Ohne Verantwortung – Drei Videos über die politische Lage Japans

Nach der ZDF-Reportage greifen wir mit dem heutigen Artikel drei Videos auf, die uns mehr Einsicht in die politische Situation Japans geben. Sie zeigen, mit welcher Nachlässigkeit die Regierung agiert und verdeutlicht noch einmal das japanische Phänomen, wonach Einzelentscheidungen ein Fremdwort sind. Anstatt Verantwortung als Einzelperson zu übernehmen, wird im Kollektiv geschwiegen. An die Stelle einer engagierten Führungsweise von Politikern und Beamten treten Bürger und Wissenschaftler und warnen selbstständig vor den Risiken, Folgen und Problemen der Atomkatastrophe. Schnell lässt sich erkennen, dass nicht nur die Atomkatastrophe der Gesellschaft Probleme bereiten.

Am 19. Juli 2011 versammelten sich Bewohner der Präfektur Fukushima, um mit offiziellen Vertretern der japanischen Regierung in Kontakt zu treten. Aufgrund ihrer unsicheren Lage und der Gefahr vor Radioaktivität befragten sie die Beamten, ob die Einwohner von Fukushima das Recht genießen, vor radioaktiver Strahlung geschützt zu werden. Eine bejahende Antwort hätte genügt, um das Rückgrat des Beamtenapparats zu stärken und das Vertrauen der Öffentlichkeit zu gewinnen. Stattdessen kommt die Antwort, man wisse nicht, ob das Recht auf Gesundheit jedem Anwohner Fukushimas zusteht. Entrüstung, und eine Antwort, wie man sie nicht erwartet hätte. Die Regierung verlässt sich auf ihren Kommentar, man sei darum bemüht, die radioaktive Belastung zu reduzieren. Die Beantwortung der Frage steht damit aus, ob die Bewohner Fukushimas Unterstützung bei ihrer Flucht vor der Kontamination erfahren.

Kurze Zeit später erhebt sich ein einzelner Japaner mit einer Bitte: „Es gibt Leute in Fukushima, die evakuiert werden wollen. Bitte unterstützt sie bei der Evakuierung.“ Schweigen, gefolgt von dem Kommentar, man unterstütze keine Leute, die bereits in Sicherheit leben. Ein Schlag ins Gesicht für die Anwohner Fukushimas. Behutsam schiebt Akira Satoh als Sprecher der lokalen Atom-Notfallzentrale das Mikro von sich. Seine Antworten wirken schwach und leise, als fiele es ihm mit jedem Wort schwerer, seine Wörter zu formen. Was geht in einem Menschen vor, der zu solchen Aussagen in aller Öffentlichkeit fähig ist? Ist es seine Meinung als Bürger Japans oder die Meinung in dem fest verwebten System des Eisernen Dreiecks? Die Besprechung findet ihr abruptes Ende mit der Forderung, Urinproben auf ihre Radioaktivität zu testen. Drängend und bittend reden die Anwohner auf die Beamten ein, als diese in schnellem Tempo den Raum verlassen. Ihre Worte sind uns vertraut: „Wir sind nicht verantwortlich.“ Ein Mann versperrt den Fahrstuhl, baut sich vor den Beamten auf, die ihn kommentarlos ignorieren. Mitleid und Anteilnahme fehlt es in diesem Augenblick. Ein anderer Fahrstuhl öffnet sich. Der Beamtenapparat ordnet sich. Zwischen ihnen ein Teil der japanischen Öffentlichkeit, fassungslos, verzweifelt. Die Türen schließen sich.

„So fühlen die Leute in Fukushima“, erklärte Akira Matsu (Kômeitô) während einer Sitzung des Oberhauses am 29. September 2011. Sie berichtete von einer Anwältin, die während eines Symposiums über die Katastrophe von Fukushima über ihre Familie erzählte. Ihre vier Kinder und sie selbst wurden positiv auf Cäsium getestet. Aus Sorge wandte sie sich an die örtlichen Behörden, die sie mit der Antwort abspeisten, sie sei keinen gesundheitsgefährdenden Risiken ausgesetzt. Zufrieden hatte sie es nicht gestellt, sodass sie ihren Kindern den Rat gab, keine Milch in der Schulkantine zu trinken. Die Lehrer der Kinder teilten andere Sorgen. „Diejenigen, die keine Milch trinken, sind keine Leute aus Fukushima und auch nicht dazu berechtigt, hier zu leben!“, gaben sie ihren Schülern zu verstehen, nachdem sie sie vor die Klasse mit einem Eimer Milch vortreten ließen. „Sie werden wie Verräter im Krieg behandelt“, entrüstete sich Akira Matsu. Ihre Entrüstung kommt zu einem Tiefpunkt, als sie zu Wirtschaftsminister Yukio Edano und Chefkabinettssekretär Osamu Fujimaru blickt. Ihr Gelächter spricht Bände über die politische Situation Japans.

Während einer Tagung des Gesundheitsministeriums informiert Doktor Katsuhiko Kodama als Vorsitzender des radioisotopischen Zentrums der Universität Tokio die Beamten über die Risiken und Folgen der Atomkatastrophe von Fukushima Daiichi. Zu Beginn erläutert er die gemessenen Strahlungen im Raum Tokio und seine Besorgnis über mögliche Hot Spots und die Ungewissheit vor höheren Messwerten. Zu seiner Sorge mischt sich Ärger, da sowohl TEPCO als auch die japanische Regierung keine Unternehmungen anstellt, der Öffentlichkeit korrekte Messwerte mitzuteilen, mit denen Herr Kodama arbeiten könnte. Seine Sorge wandelt sich in Aggression. Halb schreiend, halb klagend kritisiert er die Informationspolitik von Politik und Wirtschaft. Nach eigenen Untersuchungen und Messungen konnte sein Team eine Gesamt-Kontamination feststellen, die etwa dem 30-fachen Wert der Kontamination von Hiroshima gen Ende des Zweiten Weltkrieges entspricht. Die Kontamination erreicht dabei einen Wert, der die Katastrophe von Fukushima laut Kodama bedenkenlos mit Tschernobyl vergleichen lässt.

Besorgniserregend sind auch die Werte der Radioaktivität des Niederschlags nach der Katastrophe. So wurde in der Präfektur Iwate ein Wert von 57.000 Becquerel pro Kilogramm gemessen. Ein Vergleich boten wir bereits zwei Wochen zuvor. Katsuhiko Kodama verweist auf die Gefahr, die von den radioaktiven Partikeln ausgeht, da sie durch Wind und Niederschläge große Flächen des Landes kontaminieren können. Mit seiner Position sieht er sich verantwortlich für die Aufklärung der Bevölkerung Japans und fordert die Regierung auf, die Bewohner Fukushimas zu informieren. Er stellt die Frage, welche Vorstellung die Regierung hat, für eine umfassende Dekontamination ohne die nötigen finanziellen Mittel zu sorgen. Eine Antwort ist man der Gesellschaft noch immer schuldig. Einzig ein müdes Lächeln tut sich hinter Katsuhiko zum Ende seiner Rede auf. Vielleicht ist es das Einzige, zu was Bürokratie und Politik angesichts dieser prekären Lage imstande sind.

