, um sich gegen das marode System aus Bürokratie, Wirtschaft und Politik zu behaupten.

Die Protestbewegung in Japan. (Copyright © Radioactivists.org)

Nach dem Unglück in Fukushima war es für die Leipziger Studentinnen Julia Leser und Clarissa Seidel geradezu verpflichtend, die Anfänge der neuen Bürgerbewegung Japans zu dokumentieren. Mit kompakten Film-Equipment ausgestattet und dem Interesse, einen tieferen Einblick in diese Bewegung zu erhalten, bündelten sie ihre Eindrücke in dem Dokumentarfilm „Radioactivists“. In 70 Minuten zeigt der Film verschiedene Akteure der Bewegung, um die Ansichten und Beweggründe der Protestierenden einzufangen. Gegenstand ist der Protest und die Menschen, die ihn nach Jahren für sich wiederentdecken. In kurzen Sätzen verweisen Julia und Clarissa auf vergangene Ereignisse, arbeiten für den Betrachter auf und fassen die Informationen zusammen, die sich aus den Gesprächen der Akteure ergeben.

Zu den Gesprächspartnern zählen Vertreter der Mittelschicht, Anarchisten und akademisch orientierte Aktivisten. Doch so durchmischt sie auch sind, das Ziel bleibt bei allen gleich. Gegen Atomkraft, gegen die politische Struktur. Denn wie aus dem Film hervorgeht, ist die Atomkraft selbst nur ein Nebenprodukt der eigentlichen Problematik. Ein System, das vor der eigenen Verantwortung die Augen schließt und die Öffentlichkeit im Dunkeln lässt. Protestiert wird gegen den aktuellen Zustand der eigenen Gesellschaft, gegen die japanische Version von Leiharbeitern und Tagelöhnern (Freeter), die sich in Atomkraftwerken gesundheitlicher Risiken aussetzen, um das Mindestmaß ihrer Existenz zu sichern. Die Öffentlichkeit ignorierte derartige Probleme konsequent. Nun senkt sie langsam ihr Haupt und wirft die Frage auf, wie sich diese Zustände rechtfertigen ließen. Der Protest macht diesem Ärger Luft: Es wird Zeit, einen neuen Lebensstil anzustreben.

Anti-Atomkraft-Protest in Tokio am 16. November 2011.

Protest ist in Japan allerdings kein Fremdwort. Doch seit den 1970ern nahmen die Protestbewegungen rapide ab. Zu schnell wurde die Parallele zu politischen Ideologien wie Sozialismus und Kommunismus gezogen, zu sehr fürchtete der Staat die Auseinandersetzungen, mit denen man seit den Arbeiterbewegungen und Studentenrevolten vertraut war. Es entwickelte sich binnen weniger Jahre eine Abneigung gegen jegliche Form der Demonstration, die es politischen Engagierten schwer machte, an Protesten unbehelligt teilzunehmen. Heute sind die Menschen wütend. Zwischen Wut und Ärgernis mischt sich indes ein dritter Faktor, der die Meinungsäußerung im Kollektiv so populär macht. Es ist eine Form von Spaß, die Lust zum Protestieren und die Befreiung von den Ketten stummer Resignation. Japan übt sich in seiner eigenen Form des Protests. So kommen bunte Clowns und alternative Szenen zum Vorschein, um sich gegenseitig die Hände für ein gemeinsames Anliegen zu reichen. Bunt und schrill präsentieren sie sich und holen Protestsongs aus einem Repertoire, das einst den späten 80ern galt.

Mit 15.000 Teilnehmern wurde am 10. April 2011, ein Monat nach der Katastrophe, eine beachtliche Masse an Protestlern erzeugt, die der konservativen Lebensweise die Stirn bot. Anfangs ungeachtet von Politikern und Medien einigte man sich auf monatliche Proteste, um das aufbegehrende Streben für eine tiefgreifende Veränderung in Japan nicht zu verlieren. Initiator und Organisator ist der Verein „Shiroto no Ran“ (Aufstand der Amateure), eine Gruppe aus Betreibern von Second-Hand-Läden und anarchistisch gerichteten Mitmenschen, die schon vor Fukushima den Protest auf kleiner Ebene probten. Der 11. März war Anlass genug, den Protest gegen Atomkraft auszurichten. Erwartet wurden 500 Teilnehmer – eine krasse und doch erfreuliche Fehleinschätzung bei Demonstrationen, die im Laufe des Jahres mehrere Zehntausend Protestierenden zählten.

Die Studentinnen Clarissa Seidel (l.) und Julia Leser (r.) während der Dreharbeiten für ihren Dokumentarfilm „Radioactivists“. (Copyright © Radioactivists.org)

„Radioactivists“ ist nicht nur Dokumentation, sondern auch Kritik gegen die Ablehnung jeglicher Individualität und freier Meinungsäußerung in Japan. „Es ist eine Kritik daran, dass es immer noch schwierig ist, in Japan eigene Gedanken oder Meinungen zu äußern, Dinge zu kritisieren, zu hinterfragen“, berichtet Julia Leser, die uns gleichzeitig für ein kurzes Interview zur Verfügung stand.

Fukushima 24/7: Wie seid ihr dazu gekommen, euch mit der Protestbewegung auseinanderzusetzen? Du als Japanologie-Studentin hast natürlich einen Bezug, doch Clarissa stammt aus der Medienwissenschaft. Habt ihr euch erst durch das Projekt kennengelernt?

Julia Leser: Ich habe mich während meines Studiums schon mit der Protestkultur Japans beschäftigt, da ich dieses Thema äußerst spannend fand, besonders die D.I.Y.- und Punkkultur um Shirōto no Ran, den „Aufstand der Amateure“ aus Tokio. Mit Clarissa habe ich vor meinem Japanaufenthalt in Leipzig zusammen gelebt, so dass wir die Interessen- und Studiengebiete des jeweils anderen gut kannten und dafür interessierten. So konnte ich sie auch für das Thema begeistern, lang bevor überhaupt die Filmidee aufkam. Mein Auslandsstudium habe ich von September 2010 bis August 2011 in Tokio an der Waseda Universität verbracht, habe also ein Jahr dort gelebt. Auch Clarissa hat mehrere Wochen in Tokio verbracht um einen Japanisch-Sprachkurs zu machen. So waren wir beide an dem Tag in Japan, als die Katastrophe passierte und haben deshalb auch die Entscheidung getroffen, zusammen den Film zu drehen.

Fukushima 24/7: Wie schätzt du die Protestbewegungen in Japan ein? Denkst du, sie unterscheiden sich erheblich von den Protesten in Deutschland und anderen Ländern?

Julia Leser: Mit unserem Film wollten wir vor allem zeigen, wie besonders diese Demonstrationen sind, die in Japan seit der Katastrophe stattfinden. In Japan ist es eher unüblich zu demonstrieren, aus ganz verschiedenen Gründen. Zum Beispiel haben Demos immer noch ein schlechtes Image, das von gewalttätigen Protesten der 1970er Jahre herrührt. Außerdem ist es schwieriger in Japan als hier, seine Meinung öffentlich zu äußern. Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass seit gut einem Jahr soviele Menschen auf die Straße gehen – für Japan ist das ein historischer Moment.

