TEPCO erwägt die Wiederinbetriebnahme der Fukushima-Reaktoren

Die Arbeiten an den beschädigten Reaktoren von Fukushima I und II gehen weiter voran. Während die Reaktoren von Fukushima Daiichi gesichert werden, ging die Öffentlichkeit noch 2011 davon aus, dass auch Fukushima Daini aufgegeben wird. Der Rückbau des Meilers wurde trotz seiner verhältnismäßig geringen Beschädigung auch vom Gouverneur der Präfektur Fukushima begrüßt. „[…] die Präfektur Fukushima will sich von der Atomkraft verabschieden: Mit Rücksicht auf die Betroffenen setzt sich der Gouverneur für den Rückbau aller zehn Reaktoren in den Komplexen Daiichi und Daini ein“, schrieb Japanmarkt noch im Dezember. Kurze Zeit später wurde Fukushima II erstmals den Medien zugänglich gemacht, sodass sich die Öffentlichkeit am 8. Februar 2012 selbst ein Bild von den Bauarbeiten am Kraftwerk machen konnte. Nach weiteren Monaten entschied sich TEPCO allerdings, den Meiler wieder instand zu setzen.

Der Hauptsitz TEPCOs in Tokio, aufgenommen im April 2007. (Copyright © PON, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Bis zum Frühjahr 2013 sollen die Reparaturarbeiten inmitten der Sperrzone andauern, um das Kraftwerk gegebenenfalls an das Stromnetz anzuspeisen. Die vier Reaktoren des Kraftwerks liegen 12 Kilometer südlich von Fukushima Daiichi und wurden 1982 in Betrieb genommen. Grund genug für TEPCO, das Kraftwerk wieder in Betrieb zu nehmen, um die zwei Milliarden Euro Restwert nicht ungenutzt zu lassen. Das japanische Wirtschaftsministerium begrüßt den Vorschlag, ohne die hohen Rückbaukosten aus dem Auge zu verlieren, obwohl die Lokalregierung der Präfektur Fukushima sich Monate zuvor für die Stilllegung aussprach. Im Wiederaufbau-Plan der Präfektur ist bereits von einem Abbau der Kraftwerke die Rede.

Trotz der möglichen Wiederinbetriebnahme beabsichtigt TEPCO, die Strompreise zu erhöhen. Seine Begründung findet der Konzern in den hohen Unterhaltskosten des Meilers, die jährlich bis zu 900 Millionen Euro verschlingen. In die Kosten werden auch die Reaktoren 5 und 6 von Fukushima Daiichi einbezogen, die während der Katastrophe aufgrund ihrer Abgeschiedenheit zu den Reaktoren 1 bis 4 wenig Schaden nahmen. Ein Neustart dieser Reaktoren könnte im Angesicht der massiven Protestbewegungen eine Herausforderung für den Kraftwerksbetreiber werden. Dieser gibt sich bisher recht unentschlossen. „Über das Schicksal der Anlage in Daini sei noch nicht entschieden, erklärte Tepco-Präsident Naomi Hirose in dieser Woche.
Dafür werde man ’nationale und lokale Meinungen hören‘, zitiert ihn Japanmarkt und verweist auf ein anderes Motiv TEPCOs. Noch steht das weltweit leistungsfähigste Kraftwerk Kashiwazaki-Kariwa außer Betrieb, doch mit den beiden Fukushima-Kraftwerken als bittere Alternative, ist die Wiederinbetriebnahme des Komplexes in der Präfektur Niigata umso wahrscheinlicher.

Das Atomkraftwerk Fukushima Daini, aufgenommen im Mai 2009. (Copyright © KEI, Lizenz: CC BY 3.0)

Das Kraftwerk Fukushima II wurde ebenfalls von den beiden Naturkatastrophen überrascht und hatte Mühe, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Zwar spricht die japanische Atomaufsichtsbehörde (NISA) in beschönigenden Worten von keinerlei beunruhigenden Schäden, doch konnte eine weitere Kernschmelze nur durch Glück überwunden werden. Eine einzige funktionierende Stromquelle hatte damals verhindert, dass der Meiler dasselbe Schicksal wie Fukushima I teilt. Die Arbeiten an Fukushima II nehmen momentan auch ohne der Gewissheit ihren Lauf, dass das Kraftwerk jemals wieder in Betrieb genommen wird. Bis die Entscheidung fällt, bleibt der Schutzanzug der Arbeiter weiterhin Routine, denn trotz seiner geringen radioaktiven Strahlung befindet sich das Kraftwerk innerhalb der Sperrzone.

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Fukushima – Das Atomdesaster „Made in Japan“

„Das Desaster war vorhersehbar und vermeidbar“, heißt es in dem aktuellen Untersuchungsbericht der Parlamentskommission, die das Unglück vom März 2011 noch einmal aufarbeitete. Ein Team aus Wissenschaftlern setzte sich zusammen mit Politikern und Journalisten sechs Monate lang mit der Fukushima-Katastrophe auseinander und überprüfte das Krisenmanagement TEPCOs und die Folgen von Erdbeben und Tsunami. Aus über 900 Stunden an Anhörungen und 1000 Interviews wurde diese Woche der 641-seitige Abschlussbericht der Öffentlichkeit präsentiert. Das Ergebnis lieferte nun Schwarz auf Weiß die Gewissheit, dass die Naturkatastrophe geringere Auswirkungen auf die Reaktoren gehabt hätte, wenn TEPCO und Regierung ausreichende Vorbereitungen unternommen und die Behörden ihre Funktion als Aufsicht wahrgenommen hätten.

Das Logo der Nuclear Accident Independent Investigation Commission (NAIIC) mit dem japanischen Parlament als Piktogramm.

„Eine Vielzahl an Fehlern“ und „vorsätzliche Fahrlässigkeiten“ waren der Ausgangspunkt, der die Naturkatastrophe zu einer atomaren Katastrophe werden ließ. „Der folgende Unfall war […] offensichtlich von Menschenhand verursacht», zitiert die Yomiuri Shimbun den Bericht. Die Verantwortung hat nicht allein der Konzern TEPCO zu tragen, sondern das System der dichten Vernetzung von Atomaufsicht, Kraftwerksbetreiber und Regierung. Durch die Kooperation von Bürokratie, Wirtschaft und Politik war eine Aufsicht faktisch nicht vorhanden. „Auch wenn dieses Geständnis sehr schmerzhaft ist – dieses Desaster ist ‚Made in Japan'“, erläuterte der Vorsitzende der Kommission, Kiyoshi Kurokawa, in seiner Stellung als Arzt und zugleich langjähriger Berater der Regierung.

Von der Expertenkommission gefordert wird nun eine Anpassung an internationale Standards zur permanenten Überwachung der Atomindustrie Japans. „Die Behörden müssten ihre insulare Sichtweise aufgegeben und die weltweiten Standards für Sicherheit, Gesundheit und Wohlfahrt erreichen. Die derzeitigen Gesetze dienten der Förderung der Atomkraft und nicht der öffentlichen Sicherheit“, schreibt Japanmarkt.

Schon Monate zuvor drang der Trugschluss TEPCOs an die Öffentlichkeit, das Unternehmen habe wenig bis keine Sicherheitsvorkehrungen für derartige Naturkatastrophen getroffen, da es die Gefahr einer Kernschmelze durch Naturereignisse nicht ernst nahm. Nach dem Abschlussbericht verabschiedete sich auch der letzte Trumpf TEPCOS, die eigenen Kraftwerke seien erdbebensicher, da die Nuklearkatastrophe allein dem Tsunami geschuldet sei. Sowohl das Beben, als auch der Tsunami beschädigten die Reaktoren so sehr, dass die dritte Katastrophe unausweichlich war.

Das zerstörte Reaktorgebäude 3 des AKWs Fukushima Daiichi. (flickr/IAEA)

Bis heute existiert die Sperrzone im Umkreis von 20 Kilometern um das Kraftwerksgelände, nachdem in drei Reaktoren eine Kernschmelze stattfand und weite Teile der Küstenregion der Präfektur Fukushima kontaminiert wurden. Über 80.000 Menschen können nicht mehr in ihre Heimat zurück. In den Monaten nach dem 11. März 2011 gruppierten sich zahlreiche Atomkraftgegner in Japan und brachten eine neue Anti-Atomkraft-Bewegung hervor. Ihren Höhepunkt fand sie in den vergangenen Tagen in Tokio mit einem Massenprotest, der etwa 150.000 Menschen zählte und gegen die Wiederinbetriebnahme des AKW Oi in der Präfektur Fukui demonstrierte. Es ist das erste und vorerst einzige Atomkraftwerk in Japan, dass zur Stromerzeugung wieder hochgefahren wurde.