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Das Atomdorf – Die ZDF-Reportage zur Atompolitik Japans

Als Regierungschef betitelt möchte man meinen, der Premierminister sei die höchste Gewalt des japanischen Staats. Ihm obliegen die meisten Kompetenzen, er trägt die größte Verantwortung. Zu verantworten hat er sich zu jeder Krise, die sein Land heimsucht. Seine Kompetenzen werden allerdings von einem System verschluckt, dass die Verkettung von Bürokratie, Politik und Wirtschaft vorsieht. Nicht der Premierminister regiert als oberste Instanz, sondern Beamte, die im Hintergrund politischer Entscheidungen agieren. Es ist ein System, dass auf eine jahrzehntelange Tradition zurückblickt. Von 1955 bis 2009 dominierte die Liberaldemokratische Partei Japans (LDP) fast ausschließlich die Politik des Inselstaats, setzte grobe politische Richtlinien und überließ dem fest verankerten Beamtenapparat alle weiteren Angelegenheiten. Seit 2009 löst die Demokratische Partei Japans (DPJ) ihren konservativen und mit wirtschaftlichen Interessen verquickten Vorgänger ab und wagte einen „neuen Stil politischer Führung“.

Der ehemalige japanische Premierminister Naoto Kan im Jahr 2011. (Copyright © World Economic Forum, Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Sehr zum Leidwesen der gut einstudierten Kooperation von Politik und Bürokratie. Naoto Kan als Mitbegründer der DPJ wurde zum Feindbild des Beamtentums. Erstmals regte sich der politische Apparat durch die Hände einer einzigen Partei, ohne mehrheitlich von bürokratischen Interessen durchdrungen zu werden. Die DPJ machte den Beamten wissentlich das Leben schwer. Selbst das als „Amakudari“ (vom Himmel herabsteigen) bekannte System wurde ihnen fortan streitig gemacht. Denn die Sitte war, hochrangige Beamte nach ihrer Pensionierung und einer Ruhepause von zwei Jahren in wirtschaftlich starke Unternehmen einzuschleusen, um die Verbindung zwischen Wirtschaft und Bürokratie aufrechtzuerhalten. Der DPJ war dieser „Gang vom Himmel“ ein Dorn im Auge. Wie sollte auch der „neue Stil politischer Führung“ aufgegriffen werden, wenn die alten Praktiken beibehalten werden? Die Antwort der Bürokraten auf den politischen Umschwung war ein klarer Konter. Sie nutzten ihre Stellung, um Premierminister und Kabinett auf Amtswegen zu blockieren, schlachteten jeden Skandal in voller Breite aus um der neuen Partei die Leviten zu lesen.

Die Katastrophe von Fukushima war ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, den Prozess gegenseitiger Behinderung fortzusetzen. Doch sie zeigte der Öffentlichkeit außerhalb Japans, mit welchem System der Staat zu kämpfen hat. Das Eiserne Dreieck hatte sich selbst gelähmt. Auf der einen Seite Naoto Kan, der mit aller Härte dem Energiekonzern TEPCO die Stirn bietet, sich aufrafft, um zu retten, wozu der Konzern schon lange nicht mehr in der Lage war. Und dazwischen die sprachlosen Bürokraten, die nur widerwillig mit Kan kooperierten. Es war der Anfang vom Ende der Regierungszeit Naoto Kans, denn die Methoden des Premierministers ließ nicht nur die Bürokratie aufstoßen. Er behauptete sich im Alleingang gegen das eiserne System und setzte seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel, denn Medien und Parteifeinde saßen ihm im Nacken. Als Individualist verpönt, spottete man über ihn. Er, der es sich wagte, als Einzelgänger TEPCO das Steuer aus der Hand zu reißen.

„Was ist hier eigentlich los!?“ Ein Zitat aus seinem Munde, als er den überforderten Managern TEPCOs gegenüberstand. Für Naoto Kan stand das Schicksal seines Landes auf dem Spiel, denn nur zu gut kannte er das Trauerspiel der Bürokraten. Verantwortung kann und möchte niemand übernehmen. Noch vor seinem Rücktritt am zweiten September 2011 leitete er die Grundlagen für ein atomfreies Japan ein. Heute bekennt er sich als Umweltaktivist, der um das Wohl seines Landes besorgt ist. Schon vor seiner Amtszeit war Kan als Bürgerrechtler bekannt, der der Gesellschaft den Rücken zu stärken versuchte. Noch während der Katastrophe hinterließ er erste Schrammen am Eisernen Dreieck, indem er drei hochrangige Bürokraten aus NISA, Wirtschaftsministerium und der Behörde für Naturressourcen und Energie entließ. Für sie war die Atomkrise ein Übel, dessen Auswirkungen und Ursachen es hinter einem dichten Vorhang aus Intransparenz und Euphemismus zu verschleiern galt. Laut japanischen Medien saß das Misstrauen Kans gegenüber den Ministerien und Aufsichtsräten tief. Vielmehr setzte er auf eigene Informanten und persönliche Berater, während er den Krisenstab mit harter Hand führte.

Der japanische Wirtschaftsminister Yukio Edano (DPJ), aufgenommen im September 2010. (Copyright © DAJF, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Nach mehr als einem Jahr der Krisenbewältigung ist der Ausnahmezustand vorüber, doch die Verflechtung von Bürokratie, Politik und Wirtschaft trägt weiter seine Früchte. Zwar bleibt die DPJ mit Yoshihiko Noda als Premierminister an der Spitze, doch die kritischen Verhältnisse bleiben dieselben. Ab dem fünften Mai bezieht Japan nach 42 Jahren seinen Strom ohne den Einsatz der riskanten Atomtechnologie. Die Konzerne befürchten dadurch einen Engpass an Energiereserven von etwa 20 Prozent. Laut offiziellen Angaben müsste die Hälfte aller AKWs wieder in Betrieb genommen werden, um diese Lücke zu schließen. Doch das Spiel mit Zahlen ist in Japan nicht unüblich, um den eigenen Interessen Nachdruck zu verleihen. Derselben Meinung ist auch der Politiker Yukio Edano als Minister für Wirtschaft, Handel und Industrie. Bevor er grünes Licht für die Atomkonzerne und Energieriesen gibt, möchte er eigene Berechnungen anstellen. Vertrauen ist in Japan ein Fremdwort vergangener Zeiten.