Fukushima 24/7: Anfangs stand die Masse von 15.000 Protestierenden im Vordergrund, sodass man annehmen konnte, die künftigen Proteste seien mit weniger Teilnehmern bereits unbedeutend. Allerdings fasste der nächste Protestzug einen Monat später abermals 15.000, der dritte bereits 20.000 Teilnehmer. Wie lässt sich die Lage nach euren Dreharbeiten und in der Gegenwart einschätzen?

Julia Leser: Die Proteste, die wir bis Juni 2011 dokumentieren, gingen seitdem weiter. Die größte fand im September statt, mit 60.000 Teilnehmern in Tokio. Mittlerweile haben sich die Proteste über das ganze Land ausgedehnt und viele Gruppen und Initiativen sind hinzu gekommen und organisieren eigene Demos. Außerdem hat die Bewegung mittlerweile sehr feste Strukturen angenommen. Im April vor einem Jahr war es noch ein „amateurhafter“ Aufruf zur Demo. Mittlerweile finden Konferenzen, zunehmend internationale Vernetzung der Aktivisten, konkrete Forderungen (z.B. nach Entschädigungszahlungen, Strahlengrenzen usw.) und erste Schritte zur Gründung einer grünen Partei statt. Heute blicken wir auf ein Japan, dass seit dem 06. Mai ohne Atomstrom auskommt. Ich denke, dass ist ein Riesenerfolg und wäre für viele Menschen vor einem Jahr noch undenkbar gewesen.

Fukushima 24/7: Im zweiten Protestzug wurden vier Protestler „ohne Rechtsgrundlage“ verhaftet, wie aus dem Film hervorgeht. Konntest du genauere Informationen bekommen, mit welchem Vorwand die Leute abgeführt wurden und was mit ihnen geschehen ist?

Julia Leser: Zwei wurden am selben Tag wieder frei gelassen, die anderen beiden wurden 18 und 21 Tage festgehalten, ohne Rechtsgrundlage. Das ist ein großes Problem, mit dem die Aktivisten und Demonstranten zu kämpfen haben. Die Repression der Polizei hat auch weiterhin zugenommen: Im September kam es zu 12 Festnahmen, darunter größtenteils Organisatoren, die wegen Schikanen festgenommen wurden.

Fukushima 24/7: Mit Kamera und Mikro dem Protestzug stets auf den Fersen, habt ihr wahrscheinlich ein ungewohntes Bild abgeben. Wie fiel die Reaktion auf Seiten der Protestierenden und speziell der Polizisten aus?

Julia Leser: So sehr sind wir mit unserer vergleichsweise kleinen Kamera gar nicht aufgefallen. Aber viele waren schon neugierig, und nach zwei, drei Demos, die wir mit der Kamera begleiteten, kannte man sich dann auch. Mit der Polizei hatten wir keine Probleme, natürlich wurden wir ab und zu ermahnt, nicht zu filmen. Dann taten wir, als verstünden wir kein Japanisch, und das funktionierte dann auch meistens.

Im Rahmen der Internationalen Studentischen Woche 2012 in Leipzig wird „Radioactivists“ am Mittwoch dem 23. Mai im Vortragssaal der Hauptbibliothek (Bibliotheca Albertina) in der Beethovenstraße 6 präsentiert. Zuvor behandeln um 17 Uhr Dr. Sebastian Pflugbeil als Physiker und Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz e.V. und Professor Steffi Richter als Lehrstuhlinhaberin der Japanologie Leipzig das Thema „Tschernobyl, Fukushima und Atomkraft in Deutschland“. Nach zweistündiger Diskussion startet der Dokumentarfilm um 19.00 Uhr. „Fukushima 24/7“ ist selbstverständlich auch anwesend, um über die Diskussion im Anschluss zu berichten.

Weiterer Lesestoff:

Werbeanzeigen

Masataka Shimizu und die Angst vor der Verantwortung

Von der japanischen Öffentlichkeit verachtet und von Politikern gemieden, hält sich Masataka Shimizu als einstiger Präsident TEPCOS im Hintergrund bedeckt. Seine Glanzzeit bei einem der wirtschaftlich stärksten Energieunternehmen Japans ist abgelaufen und wurde mit dem Tôhoku-Beben besiegelt. Spätestens seit seinem Austritt aus dem Energiekonzern am 20. Mai 2011, zusammen mit anderen hochgradigen Managern TEPCOS, wird Shimizu in Schande leben müssen. Unter seiner Führung zog das Unternehmen den Inselstaat Japan mit dem Atomkraftwerk Fukushima Daiichi ins Verderben. Seine Tage als verlässliche Führungskraft sind gezählt. In den Köpfen der Japaner hat er sich verewigen können, doch sein Name wird nur noch dann fallen, wenn die dramatischen Ereignisse des 11. März erneut aufgerollt werden.

Masataka Shimizu während eines Interviews zur Unternehmenspolitik TEPCOs am 14. Dezember 2010. (Copyright © TEPCO)

Noch während eines Interviews vom 14. Dezember 2010 zur Unternehmenspolitik TEPCOS hätte er sich nicht träumen lassen, nur drei Monate später eine solche Krise durchleben zu müssen. Damals sprach er noch in großen Tönen von der „2020 Vision“ TEPCOS und warb mit dem Slogan „Itsumono denki, Motto Sakie“ [zu Deutsch: „Mit gewöhnlicher Energie in Richtung einer besseren Zukunft“] für den Energiekonzern. Beinahe ironisch, einer Farce gleichend, lesen sich die Worte des ehemaligen Wirtschaftsbosses. So spricht er etwa davon, mehr Wert auf das Vertrauen der Gesellschaft in TEPCO zu legen. „Die TEPCO Group wird immer derselbe zuverlässige Energiekonzern sein, während wir Fortschritte zugunsten einer besseren Zukunft machen.“

Nette Worte, die er als einstiger Chef der PR-Abteilung TEPCOs nur allzu gut zu wählen wusste. Sein umworbener „2020 Vision Plan“ betonte unablässig die Erzeugung von kostengünstigem, umweltfreundlichem Strom und das Vertrauen der Öffentlichkeit in den Konzern. Bei diesen edlen Vorsätzen stand die eigene Wirtschaftlichkeit an oberster Stelle, während das eigentliche Vertrauen mehr und mehr darunter litt. Nicht umsonst war Masataka Shimizu als Cost Cutter bekannt, der die Unternehmenskosten unablässig zu senken versuchte. Kapitalintensive Sicherheitsvorkehrungen wurden abgewiesen, denn das Unternehmen wollte wachsen und seine Monopolstellung als Stromerzeuger und -verteiler für den Großraum Tokio weiter ausbauen.

Seit Jahrzehnten ist Shimizu Teil des Unternehmens. Bereits im Jahre 1968 trat er mit 22 Jahren TEPCO bei und stieg kontinuierlich in der Hierarchie des Energiekonzerns auf. Ab 2006 übernahm er die Stelle des Vize-Präsidenten und rückte 2008 nach ganz oben. Sein Vorgänger Tsunehisa Katsumata musste sein Amt niederlegen, als TEPCO gerade in einem seiner zahlreichen Skandale verwickelt war. Eine übliche Praktik, die 2011 seinen Höhepunkt fand. Trotz vorheriger Skandale, die statt einer Ausnahme bereits zur Unternehmensroutine wurde, setzte die Katastrophe dem damals 66-Jährigen gewaltig zu. Von der Bildfläche verschwunden, rätselten Medien und Politiker über seinen Zustand. Nach ersten Vermutungen einer Landesflucht oder dem Freitod gab das Unternehmen bekannt, der Präsident leide an Kreislaufproblemen und wäre nicht für öffentliche Stellungnahmen zu gewinnen. Seine Flucht vor der Verantwortung hinterließ starke Narben.