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Das vorläufige Ende eines atomfreien Japans

Japan fährt wieder hoch. Am kommenden Sonntag wird der Kraftwerksbetreiber Kansai Electric (KEPCO) Reaktor Nummer 3 des Atomkraftwerks Oi in der Präfektur Fukui wieder in Betrieb nehmen. Reaktor Nummer 4 soll wenig später folgen. Damit währte die Zeit eines atomfreien Japans nur für kurze Zeit. Seit dem 6. Mai 2012 waren alle Kraftwerke aufgrund von Stresstests und Wartungsarbeiten heruntergefahren, nachdem die Katastrophe von Fukushima im März 2011 die Atompolitik in ihren Grundfesten erschütterte. Durch Proteste von Bevölkerung und Politikern gegen die Wiederinbetriebnahme der Kraftwerke kam das Land fast zwei Monate ohne Atomstrom aus. Mit dem erneuten Hochfahren erreichen die Proteste der Atomkraftgegner einen neuen Höhepunkt.

Am 29. Juni 2012 protestierten zehntausende Japaner gegen die Wiederinbetriebnahme des AKW Oi. (AFP)

„Aus Unmut über den geplanten Neustart von zwei Atomreaktoren sind Zehntausende Demonstranten in Tokio auf die Strasse gegangen. Nach Angaben der Veranstalter versammelten sich sogar rund 150.000 Menschen“, schreibt die Basler Zeitung. Angesichts dieser Menschenmasse überbot man den Protest von September 2011 um das 2,5-fache, als die Veranstalter eine Masse von 60.000 Menschen heraufbeschwörten, um gegen Atomkraft und das träge politische System zu demonstrieren. Damals setzten die Protestierenden ein Zeichen für das Umdenken in der Gesellschaft und den Wechsel von kollektiver Verantwortung auf die politische Meinung des Einzelnen. Dieses Mal ist es mehr als ein Fingerzeig bürgerlicher Entrüstung. Es sind bedeutende Massenproteste geworden, die um das politische Mitbestimmungsrecht des Volkes kämpfen.

Protestiert wurde nahe des Amtssitzes von Premierminister Yoshihiko Noda, denn er ist der Mann, der grünes Licht für die beiden Reaktoren des AKWs Oi gab. Seit März protestieren die Atomkraftgegner in ganz Japan. Den größten Zulauf gibt es auf den Straßen in der Millionenmetropole Tokio. Beliebtester Treffpunkt ist seither der Amtssitz Nodas, dessen Bewilligung zum Hochfahren neue Kräfte bei den Atomkraftgegnern mobilisierte. Denn die Sorge um einen weiteren nuklearen Unfall hat sich seit Fukushima fest in den Köpfen der Japaner verankert. „Ein weiterer Atomunfall wird das Ende von Japan sein», meint ein 62-jähriger Japaner und spricht damit aus, wovor sich ein Großteil der Bevölkerung fürchtet. Ein anderer stellt die Aufrechterhaltung der Protestbewegung in den Vordergrund: „Wenn wir jetzt nicht unsere Stimme erheben, dann ist das so, als würden wir dem Entscheid Nodas zustimmen.“

Die Widerstände beschränken sich nicht nur auf die Massenproteste, auch in der eigenen Partei Nodas entwickelte sich eine Opposition. In einer schriftlichen Petition mahnten 117 Abgeordnete seiner Demokratischen Partei (DPJ) zu großer Vorsicht bei der Wiederinbetriebnahme der Kraftwerke. Die politische Führung ist gespalten. Neun Gouverneure und Bürgermeister im Umkreis des Kraftwerks Oi hatten sich für den Neustart der Reaktoren 3 und 4 ausgesprochen. Zwei machten wenig später einen Rückzieher aufgrund heftiger Kritik aus den eigenen Reihen. Die Gouverneure der Präfekturen Shiga und Kyoto forderten nach einiger Bedenkzeit nach mehr Sicherheit und Pläne für den Ausstieg aus der Atompolitik. Außerdem tendierten sie nur zu einem temporären Neustart des AKWs Oi, um für den hohen Energieverbrauch der heißen Sommermonate auszusorgen.

Es sind jene Monate, die Wirtschaft und Atomlobby als Druckmittel nutzen, denn ihr Hauptargument bleibt, Japan würde ohne Atomstrom an Stromknappheit und hohen wirtschaftlichen Verlusten leiden. Anders als Naoto Kan, der sich als Premierminister während der Katastrophe gegen die Atomlobby stellte, argumentiert Noda gegen den sofortigen Ausstieg: „Die japanische Wirtschaft und der japanische Lebensstil würden einen sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie nicht vertragen.“ Die Opposition kontert hingegen mit der öffentlichen Meinung: “Der Großteil der Öffentlichkeit ist der Meinung, dass Japan die Energiebedürfnisse des Sommers durch Sparen und Flexibilität überwinden sollte.”

Yoshihiko Noda, seit dem 2. September 2011 Ministerpräsident Japans. Anders als sein Vorgänger Naoto Kan tendiert er gegen den sofortigen Atomausstieg.

Zwar haben sich die Auflagen für die Wiederinbetriebnahme der AKWs geändert, indem strengere Tests durchgeführt werden und der Neustart nur im Einvernehmen der lokalen Behörden und zuständigen Minister erfolgt, doch an Sicherheitsstandards mangelt es nach wie vor. Entscheidungswege sind noch immer undurchsichtig, „viele versprochenen bauliche Sicherheitsmaßnahmen noch gar nicht existent“, wie Asienspiegel berichtet. Tokio erschafft einen „neuen Mythos der Sicherheit“, klagt Hirohiko Izumida als Gouverneur der Präfektur Niigata, die mit Kashiwazaki-Kariwa das leistungsstärkste AKW der Welt beherbergt. Izumida wird zu einem hartnäckigen Gegenspieler, sollte die Wiederinbetriebnahme aller 48 verbleibenden Kernreaktoren debattiert werden. Doch bis dahin will die Regierung mit der Nuklearen Regulierungsbehörde eine neue Kontrollinstanz schaffen. Bis diese allerdings erste Entscheidungen treffen kann, können weitere zehn Monate vergehen.

Dass Japan eine Energiereform benötigt, steht außer Frage. Vier Szenarien hat das japanische Wirtschaftsministerium (METI) entwickelt, die alle den Anteil der Atomkraft an der Energieproduktion des Landes bis 2030 senken. Vor Fukushima deckte dieser 30 Prozent des Energiehaushaltes. Zur Auswahl stehen 15 und 25 Prozent, der komplette Atomausstieg oder die Ausrichtung auf die Nachfrage der Wirtschaft, ohne prozentuale Werte vorzugeben. Noch diesen Sommer soll eine Entscheidung fallen. Wie sich die Regierung auch entscheiden wird, die Ausrichtung auf den Bedarf der Wirtschaft ist am wahrscheinlichsten, denn ohne feste Grenzen wäre die Auslastung der AKWs erneut den Befürwortern von Atomkraft überlassen.

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Gefährdung durch Lebensmittel? – Wie Japan sein Image aufpoliert

Wie sicher sind japanische Lebensmittel? Es ist eine Frage, die sich die Menschen nach der Katastrophe von Fukushima nicht nur in Japan, sondern auch auf der anderen Seite der Erdkugel stellen. Durch den globalen Handel haben es kontaminierte Produkte leicht, die Grenzen Japans zu überwinden. In Deutschland wurden die Bürger schon am Tag der Katastrophe misstrauisch gegen alle Produkte, deren Herkunftsland Japan war. Doch Deutschland ist keine Ausnahme. Auch wenn Japans Behörden aufgrund ihrer späten und unzureichenden Informationen in Verruf geraten sind, schaut zumindest die heimische Bevölkerung nicht weg.

Japanische Lebensmittel auf dem Prüfstand. Die Unsicherheit beim Kauf heimischer Produkte.

Seit März 2011 lässt sich von zwei Gruppen in Japan sprechen: Die eine, die vor jeglichen Gütern aus Fukushima warnt und die Informationspflicht der Regierung übernimmt, und die andere, die aus Angst vor dem wirtschaftlichen Aus den Verzehr von Produkten aus der Grenzregion Fukushima propagiert. Die Katastrophe des Unglücksmeilers stellt die japanischen Bauern vor ungeahnte Schwierigkeiten. Kein Mensch kommt auf den Gedanken, Produkte aus Fukushima zu erwerben oder gar zu verzehren. Selbst Landwirte, deren Besitzungen bis zu 100 Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt liegen, haben mit mangelndem Absatz zu rechnen. Von dem Ackerland unmittelbar neben der Sperrzone ganz zu schweigen. Die Atomkatastrophe sorgt damit für einen wirtschaftlichen Schaden, der Japan noch über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, begleiten wird. Viel zu oberflächlich wäre eine bloße Konzentration der Regierung auf Dekontamination und Wiederaufbau von Sperrzone, Atommeiler und den von Tsunami und Erdbeben verwüsteten Regionen. Über diesem materiellen Wert steht das Vertrauen der Bevölkerung in die heimischen Produkte.