Diesen Artikel als Vorspann nutzend, möchten wir auf die 30-minütige ZDF-Reportage vom 07. März 2012 verweisen. Mit dem Titel „Die Fukushima-Lüge“ versuchte der Journalist Johannes Hano, das undurchsichtige Geflecht der japanischen Atompolitik zu durchdringen. Dabei enthüllte er mittels seiner Kontaktpersonen Informationen, die für den Betrachter unfassbar erscheinen mögen. Im Mittelpunkt steht die Vereinigung von Bürokratie, Aufsichtsräten, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, wie sie innerhalb dieses Blogs öfters thematisiert wurde. Johannes Hano interviewte während seiner Recherche Naoto Kan und diverse Fachleute, die ihm Zugang zu brisanten Informationen ermöglichten. Gen Ende nahm er sich TEPCO zur Brust, um den Konzern mit seinen gesammelten Informationen offen zu konfrontieren. Übrig blieben Ratlosigkeit und Schweigen.

Die Reportage ist unter folgendem Link verfügbar: Die Fukushima-Lüge.

Quellen und weiterer Lesestoff:

Zwischen Millisievert und Atemmaske

Gegen sechs Uhr in der Früh aufstehen. Zwischen sieben und acht Uhr die erste Besprechung. Ab acht Uhr eine längere Pause für die erste Mahlzeit des Tages, bestehend aus etwas Gebäck und einer Flasche Gemüsesaft. Um zehn Uhr heißt es dann anpacken, um die Kühlung der Reaktoren aufrechtzuerhalten. Gegen 17 Uhr ruft die zweite und letzte Mahlzeit des Tages. Erneut bleiben zwei Stunden für den Verzehr von etwas Reis und Konserven. Vorsichtig werden die Lebensmittel verzehrt, um sie nicht mit der Schutzkleidung zu kontaminieren. Es wird neue Kraft geschöpft, doch lange Zeit zum Ausruhen ist nicht in Sicht. Um 20 Uhr eine weitere Besprechung. Wie kommen wir voran? Was muss getan werden? Die Nachtschicht beginnt. Der andere Teil der Arbeiter darf endlich Abschied nehmen, dem Chaos entfliehen. Die Augen schließen vor der Katastrophe. Eingerollt in einem Tuch, das notdürftig als Decke herhalten muss, verbringen sie die Nacht auf dem Boden zusammen mit ihren Kollegen auf engstem Raum.

Ein Auszug wie aus einer Kriegsszene: Der Ausnahmezustand in Fukushima, der routinierte Tagesablauf der Fukushima 50. Doch es sind nicht nur die Menschen, die zwischen Ehre und Zwang ihr Leben aufs Spiel setzen. Rund 1000 Ingenieure, Feuerwehrleute und andere Helfer schlossen sich bis zum 23. März 2011 der ursprünglichen Aufstellung der Fukushima 50 an, um das tragische Schicksal von Fukushima Daiichi abzuwenden. Die Gefahr der radioaktiven Kontamination war immer präsent. Die Strahlung auf dem Gelände der Reaktorblöcke erreichte Höchstwerte, die die Gesundheit der Arbeiter herausforderte. Die größte Gefahr stellte das Innere der Blöcke dar, deren Strahlung die Skala der Messgeräte sprengte. In kleine Gruppe aufgeteilt versuchten die Arbeiter abwechselnd die Reaktoren zu stabilisieren, um nach 15 Minuten das nächste Team in die dunkle Hölle zu schicken. Angst vor Verstrahlung, stetige Dunkelheit und die beiden Wasserstoffexplosionen in den Reaktorblöcken zerrten genauso an den Nerven der Arbeiter, wie die kräftezehrenden Wege durch die Trümmer der Reaktoren unter schwerer Schutzkleidung und Atemmaske. War eine Schicht vorbei, winkten rationierte Mahlzeiten und kaltes Wasser.

Ihr Aufgabe war es, die Meiler mit Meerwasser zu versorgen, um die Kühlung aufrechtzuerhalten. Die Theorie war simpel, umso schwieriger die Praxis. Durch Beben und Tsunami wurden Teile des Kraftwerksgeländes auf den Kopf gestellt. Geräte, Werkzeuge und Löschmittel wurden zur Mangelware. Doch nicht ausschließlich, weil sie von den Wassermassen erfasst wurden, sondern weil TEPCO keine Vorsorge traf. Blind hatte sich das Unternehmen auf seine milden Prognosen verlassen und war nicht auf den Ernstfall vorbereitet.

Millisievert-Strahlenwerte im Vergleich. (Copyright © Spiegel Online)

Es mangelte an allem, nicht nur materiell, sondern auch an der Erfahrung der Arbeiter. Weder Dosimeter zum Ablesen der aktuellen Strahlung, noch die Anzahl verlässlicher Sicherheitsstiefel waren ausreichend, um den Helfern genügend Schutz zu bieten. Augenzeugen berichten von der Leichtsinnigkeit mancher Arbeiter, die mit Klebeband und Plastiktüte ihr Schuhwerk abbanden oder mit blanken Arbeitsschuhen durch die kontaminierten Wassermassen wateten. Die Folge waren schwere Verletzungen durch Verstrahlung. So glich es fast Spott, als das japanische Gesundheitsministerium die Obergrenze der jährlichen Strahlenbelastung von 100 auf 250 Millisievert erhöhte. Die festgesetzte Grenze der Internationalen Strahlenschutzkomission (ICRP) von 100 Millisievert war nicht ausreichend, um der Lage in Fukushima Herr zu werden. Dabei führt eine Dosis von 250 Millisievert bereits zu akuten Strahlenerkrankungen, schädigt die Körperzellen und lässt das Krebsrisiko exponentiell in die Höhe schießen. Ohne Erhöhung der Grenze wäre es womöglich zum Abzug der Arbeiter aus dem Gefahrenbereich gekommen. Die Krise hätte kaum überwunden werden können, wenn sich ein Großteil der Arbeiter nicht diesem Risiko ausgesetzt hätte. Doch die Erhöhung wollen wir dadurch nicht gut heißen. TEPCO kann sich von seiner Schuld nicht freisprechen.