Es war eine Schuld, der er sich zum Großteil selbst verantworten musste. Als Präsident traf er die Entscheidungen zu Einsparungen und nachlässiger Sicherheit. Japan konnte den Rückzug Shimizus aus der Öffentlichkeit nicht nachvollziehen. Der Mann, dessen Unternehmensstrategie mitunter zu der Katastrophe führte, entzog sich seiner Verantwortung, während Premierminister Naoto Kan in Kürze einen Krisenstab unter eigener Führung einrichtete. Nach einmonatiger Abwesenheit trat Masataka Shimizu wieder öffentlich auf. Viel zu sagen hatte er nicht, konnte er nicht. Wichtig waren allerdings die vier Worte „Ich übernehme die Verantwortung“, die Japan noch einmal kurzzeitig aufhorchen ließen. Er verneigte sein Haupt vor laufender Kamera während einer Pressekonferenz, doch seine Buße kam viel zu spät. Zu lange hatte er sich der Verantwortung entzogen. Für Japan ein unentschuldbares Vergehen.

Masataka Shimizu (2. v. l.) und andere Mitglieder TEPCOs verneigen sich öffentlich im Angesicht ihrer Schuld. (Copyright © The Oregonian)

War es Angst, die den Cost Cutter so sehr unter Druck setzte? Angst vor der Öffentlichkeit, den hasserfüllten Blicken und der Trauer eines ganzen Landes? Mit Weisheiten ließ er jedenfalls nicht geizen. Neben seiner hohen Position bei TEPCO begleitete er auch das Amt des Vize-Präsidenten von Keidanren. Jenem Wirtschaftsverband, der die einzelnen Unternehmen Japans zusammenhält. Er gilt als stark konservativ und versucht nach eigener Überzeugung, das Wirtschaftswachstum Japans und die Kooperation der Konzerne zu fördern. Masataka verkündete in dieser Position, Kommunikation sei zum Überleben wichtig. Eine Aussage, die nicht nur wir an dieser Stelle gerne auf die Goldwaage legen, denn Kommunikation und Transparenz ließ der Energiekonzern bereits vor 2011 erheblich missen. Masatakas Lebensmotto lautet „Achte auf das, was unter deinen Füßen liegt“, eine Weisheit des Zen-Buddhismus, die er sich zunutze macht. Für ihn heißt es Weitsichtigkeit, um selbst bei extremen Situationen nicht den Überblick zu verlieren. Eine noble Einstellung die allerdings so weit nicht reichen konnte. Weitsichtigkeit heißt, Fehler und Gefahren im Voraus zu erkennen. Die Vermeidung dieser schloss Masataka anscheinend nicht ein. Nun ist er ein gefallener Mann, dessen Präsens zum Gedenktag der Katastrophe von TEPCO verschwiegen wird. Das Unternehmen hat Ersatz gefunden – Toshio Nishizawa. Als Präsident TEPCOs lässt sich erahnen, dass auch er an der Tradition des Unternehmens festhalten wird.

Quellen:

TEPCO: „Announcement of Changes of Directors“
Keidanren: „Watch your Step“
Spiegel: „Zorn auf Mr. Unsichtbar“
N-TV: „Versagt, abgetaucht, zurückgetreten“

Zwischen Millisievert und Atemmaske

Gegen sechs Uhr in der Früh aufstehen. Zwischen sieben und acht Uhr die erste Besprechung. Ab acht Uhr eine längere Pause für die erste Mahlzeit des Tages, bestehend aus etwas Gebäck und einer Flasche Gemüsesaft. Um zehn Uhr heißt es dann anpacken, um die Kühlung der Reaktoren aufrechtzuerhalten. Gegen 17 Uhr ruft die zweite und letzte Mahlzeit des Tages. Erneut bleiben zwei Stunden für den Verzehr von etwas Reis und Konserven. Vorsichtig werden die Lebensmittel verzehrt, um sie nicht mit der Schutzkleidung zu kontaminieren. Es wird neue Kraft geschöpft, doch lange Zeit zum Ausruhen ist nicht in Sicht. Um 20 Uhr eine weitere Besprechung. Wie kommen wir voran? Was muss getan werden? Die Nachtschicht beginnt. Der andere Teil der Arbeiter darf endlich Abschied nehmen, dem Chaos entfliehen. Die Augen schließen vor der Katastrophe. Eingerollt in einem Tuch, das notdürftig als Decke herhalten muss, verbringen sie die Nacht auf dem Boden zusammen mit ihren Kollegen auf engstem Raum.

Ein Auszug wie aus einer Kriegsszene: Der Ausnahmezustand in Fukushima, der routinierte Tagesablauf der Fukushima 50. Doch es sind nicht nur die Menschen, die zwischen Ehre und Zwang ihr Leben aufs Spiel setzen. Rund 1000 Ingenieure, Feuerwehrleute und andere Helfer schlossen sich bis zum 23. März 2011 der ursprünglichen Aufstellung der Fukushima 50 an, um das tragische Schicksal von Fukushima Daiichi abzuwenden. Die Gefahr der radioaktiven Kontamination war immer präsent. Die Strahlung auf dem Gelände der Reaktorblöcke erreichte Höchstwerte, die die Gesundheit der Arbeiter herausforderte. Die größte Gefahr stellte das Innere der Blöcke dar, deren Strahlung die Skala der Messgeräte sprengte. In kleine Gruppe aufgeteilt versuchten die Arbeiter abwechselnd die Reaktoren zu stabilisieren, um nach 15 Minuten das nächste Team in die dunkle Hölle zu schicken. Angst vor Verstrahlung, stetige Dunkelheit und die beiden Wasserstoffexplosionen in den Reaktorblöcken zerrten genauso an den Nerven der Arbeiter, wie die kräftezehrenden Wege durch die Trümmer der Reaktoren unter schwerer Schutzkleidung und Atemmaske. War eine Schicht vorbei, winkten rationierte Mahlzeiten und kaltes Wasser.

Ihr Aufgabe war es, die Meiler mit Meerwasser zu versorgen, um die Kühlung aufrechtzuerhalten. Die Theorie war simpel, umso schwieriger die Praxis. Durch Beben und Tsunami wurden Teile des Kraftwerksgeländes auf den Kopf gestellt. Geräte, Werkzeuge und Löschmittel wurden zur Mangelware. Doch nicht ausschließlich, weil sie von den Wassermassen erfasst wurden, sondern weil TEPCO keine Vorsorge traf. Blind hatte sich das Unternehmen auf seine milden Prognosen verlassen und war nicht auf den Ernstfall vorbereitet.