Zwischen diesen Gruppen steht der gemeine japanische Bürger, der im Supermarkt vor den Regalen verweilt und nach den Lebensmittelskandalen vom Sommer 2011 über die eigene Gesundheit besorgt ist. Denn nicht ohne Grunde sprossen Eigeninitiativen aus dem Boden, als kontaminierte Lebensmittel in Märkten und Kantinen entdeckt wurden. Eine dieser Initiativen ist etwa die des Japaners Motohiro Takamatsu. Aus Sorge um seine Töchter erwarb er ein deutsches Strahlenmessgerät. „Daraus entstand schliesslich eine Geschäftsidee. Im Bekumiru-Komplex beim Bahnhof Kashiwa hat Takamatsu seit kurzem ein Büro eröffnet, in dem Privatpersonen und Unternehmen selbständig ihre Lebensmittel auf Strahlung messen können“, schreibt Asienspiegel. Für bedeutend weniger Geld als bei offiziellen Stellen zur Prüfung von Lebensmitteln, verschafft Takamatsu die Sicherheit, um der Normalität eines Einkaufs in Japan ein gutes Stück näherzukommen.

Eine weitere Initiative startete der Politiker Yasuhiko Furuya, der im obigen Video über Lautsprecher seine Mitbürger warnt. Jede Woche steht er auf der Straße und mahnt sein Umfeld zur Vorsicht beim Lebensmittelkauf. Auch er fand sein Engagement zur Aufklärung durch die Sorge um die eigenen Kinder. Beim Lebensmittelskandal im Sommer 2011, als kontaminiertes Fleisch in Schulkantinen bedenkenlos verteilt wurde, waren seine drei Söhne ein kleiner Teil der mehr als 84.000 Schüler aus Yokohama. „Viele Eltern regen sich auf. Wir alle können nicht verstehen, wie verseuchte Nahrung überhaupt in den Handel gelangen kann. Wir dachten, hier in der Schule wären unsere Kinder sicher. Und genau dort serviert man ihnen verstrahltes Essen. Mir macht das Angst“, kommentiert Furuya seine bittere Erfahrung mit den japanischen Behörden. Denn diese scheinen als letztes zu schalten, wenn es um die Sicherheit der Bevölkerung geht.

Kontaminiert wurde das Fleisch durch Futter aus Fukushima. Japan ist ein Negativ-Beispiel für weite Ackerflächen und riesige Weideflächen. Zwei Drittel des Landes wird vom Gebirge beansprucht, sodass sich auf 20 Prozent der Landmasse Industrie, Menschen und Landwirtschaft ihren Platz teilen müssen. Bei diesen Bedingungen ist es ein tragisches Schicksal, wenn die begrenzten Flächen für die Landwirtschaft nun kontaminiert sind. Das Liefer- und Ausfuhrverbot von Lebensmitteln und Stroh aus Fukushima bedeutete das finanzielle Desaster für die Farmer, auch wenn die Entfernung zwischen Ackerfläche und Atommeiler Dutzende Kilometer beträgt.

Importierte Lebensmittel aus Japan. (flickr/ Jean-François Chénier)

Monate nach dem Verbot zeichnet sich ein anderes Bild ab. Regierung und Behörden sprechen sich momentan für die Sicherheit von Waren aus Fukushima aus und betreiben aufwendige Werbe- und Image-Maßnahmen, um den wirtschaftlich brach liegenden Regionen von Fukushima neues Wachstum zu verleihen. Das Ziel des japanischen Außenministeriums ist es unterdessen, die internationalen Einfuhr-Beschränkungen von Lebensmitteln zu lockern, nachdem der Griff nach japanischen Lebensmitteln weltweit gleich drei Mal überdacht wurde. Die richtige Richtung schlägt die Regierung seit April 2012 mit der Verschärfung der Grenzwerte für Grundnahrungsmittel ein, auch wenn diese nur für Konsumenten im Inland gelten. Von zulässigen 500 Becquerel wurde die Radioaktivität auf 100, Babynahrung auf 50 Becquerel pro Kilogramm gesenkt. Der Grenzwert von Wasser wurde sogar um 95 Prozent gemindert. Mit den neuen Auflagen zählt Japan aktuell zu den Ländern mit den strengsten Grenzwerten. „In den USA sind 1.200 Becquerel aus Cäsium pro Kilogramm erlaubt. Die EU schreibt bei einem Atomunfall maximal 1.000 Becquerel pro Kilogramm an Cäsium vor. Nach Ansicht von Wissenschaftlern sind diese Strahlenmengen gesundheitlich unbedenklich“, schreibt Japanmarkt.

Die EU übernahm die Grenzwerte für Importwaren aus Japan. Allerdings sind von dieser Verschärfung getrocknete Teeblätter, Reis und Sojabohnen und deren Erzeugnisse ausgeschlossen. Hier gelten nach wie vor die alten Grenzwerte. Es scheint, als befinde sich in Sachen Lebensmittelkontrolle nicht mehr die japanische Regierung, sondern die Europäische Union im Kreuzfeuer der Kritik. Denn die Verbraucherzentrale Hamburg schreibt: „Auch für Lebensmittel aus anderen Regionen, z.B. aus der Region rund um Tschernobyl, gelten weiterhin die alten Werte von 600 Becquerel, um in der Europäischen Union in den Handel zu gelangen. Selbst in der Ukraine und in Weissrussland gelten strengere Grenzwerte als in der EU. Das ‚Grenzwert-Chaos‘ wird von den Verbraucherzentralen bemängelt; verbraucherfreundlicher wäre das Absenken aller gültigen Grenzwerte auf das neue Niveau für japanische Lebensmittel.“ Japan wird zum weltweiten Vorbild radioaktiver Grenzwertkontrollen. Es ist der erste erfolgreiche Schritt, das Image des Landes aufzupolieren.

Japanischer Lebensmittelmarkt in Sendai. (AFP)

Ein anderer Fall, die japanische Fisch-Industrie. Während der Katastrophe wurde, ob bewusst oder ungewollt, kontaminiertes Kühlwasser in das Meer abgelassen. Die Auswirkungen spüren wir erst in den folgenden Jahren und Jahrzehnten, doch könnten sie immens sein. Erhöhte Strahlenwerte in der Küstenregion um Fukushima wurden bereits zuhauf gemessen, die sich selbst auf die südliche Küstenregion der Präfektur Ibaraki ausgeweitet haben. Ungewohnt früh reagierte die Regierung und verhängte bereits im März 2011 ein Fangverbot für diese Regionen. Vorzeitige Entwarnung gab es allerdings bei den übrigen Regionen. Im Januar 2012 wurden über 5000 Fische dieser Gebiete auf ihre Radioaktivität getestet, kein einziger überstieg die Grenzwerte. Selbst Wanderfische wie der Thunfisch, der die Küstenregion um Fukushima durchwandert, zeigte keine beunruhigenden Werte, sofern den Angaben zu trauen ist. Laut Asienspiegel könnten die Fische südlich von Tokio bedenkenlos verzehrt werden, da durch die Strömungsverhältnisse kontaminiertes Wasser aus Fukushima maximal bis zur Präfektur Chiba gelangt, bevor es in Richtung Pazifik abdriftet. Ohne ein Fangverbot an der Küste Chibas bleibt trotz aller Entwarnungen zu hoffen, dass diese Lücke keine weiteren Lebensmittelskandale zu Tage fördern.

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Suzuki Tomohiko – Auf der Spur der kriminellen Ader Japans

Monate nach der Katastrophe von Fukushima nahm das Interesse der japanischen Medien an der Atompolitik des eigenes Landes rapide ab. Politik, Wirtschaft und Medien waren sich einig: Der Ausnahmezustand wurde aufgehoben, da der Zustand der zerstörten Meiler wieder stabil sei. Die Information, dass die Folgen der Nuklearkatastrophe ihren Lauf nehmen, dringt nur schwach an die Öffentlichkeit. Die Gesellschaft hört weg, wenn es um Schlampereien des Kraftwerksbetreibers TEPCO geht. Erst recht, wenn sich eine Organisation der Probleme annimmt, die für ihre Mafia-ähnliche Organisationsform und kriminellen Methoden bekannt ist.

Ein Sattelitenbild des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi nach dem Großbeben im März 2011. (Getty Images)

Gemeint ist die Yakuza, eine kriminelle Organisation, die in westlichen Medien oft als „japanische Mafia“ bezeichnet wird. Ihre Entstehung geht in die Vormoderne Japans zurück. Da seit 1993 das japanische Gesetz die Zugehörigkeit zu einer kriminellen Organisation unter Strafe stellt, agieren ihre Mitglieder zunehmend im Untergrund, was ihren Einfluss auf Politik und Finanzmärkte nicht mindert. Zu ihren Geschäften zählen Prostitution, Menschen- und Drogenhandel, Glücksspiel und Schutzgelderpressung. Neu ist hingegen die Vermittlung von Arbeitskräften, zumeist Ausländer ohne Aufenthaltserlaubnis. Es ist die Verbindung der Yakuza zur Atomindustrie Japans, denn wer würde die Bereitstellung von Arbeitskräften für derart gefährliche Aufgaben in einem zerstörten Atomkraftwerk übernehmen, wenn nicht eine kriminelle Organisation?