Video:

BBC: „Firefighters‘ key Fukushima mission“
BBC: „Inside crippled Fukushima plant“

Weiterer Lesestoff:

Spiegel: „Wir brauchen jede Weisheit“
Stern: „Japanischer Jobbewerber unfreiwillig am Akw Fukushima eingesetzt“
Asienspiegel: „Überarbeitung im AKW Fukushima“
Asienspiegel: „Die trügerische Ruhe in Fukushima“
ABC News: „Outpouring of Tears and Prayers for Japan’s Heroes: The Fukushima 50“

Die Gesellschaft übt sich in Kritik – Protestsongs statt Protestmarsch

Protestbewegungen in Japan wachsen nur langsam. Nicht nur die Regierung stellt sich öffentlichen Protesten in den Weg, auch der Großteil der Japaner verspüren kaum den Drang, öffentlich den Staat zu kritisieren. Zu konservativ ist die eigene Einstellung. Die Gesellschaft steht über dem Individuum. Was zählen da einzelne Meinungen und Bekundungen gegen Atomkraft? Der Protest findet daher nicht nur auf der Straße statt. Seit Tschernobyl und Fukushima findet der Protest seine Basis in den Texten von Bands und einzelnen Musikern. In einem sind sie sich einig: Der Staat braucht Transparenz.

Der Anti-Atomkraft-Song „You can’t see it, you can’t smell it“ ist eine Kooperation des japanischen Reggae-Musikers Rankin Taxi und der Dub Ainu Band. Die Band des japanischen Musikers Oki Kano sorgt für die musikalische Unterstützung, während sich Rankin Taxi dem Text widmete. Dieser kritisiert in skurriler, fast unterhaltender Weise die japanischen Regierung. Der Song tadelt die Regierung, Atomenergie für sicher erklärt zu haben, ohne die Einwohner Japans über die Folgen ausreichend aufgeklärt zu haben. Mehrfach wird in dem Video die unsichtbare Gefahr von Atomkraft und die Auswirkungen nach der Katastrophe von Fukushima veranschaulicht.

Auch die japanische Popkultur setzt sich mit dem Thema Atomkraft und deren Risiken auseinander. Das untere Video zeigt eine Band, die durch kindliche Choreografien im japanischen Schuldmädchen-Outfit nicht auf jedermanns Geschmack stößt. Das Thema, das die fünf Mädchen aufgreifen, steht der Präsentation des Songs allerdings im krassen Gegensatz. Kritisch äußern sie sich zu der riskanten Technologie bei einem Musikgenre, dem solche Themen kaum zuzumuten sind. Mehr Informationen lassen sich bei der Textinitiative Fukushima finden.

Es folgen drei weitere Songs, deren Musiker im Westen meist unbekannt sind, der japanischen Gesellschaft jedoch einen kritischen Charakter verleihen. Protestbewegungen in Japan sind selten, da sie von der Regierung unter Druck gesetzt und stark behindert werden. Die Musiker entdecken ihre Form des Protests im Schreiben neuer Songs mit kritischem Inhalt. Durch die Aufnahme dieser Titel in ihr Programm erreichen sie bei Konzerten mehr Hörer, als auf den Straßen der Städte Japans auf taube Ohren zu stoßen. Den Songs wurde eine deutsche Übersetzung angefügt, um sich auch als Person ohne Japanisch-Kenntnisse mit dem kritischen Inhalt auseinanderzusetzen. Die Übersetzung stammt nicht von Fukushima 24/7, sondern von dem engagierten Team der „Textinitiative Fukushima“. Eine Angabe der Quelle gibt es hinter jedem Video.

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Titel: „Summer Time Blues“ von Kiyoshirô Iwamano (1988) – Übersetzung

Der heiße Sommer kommt immer näher, alle sind unterwegs ans Meer.
Als ich im menschenleeren Meer schwamm, entdeckte ich ein Atomkraftwerk.
Ich kapier es einfach nicht: Wozu bloß? Kleines Japan, das ist dein Summertime Blues.

Glühende Flammen spucken die Schlote empor, die Tôkai-Beben kommen immer näher.
Trotzdem werden es mehr und mehr, werden weiter Atomkraftwerke gebaut.
Ich kapier es einfach nicht: Für wen bloß? Kleines Japan, das ist dein Summertime Blues.

Der eisige Winter kommt immer näher.
Du verlierst in letzter Zeit auch eine Menge Haar (das ist schon echt schlimm)
Trotzdem, im Fernsehen heißt es: „Die japanischen AKWs sind sicher.“
Ich kapier es einfach nicht: Alles aus der Luft gegriffen (Wo ist der Beweis?)
Das ist der allerletzte Summertime Blues.

Wir sollten auch noch einmal die Abkürzung AKWs überdenken.
Es ist ein schlechte Angewohnheit der Japaner alles abkürzen zu müssen.
Gibt es denn den korrekten Ausdruck Atomkraftwerk nicht? (Macht euch keine Sorgen)

Ich schufte mich ab, um meine Steuern zu zahlen,
und wenn ich dann doch mal im Urlaub aufs Land fahre, stehen da schon 37 neue Meiler rum
Die Atomkraftwerke werden immer mehr. Noch ehe wir es merken, leckt es.
Wie schrecklich, dieser Summertime Blues.

Atomkraft ist überflüssig, wir brauchen sie nicht mehr, nie mehr.
Atomkraft ist überflüssig, wir brauchen und wollen sie nicht mehr.
Atomkraft braucht keiner, sie ist gefährlich und unerwünscht.
Wir brauchen, brauchen und wollen sie nicht.
Brauchen, brauchen die nicht, denn Atomkraft ist so überflüssig.
Sinnlos und gefährlich.

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Titel: „Alles nur Lügen“ von Saito Kazuyoshi – Übersetzung

Läuft man durch diese Land, sieht man 54 Atommeiler.
In den Schulbüchern und Werbung heißt es „Die sind sicher“.
Sie haben uns belogen und nannten es „unvorstellbar“.
So vertraut dieser Himmel, so juckend der schwarze Regen.
Die ganze Zeit nur gelogen. Alles gelogen die ganze Zeit
Jetzt ist es doch raus gekommen, wirklich alles nur Lügen.
Atomkraft ist sicher.

Alles gelogen die ganze Zeit. Ich möchte so gern Spinat. Wirklich alles nur Lügen.
Habt ihr eigentlich überhaupt was gemerkt? Ihr kanntet die Lage, nicht wahr?

Die Strahlung weht unaufhaltsam im Wind.
Wie viele Menschen werden schon verstrahlt sein, ehe ihr es endlich merkt?
Liebe Regierung dieses Landes, gibt es außerhalb dieser Stadt noch irgendwo gutes Wasser?
Sagt uns wo! Ach schon gut. Kein Ort mehr, an den wir fliehen können.

Alles nur Scheiße! TEPCO, HEPCO, CECPO, KEPCO
haben zwar nicht immer gepennt, aber nur Scheiße erzählt!
Trotzdem wollt ihr so weitermachen!? Das war wirklich alles nur Scheiße!
Ich will irgendwas unternehmen. Alles waren alles nur Lügen. Alles war nur Scheiße.