Millisievert-Strahlenwerte im Vergleich. (Copyright © Spiegel Online)

Es mangelte an allem, nicht nur materiell, sondern auch an der Erfahrung der Arbeiter. Weder Dosimeter zum Ablesen der aktuellen Strahlung, noch die Anzahl verlässlicher Sicherheitsstiefel waren ausreichend, um den Helfern genügend Schutz zu bieten. Augenzeugen berichten von der Leichtsinnigkeit mancher Arbeiter, die mit Klebeband und Plastiktüte ihr Schuhwerk abbanden oder mit blanken Arbeitsschuhen durch die kontaminierten Wassermassen wateten. Die Folge waren schwere Verletzungen durch Verstrahlung. So glich es fast Spott, als das japanische Gesundheitsministerium die Obergrenze der jährlichen Strahlenbelastung von 100 auf 250 Millisievert erhöhte. Die festgesetzte Grenze der Internationalen Strahlenschutzkomission (ICRP) von 100 Millisievert war nicht ausreichend, um der Lage in Fukushima Herr zu werden. Dabei führt eine Dosis von 250 Millisievert bereits zu akuten Strahlenerkrankungen, schädigt die Körperzellen und lässt das Krebsrisiko exponentiell in die Höhe schießen. Ohne Erhöhung der Grenze wäre es womöglich zum Abzug der Arbeiter aus dem Gefahrenbereich gekommen. Die Krise hätte kaum überwunden werden können, wenn sich ein Großteil der Arbeiter nicht diesem Risiko ausgesetzt hätte. Doch die Erhöhung wollen wir dadurch nicht gut heißen. TEPCO kann sich von seiner Schuld nicht freisprechen.

Video:

BBC: „Firefighters‘ key Fukushima mission“
BBC: „Inside crippled Fukushima plant“

Weiterer Lesestoff:

Spiegel: „Wir brauchen jede Weisheit“
Stern: „Japanischer Jobbewerber unfreiwillig am Akw Fukushima eingesetzt“
Asienspiegel: „Überarbeitung im AKW Fukushima“
Asienspiegel: „Die trügerische Ruhe in Fukushima“
ABC News: „Outpouring of Tears and Prayers for Japan’s Heroes: The Fukushima 50“

Die Fukushima 50 – Eine Frage der Ehre?

„Wir werden ein Selbstmordkommando zusammenstellen müssen“, hieß es von Seiten der Regierung und AKW-Leitung, als die Radioaktivität in den Reaktoren von Fukushima akute gesundheitsgefährdende Werte erreichte. Die Kühlung musste aufrechterhalten und der Druck der Sicherheits- und Druckbehälter verringert werden, um die Gefahr einer weiträumigen Kontamination mit radioaktiven Partikeln zu vermeiden. Automatische Vorrichtungen zur Kühlung und Druckentlastung waren vorhanden, doch beschädigten Beben und Tsunami die Reaktoren so schwer, dass die interne elektrische Versorgung nicht mehr aufrechterhalten werden konnte. Den einzigen Ausweg sah man in der manuellen Öffnung der Ventile. Eine Aufgabe, die 50 Arbeitern des AKW-Betreibers TEPCO zugemutet wurde und mit ihrem Leben spielte. Ihre Namen sind den Medien unbekannt. Keine Identität, kein Gesicht, dass man zuordnen könnte, um die Opfer dieses Selbstmordkommandos zu identifizieren.

Eine japanische Postkarte aus den 1920ern mit dem Motiv der 47 Ronin.

Nur allzu gern wurde in den Medien diese ehrenvolle Aufgabe hervorgehoben, der Zukunft des Landes mehr Wert beizumessen, als der eigenen Gesundheit. Schnell war der Vergleich mit den legendären 47 Rônen gezogen, jene Samurai die im Angesicht des Todes ihren Herren rächten. Doch wen sollte man mit dem eigenen Leben rächen? Eine Naturkatastrophe, die für Japan zu einem normalen Phänomen geworden ist? Erinnern wir uns an die Diskussion vom 22. Februar zurück, so betonte man den Einsatz sogenannter „Wegwerfarbeiter“, die ihre Verwendung in besonders gefährlichen, schmutzigen und schwierigen Arbeiten finden. Uns als Leiharbeiter bekannt, verrichten sie Tätigkeiten unter äußerst geringer Bezahlung, um von Ort zu Ort je nach Bedarf weitergegeben zu werden. Nach ihrer Meinung werden sie nicht gefragt. Streiks und Proteste lassen auf sich warten, denn am Rande des Existenzminimums dürfen sie nicht wählerisch sein.

Waren die „Fukushima 50“ Wegwerfarbeiter? Die Aufgaben in den Reaktoren waren zwar lebensgefährlich, doch nicht so komplex, als dass man gutes Personal mit langjähriger Erfahrung opfern müsste. Um ein Ventil per Hand zu öffnen braucht es keinen wertvollen Ingenieur. Kurze Instruktionen an Wegwerfarbeiter reichen, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. TEPCO opfert keine Experten, während den unerfahrenen AKW-Gipsy die Gefahr der Verstrahlung verschwiegen wird, die sie an der Ausübung dieser „ehrenvollen“ Tätigkeit hätten zweifeln lassen können. Zudem werden Leiharbeiter nicht als vollwertige Mitglieder eines Unternehmens gezählt und erreichen demnach nicht den Status einer Festanstellung, um ihre Personaldaten in den firmeneigenen Dokumenten festzuhalten. Der Tod von 50 Experten mit Festanstellung bei TEPCO ist weitaus schneller aufzudecken, als das Dahinscheiden von 50 unbekannten Leiharbeitern, deren Verlust auch den Wirren der Naturkatastrophe anhängt werden kann. Dieser Absatz liest sich wie eine Hetzschrift, gerade weil er Fakten und Vermutungen miteinander verbindet, ohne sich auf handfeste Informationen zu stützen. Doch allein die Recherche zu personellen Daten der Fukushima 50 bleibt ohne Ergebnis. Weder ihr Wohlbefinden, noch die Strahlenbelastung oder deren Auswirkungen wurden in den Medien ausführlich dokumentiert. Sicher waren sich die Medien allerdings in Einem: Es könnte der letzte Dienst der 50 Arbeiter gewesen sein.

Arbeiter auf dem Gelände von Fukushima Daiichi. Im Hintergrund die Trümmer der Reaktorblöcke.

Ob das Selbstmordkommando eine ehrenhafte Aufgabe übernahm, ist ebenfalls zweifelhaft. Ehre wird nur dem zu Teil, der sich aus freiem Willen der Gefahr aussetzt. Mit der Kündigung bei TEPCO und dem Existenzverlust geködert, blieb nur eine Entscheidung. Dass sich den Fukushima 50 keine rosigeren Alternativen eröffnen und die eigene Existenz auch durch Strahlenkrankheiten in Frage gestellt wird, davon wusste offenbar nur ein Teil der Arbeiter. Immerhin konnte man Trost bei dem Gedanken finden, für das eigene Vaterland zu sterben. Aber bleiben wir bei der Theorie, die Hilfskräfte würden sich überwiegend aus Leiharbeitern zusammensetzen, hinkt diese Aufopferung gewaltig. Leiharbeiter in Japan sind nicht unbedingt Japaner, sondern Ausländer wie Koreaner, Chinesen und andere Minderheiten, für die gerade aufgrund ihrer sozialen Abseitsstellung in Japan nur der geringfügig bezahlte Job als Wegwerfarbeiter bleibt. War es nun Ehre, die die Fukushima 50 antrieb oder vielmehr ein durch Zwang bestimmtes Himmelfahrtskommando? Die Antwort gab uns die Regierung bereits in der ersten Zeile.