Im Dezember 2011 veröffentlichte der Autor und Journalist Suzuki Tomohiko sein Buch „Yakuza to genpatsu. Fukushima Dai’ichi sen’nyûki [Die japanische Mafia und die Atomindustrie. Geheime Reportage über den Meiler Fukushima I]“ und gab der Öffentlichkeit erstmals einen Einblick in die Machenschaften der Yakuza im Schatten der Atomindustrie Japans. Seine Informationen gewann er aus erster Hand, denn als investigativer Journalist, getarnt als Leiharbeiter, schleußte er sich im Sommer 2011 für mehrere Wochen in Fukushima ein. Seine Entdeckungen reichten von unverantwortlichen Sparmaßnahmen TEPCOs, bis hin zur bewusst unterlassenen Gefahrenaufklärung der Leiharbeiter. Seine Aufmerksamkeit galt allerdings der Beziehung von AKW-Betreiber und Yakuza, die stetig nach Arbeitskräften für eine Tätigkeit Ausschau hielten, die bewusst niemand freiwillig übernehmen möchte.

Freier Autor und Journalist Suzuki Tomohiko bei der Präsentation seines Buches. (AFP)

Mit Minikamera im Armbanduhr-Format betrat er eine Welt, die ihm durch frühere Recherchen schon vertraut ist. Die Yakuza ist sein Spezialgebiet, seine einzige Beziehung. Denn Frau und Kinder hat er nicht. Mit einer Familie könnte er dieser Tätigkeit nicht nachgehen. Zu groß wäre das Risiko für die eigenen Angehörigen. „Suzukis Recherche, die die erste sein dürfte, die den aktuellen Abläufen im AKW Fukushima I dergestalt nahe gekommen ist, will zeigen, dass das Atomgeschäft letztlich eine schmutzige Angelegenheit darstellt, getragen von zahlreichen Akteuren und Profiteuren – die letzten Glieder in der Kette bilden die „Wegwerfarbeiter“ oder „Atomzigeuner“. Der Cold Shutdown kann aus diesem Blickwinkel eventuell nur als Versuch der Regierung gelten, sich zu rehabilitieren und zur Tagesordnung überzugehen. Der Wiederaufbau in Fukushima, so vermittelt uns Suzuki, ist aber gerade erst am Anfang“, kommentiert Lisette Gebhardt von der Japanologie Frankfurt auf der Seite der „Textinitiative Fukushima“.

Laut Suzuki, der schon öfters Berichte über die Yakuza an japanische Medien sendete, seien die Kriminellen schon vor dem Unglück von 2011 keine Unbekannten in Fukushima und der Atomindustrie gewesen. Gerade durch die Katastrophe ist ihr Einfluss mit der Beschaffung von Arbeitskräften für die AKW-Betreiber noch mehr gewachsen. „Es wird gemunkelt, dass die Yakuza-Mitglieder, die vor dem Unfall gewöhnliche Fahrzeugen fuhren, nun mit noblen Autos unterwegs sind“, berichtet er. Zur Zeit seiner Recherche als Leiharbeiter in Fukushima war es für die Arbeiter nicht unüblich, ihre Strahlenmessgeräte zu manipulieren. Da Regierung und TEPCO verkündet hatten, alles stehe wieder unter ihrer Kontrolle, wurde der Lohn für die Arbeiter stark gekürzt. Um trotz der hohen Strahlung nicht ausgetauscht zu werden, gingen manche Arbeiter sogar soweit, indem sie die Dosiermeter bewusst falsch bedienten oder in ihre Socken steckten, um die Messwerte auf einem möglichsten geringem Niveau zu halten.

Das Cover von Suzuki Tomohikos Buch „Yakuza to Genpatsu“. (Bungei Shunju)

Im Zentrum der Korruption von Atomwirtschaft und Politik steht die japanische Mafia. Suzuki weiß, dass die Beteiligung der Yakuza an der Atomindustrie für westliche Leser unverständlich ist und ihre Mitglieder sogar ihr eigenes Leben im Falle eines nuklearen Unfalls riskieren. Doch Suzuki weiß durch seine langjährigen Recherchen auch, dass die Yakuza tief in der japanischen Gesellschaft verwurzelt sind. Tatsächlich waren die Mitglieder dieser Organisation eine der ersten Helfer nach dem Beben, unterstützten die Anwohner mit Lebensmitteln und Lieferungen und kontrollierten die Straßen, um Plünderungen vorzubeugen. Die Existenz der Yakuza ist auch für die Regierung Japans kein Geheimnis. Die Organisation verfolgt ihre eigenen Interessen und kümmert sich um die Art von schmutzigen Geschäften, die keine Behörde, keine Gruppe und keine Einzelperson in Japan sonst nachgehen würde. Damit füllt sie eine Lücke in Japan, die sich zwar im Grenzbereich des Legalen und darüber hinaus bewegt, für das japanische System aber eine Rolle übernimmt, die womöglich nicht mehr wegzudenken ist.

Suzuki erinnert sich an ein Gespräch: „Ein ehemaliger Yakuza-Boss erzählte mir, dass seine ‚Gruppe‘ schon immer in der Rekrutierung von Arbeitern für die Atomindustrie involviert war. ‚Es ist dreckige, gefährliche Arbeit und die einzigen Personen, die es machen wollen, sind obdachlos, Yakuza oder Leute, die so hoch verschuldet sind, dass sie keinen anderen Ausweg sehen, als es in dieser Form abzubezahlen.'“ Für Suzuki liegt die Inkaufnahme des Todes durch radioaktive Verstrahlung darin begründet, dass die Mehrheit der Arbeiter keine Kenntnisse über Radioaktivität besitzen. Für sie ist es ein gesundheitlicher Schaden, der sich vielleicht in zehn Jahren bemerkbar machen könnte. Damit ist es ein Risiko, dass die Arbeiter bereit sind, einzugehen, anstatt von dem kriminellen Netzwerk verschluckt zu werden.

Dass die Arbeiten im Unglücksmeiler alles andere als ungefährlich sind, wissen auch die Arbeiter. Einer erzählt, er wurde mit dem Hinweis zum Weiterarbeiten bewogen, dass sich eine Yakuza-Gruppe in der Umgebung befindet, als er versucht hatte, die Arbeit frühzeitig zu beenden. Dass Betreiber TEPCO nichts von diesen Machenschaften weiß, bezweifelt er. Und in der Tat stimmten ehemalige Manager, Arbeiter und Polizeibeamten TEPCOs zu, das Unternehmen wisse, dass es mit der Yakuza zusammenarbeitet. Nur kümmern tut es den Konzern nicht.

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Plutonium Boy – Ein Image-Film mit gravierenden Fehlern

Als in den 1960ern die ersten Atomkraftwerke in Japan aus dem Boden sprossen, traf die japanische Atomlobby Vorkehrungen, um den Protest der Öffentlichkeit im Keim zu ersticken. Der Schock in der Bevölkerung war groß, als die Regierung beschloss, Atomkraft im eigenen Land zu etablieren. Mit dem Atomschlag der USA gegen Japan zum Ende des Zweiten Weltkriegs machte sich Unsicherheit breit. Japan ist das einzige Land, in dem Kernwaffen bisher zum Einsatz kamen. Mit solch einer negativen Erfahrung vorbelastet, ist es heute nahezu paradox, dass ein Land wie Japan nur 20 Jahre nach Ende des Krieges seinen ersten Meiler in Betrieb nahm.

Ohne mediale Maßnahmen wäre es ein aussichtsloses Unterfangen gewesen, Atomkraft im eigenen Land zu etablieren. Schon zu Kriegszeiten war die mediale Aufbereitung politischer Ideologien ein Mittel, die Masse des Volks zu kontrollieren. Nicht nur Japan, auch Deutschland, die USA und andere Länder nutzten Propaganda im großen Stil. Doch anders als zu Kriegszeiten stand die Wirtschaftlichkeit des Landes im Vordergrund, nachdem sich das Land von der Niederlage erholt hatte. Die Nation benötigte Ikonen, die ihr die Angst vor der Atomtechnologie nahm. Eine Werbefigur sollte es sein, die aufklärt und lächelt, die Angst zügelt und für eine bedenkenlose Zukunft sorgt.

Kein Mittel war und ist für Japan geeigneter, als eine freundlich gesinnte Comic-Figur mit Superkräften. Zu Beginn fand Astroboy (Tetsuwan Atomu) seinen Weg zu den japanischen Bürgern, indem er regelmäßig im Fernsehen über den Bildschirm flimmerte. Sein Markenzeichen war Hochtechnologie, mit der er Gerechtigkeit walten und das Böse bekämpfen konnte. So schlich der kleine Astroboy in der Medienwelt Japans umher, erschien im Manga und Anime-Format und erfreute sich einer Beliebtheit, die ihn selbst einen Platz im westlichen Fernsehen besorgte. Auszusetzen gab es an dem Jungen mit markanter Spitzen-Frisur nichts, denn nur unterschwellig wurde die Begeisterung des Volks für Hochtechnologie geweckt.