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Titel: „Tschernobyl“ von The Blue Hearts (1988) – Übersetzung

Irgendwer zieht eine Grenze. Der Lärm bringt alles durcheinander.
Jemand starrt mich mit aufgerissenen Augen an hoch oben vom Himmel.
Ich will nicht nach Tschernobyl.
Dieses Mädchen möchte ich in die Arme schließen.
Ist es wirklich überall dasselbe?

In der Stadt im Osten regnet es. In der Stadt im Westen regnet es.
Im Norden am Meer regnet es. Im Süden auf den Inseln regnet es.
Ich will nicht nach Tschernobyl.
Dieses Mädchen würde ich so gern küssen…
Auf diesem so winzigen Planeten.
Wem gehört die runde Erde nun?
Wem gehört die alles vernichtende Flut?

In der Stadt im Osten regnet es. In der Stadt im Westen regnet es.
Im Norden am Meer regnet es. Im Süden auf den Inseln regnet es.
Ich will nicht nach Tschernobyl.
Dieses Mädchen würde ich so gern küssen…
Auf diesem so winzigen Planeten
Wem gehört die runde Erde nun?
Wem gehört die alles vernichtende Flut?
Wem gehört der Gegenwind?
Wem gehört der schöne Morgen?
Nach Tschernobyl – ah nach Tschernobyl – ah.
Nach Tschernobyl will ich auf keinen Fall.

Der 11. März in Bildern – Augenzeugenberichte und Dokumentationen

In diesen Stunden jährt sich die Katastrophe von 2011. Exakt ein Jahr ist vergangenen und brachte einen Umbruch der Energiepolitik Japans. Die japanische Regierung rückte für Wochen und Monate in den Mittelpunkt der Medien und präsentierte der weltweiten Öffentlichkeit ein Bild, über das die Menschen außerhalb Japans wenig Einsicht hatten. Die Katastrophe forderte nicht nur Politik und Wirtschafts heraus, sondern erzeugte einen Umbruch der Gesellschaft Japans, der bis heute andauert. Kritik, Protestbewegungen und großflächige, monatelange Sparmaßnahmen verändern den Alltag der Japaner. Das einstige Bild eines konservativen, stummen Landes beginnt zu bröckeln. Wie lange dieser Umbruch anhält, bleibt abzuwarten.

An diesem Sonntag versammelten sich die Japaner, um gemeinsam zu trauern. Während einer Gedenkzeremonie im Nationaltheater Tokios rief Premierminister Yoshihiko Noda zum Wiederaufbau. Das Kaiserpaar bedankte sich bei allen Helfern, versuchte noch einmal Mut zu machen und schickte seinem Volk die Botschaft, Lehren aus der Katastrophe zu ziehen, um sie künftigen Generationen mit auf den zu geben.

Wir nutzen diesen Tag, um die Ereignisse des 11. März erneut zu betrachten. Doch nicht mit Texten und Diskussionen, sondern mit Szenen, die uns eine neue Perspektive auf die Katastrophe gewähren. Verschiedene Augenzeugenberichte verdeutlichen uns die Situation, die vor einem Jahr im Katastrophengebiet herrschte. Wir haben uns für vier Videos entschieden, die allesamt einen anderen Blickwinkel auf das Beben und den anschließenden Tsunami geben. Im Anschluss fassen wir aktuelle Artikel von Spiegel und Stern zusammen.

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Der Japaner Yu Muroga wurde am 11. März in seinem Fahrzeug von dem Beben überrascht. Wie viele der Japaner fühlte auch er sich nicht von dem Tsunami betroffen, da sein Aufenthaltsort weit von der Küste entfernt lag. Er führte seine Fahrt daher unbeeindruckt fort. Wenige Zeit später muss er stoppen. Einige Meter voraus bahnen sich die ersten Trümmer und Lasten auf den Wassermassen ihren Weg durch die Stadt. Aus dem Auto vor ihm steigt der Beifahrer aus, um sich zu Fuß in Sicherheit zu bringen. Wenige Sekunden später werden sämtliche Fahrzeuge unterspült. Die Wagen treiben im Wasser.

Eine Person filmt mit seiner Kamera auf den sicheren Stufen einer Anhöhe die eintreffenden Wassermassen. Innerhalb kürzester Zeit werden Straßen und Gassen zu breiten Wasserläufen und Kanälen. Kurz schwenkt er zu den Anwohnern, um ihre Fassungslosigkeit festzuhalten. Die Wassermassen nehmen an Kraft zu. Wiederholt muss er seine Position wechseln, bis das Geländer der Treppe nachgibt. Neben dem dröhnenden Wasserläufen erklingen in unregelmäßigen Abständen die Sirenen des Ortes. Eine energische Stimme gibt über Lautsprecher kurze Instruktionen an die Anwohner. Das Wasser beginnt, die komplette Ortschaft zu unterspülen. Die Häuser treiben auf der schmutzigen Brühe und lösen sich von ihrer Basis. Wie gebannt verharrt die Kamera auf dieser unfassbaren Naturgewalt.

Kurze Videoaufnahmen zeigen eine Ortschaft nach der Katastrophe und die Zerstörung innerhalb der Gebäude. Anschließend rückt ein bewaldeter Hügel in das Blickfeld der Kamera. Die Perspektive ändert sich und zeigt einen Ausschnitt beim Antreffen der Wassermassen. Panisch warnen die Bewohner ihre Mitmenschen, die die nahende Gefahr noch nicht wahrnehmen. Schließlich gelingt es den Menschen, sich gemeinsam auf dem Hügel in Sicherheit zu bringen.

Eine Person filmt von einem Gebäude aus die sich auftürmenden Wellenberge im Meer. Langsam treffen die Wellen auf die Küste und überfluten das angrenzende Wäldchen, das den Ort von der Küste trennt. Wie eine Sturmflut breitet sich das Wasser über der Küste aus, sodass die Grenze zwischen Meer und Strand verschwimmt. Langsam schieben sich die Wassermassen über die Straße, die den Ort mit der Küste verbindet. Die Straße schwillt zu einem reißenden Storm an, doch die Betongebäude halten stand.

Augenzeugenberichte:

„Zur politischen Kultur in Japan“ – Eine Diskussion über das Fünfeck der Atompolitik Japans

Der Thomasius Club lud am 22. Februar 2012 in die Südvorstadt Leipzigs, um über die politische Kultur Japans zu sprechen. Hintergrund der Auseinandersetzung war die Dreifachkatastrophe von Fukushima und die neuen Protestbewegungen der vermeintlich unpolitischen Japaner. Ein uriges Ambiente und bequeme Sitzgelegenheiten zierten den Veranstaltungsraum. Eine Ausstattung, wie es sich für die monatlichen Gespräche des Thomasius Clubs gehört. Speziell für dieses Thema eingeladen wurde Steffi Richter, Professorin und Lehrstuhlinhaberin der Japanologie an der Universität Leipzig. Ihr Schwerpunkt: „Gesellschaft und Kulturen im neuzeitlich-modernen Japan“. Begleitet und angetrieben wurde die Diskussion von den Moderatoren Bettina Kremberg und Ulrich Johannes Schneider. Lasst uns diskutieren.