Weiterer Lesestoff

Spiegel: „Der Elektriker von Reaktor 3“
Spiegel: „Freiwillige für einen Höllenjob“
Spiegel: „Die ‚Tapferen 50‘ an der Strahlenfront“
Spiegel: „Die Ehre der Freiheit“
Spiegel: „50 Mann sollen Japan retten“
Stern: „Die 50 Helden von Fukushima“
Japan aktuell: „Die 50 von Fukushima – die modernen 47 Ronin?“
20 Minuten Online: „Die ‚Tapferen 50‘ erwartet der Strahlentod“
Welt Online: „50 Namenlose sind die letzte Hoffnung Fukushimas“

Die Gesellschaft übt sich in Kritik – Protestsongs statt Protestmarsch

Protestbewegungen in Japan wachsen nur langsam. Nicht nur die Regierung stellt sich öffentlichen Protesten in den Weg, auch der Großteil der Japaner verspüren kaum den Drang, öffentlich den Staat zu kritisieren. Zu konservativ ist die eigene Einstellung. Die Gesellschaft steht über dem Individuum. Was zählen da einzelne Meinungen und Bekundungen gegen Atomkraft? Der Protest findet daher nicht nur auf der Straße statt. Seit Tschernobyl und Fukushima findet der Protest seine Basis in den Texten von Bands und einzelnen Musikern. In einem sind sie sich einig: Der Staat braucht Transparenz.

Der Anti-Atomkraft-Song „You can’t see it, you can’t smell it“ ist eine Kooperation des japanischen Reggae-Musikers Rankin Taxi und der Dub Ainu Band. Die Band des japanischen Musikers Oki Kano sorgt für die musikalische Unterstützung, während sich Rankin Taxi dem Text widmete. Dieser kritisiert in skurriler, fast unterhaltender Weise die japanischen Regierung. Der Song tadelt die Regierung, Atomenergie für sicher erklärt zu haben, ohne die Einwohner Japans über die Folgen ausreichend aufgeklärt zu haben. Mehrfach wird in dem Video die unsichtbare Gefahr von Atomkraft und die Auswirkungen nach der Katastrophe von Fukushima veranschaulicht.

Auch die japanische Popkultur setzt sich mit dem Thema Atomkraft und deren Risiken auseinander. Das untere Video zeigt eine Band, die durch kindliche Choreografien im japanischen Schuldmädchen-Outfit nicht auf jedermanns Geschmack stößt. Das Thema, das die fünf Mädchen aufgreifen, steht der Präsentation des Songs allerdings im krassen Gegensatz. Kritisch äußern sie sich zu der riskanten Technologie bei einem Musikgenre, dem solche Themen kaum zuzumuten sind. Mehr Informationen lassen sich bei der Textinitiative Fukushima finden.

Es folgen drei weitere Songs, deren Musiker im Westen meist unbekannt sind, der japanischen Gesellschaft jedoch einen kritischen Charakter verleihen. Protestbewegungen in Japan sind selten, da sie von der Regierung unter Druck gesetzt und stark behindert werden. Die Musiker entdecken ihre Form des Protests im Schreiben neuer Songs mit kritischem Inhalt. Durch die Aufnahme dieser Titel in ihr Programm erreichen sie bei Konzerten mehr Hörer, als auf den Straßen der Städte Japans auf taube Ohren zu stoßen. Den Songs wurde eine deutsche Übersetzung angefügt, um sich auch als Person ohne Japanisch-Kenntnisse mit dem kritischen Inhalt auseinanderzusetzen. Die Übersetzung stammt nicht von Fukushima 24/7, sondern von dem engagierten Team der „Textinitiative Fukushima“. Eine Angabe der Quelle gibt es hinter jedem Video.

______________________________________________________________________________

Titel: „Summer Time Blues“ von Kiyoshirô Iwamano (1988) – Übersetzung

Der heiße Sommer kommt immer näher, alle sind unterwegs ans Meer.
Als ich im menschenleeren Meer schwamm, entdeckte ich ein Atomkraftwerk.
Ich kapier es einfach nicht: Wozu bloß? Kleines Japan, das ist dein Summertime Blues.

Glühende Flammen spucken die Schlote empor, die Tôkai-Beben kommen immer näher.
Trotzdem werden es mehr und mehr, werden weiter Atomkraftwerke gebaut.
Ich kapier es einfach nicht: Für wen bloß? Kleines Japan, das ist dein Summertime Blues.

Der eisige Winter kommt immer näher.
Du verlierst in letzter Zeit auch eine Menge Haar (das ist schon echt schlimm)
Trotzdem, im Fernsehen heißt es: „Die japanischen AKWs sind sicher.“
Ich kapier es einfach nicht: Alles aus der Luft gegriffen (Wo ist der Beweis?)
Das ist der allerletzte Summertime Blues.

Wir sollten auch noch einmal die Abkürzung AKWs überdenken.
Es ist ein schlechte Angewohnheit der Japaner alles abkürzen zu müssen.
Gibt es denn den korrekten Ausdruck Atomkraftwerk nicht? (Macht euch keine Sorgen)

Ich schufte mich ab, um meine Steuern zu zahlen,
und wenn ich dann doch mal im Urlaub aufs Land fahre, stehen da schon 37 neue Meiler rum
Die Atomkraftwerke werden immer mehr. Noch ehe wir es merken, leckt es.
Wie schrecklich, dieser Summertime Blues.

Atomkraft ist überflüssig, wir brauchen sie nicht mehr, nie mehr.
Atomkraft ist überflüssig, wir brauchen und wollen sie nicht mehr.
Atomkraft braucht keiner, sie ist gefährlich und unerwünscht.
Wir brauchen, brauchen und wollen sie nicht.
Brauchen, brauchen die nicht, denn Atomkraft ist so überflüssig.
Sinnlos und gefährlich.

______________________________________________________________________________

Titel: „Alles nur Lügen“ von Saito Kazuyoshi – Übersetzung

Läuft man durch diese Land, sieht man 54 Atommeiler.
In den Schulbüchern und Werbung heißt es „Die sind sicher“.
Sie haben uns belogen und nannten es „unvorstellbar“.
So vertraut dieser Himmel, so juckend der schwarze Regen.
Die ganze Zeit nur gelogen. Alles gelogen die ganze Zeit
Jetzt ist es doch raus gekommen, wirklich alles nur Lügen.
Atomkraft ist sicher.

Alles gelogen die ganze Zeit. Ich möchte so gern Spinat. Wirklich alles nur Lügen.
Habt ihr eigentlich überhaupt was gemerkt? Ihr kanntet die Lage, nicht wahr?

Die Strahlung weht unaufhaltsam im Wind.
Wie viele Menschen werden schon verstrahlt sein, ehe ihr es endlich merkt?
Liebe Regierung dieses Landes, gibt es außerhalb dieser Stadt noch irgendwo gutes Wasser?
Sagt uns wo! Ach schon gut. Kein Ort mehr, an den wir fliehen können.

Alles nur Scheiße! TEPCO, HEPCO, CECPO, KEPCO
haben zwar nicht immer gepennt, aber nur Scheiße erzählt!
Trotzdem wollt ihr so weitermachen!? Das war wirklich alles nur Scheiße!
Ich will irgendwas unternehmen. Alles waren alles nur Lügen. Alles war nur Scheiße.