Eine Plutonium-Scheibe auf einem Calciumchlorid-Block.

Einen Fehltritt leistete sich Jahre später die „Power Reactor and Nuclear Fuel Development Corporation“ (PNC) mit einem Image-Film, der international auf harte Kritik stoß und kurz nach seiner Erstausstrahlung wieder eingestellt wurde. Die Rede ist von „Plutonium Boy“ (puruto-kun). Mit fröhlich heller Stimme stellt sich das kleine Geschöpf im Video vor und sorgt laut PNC für die Aufklärung der Öffentlichkeit über das radioaktive Element Plutonium. „Hallo, ich bin das kleine Plutonium. Ich hasse Krieg und setze mich für Frieden ein“, lässt sich der Einstieg des Image-Films zusammenfassen. „Plutonium Boy, unser verlässlicher Freund“, propagiert das Video wenig später und schüttelt kurz darauf die Hand unserer Erde. Die Botschaft ist eindeutig und sollte nachhaltig den Bau weiterer Atomkraftwerke fördern. Nicht umsonst wählte man Plutonium als Ikone des Image-Films. Vor der Katastrophe in Fukushima schmiedete die Regierung noch Pläne, den Schnellen Brüter als Kraftwerkstypen im eigenen Land zu verbreiten. Genau jenes Kernkraftwerk, das mehr Plutonium erzeugt, als es verbraucht.

Plutonium Boy erklärt, die Angst vor ihm sei unbegründet. Allerdings vermischen sich gravierende Fehler in seine Ausführungen. So beteuert er, es bestehe keinerlei Gefahr beim Hautkontakt mit dem radioaktiven Element. Selbst das Verschlucken von Plutonium sei unerheblich, da es wieder ausgeschieden werden kann. Zwar ist die α-Strahlung von Plutonium weitaus geringerer, als bei Uran, sodass direkter Hautkontakt wenig Wirkung zeigt, doch eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht. Dass das Metall unter keinen Umständen in den Körper gelangen darf, davon haben die Macher des Videos offenbar nichts gewusst oder ihre Unwissenheit durch bloße Mutmaßung vertuscht.

Wieder und wieder wird der politische Kanon auch im Video wiederholt, es gäbe keine belegbaren Fälle, dass Plutonium Krebs hervorrufen könnte. Einzeln präsentiert das Video Aufnahmen von Atomkraftwerken und propagierte eine Sicherheit, die durch heitere Melodien im Hintergrund und Aufnahmen des technologischen Fortschritts hervorgerufen wird. Mit der aufkeimenden kritischen Bewegung in Japan, wie sie der Film „Radioactivists“ verdeutlicht, dürfte es der Atomlobby schwer fallen, das gute Image der Atomtechnologie heute erneut aufleben zu lassen.

„Die Suche nach der Wahrheit“ – Ein Vortrag zwischen Lüge und Aufklärung

„Die Geschichte der Lügen um die Kernkraft ist so alt, wie die Kernkraft selbst“, startete Dr. Sebastian Pflugbeil seinen Vortrag und lud am 23. Mai mit dem Thema „Tschernobyl, Fukushima und Atomkraft in Deutschland – Die Suche nach der Wahrheit“ in den Vortragssaal der Hauptbibliothek Leipzigs. Der Zusatz dieses Titels kam nicht von ungefähr, denn was sich dem aufmerksamen Publikum bot, war eine Aneinanderreihung von Lügen aus offizieller Seite, die emsig über die Jahre hinweg von Herrn Pflugbeil zusammengetragen wurden. Es eröffnete sich eine zweite Perspektive auf die Welt, wie wir sie kennen oder gekannt geglaubt haben.

Physiker, Umweltschützer, Bürgerrechtler und Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz e.V. Sebastian Pflugbeil. (IPPNW)

Mit einem gewissen Unbehagen lauschte man der ruhigen, aber umso kräftigeren Stimme eines Mannes, der den sarkastischen Titel „einziger Oppositionelle in der DDR“ trägt. Denn wird über Atomkraft debattiert, waren die Lügen schon seit den 1960ern nicht fern. Es entsteht ein politisches Spannungsfeld, dessen Pol zur offenen Befürwortung der Atomkraft überwiegend dominiert. Wer Kernenergie kritisiert, macht sich zum Feind der Politiker und Ökonomen, heute nicht weniger als noch vor wenigen Jahrzehnten. Herr Pflugbeil als gestandener Physiker und Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz e.V. wählte den Weg der Aufklärung, setzte sich früh mit Kernenergiepolitik auseinander und war einer der Ersten, die sich offen mit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 beschäftigen. So ist er bis heute einer der Wenigen die das Innere der Betonschutzhülle des Unglücksreaktors betraten.

Mit ernster Miene verriet er seine Trauer über das eigentliche Verbrechen der Kernkraft-Lobbyisten. Nicht nur das Spiel mit einer riskanten Hochtechnologie, sondern der Schaden an Natur und Lebewesen macht ihm zu schaffen. Kurz flackerte das Bild eines Kindes zu Anfang seiner Präsentation auf. Eine trauernde Mimik, ein geschorener Kopf und die Angst vor dem Ungewissen. Pflugbeil hielt inne, schaltete um und erklärte, die Begegnung mit an Leukämie (Blutkrebs) erkrankten Kindern sei Grund genug, seine Recherche und Aufklärungsarbeiten fortzusetzen.

Die Behandlung eines an Leukämie erkrankten Patienten in der Universitätsklinik Leipzig am 10. März 1989. (Copyright © Deutsches Bundesarchiv, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Auf der anderen Seite vertrauenerweckend formulierte Organisationen mit falscher Führung und profitgierigem Credo, ohne Rückgrat, ohne Skrupel. Die International Atomic Energy Agency (IAEO), das United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic Radiation (UNSCEAR), die World Association of Nuclear Operators (WANO) und selbst The International Project on the Health Effects of the Chernobyl Accident. Eine Liste ohne Ende, doch in ihrer Argumentation sind sie sich einig. Die Rede ist von Beschönigung, Verharmlosung und dreisten Lügen. Schon Eisenhower als ehemaliger Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika (1953–1961) wusste mit Atomkraft umzugehen und unterrichtete die zuständigen politischen Organe mit den Worten: „Haltet sie [das Volk] im Unklaren über Kernspaltung und Kernfusion.“

Der Lügenkanon nimmt kein Ende und sammelt sich nach Pflugbeils Worten zu einem Gemisch oberster Perversität. Zu seinen Favoriten zählen zwei Zitate von japanischer Seite, vor und nach dem Unglück von Fukushima: „Strahlenschäden kommen nicht zu Menschen, die glücklich sind und lächeln. Sie kommen zu Leuten, die verzagt sind.“ Das Volk leidet an Strahlenphobie, denn von offizieller Seite gibt es kaum bis keine eindeutigen Beweise für tödliche Erkrankungen im Zuge von Reaktorunglücken und atomaren Experimenten. „Der Unfall von Fukushima ist ein Beweis dafür, wie sicher Atomkraftwerke sind.“ Der Gipfel der Verharmlosung.

Der Tschernobyl Reaktor Nummer 4, aufgenommen am 18. September 2006. (Copyright © Carl Montgomery, Lizenz: CC BY 2.0)

Beweise gibt es viele, doch werden diese emsig unter Verschluss gehalten. Pflugbeil präsentierte Statistiken über Statistiken zur Häufigkeit der Strahlenschäden, sortierte sie nach Alter und Generation und verdeutlichte die Kontamination der betroffenen Gebiete. Laut offiziellen Angaben sei die Region um Tschernobyl in wenigen Jahrzehnten wieder begehbar. Dass es sich um Jahrtausende handelt, darüber lässt man die Öffentlichkeit im Unklaren. Seit dem Reaktorunfall erreichte die Erkrankung an Strahlenschäden beunruhigende Werte, nicht nur im Kreise der Ukraine, sondern auch in Deutschland. Ein doppeltes Spiel für wissenschaftliche Forschungen: Wer sich an die Öffentlichkeit wendet, riskiert die eigene Karriere. Auch Universitäten müssen sich den Interessen von Politik und Wirtschaft beugen, wenn es um Anträge auf Drittmittel zur Finanzierung von Forschung und Lehre geht. Abhängig von finanziellen Mitteln fügten sich in der Vergangenheit selbst renommierte Wissenschaftler den Richtlinien der Industrie.

Für Sebastian Pflugbeil sprechen die Statistiken: Die abnehmende Tendenz der gesunden Bevölkerung um Tschernobyl, die Häufigkeit von Mutationen, die Verbreitung psychologischer Störungen im Kindesalter und abnormale Zahlen von Totgeburten und Abtreibungen mit hoher Dunkelziffer – europaweit. Selbst provisorische Endlagerstätten wie Gorleben werden in der Recherche untersucht und weisen ähnliche Anomalien auf. So verkündet Pflugbeil die erschütternde These, bereits im Umkreis von Kernkraftwerken im Normalbetrieb liefern die Daten erhöhte Zahlen zu Erkrankungen in Folge von Strahlenschäden.