Ein Foto der Gesprächsteilnehmer: v.l. Bettina Kremberg, Steffi Richter, Ulrich Johannes Schneider. (Thomasius Club)

Im Schatten des Gesprächs stand der baldige Jahrestag der Katastrophe von Japan. Frau Richter selbst versuchte zu Beginn die Auswirkungen dieses Unglücks außerhalb der Grenzen Japans zu verdeutlichen. Für sie als Japanologin war der 11. März 2011 ein tiefer Schock der sie bis heute zeichnet. Fällt Japan in einem Gespräch, spielen sich die Geschehnisse der Katastrophe erneut ab. So weist sie auch am 22. Februar auf jene dramatischen Tage hin. „Eine Katastrophe auf zwei Ebenen“, versucht sie zu charakterisieren: institutionell und wissenschaftlich. Die Leipziger Japanologie machte sich Sorgen um ihre Studenten in Japan. Groß war die Erleichterung, als die jungen Japanologen unversehrt ihren Fuß nach Deutschland setzen konnten. Doch der Forschungsschwerpunkt änderte sich.

In den ersten Wochen nach der Katastrophe war es schwer, einen klaren Gedanken zu sammeln. Wie soll es weitergehen? Die Massenmedien berichteten unentwegt von der Atomkatastrophe in Fukushima. Eine einseitige Berichterstattung folgte auf die nächste. Das Ziel musste es sein, neue Perspektiven zu eröffnen. Die Basis für Frau Richters aktuelles Projekt war geschaffen. Eine Kooperation der Japanologien von Leipzig, Frankfurt und Zürich schuf die Textinitiative Fukushima. Der Leitgedanke war, spezielles Wissen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, das mangels des eigenen Wissensstands verwehrt wurde. Nicht etwa das Aufdecken von Verheimlichungen der Regierung Japans ist die Aufgabe dieser Initiative, sondern das Übersetzen japanischer Protestaktionen, Texte und Bücher. Die deutsche Öffentlichkeit sollte informiert werden. Ein ungeheurer Aufwand stand den Japanologen bevor, zu denen sich die Studenten höheren Semesters aus eigenem Engagement heraus verpflichtet fühlten.

So betont Frau Richter die gemeinsame Anstrengung der Studenten, die bis heute auf 30 Übersetzungen zurückblicken kann. Als Material stand zumeist japanischer Pop-Protest zur Verfügung. Aufbegehrende Videos japanischer Künstler ziert das Internet und alle stimmen sie in einen Anti-Atomkraft-Kanon ein. Die Protestbewegung Japans beginnt sich zu entfalten, doch eine soziale Bewegung ist es noch lange nicht. Die Proteste sind politisch, zeigen aber wenig Bestand und verflüchtigen sich. Für eine soziale Bewegung, die den Anti-Atomkraft-Forderungen der Japaner Auftrieb verleihen würde, muss sich diese Protest-Bewegung in den Alltag integrieren. Sie muss an Vielfalt gewinnen und ein Markenzeichen der Gesellschaft Japans werden. Bis dieser Zustand erreicht ist, muss das japanische Volk noch viele Hürden meistern. Die Berechtigung der Textinitiative bleibt, denn sie gibt ein Bild Japans, dem wir in den Massenmedien nicht begegnen.

Anti-Atomkraft-Protest in Tokio am 16. November 2011.

Einer weiteren Thematik schenkte Frau Richter in diesem Gespräch Beachtung. Das „Eiserne Dreieck“, wie wir es schon in unserem Einstieg zu Fukushima 24/7 behandelt hatten. Die Interessenverflechtung von Politik, Wirtschaft und dem Staat in Form der Bürokratie. Doch die Professorin hatte noch eine vierte Ecke für das Dreieck, die Gefälligskeitswissenschaftler. Eine Gruppe von Wissenschaftlern, die zugunsten eines finanziellen Vorteils die Machenschaften des Staats befürworten, so fraglich und riskant sie auch sein mögen. In den 1960ern war die Nuklearisierung der Stromindustrie Japans allerdings eine rein politische Entscheidung. Die Wirtschaft fand keinen Gefallen an den kostspieligen Atomkraftwerken. Zu groß waren die Investitionen in neue Sicherheitssysteme. Doch die Politik gab den Anstoß und was die Investitionen in Sicherheit angeht, sehen wir seit dem späten 20. Jahrhundert weltweit durch die Stör- und Unfälle von Kernkraftwerken.

Nun musste man dem Volk die riskante Technologie schmackhaft machen. Vertrauen sollte geschaffen werden. Was wäre da nicht besser, als ein japanischer Comic? Aus seiner deutschen Übersetzung lässt der Cartoon-Charakter Astro Boy keine Rückschlüsse auf Atomkraft zu. Dass der Roboterjunge als Heldenfigur im Kinderprogramm Atomkraft propagiert, ist schwer zu glauben. Doch mit Tetsuwan Atomu, die korrekte Übersetzung wäre „Eisenarm Atom“, hört der Roboter auf seinen Original-Namen. Tetsuwan Atomu erschien von 1952 bis 1968 im Manga-Magazin Shōnen. Ab 1962 begann die Produktion des gleichnamigen Animes, der 1980 und 2003 durch weitere Folgen ergänzt wurde. Hinzu kamen Kinofilme, Videospiele und eine Fülle von Merchandise-Artikeln, die dem japanischen Volk die Atomkraft schmackhaft machen sollten. Immerhin sorgt sich der kleine Atom-Boy um die Erhaltung von Frieden und setzt sich gegen Krieg und Unrecht ein. Was kann es nicht besseres geben, als eine sichere, verlässliche Technologie⸮

Zum Ende der Diskussion kam Frau Richter auf den engagierten Journalisten Suzuki Tomohiko zu sprechen. Tomohiko beschäftigt sich intensiv mit dem Abgrund der japanischen Gesellschaft und stellte die Verflechtung der Atomindustrie mit der japanischen Mafia dar, auch als Yakuza bekannt. So mutiert die vermeintliche Dreiecksbeziehung zu einem gut organisierten Fünfeck. Die Aufgabe der Yakuza liegt darin, Arbeitskräfte für die Säuberung von Atomreaktoren und speziell für die Aufräum- und Reparaturarbeiten in Fukushima I zu verpflichten. Ein ernstes Thema, dass gerne verschwiegen wird. Die aus ihrer Existenznot kooperierenden Arbeiter tragen den Namen „Wegwerfarbeiter“. Menschliches Kapital für gesundheitsgefährdende Arbeiten. Die Bezahlung gleicht purem Spott. Bei einem Job, der die Lebenserwartung der Betroffenen drastisch senkt. Etwa 80.000 dieser „AKW-Gipsy“ existieren in Japan. Von einem japanischen Phänomen ist allerdings abzusehen. Wer in Japan als „Wegwerfarbeiter“ sein Leben bewältigt, trägt in anderen Ländern ähnliche Bezeichnungen. Frankreich verfügt über schätzungsweise 30.000 sogenannter Atom-Nomaden. Und selbst Deutschland zählt bereits 24.000 Menschen, die einen Namen tragen, der im Sprachgebrauch schon zum Alltag gehört: Leiharbeiter.