______________________________________________________________________________

Titel: „Tschernobyl“ von The Blue Hearts (1988) – Übersetzung

Irgendwer zieht eine Grenze. Der Lärm bringt alles durcheinander.
Jemand starrt mich mit aufgerissenen Augen an hoch oben vom Himmel.
Ich will nicht nach Tschernobyl.
Dieses Mädchen möchte ich in die Arme schließen.
Ist es wirklich überall dasselbe?

In der Stadt im Osten regnet es. In der Stadt im Westen regnet es.
Im Norden am Meer regnet es. Im Süden auf den Inseln regnet es.
Ich will nicht nach Tschernobyl.
Dieses Mädchen würde ich so gern küssen…
Auf diesem so winzigen Planeten.
Wem gehört die runde Erde nun?
Wem gehört die alles vernichtende Flut?

In der Stadt im Osten regnet es. In der Stadt im Westen regnet es.
Im Norden am Meer regnet es. Im Süden auf den Inseln regnet es.
Ich will nicht nach Tschernobyl.
Dieses Mädchen würde ich so gern küssen…
Auf diesem so winzigen Planeten
Wem gehört die runde Erde nun?
Wem gehört die alles vernichtende Flut?
Wem gehört der Gegenwind?
Wem gehört der schöne Morgen?
Nach Tschernobyl – ah nach Tschernobyl – ah.
Nach Tschernobyl will ich auf keinen Fall.

„Zur politischen Kultur in Japan“ – Eine Diskussion über das Fünfeck der Atompolitik Japans

Der Thomasius Club lud am 22. Februar 2012 in die Südvorstadt Leipzigs, um über die politische Kultur Japans zu sprechen. Hintergrund der Auseinandersetzung war die Dreifachkatastrophe von Fukushima und die neuen Protestbewegungen der vermeintlich unpolitischen Japaner. Ein uriges Ambiente und bequeme Sitzgelegenheiten zierten den Veranstaltungsraum. Eine Ausstattung, wie es sich für die monatlichen Gespräche des Thomasius Clubs gehört. Speziell für dieses Thema eingeladen wurde Steffi Richter, Professorin und Lehrstuhlinhaberin der Japanologie an der Universität Leipzig. Ihr Schwerpunkt: „Gesellschaft und Kulturen im neuzeitlich-modernen Japan“. Begleitet und angetrieben wurde die Diskussion von den Moderatoren Bettina Kremberg und Ulrich Johannes Schneider. Lasst uns diskutieren.

Ein Foto der Gesprächsteilnehmer: v.l. Bettina Kremberg, Steffi Richter, Ulrich Johannes Schneider. (Thomasius Club)

Im Schatten des Gesprächs stand der baldige Jahrestag der Katastrophe von Japan. Frau Richter selbst versuchte zu Beginn die Auswirkungen dieses Unglücks außerhalb der Grenzen Japans zu verdeutlichen. Für sie als Japanologin war der 11. März 2011 ein tiefer Schock der sie bis heute zeichnet. Fällt Japan in einem Gespräch, spielen sich die Geschehnisse der Katastrophe erneut ab. So weist sie auch am 22. Februar auf jene dramatischen Tage hin. „Eine Katastrophe auf zwei Ebenen“, versucht sie zu charakterisieren: institutionell und wissenschaftlich. Die Leipziger Japanologie machte sich Sorgen um ihre Studenten in Japan. Groß war die Erleichterung, als die jungen Japanologen unversehrt ihren Fuß nach Deutschland setzen konnten. Doch der Forschungsschwerpunkt änderte sich.

In den ersten Wochen nach der Katastrophe war es schwer, einen klaren Gedanken zu sammeln. Wie soll es weitergehen? Die Massenmedien berichteten unentwegt von der Atomkatastrophe in Fukushima. Eine einseitige Berichterstattung folgte auf die nächste. Das Ziel musste es sein, neue Perspektiven zu eröffnen. Die Basis für Frau Richters aktuelles Projekt war geschaffen. Eine Kooperation der Japanologien von Leipzig, Frankfurt und Zürich schuf die Textinitiative Fukushima. Der Leitgedanke war, spezielles Wissen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, das mangels des eigenen Wissensstands verwehrt wurde. Nicht etwa das Aufdecken von Verheimlichungen der Regierung Japans ist die Aufgabe dieser Initiative, sondern das Übersetzen japanischer Protestaktionen, Texte und Bücher. Die deutsche Öffentlichkeit sollte informiert werden. Ein ungeheurer Aufwand stand den Japanologen bevor, zu denen sich die Studenten höheren Semesters aus eigenem Engagement heraus verpflichtet fühlten.

So betont Frau Richter die gemeinsame Anstrengung der Studenten, die bis heute auf 30 Übersetzungen zurückblicken kann. Als Material stand zumeist japanischer Pop-Protest zur Verfügung. Aufbegehrende Videos japanischer Künstler ziert das Internet und alle stimmen sie in einen Anti-Atomkraft-Kanon ein. Die Protestbewegung Japans beginnt sich zu entfalten, doch eine soziale Bewegung ist es noch lange nicht. Die Proteste sind politisch, zeigen aber wenig Bestand und verflüchtigen sich. Für eine soziale Bewegung, die den Anti-Atomkraft-Forderungen der Japaner Auftrieb verleihen würde, muss sich diese Protest-Bewegung in den Alltag integrieren. Sie muss an Vielfalt gewinnen und ein Markenzeichen der Gesellschaft Japans werden. Bis dieser Zustand erreicht ist, muss das japanische Volk noch viele Hürden meistern. Die Berechtigung der Textinitiative bleibt, denn sie gibt ein Bild Japans, dem wir in den Massenmedien nicht begegnen.

Anti-Atomkraft-Protest in Tokio am 16. November 2011.

Einer weiteren Thematik schenkte Frau Richter in diesem Gespräch Beachtung. Das „Eiserne Dreieck“, wie wir es schon in unserem Einstieg zu Fukushima 24/7 behandelt hatten. Die Interessenverflechtung von Politik, Wirtschaft und dem Staat in Form der Bürokratie. Doch die Professorin hatte noch eine vierte Ecke für das Dreieck, die Gefälligskeitswissenschaftler. Eine Gruppe von Wissenschaftlern, die zugunsten eines finanziellen Vorteils die Machenschaften des Staats befürworten, so fraglich und riskant sie auch sein mögen. In den 1960ern war die Nuklearisierung der Stromindustrie Japans allerdings eine rein politische Entscheidung. Die Wirtschaft fand keinen Gefallen an den kostspieligen Atomkraftwerken. Zu groß waren die Investitionen in neue Sicherheitssysteme. Doch die Politik gab den Anstoß und was die Investitionen in Sicherheit angeht, sehen wir seit dem späten 20. Jahrhundert weltweit durch die Stör- und Unfälle von Kernkraftwerken.