Seit 2011 weist Japan ein ähnliches Bild auf, auch wenn die Größe der kontaminierten Fläche weitaus kleiner ausfällt, als Tschernobyl. International auf sich aufmerksam macht jedoch nicht die Kontamination, sondern die über 1000 gelagerten Brennstäbe des Reaktorblocks vier. Ein erneutes Erdbeben, ein weiterer Tsunami könnte die Trümmerfestung samt Kühlbecken zum Absturz bringen. Schon jetzt zieren Risse die einst massive Konstruktion des Beckens. Im schlimmsten Falle erlebt Japan ein weiteres Unglück, dass dem von 2011 in nichts nachsteht. Mit der Zerstörung der Brennstäbe wird eine Menge an radioaktiven Partikeln frei, die Teile Tokios zur Evakuierung zwingen würden. Ein unmögliches Unterfangen. Deutschland hat keine bessere Ausgangslage vorzuweisen. Wie aus einem Gutachten der Strahlenschutzkommission hervorgeht, sei die Bundesrepublik im Falle einer Nuklearkatastrophe in keinem Maße vorbereitet. Doch mindestens mit der Verantwortung sollte es in Deutschland ja wesentlich günstiger laufen, als bei unseren japanischen Freunden⸮

Eine Übersicht der aktiven und stillgelegten Kernkraftwerke in Deutschland – Stand 2011. (Copyright © Lencer, Lizenz: CC BY-SA 2.5)

Sebastian Pflugbeil nutzt zum Abschluss seines Vortrags ein Zitat aus Bertolt Brechts „Leben des Galilei“, das auch wir hierfür nutzen möchten. Brecht befand sich während seiner Arbeit an dem Theaterstück im dänischen Exil, während in Deutschland Forschungen in der Kernphysik ihren Höhepunkt fanden. Mit einer ins Englische übersetzten Version nach den Atombombenabwürfen auf Japan änderte Brecht die Kernaussage vom „Umgang mit Macht“, in die „Verantwortung der Wissenschaft“. So äußerte sich Galileo Galilei in Brechts Werk mit folgenden Worten: „Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!“ Ein denkwürdiger Kommentar.

Quellen und weiterer Lesestoff:

 

Radioactivists – Eine Dokumentation zur Protestbewegung in Japan

Protest war in der japanischen Öffentlichkeit eine Randerscheinung. In Japan ist das Wort kôgi (抗議) ein geläufiger Begriff für diese Art der Meinungsäußerung. Doch die Lettern schließen auch unsere Bedeutung von Einspruch und Einwand ein. Ein schwieriges Unterfangen bei einem System, das seit Jahrzehnten als Kollektiv operiert und die Meinung des Einzelnen straft oder ignoriert. Seit 2011 erlebt Japan allerdings einen Umbruch, der nicht nur das politische System in Frage stellt, sondern gleichsam die Gesellschaft an neue Möglichkeiten heranführt. Protestbewegung ist der Schlüsselbegriff, der den japanischen Bürgern Initiative ergreifen lässt, um sich gegen das marode System aus Bürokratie, Wirtschaft und Politik zu behaupten.

Die Protestbewegung in Japan. (Copyright © Radioactivists.org)

Nach dem Unglück in Fukushima war es für die Leipziger Studentinnen Julia Leser und Clarissa Seidel geradezu verpflichtend, die Anfänge der neuen Bürgerbewegung Japans zu dokumentieren. Mit kompakten Film-Equipment ausgestattet und dem Interesse, einen tieferen Einblick in diese Bewegung zu erhalten, bündelten sie ihre Eindrücke in dem Dokumentarfilm „Radioactivists“. In 70 Minuten zeigt der Film verschiedene Akteure der Bewegung, um die Ansichten und Beweggründe der Protestierenden einzufangen. Gegenstand ist der Protest und die Menschen, die ihn nach Jahren für sich wiederentdecken. In kurzen Sätzen verweisen Julia und Clarissa auf vergangene Ereignisse, arbeiten für den Betrachter auf und fassen die Informationen zusammen, die sich aus den Gesprächen der Akteure ergeben.

Zu den Gesprächspartnern zählen Vertreter der Mittelschicht, Anarchisten und akademisch orientierte Aktivisten. Doch so durchmischt sie auch sind, das Ziel bleibt bei allen gleich. Gegen Atomkraft, gegen die politische Struktur. Denn wie aus dem Film hervorgeht, ist die Atomkraft selbst nur ein Nebenprodukt der eigentlichen Problematik. Ein System, das vor der eigenen Verantwortung die Augen schließt und die Öffentlichkeit im Dunkeln lässt. Protestiert wird gegen den aktuellen Zustand der eigenen Gesellschaft, gegen die japanische Version von Leiharbeitern und Tagelöhnern (Freeter), die sich in Atomkraftwerken gesundheitlicher Risiken aussetzen, um das Mindestmaß ihrer Existenz zu sichern. Die Öffentlichkeit ignorierte derartige Probleme konsequent. Nun senkt sie langsam ihr Haupt und wirft die Frage auf, wie sich diese Zustände rechtfertigen ließen. Der Protest macht diesem Ärger Luft: Es wird Zeit, einen neuen Lebensstil anzustreben.

Anti-Atomkraft-Protest in Tokio am 16. November 2011.

Protest ist in Japan allerdings kein Fremdwort. Doch seit den 1970ern nahmen die Protestbewegungen rapide ab. Zu schnell wurde die Parallele zu politischen Ideologien wie Sozialismus und Kommunismus gezogen, zu sehr fürchtete der Staat die Auseinandersetzungen, mit denen man seit den Arbeiterbewegungen und Studentenrevolten vertraut war. Es entwickelte sich binnen weniger Jahre eine Abneigung gegen jegliche Form der Demonstration, die es politischen Engagierten schwer machte, an Protesten unbehelligt teilzunehmen. Heute sind die Menschen wütend. Zwischen Wut und Ärgernis mischt sich indes ein dritter Faktor, der die Meinungsäußerung im Kollektiv so populär macht. Es ist eine Form von Spaß, die Lust zum Protestieren und die Befreiung von den Ketten stummer Resignation. Japan übt sich in seiner eigenen Form des Protests. So kommen bunte Clowns und alternative Szenen zum Vorschein, um sich gegenseitig die Hände für ein gemeinsames Anliegen zu reichen. Bunt und schrill präsentieren sie sich und holen Protestsongs aus einem Repertoire, das einst den späten 80ern galt.

Mit 15.000 Teilnehmern wurde am 10. April 2011, ein Monat nach der Katastrophe, eine beachtliche Masse an Protestlern erzeugt, die der konservativen Lebensweise die Stirn bot. Anfangs ungeachtet von Politikern und Medien einigte man sich auf monatliche Proteste, um das aufbegehrende Streben für eine tiefgreifende Veränderung in Japan nicht zu verlieren. Initiator und Organisator ist der Verein „Shiroto no Ran“ (Aufstand der Amateure), eine Gruppe aus Betreibern von Second-Hand-Läden und anarchistisch gerichteten Mitmenschen, die schon vor Fukushima den Protest auf kleiner Ebene probten. Der 11. März war Anlass genug, den Protest gegen Atomkraft auszurichten. Erwartet wurden 500 Teilnehmer – eine krasse und doch erfreuliche Fehleinschätzung bei Demonstrationen, die im Laufe des Jahres mehrere Zehntausend Protestierenden zählten.

Die Studentinnen Clarissa Seidel (l.) und Julia Leser (r.) während der Dreharbeiten für ihren Dokumentarfilm „Radioactivists“. (Copyright © Radioactivists.org)

„Radioactivists“ ist nicht nur Dokumentation, sondern auch Kritik gegen die Ablehnung jeglicher Individualität und freier Meinungsäußerung in Japan. „Es ist eine Kritik daran, dass es immer noch schwierig ist, in Japan eigene Gedanken oder Meinungen zu äußern, Dinge zu kritisieren, zu hinterfragen“, berichtet Julia Leser, die uns gleichzeitig für ein kurzes Interview zur Verfügung stand.

Fukushima 24/7: Wie seid ihr dazu gekommen, euch mit der Protestbewegung auseinanderzusetzen? Du als Japanologie-Studentin hast natürlich einen Bezug, doch Clarissa stammt aus der Medienwissenschaft. Habt ihr euch erst durch das Projekt kennengelernt?