Journalist Suzuki Tomohiko (AFP)

Es bleibt die Aufgabe der Textinitiative, mit ihrer Internetpräsenz Informationen an die Öffentlichkeit zu tragen, die aufgrund des eigenen Wissensdefizits der Menschen unsichtbar bleiben. Die Massenmedien konzentrieren sich längst nicht mehr auf den Unglücksfall Fukushima. Spätestens am Jahrestag der Katastrophe wird der Hauptstrom der Ereignisse erneut aufgearbeitet und die Öffentlichkeit mit dem Mainstream an Informationen versorgt, den sie ohnehin schon kennt. Die Informationen am Rande sind nur marginal verteilt. Die Kanäle, um an sie zu gelangen, sind rar gesät.

Aus dem Publikum kam die These, allein 70 Prozent der weltweiten Medienberichte über Fukushima stammen aus Deutschland. Es ist ein Einwurf, der nicht nur die scheinbare Atom-Hysterie der Deutschen in Betracht zieht, sondern umso mehr das Interesse nach Aufklärung und Diskussion. Der Einwurf der Moderatorin Bettina Kremberg kam zugleich, ob die Textinitiative Fukushima nicht Informationen aus dem Deutschen übersetzen könnte, um der desaströsen Informationspolitik Japans entgegenzuwirken. Ein Vorschlag, dem Frau Richter nichts entgegenzusetzen hätte. Doch die Arbeit ist zu aufwendig, als dass sie von einem Team aus wenigen engagierten Studenten bewältigt werden könnte. „Eine Krise des investigativen Journalismus.“ Das Schlusswort des Abends.

[Die gesamte Unterhaltung ist als Audio-Datei unter diesem Link verfügbar.]

TEPCO – Teil 2: Von der Katastrophe bis zur Gegenwart

Ein Wunderwerk der Technik. Ein Symbol für die Zukunft des Landes, für ein goldenes Zeitalter. Sicherheit, Verlässlichkeit und Transparenz propagiert der Image-Film Tepcos in den unteren beiden Videos. Die Nation sollte keinen Anlass zu Beunruhigung haben. Atomkraft ist sicher, besonders in den Händen Tepcos. So führen die Videos in den Bau des Kernkraftwerks ein und vermitteln stolz die moderne Technologie, die von dem Meiler ausgeht. Ausgeschmückt mit lobenden Attributen und dem Hantieren beeindruckender Zahlenwerte versucht Fukushima I zu überzeugen. „Die Reaktoren unseres Landes sind ein Modell innovativen Ingenieurwesens im Bereich der Atomkraft. Die neue nukleare Energie, die hier geboren ist, wird eine großartige Energie sein, die all unser Leben unterstützt“, verkündet der Sprecher zum Abschluss. Nahezu zynisch mag es nach der Katastrophe klingen. Doch weshalb sich nach diesem Film sorgen machen? Spätestens seit März 2011 gab es die Antwort: den Beschönigungen Tepcos ist nicht mehr zu glauben. Das Unternehmen hat sein Gesicht verloren. Selbstverschuldet, und das auf unbestimmte Zeit.

Nach dem 11. März hatte das Misstrauen in Tepco einen unbekannten Grad erreicht. Bereits die Jahre zuvor stand der Energieversorger vereinzelt in den Schlagzeilen der japanischen Medien, konnte durch die enge Verzahnung mit Politik und Aufsichtsbehörden aber immer wieder den Kopf aus der Schlinge ziehen. Nun stand das Unternehmen vor dem Bankrott, denn der Schaden wuchs ins Unermessliche. Tepco musste haften.

Die wahren Informationen im Angesicht der Katastrophe zurückhaltend, versuchten die Manager Tepcos, das Problem traditionell herunterzuspielen. Es bestehe keinerlei Grund zur Beunruhigung. Die Gesundheit stehe nicht auf dem Spiel. Ein Meister im Verleugnen, der mit dem Leben der Einwohner in der Präfektur Fukushima spielt. Als die ersten Medien mit dem Unternehmen ins Gericht zogen, ließ das Bollwerk aus Verschleierung und Lügen nach. Zum eigenen Fehler stehen wollte man nicht. So schoben TEPCO, Politik und Bürokraten in Form der japanischen Atomaufsichtsbehörde NISA die Verantwortung hin und her. Zu groß war die Angst, die Last des Unglücks auf den eigenen Schultern zu tragen. Es brauchte ein Machtwort, um sich dem Chaos zwischen Missmanagement und Desinformation zu entledigen.

Der ehemalige japanische Premierminister Naoto Kan im Jahr 2011. (Copyright © World Economic Forum, Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Damaliger Ministerpräsident Naoto Kan reiste aus diesem Anlass am 15. März höchstpersönlich in die Zentrale Tepcos um seiner Wut Ausdruck zu verleihen. „Was ist hier eigentlich los?“, drang er auf die Manager ein und ernannte sich kurzerhand selbst zum Chef des Krisenstabs. Weshalb diese Verschwiegenheit? „Was die Welt derzeit erlebt, ist die typisch japanische Angewohnheit, Pannen zu vertuschen – aus Scham und falsch verstandenem Gruppen- oder Firmengeist. Dabei ist das Unglück doch längst für alle offensichtlich“, schreibt der Spiegel noch am selben Tag. Falscher Stolz und die Angst vor dem Aus, dem finanziellen wie dem gesellschaftlichen. Die Frage, warum die Arbeiter lange zögerten, um Salzwasser in die überhitzten Blöcke zu pumpen, ist nach diesen Informationen einfach zu beantworten. Tepco sah seine Priorität in der Erhaltung des eigenen Besitzes. Das Kernkraftwerk sollte gerettet werden. Das Salzwasser hätte die Reaktoren auf lange Sicht beschädigt. Ein Verlust, der sich erst Stunden, wenn nicht Tage später in Kauf nehmen ließ.