Nun musste man dem Volk die riskante Technologie schmackhaft machen. Vertrauen sollte geschaffen werden. Was wäre da nicht besser, als ein japanischer Comic? Aus seiner deutschen Übersetzung lässt der Cartoon-Charakter Astro Boy keine Rückschlüsse auf Atomkraft zu. Dass der Roboterjunge als Heldenfigur im Kinderprogramm Atomkraft propagiert, ist schwer zu glauben. Doch mit Tetsuwan Atomu, die korrekte Übersetzung wäre „Eisenarm Atom“, hört der Roboter auf seinen Original-Namen. Tetsuwan Atomu erschien von 1952 bis 1968 im Manga-Magazin Shōnen. Ab 1962 begann die Produktion des gleichnamigen Animes, der 1980 und 2003 durch weitere Folgen ergänzt wurde. Hinzu kamen Kinofilme, Videospiele und eine Fülle von Merchandise-Artikeln, die dem japanischen Volk die Atomkraft schmackhaft machen sollten. Immerhin sorgt sich der kleine Atom-Boy um die Erhaltung von Frieden und setzt sich gegen Krieg und Unrecht ein. Was kann es nicht besseres geben, als eine sichere, verlässliche Technologie⸮

Zum Ende der Diskussion kam Frau Richter auf den engagierten Journalisten Suzuki Tomohiko zu sprechen. Tomohiko beschäftigt sich intensiv mit dem Abgrund der japanischen Gesellschaft und stellte die Verflechtung der Atomindustrie mit der japanischen Mafia dar, auch als Yakuza bekannt. So mutiert die vermeintliche Dreiecksbeziehung zu einem gut organisierten Fünfeck. Die Aufgabe der Yakuza liegt darin, Arbeitskräfte für die Säuberung von Atomreaktoren und speziell für die Aufräum- und Reparaturarbeiten in Fukushima I zu verpflichten. Ein ernstes Thema, dass gerne verschwiegen wird. Die aus ihrer Existenznot kooperierenden Arbeiter tragen den Namen „Wegwerfarbeiter“. Menschliches Kapital für gesundheitsgefährdende Arbeiten. Die Bezahlung gleicht purem Spott. Bei einem Job, der die Lebenserwartung der Betroffenen drastisch senkt. Etwa 80.000 dieser „AKW-Gipsy“ existieren in Japan. Von einem japanischen Phänomen ist allerdings abzusehen. Wer in Japan als „Wegwerfarbeiter“ sein Leben bewältigt, trägt in anderen Ländern ähnliche Bezeichnungen. Frankreich verfügt über schätzungsweise 30.000 sogenannter Atom-Nomaden. Und selbst Deutschland zählt bereits 24.000 Menschen, die einen Namen tragen, der im Sprachgebrauch schon zum Alltag gehört: Leiharbeiter.

Journalist Suzuki Tomohiko (AFP)

Es bleibt die Aufgabe der Textinitiative, mit ihrer Internetpräsenz Informationen an die Öffentlichkeit zu tragen, die aufgrund des eigenen Wissensdefizits der Menschen unsichtbar bleiben. Die Massenmedien konzentrieren sich längst nicht mehr auf den Unglücksfall Fukushima. Spätestens am Jahrestag der Katastrophe wird der Hauptstrom der Ereignisse erneut aufgearbeitet und die Öffentlichkeit mit dem Mainstream an Informationen versorgt, den sie ohnehin schon kennt. Die Informationen am Rande sind nur marginal verteilt. Die Kanäle, um an sie zu gelangen, sind rar gesät.

Aus dem Publikum kam die These, allein 70 Prozent der weltweiten Medienberichte über Fukushima stammen aus Deutschland. Es ist ein Einwurf, der nicht nur die scheinbare Atom-Hysterie der Deutschen in Betracht zieht, sondern umso mehr das Interesse nach Aufklärung und Diskussion. Der Einwurf der Moderatorin Bettina Kremberg kam zugleich, ob die Textinitiative Fukushima nicht Informationen aus dem Deutschen übersetzen könnte, um der desaströsen Informationspolitik Japans entgegenzuwirken. Ein Vorschlag, dem Frau Richter nichts entgegenzusetzen hätte. Doch die Arbeit ist zu aufwendig, als dass sie von einem Team aus wenigen engagierten Studenten bewältigt werden könnte. „Eine Krise des investigativen Journalismus.“ Das Schlusswort des Abends.

[Die gesamte Unterhaltung ist als Audio-Datei unter diesem Link verfügbar.]

TEPCO – Teil 2: Von der Katastrophe bis zur Gegenwart

Ein Wunderwerk der Technik. Ein Symbol für die Zukunft des Landes, für ein goldenes Zeitalter. Sicherheit, Verlässlichkeit und Transparenz propagiert der Image-Film Tepcos in den unteren beiden Videos. Die Nation sollte keinen Anlass zu Beunruhigung haben. Atomkraft ist sicher, besonders in den Händen Tepcos. So führen die Videos in den Bau des Kernkraftwerks ein und vermitteln stolz die moderne Technologie, die von dem Meiler ausgeht. Ausgeschmückt mit lobenden Attributen und dem Hantieren beeindruckender Zahlenwerte versucht Fukushima I zu überzeugen. „Die Reaktoren unseres Landes sind ein Modell innovativen Ingenieurwesens im Bereich der Atomkraft. Die neue nukleare Energie, die hier geboren ist, wird eine großartige Energie sein, die all unser Leben unterstützt“, verkündet der Sprecher zum Abschluss. Nahezu zynisch mag es nach der Katastrophe klingen. Doch weshalb sich nach diesem Film sorgen machen? Spätestens seit März 2011 gab es die Antwort: den Beschönigungen Tepcos ist nicht mehr zu glauben. Das Unternehmen hat sein Gesicht verloren. Selbstverschuldet, und das auf unbestimmte Zeit.

Nach dem 11. März hatte das Misstrauen in Tepco einen unbekannten Grad erreicht. Bereits die Jahre zuvor stand der Energieversorger vereinzelt in den Schlagzeilen der japanischen Medien, konnte durch die enge Verzahnung mit Politik und Aufsichtsbehörden aber immer wieder den Kopf aus der Schlinge ziehen. Nun stand das Unternehmen vor dem Bankrott, denn der Schaden wuchs ins Unermessliche. Tepco musste haften.

Die wahren Informationen im Angesicht der Katastrophe zurückhaltend, versuchten die Manager Tepcos, das Problem traditionell herunterzuspielen. Es bestehe keinerlei Grund zur Beunruhigung. Die Gesundheit stehe nicht auf dem Spiel. Ein Meister im Verleugnen, der mit dem Leben der Einwohner in der Präfektur Fukushima spielt. Als die ersten Medien mit dem Unternehmen ins Gericht zogen, ließ das Bollwerk aus Verschleierung und Lügen nach. Zum eigenen Fehler stehen wollte man nicht. So schoben TEPCO, Politik und Bürokraten in Form der japanischen Atomaufsichtsbehörde NISA die Verantwortung hin und her. Zu groß war die Angst, die Last des Unglücks auf den eigenen Schultern zu tragen. Es brauchte ein Machtwort, um sich dem Chaos zwischen Missmanagement und Desinformation zu entledigen.