Julia Leser: Ich habe mich während meines Studiums schon mit der Protestkultur Japans beschäftigt, da ich dieses Thema äußerst spannend fand, besonders die D.I.Y.- und Punkkultur um Shirōto no Ran, den „Aufstand der Amateure“ aus Tokio. Mit Clarissa habe ich vor meinem Japanaufenthalt in Leipzig zusammen gelebt, so dass wir die Interessen- und Studiengebiete des jeweils anderen gut kannten und dafür interessierten. So konnte ich sie auch für das Thema begeistern, lang bevor überhaupt die Filmidee aufkam. Mein Auslandsstudium habe ich von September 2010 bis August 2011 in Tokio an der Waseda Universität verbracht, habe also ein Jahr dort gelebt. Auch Clarissa hat mehrere Wochen in Tokio verbracht um einen Japanisch-Sprachkurs zu machen. So waren wir beide an dem Tag in Japan, als die Katastrophe passierte und haben deshalb auch die Entscheidung getroffen, zusammen den Film zu drehen.

Fukushima 24/7: Wie schätzt du die Protestbewegungen in Japan ein? Denkst du, sie unterscheiden sich erheblich von den Protesten in Deutschland und anderen Ländern?

Julia Leser: Mit unserem Film wollten wir vor allem zeigen, wie besonders diese Demonstrationen sind, die in Japan seit der Katastrophe stattfinden. In Japan ist es eher unüblich zu demonstrieren, aus ganz verschiedenen Gründen. Zum Beispiel haben Demos immer noch ein schlechtes Image, das von gewalttätigen Protesten der 1970er Jahre herrührt. Außerdem ist es schwieriger in Japan als hier, seine Meinung öffentlich zu äußern. Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass seit gut einem Jahr soviele Menschen auf die Straße gehen – für Japan ist das ein historischer Moment.

Fukushima 24/7: Anfangs stand die Masse von 15.000 Protestierenden im Vordergrund, sodass man annehmen konnte, die künftigen Proteste seien mit weniger Teilnehmern bereits unbedeutend. Allerdings fasste der nächste Protestzug einen Monat später abermals 15.000, der dritte bereits 20.000 Teilnehmer. Wie lässt sich die Lage nach euren Dreharbeiten und in der Gegenwart einschätzen?

Julia Leser: Die Proteste, die wir bis Juni 2011 dokumentieren, gingen seitdem weiter. Die größte fand im September statt, mit 60.000 Teilnehmern in Tokio. Mittlerweile haben sich die Proteste über das ganze Land ausgedehnt und viele Gruppen und Initiativen sind hinzu gekommen und organisieren eigene Demos. Außerdem hat die Bewegung mittlerweile sehr feste Strukturen angenommen. Im April vor einem Jahr war es noch ein „amateurhafter“ Aufruf zur Demo. Mittlerweile finden Konferenzen, zunehmend internationale Vernetzung der Aktivisten, konkrete Forderungen (z.B. nach Entschädigungszahlungen, Strahlengrenzen usw.) und erste Schritte zur Gründung einer grünen Partei statt. Heute blicken wir auf ein Japan, dass seit dem 06. Mai ohne Atomstrom auskommt. Ich denke, dass ist ein Riesenerfolg und wäre für viele Menschen vor einem Jahr noch undenkbar gewesen.

Fukushima 24/7: Im zweiten Protestzug wurden vier Protestler „ohne Rechtsgrundlage“ verhaftet, wie aus dem Film hervorgeht. Konntest du genauere Informationen bekommen, mit welchem Vorwand die Leute abgeführt wurden und was mit ihnen geschehen ist?

Julia Leser: Zwei wurden am selben Tag wieder frei gelassen, die anderen beiden wurden 18 und 21 Tage festgehalten, ohne Rechtsgrundlage. Das ist ein großes Problem, mit dem die Aktivisten und Demonstranten zu kämpfen haben. Die Repression der Polizei hat auch weiterhin zugenommen: Im September kam es zu 12 Festnahmen, darunter größtenteils Organisatoren, die wegen Schikanen festgenommen wurden.

Fukushima 24/7: Mit Kamera und Mikro dem Protestzug stets auf den Fersen, habt ihr wahrscheinlich ein ungewohntes Bild abgeben. Wie fiel die Reaktion auf Seiten der Protestierenden und speziell der Polizisten aus?

Julia Leser: So sehr sind wir mit unserer vergleichsweise kleinen Kamera gar nicht aufgefallen. Aber viele waren schon neugierig, und nach zwei, drei Demos, die wir mit der Kamera begleiteten, kannte man sich dann auch. Mit der Polizei hatten wir keine Probleme, natürlich wurden wir ab und zu ermahnt, nicht zu filmen. Dann taten wir, als verstünden wir kein Japanisch, und das funktionierte dann auch meistens.

Im Rahmen der Internationalen Studentischen Woche 2012 in Leipzig wird „Radioactivists“ am Mittwoch dem 23. Mai im Vortragssaal der Hauptbibliothek (Bibliotheca Albertina) in der Beethovenstraße 6 präsentiert. Zuvor behandeln um 17 Uhr Dr. Sebastian Pflugbeil als Physiker und Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz e.V. und Professor Steffi Richter als Lehrstuhlinhaberin der Japanologie Leipzig das Thema „Tschernobyl, Fukushima und Atomkraft in Deutschland“. Nach zweistündiger Diskussion startet der Dokumentarfilm um 19.00 Uhr. „Fukushima 24/7“ ist selbstverständlich auch anwesend, um über die Diskussion im Anschluss zu berichten.

Weiterer Lesestoff:

Masataka Shimizu und die Angst vor der Verantwortung

Von der japanischen Öffentlichkeit verachtet und von Politikern gemieden, hält sich Masataka Shimizu als einstiger Präsident TEPCOS im Hintergrund bedeckt. Seine Glanzzeit bei einem der wirtschaftlich stärksten Energieunternehmen Japans ist abgelaufen und wurde mit dem Tôhoku-Beben besiegelt. Spätestens seit seinem Austritt aus dem Energiekonzern am 20. Mai 2011, zusammen mit anderen hochgradigen Managern TEPCOS, wird Shimizu in Schande leben müssen. Unter seiner Führung zog das Unternehmen den Inselstaat Japan mit dem Atomkraftwerk Fukushima Daiichi ins Verderben. Seine Tage als verlässliche Führungskraft sind gezählt. In den Köpfen der Japaner hat er sich verewigen können, doch sein Name wird nur noch dann fallen, wenn die dramatischen Ereignisse des 11. März erneut aufgerollt werden.

Masataka Shimizu während eines Interviews zur Unternehmenspolitik TEPCOs am 14. Dezember 2010. (Copyright © TEPCO)

Noch während eines Interviews vom 14. Dezember 2010 zur Unternehmenspolitik TEPCOS hätte er sich nicht träumen lassen, nur drei Monate später eine solche Krise durchleben zu müssen. Damals sprach er noch in großen Tönen von der „2020 Vision“ TEPCOS und warb mit dem Slogan „Itsumono denki, Motto Sakie“ [zu Deutsch: „Mit gewöhnlicher Energie in Richtung einer besseren Zukunft“] für den Energiekonzern. Beinahe ironisch, einer Farce gleichend, lesen sich die Worte des ehemaligen Wirtschaftsbosses. So spricht er etwa davon, mehr Wert auf das Vertrauen der Gesellschaft in TEPCO zu legen. „Die TEPCO Group wird immer derselbe zuverlässige Energiekonzern sein, während wir Fortschritte zugunsten einer besseren Zukunft machen.“

Nette Worte, die er als einstiger Chef der PR-Abteilung TEPCOs nur allzu gut zu wählen wusste. Sein umworbener „2020 Vision Plan“ betonte unablässig die Erzeugung von kostengünstigem, umweltfreundlichem Strom und das Vertrauen der Öffentlichkeit in den Konzern. Bei diesen edlen Vorsätzen stand die eigene Wirtschaftlichkeit an oberster Stelle, während das eigentliche Vertrauen mehr und mehr darunter litt. Nicht umsonst war Masataka Shimizu als Cost Cutter bekannt, der die Unternehmenskosten unablässig zu senken versuchte. Kapitalintensive Sicherheitsvorkehrungen wurden abgewiesen, denn das Unternehmen wollte wachsen und seine Monopolstellung als Stromerzeuger und -verteiler für den Großraum Tokio weiter ausbauen.

Seit Jahrzehnten ist Shimizu Teil des Unternehmens. Bereits im Jahre 1968 trat er mit 22 Jahren TEPCO bei und stieg kontinuierlich in der Hierarchie des Energiekonzerns auf. Ab 2006 übernahm er die Stelle des Vize-Präsidenten und rückte 2008 nach ganz oben. Sein Vorgänger Tsunehisa Katsumata musste sein Amt niederlegen, als TEPCO gerade in einem seiner zahlreichen Skandale verwickelt war. Eine übliche Praktik, die 2011 seinen Höhepunkt fand. Trotz vorheriger Skandale, die statt einer Ausnahme bereits zur Unternehmensroutine wurde, setzte die Katastrophe dem damals 66-Jährigen gewaltig zu. Von der Bildfläche verschwunden, rätselten Medien und Politiker über seinen Zustand. Nach ersten Vermutungen einer Landesflucht oder dem Freitod gab das Unternehmen bekannt, der Präsident leide an Kreislaufproblemen und wäre nicht für öffentliche Stellungnahmen zu gewinnen. Seine Flucht vor der Verantwortung hinterließ starke Narben.