Noch während der Bewältigung des Unglücks verhandelte Tepco um Notkredite. Allmählich wurde dem Versorger klar, welche finanzielle Last sich auf ihn legt. Sieben Finanzinstitute erklärten sich bereit, eine Summe von zwei Billionen Yen (17 Milliarden Euro) dem Unternehmen zu überlassen. Durch Anleihen verfügte Tepco über 670 Milliarden Yen an liquiden Mitteln. Das Geld war bitter nötig, denn zehntausende Einwohner der Präfektur Fukushimas galt es zu entschädigen. Doch das Geld der Banken wurde für andere Zwecke gebraucht. Reparaturen waren wichtiger, da Atomkraftwerke und andere Anlagen in Mitleidenschaft gezogen wurden. Für die Betroffenen blieb später eine Summe von umgerechnet 8000 Euro, pro Familie, nicht pro Kopf. Ein äußerst knapper Betrag, um das verlorene Hab und Gut zu ersetzen. Doch Tepco konnte nicht mehr entbehren. Der Staat musste nun für den Wiederaufbau herhalten. Nach japanischem Gesetz muss die Regierung im Falle der Beschädigung eines Kernkraftwerks infolge einer Naturkatastrophe die ersten 120 Milliarden Yen der Reparaturkosten aufbringen. Ein wahrer Segen für den Energieversorger, wenn gleich das Volk die Kosten auf sich nimmt. Es rief nach einer Erhöhung von Steuern und Strompreisen.

Zur Finanzierung der Katastrophe stellte die japanische Regierung einen öffentlichen Fonds zur Verfügung, der mitunter die Entschädigungszahlungen für die Opfer begleichen sollte. Der Staat griff Tepco mächtig unter die Arme. Ein erstes Aufatmen für den Energiekonzern. Doch im Gegenzug wurde das Unternehmen stärker kontrolliert, auch wenn man von einer Verstaatlichung absah. Die Aktienkurse Tepcos hatten seit der Katastrophe vom 11. März um 80 Prozent an Wert verloren. Hinzu kamen erwartete Schadensersatzforderungen in Höhe von zehn Billionen Yen (84 Milliarden Euro). Mit dem Fond sollte Tepco vor dem finanziellen Aus bewahrt werden. Als zinsloses Anleihen wurde der öffentliche Fonds eingerichtet, der vom Konzern zurückgezahlt werden soll.

Ein weiteres Gesicht mischt sich nach der Katastrophe unter die weltweiten Medien. Der Präsident Tepcos, Masataka Shimizu, stellte sich einen Tag nach der Katastrophe nur kurz der Presse vor, ohne Andeutungen auf die Krisenbewältigung zu machen. Mehrere Tage verschwand er danach von der Bildfläche. Man spekulierte über einen Selbstmord, doch Shimizu hatte sich lediglich krank gemeldet. Von Bluthochdruck und Schwindelanfällen geplagt, wurde er in ein Krankenhaus eingewiesen. Einen Monat nach der Katastrophe kehrte er zurück, in blauer Montur des Energieversorgers. Es hieß zu trauern und so versenkte er sein Haupt für Minuten. Masataka Shimizu wirkte schwach und resignierend, als sei nichts mehr zu retten. Sein Gesicht hatte er auf Dauer verloren und so waren seinen Worten an die Presse nur noch Bestürztheit und Bitten um Verzeihung zu entnehmen. Antworten auf Fragen gab es keine. Shimizu schwieg. Zwei Monate später musste er den Posten räumen. Sein Nachfolger ist Toshio Nishizawa, ein ehemaliger Direktor und Manager Tepcos. Mit seinem Rücktritt nahm Shimizu die Verantwortung mit sich. Er versuchte, für die Pannenserie und die Milliardenverluste Tepcos gerade zu stehen.

Im Juli 2011 rückten erneut die Opfer der Atom-Katastrophe in den Blickpunkt der Regierung. Schätzungsweise 850 Euro sollte der AKW-Betreiber allen Betroffenen als finanzielle Stütze zahlen. Pro Monat, den die Menschen nicht in ihrem Haus verbringen konnten. Die 20 bis 30 Kilometer große Evakuierungszone umfasste 160.000 Bewohner, die in Notunterkünften ihr Dasein fristeten. Laut der Nachrichtenagentur Kyodo betrugen die Schadensersatzzahlungen umgerechnet 52 Milliarden Dollar. Diese gewaltige Summe, die Sicherung der Reaktoren von Fukushima Daiichi und die gesunkene Nachfrage nach Storm durch die Sparmaßnahmen der Japaner forderten Tepco finanziell heraus. Wie sollte das Unternehmen diesem angesetzten Todesstoß Herr werden? Die Leidtragenden waren umso mehr die Arbeiter. Die Regierung forderte im September vergangenen Jahres die Restrukturierung Tepcos und sah einen drastischen Stellenabbau, die Abtretung von Aktienanteilen und gekürzte Rentenzahlungen vor. Um weiterhin liquide zu bleiben, forderte die Regierungskommission die Wiederinbetriebnahme der übrigen Kernkraftwerke Japans und eine Erhöhung der Strompreise. Bis heute wurde allerdings kein Kraftwerk hochgefahren.

Das Atomkraftwerk Fukushima I. Im Vordergrund der Reaktorblock 1. (Copyright © Kawamoto Takuo, Lizenz: CC BY 2.0)

Die letzten Monate des Jahres 2011 waren von staatlichen Finanzspritzen durchsetzt. Tepco durfte nicht aufgegeben werden, denn der Energieversorger ist eng an das Stromnetz Tokios gekoppelt. Eine Abschaltung wäre undenkbar. Nachdem im Januar der AKW-Betreiber weitere Finanzspritzen über den öffentlichen Fonds forderte, zieht der Staat die Übernahme von zwei Dritteln der Anteile Tepcos in Betracht. Der Energieversorger könnte nach 60 Jahren Privatwirtschaft verstaatlicht werden. Japan selbst erhofft sich damit auch eine Veränderung der Energiepolitik des Landes. Bisher stellt sich der Konzern vehement gegen eine Aufhebung der regionalen Monopole und den Ausbau erneuerbarer Energien. Die Geschichte der Tokyo Electric Power Company als privates Unternehmen ginge damit zu Ende. Welchen Weg Japan danach bestreitet, liegt einmal mehr in den Händen der japanischen Regierung. Eine fragwürdige Zukunft bei Regierungsvertretern, deren Misstrauen gegenüber dem Tepcos in nichts nachsteht.

Quellen: Spiegel Online | Japanmarkt