Der ehemalige japanische Premierminister Naoto Kan im Jahr 2011. (Copyright © World Economic Forum, Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Damaliger Ministerpräsident Naoto Kan reiste aus diesem Anlass am 15. März höchstpersönlich in die Zentrale Tepcos um seiner Wut Ausdruck zu verleihen. „Was ist hier eigentlich los?“, drang er auf die Manager ein und ernannte sich kurzerhand selbst zum Chef des Krisenstabs. Weshalb diese Verschwiegenheit? „Was die Welt derzeit erlebt, ist die typisch japanische Angewohnheit, Pannen zu vertuschen – aus Scham und falsch verstandenem Gruppen- oder Firmengeist. Dabei ist das Unglück doch längst für alle offensichtlich“, schreibt der Spiegel noch am selben Tag. Falscher Stolz und die Angst vor dem Aus, dem finanziellen wie dem gesellschaftlichen. Die Frage, warum die Arbeiter lange zögerten, um Salzwasser in die überhitzten Blöcke zu pumpen, ist nach diesen Informationen einfach zu beantworten. Tepco sah seine Priorität in der Erhaltung des eigenen Besitzes. Das Kernkraftwerk sollte gerettet werden. Das Salzwasser hätte die Reaktoren auf lange Sicht beschädigt. Ein Verlust, der sich erst Stunden, wenn nicht Tage später in Kauf nehmen ließ.

Noch während der Bewältigung des Unglücks verhandelte Tepco um Notkredite. Allmählich wurde dem Versorger klar, welche finanzielle Last sich auf ihn legt. Sieben Finanzinstitute erklärten sich bereit, eine Summe von zwei Billionen Yen (17 Milliarden Euro) dem Unternehmen zu überlassen. Durch Anleihen verfügte Tepco über 670 Milliarden Yen an liquiden Mitteln. Das Geld war bitter nötig, denn zehntausende Einwohner der Präfektur Fukushimas galt es zu entschädigen. Doch das Geld der Banken wurde für andere Zwecke gebraucht. Reparaturen waren wichtiger, da Atomkraftwerke und andere Anlagen in Mitleidenschaft gezogen wurden. Für die Betroffenen blieb später eine Summe von umgerechnet 8000 Euro, pro Familie, nicht pro Kopf. Ein äußerst knapper Betrag, um das verlorene Hab und Gut zu ersetzen. Doch Tepco konnte nicht mehr entbehren. Der Staat musste nun für den Wiederaufbau herhalten. Nach japanischem Gesetz muss die Regierung im Falle der Beschädigung eines Kernkraftwerks infolge einer Naturkatastrophe die ersten 120 Milliarden Yen der Reparaturkosten aufbringen. Ein wahrer Segen für den Energieversorger, wenn gleich das Volk die Kosten auf sich nimmt. Es rief nach einer Erhöhung von Steuern und Strompreisen.

Zur Finanzierung der Katastrophe stellte die japanische Regierung einen öffentlichen Fonds zur Verfügung, der mitunter die Entschädigungszahlungen für die Opfer begleichen sollte. Der Staat griff Tepco mächtig unter die Arme. Ein erstes Aufatmen für den Energiekonzern. Doch im Gegenzug wurde das Unternehmen stärker kontrolliert, auch wenn man von einer Verstaatlichung absah. Die Aktienkurse Tepcos hatten seit der Katastrophe vom 11. März um 80 Prozent an Wert verloren. Hinzu kamen erwartete Schadensersatzforderungen in Höhe von zehn Billionen Yen (84 Milliarden Euro). Mit dem Fond sollte Tepco vor dem finanziellen Aus bewahrt werden. Als zinsloses Anleihen wurde der öffentliche Fonds eingerichtet, der vom Konzern zurückgezahlt werden soll.

Ein weiteres Gesicht mischt sich nach der Katastrophe unter die weltweiten Medien. Der Präsident Tepcos, Masataka Shimizu, stellte sich einen Tag nach der Katastrophe nur kurz der Presse vor, ohne Andeutungen auf die Krisenbewältigung zu machen. Mehrere Tage verschwand er danach von der Bildfläche. Man spekulierte über einen Selbstmord, doch Shimizu hatte sich lediglich krank gemeldet. Von Bluthochdruck und Schwindelanfällen geplagt, wurde er in ein Krankenhaus eingewiesen. Einen Monat nach der Katastrophe kehrte er zurück, in blauer Montur des Energieversorgers. Es hieß zu trauern und so versenkte er sein Haupt für Minuten. Masataka Shimizu wirkte schwach und resignierend, als sei nichts mehr zu retten. Sein Gesicht hatte er auf Dauer verloren und so waren seinen Worten an die Presse nur noch Bestürztheit und Bitten um Verzeihung zu entnehmen. Antworten auf Fragen gab es keine. Shimizu schwieg. Zwei Monate später musste er den Posten räumen. Sein Nachfolger ist Toshio Nishizawa, ein ehemaliger Direktor und Manager Tepcos. Mit seinem Rücktritt nahm Shimizu die Verantwortung mit sich. Er versuchte, für die Pannenserie und die Milliardenverluste Tepcos gerade zu stehen.

Im Juli 2011 rückten erneut die Opfer der Atom-Katastrophe in den Blickpunkt der Regierung. Schätzungsweise 850 Euro sollte der AKW-Betreiber allen Betroffenen als finanzielle Stütze zahlen. Pro Monat, den die Menschen nicht in ihrem Haus verbringen konnten. Die 20 bis 30 Kilometer große Evakuierungszone umfasste 160.000 Bewohner, die in Notunterkünften ihr Dasein fristeten. Laut der Nachrichtenagentur Kyodo betrugen die Schadensersatzzahlungen umgerechnet 52 Milliarden Dollar. Diese gewaltige Summe, die Sicherung der Reaktoren von Fukushima Daiichi und die gesunkene Nachfrage nach Storm durch die Sparmaßnahmen der Japaner forderten Tepco finanziell heraus. Wie sollte das Unternehmen diesem angesetzten Todesstoß Herr werden? Die Leidtragenden waren umso mehr die Arbeiter. Die Regierung forderte im September vergangenen Jahres die Restrukturierung Tepcos und sah einen drastischen Stellenabbau, die Abtretung von Aktienanteilen und gekürzte Rentenzahlungen vor. Um weiterhin liquide zu bleiben, forderte die Regierungskommission die Wiederinbetriebnahme der übrigen Kernkraftwerke Japans und eine Erhöhung der Strompreise. Bis heute wurde allerdings kein Kraftwerk hochgefahren.

Das Atomkraftwerk Fukushima I. Im Vordergrund der Reaktorblock 1. (Copyright © Kawamoto Takuo, Lizenz: CC BY 2.0)

Die letzten Monate des Jahres 2011 waren von staatlichen Finanzspritzen durchsetzt. Tepco durfte nicht aufgegeben werden, denn der Energieversorger ist eng an das Stromnetz Tokios gekoppelt. Eine Abschaltung wäre undenkbar. Nachdem im Januar der AKW-Betreiber weitere Finanzspritzen über den öffentlichen Fonds forderte, zieht der Staat die Übernahme von zwei Dritteln der Anteile Tepcos in Betracht. Der Energieversorger könnte nach 60 Jahren Privatwirtschaft verstaatlicht werden. Japan selbst erhofft sich damit auch eine Veränderung der Energiepolitik des Landes. Bisher stellt sich der Konzern vehement gegen eine Aufhebung der regionalen Monopole und den Ausbau erneuerbarer Energien. Die Geschichte der Tokyo Electric Power Company als privates Unternehmen ginge damit zu Ende. Welchen Weg Japan danach bestreitet, liegt einmal mehr in den Händen der japanischen Regierung. Eine fragwürdige Zukunft bei Regierungsvertretern, deren Misstrauen gegenüber dem Tepcos in nichts nachsteht.

Quellen: Spiegel Online | Japanmarkt