Es war eine Schuld, der er sich zum Großteil selbst verantworten musste. Als Präsident traf er die Entscheidungen zu Einsparungen und nachlässiger Sicherheit. Japan konnte den Rückzug Shimizus aus der Öffentlichkeit nicht nachvollziehen. Der Mann, dessen Unternehmensstrategie mitunter zu der Katastrophe führte, entzog sich seiner Verantwortung, während Premierminister Naoto Kan in Kürze einen Krisenstab unter eigener Führung einrichtete. Nach einmonatiger Abwesenheit trat Masataka Shimizu wieder öffentlich auf. Viel zu sagen hatte er nicht, konnte er nicht. Wichtig waren allerdings die vier Worte „Ich übernehme die Verantwortung“, die Japan noch einmal kurzzeitig aufhorchen ließen. Er verneigte sein Haupt vor laufender Kamera während einer Pressekonferenz, doch seine Buße kam viel zu spät. Zu lange hatte er sich der Verantwortung entzogen. Für Japan ein unentschuldbares Vergehen.

Masataka Shimizu (2. v. l.) und andere Mitglieder TEPCOs verneigen sich öffentlich im Angesicht ihrer Schuld. (Copyright © The Oregonian)

War es Angst, die den Cost Cutter so sehr unter Druck setzte? Angst vor der Öffentlichkeit, den hasserfüllten Blicken und der Trauer eines ganzen Landes? Mit Weisheiten ließ er jedenfalls nicht geizen. Neben seiner hohen Position bei TEPCO begleitete er auch das Amt des Vize-Präsidenten von Keidanren. Jenem Wirtschaftsverband, der die einzelnen Unternehmen Japans zusammenhält. Er gilt als stark konservativ und versucht nach eigener Überzeugung, das Wirtschaftswachstum Japans und die Kooperation der Konzerne zu fördern. Masataka verkündete in dieser Position, Kommunikation sei zum Überleben wichtig. Eine Aussage, die nicht nur wir an dieser Stelle gerne auf die Goldwaage legen, denn Kommunikation und Transparenz ließ der Energiekonzern bereits vor 2011 erheblich missen. Masatakas Lebensmotto lautet „Achte auf das, was unter deinen Füßen liegt“, eine Weisheit des Zen-Buddhismus, die er sich zunutze macht. Für ihn heißt es Weitsichtigkeit, um selbst bei extremen Situationen nicht den Überblick zu verlieren. Eine noble Einstellung die allerdings so weit nicht reichen konnte. Weitsichtigkeit heißt, Fehler und Gefahren im Voraus zu erkennen. Die Vermeidung dieser schloss Masataka anscheinend nicht ein. Nun ist er ein gefallener Mann, dessen Präsens zum Gedenktag der Katastrophe von TEPCO verschwiegen wird. Das Unternehmen hat Ersatz gefunden – Toshio Nishizawa. Als Präsident TEPCOs lässt sich erahnen, dass auch er an der Tradition des Unternehmens festhalten wird.

Quellen:

TEPCO: „Announcement of Changes of Directors“
Keidanren: „Watch your Step“
Spiegel: „Zorn auf Mr. Unsichtbar“
N-TV: „Versagt, abgetaucht, zurückgetreten“

Zwischen Millisievert und Atemmaske

Gegen sechs Uhr in der Früh aufstehen. Zwischen sieben und acht Uhr die erste Besprechung. Ab acht Uhr eine längere Pause für die erste Mahlzeit des Tages, bestehend aus etwas Gebäck und einer Flasche Gemüsesaft. Um zehn Uhr heißt es dann anpacken, um die Kühlung der Reaktoren aufrechtzuerhalten. Gegen 17 Uhr ruft die zweite und letzte Mahlzeit des Tages. Erneut bleiben zwei Stunden für den Verzehr von etwas Reis und Konserven. Vorsichtig werden die Lebensmittel verzehrt, um sie nicht mit der Schutzkleidung zu kontaminieren. Es wird neue Kraft geschöpft, doch lange Zeit zum Ausruhen ist nicht in Sicht. Um 20 Uhr eine weitere Besprechung. Wie kommen wir voran? Was muss getan werden? Die Nachtschicht beginnt. Der andere Teil der Arbeiter darf endlich Abschied nehmen, dem Chaos entfliehen. Die Augen schließen vor der Katastrophe. Eingerollt in einem Tuch, das notdürftig als Decke herhalten muss, verbringen sie die Nacht auf dem Boden zusammen mit ihren Kollegen auf engstem Raum.

Ein Auszug wie aus einer Kriegsszene: Der Ausnahmezustand in Fukushima, der routinierte Tagesablauf der Fukushima 50. Doch es sind nicht nur die Menschen, die zwischen Ehre und Zwang ihr Leben aufs Spiel setzen. Rund 1000 Ingenieure, Feuerwehrleute und andere Helfer schlossen sich bis zum 23. März 2011 der ursprünglichen Aufstellung der Fukushima 50 an, um das tragische Schicksal von Fukushima Daiichi abzuwenden. Die Gefahr der radioaktiven Kontamination war immer präsent. Die Strahlung auf dem Gelände der Reaktorblöcke erreichte Höchstwerte, die die Gesundheit der Arbeiter herausforderte. Die größte Gefahr stellte das Innere der Blöcke dar, deren Strahlung die Skala der Messgeräte sprengte. In kleine Gruppe aufgeteilt versuchten die Arbeiter abwechselnd die Reaktoren zu stabilisieren, um nach 15 Minuten das nächste Team in die dunkle Hölle zu schicken. Angst vor Verstrahlung, stetige Dunkelheit und die beiden Wasserstoffexplosionen in den Reaktorblöcken zerrten genauso an den Nerven der Arbeiter, wie die kräftezehrenden Wege durch die Trümmer der Reaktoren unter schwerer Schutzkleidung und Atemmaske. War eine Schicht vorbei, winkten rationierte Mahlzeiten und kaltes Wasser.

Ihr Aufgabe war es, die Meiler mit Meerwasser zu versorgen, um die Kühlung aufrechtzuerhalten. Die Theorie war simpel, umso schwieriger die Praxis. Durch Beben und Tsunami wurden Teile des Kraftwerksgeländes auf den Kopf gestellt. Geräte, Werkzeuge und Löschmittel wurden zur Mangelware. Doch nicht ausschließlich, weil sie von den Wassermassen erfasst wurden, sondern weil TEPCO keine Vorsorge traf. Blind hatte sich das Unternehmen auf seine milden Prognosen verlassen und war nicht auf den Ernstfall vorbereitet.

Millisievert-Strahlenwerte im Vergleich. (Copyright © Spiegel Online)

Es mangelte an allem, nicht nur materiell, sondern auch an der Erfahrung der Arbeiter. Weder Dosimeter zum Ablesen der aktuellen Strahlung, noch die Anzahl verlässlicher Sicherheitsstiefel waren ausreichend, um den Helfern genügend Schutz zu bieten. Augenzeugen berichten von der Leichtsinnigkeit mancher Arbeiter, die mit Klebeband und Plastiktüte ihr Schuhwerk abbanden oder mit blanken Arbeitsschuhen durch die kontaminierten Wassermassen wateten. Die Folge waren schwere Verletzungen durch Verstrahlung. So glich es fast Spott, als das japanische Gesundheitsministerium die Obergrenze der jährlichen Strahlenbelastung von 100 auf 250 Millisievert erhöhte. Die festgesetzte Grenze der Internationalen Strahlenschutzkomission (ICRP) von 100 Millisievert war nicht ausreichend, um der Lage in Fukushima Herr zu werden. Dabei führt eine Dosis von 250 Millisievert bereits zu akuten Strahlenerkrankungen, schädigt die Körperzellen und lässt das Krebsrisiko exponentiell in die Höhe schießen. Ohne Erhöhung der Grenze wäre es womöglich zum Abzug der Arbeiter aus dem Gefahrenbereich gekommen. Die Krise hätte kaum überwunden werden können, wenn sich ein Großteil der Arbeiter nicht diesem Risiko ausgesetzt hätte. Doch die Erhöhung wollen wir dadurch nicht gut heißen. TEPCO kann sich von seiner Schuld nicht freisprechen.

Video:

BBC: „Firefighters‘ key Fukushima mission“
BBC: „Inside crippled Fukushima plant“

Weiterer Lesestoff:

Spiegel: „Wir brauchen jede Weisheit“
Stern: „Japanischer Jobbewerber unfreiwillig am Akw Fukushima eingesetzt“
Asienspiegel: „Überarbeitung im AKW Fukushima“
Asienspiegel: „Die trügerische Ruhe in Fukushima“
ABC News: „Outpouring of Tears and Prayers for Japan’s Heroes: The Fukushima 50“