Umfrage zur Wahrnehmung der Katastrophe von Fukushima

Sehr geehrte Leserinnen und Leser, ich möchte Ihnen bereits an dieser Stelle für Ihr Engagement danken, das Sie mit dem Aufruf dieser Seite zeigen.

Die folgende Umfrage dient dem Zweck, das Interesse der Umfrageteilnehmer an dem Atomunglück von Fukushima zu ermitteln, zu hinterfragen, ob die Katastrophe in Deutschland noch immer ein Gesprächsgegenstand ist und ob sich die Haltung gegenüber einem Aufenthalt in Japan, anderthalb Jahre nach der Katastrophe, geändert hat. Zu den Befragten zählen größtenteils Studenten der Japanologien in Deutschland. Dennoch sind sämtliche Leser dieses Blogs dazu eingeladen, an der Umfrage teilzunehmen.

Verantwortlich für die Durchführung und Auswertung der Umfrage ist der Inhaber des Blogs „Fukushima 24/7“. Die Umfrage verfolgt, wie der Blog selbst, keinen kommerziellen Zweck. Das Ergebnis der Umfrage wird zeitnah auf diesem Blog veröffentlicht und sieht von der Veröffentlichung von Einzelergebnissen ab, um Ihre Anonymität zu gewähren. Falls Sie sich dennoch bei bestimmten Fragen in ihrer Privatsphäre verletzt fühlen, können Sie diese unbeantwortet lassen.

Die Umfrage beinhaltet 18 Fragen, deren Beantwortung maximal fünf Minuten in Anspruch nimmt. Außer bei den ersten drei Fragen zu Ihrer Person sind die Antwortmöglichkeiten vorgegeben. Bitte wählen Sie die für Sie passenden Antworten aus und streichen Sie die nicht zutreffenden.

Zur Auswertung bitte ich Sie, Ihre Antworten inkl. der zugehörigen Fragen an die Mail-Adresse fukushima247@googlemail.com zu schicken. Bei Rückfragen und Problemen wenden Sie sich bitte an dieselbe Mail-Adresse.

Der Einsendeschluss ist der 30. September 2012.

Das zerstörte Reaktorgebäude 3 des AKWs Fukushima Daiichi. (flickr/IAEA)

  1. Geschlecht
  2. Alter
  3. Nationalität
  4. Wie informieren Sie sich über die aktuelle Lage der Atompolitik Japans? [Mehrfachantworten möglich]
  5. Zeitung, Radio und/oder Fernsehen inkl. Internetauftritt | Blogs | Öffentliche Ämter (Verbraucherzentrale) | NGOs (Greenpeace) | Fachbücher | Freunde und Verwandte | Ich informiere mich nicht.

  6. Die Nuklearkatastrophe von Fukushima ist in meinem Umfeld noch immer ein Gesprächsthema.
  7. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  8. Trotz des Reaktorunglücks von Fukushima kommt für mich eine Reise nach Japan in Frage.
  9. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  10. Im Falle eines Aufenthalts in Japan meide ich die Metropole Tokio aufgrund deren Nähe zum Atomkraftwerk Fukushima.
  11. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  12. Im Falle eines Aufenthalts in Japan warnen mich Freunde und Familie vor den gesundheitlichen Risiken.
  13. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  14. Im Falle eines Aufenthalts in Japan achte ich beim Einkauf auf die Herkunft der Lebensmittel.
  15. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  16. Das gesundheitliche Risiko eines Aufenthalts in Japan ist heute genauso niedrig, wie vor dem Unglück von Fukushima.
  17. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  18. Der Umgang mit Atomkraft durch Vertreter aus Politik und Wirtschaft ist in Deutschland sicherer als in Japan.
  19. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  20. Die Informationen der Regierung und Medien Japans zur eigenen Atompolitik sind zuverlässig.
  21. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  22. Die Gefahr einer radioaktiven Kontamination in Japan besteht auch außerhalb der Sperrzone um das Kraftwerksgelände von Fukushima.
  23. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  24. Ich bin zuversichtlich, dass von dem Kraftwerk Fukushima Daiichi keine Gefahr mehr ausgeht.
  25. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  26. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft Japans aufgrund des Unglücks von Fukushima.
  27. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  28. Die Katastrophe von Fukushima war verheerender, als der Unfall von Tschernobyl.
  29. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  30. Aufgrund des Reaktorunglücks von Tschernobyl achte ich beim Kauf von Lebensmitteln in Deutschland auf deren Herkunft.
  31. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  32. Von Stör- und Unfällen, wie wir sie von Tschernobyl und Fukushima kennengelernt haben, sind deutsche Kernkraftwerke nicht betroffen.
  33. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

      Ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme und die Zeit, die Sie für die Beantwortung der Fragen investiert haben. Bei Anregungen und Kommentaren können Sie diese an die genannte Mail-Adresse (fukushima247@googlemail.com) schicken.

Gefährdung durch Lebensmittel? – Wie Japan sein Image aufpoliert

Wie sicher sind japanische Lebensmittel? Es ist eine Frage, die sich die Menschen nach der Katastrophe von Fukushima nicht nur in Japan, sondern auch auf der anderen Seite der Erdkugel stellen. Durch den globalen Handel haben es kontaminierte Produkte leicht, die Grenzen Japans zu überwinden. In Deutschland wurden die Bürger schon am Tag der Katastrophe misstrauisch gegen alle Produkte, deren Herkunftsland Japan war. Doch Deutschland ist keine Ausnahme. Auch wenn Japans Behörden aufgrund ihrer späten und unzureichenden Informationen in Verruf geraten sind, schaut zumindest die heimische Bevölkerung nicht weg.

Japanische Lebensmittel auf dem Prüfstand. Die Unsicherheit beim Kauf heimischer Produkte.

Seit März 2011 lässt sich von zwei Gruppen in Japan sprechen: Die eine, die vor jeglichen Gütern aus Fukushima warnt und die Informationspflicht der Regierung übernimmt, und die andere, die aus Angst vor dem wirtschaftlichen Aus den Verzehr von Produkten aus der Grenzregion Fukushima propagiert. Die Katastrophe des Unglücksmeilers stellt die japanischen Bauern vor ungeahnte Schwierigkeiten. Kein Mensch kommt auf den Gedanken, Produkte aus Fukushima zu erwerben oder gar zu verzehren. Selbst Landwirte, deren Besitzungen bis zu 100 Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt liegen, haben mit mangelndem Absatz zu rechnen. Von dem Ackerland unmittelbar neben der Sperrzone ganz zu schweigen. Die Atomkatastrophe sorgt damit für einen wirtschaftlichen Schaden, der Japan noch über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, begleiten wird. Viel zu oberflächlich wäre eine bloße Konzentration der Regierung auf Dekontamination und Wiederaufbau von Sperrzone, Atommeiler und den von Tsunami und Erdbeben verwüsteten Regionen. Über diesem materiellen Wert steht das Vertrauen der Bevölkerung in die heimischen Produkte.

Zwischen diesen Gruppen steht der gemeine japanische Bürger, der im Supermarkt vor den Regalen verweilt und nach den Lebensmittelskandalen vom Sommer 2011 über die eigene Gesundheit besorgt ist. Denn nicht ohne Grunde sprossen Eigeninitiativen aus dem Boden, als kontaminierte Lebensmittel in Märkten und Kantinen entdeckt wurden. Eine dieser Initiativen ist etwa die des Japaners Motohiro Takamatsu. Aus Sorge um seine Töchter erwarb er ein deutsches Strahlenmessgerät. „Daraus entstand schliesslich eine Geschäftsidee. Im Bekumiru-Komplex beim Bahnhof Kashiwa hat Takamatsu seit kurzem ein Büro eröffnet, in dem Privatpersonen und Unternehmen selbständig ihre Lebensmittel auf Strahlung messen können“, schreibt Asienspiegel. Für bedeutend weniger Geld als bei offiziellen Stellen zur Prüfung von Lebensmitteln, verschafft Takamatsu die Sicherheit, um der Normalität eines Einkaufs in Japan ein gutes Stück näherzukommen.

Eine weitere Initiative startete der Politiker Yasuhiko Furuya, der im obigen Video über Lautsprecher seine Mitbürger warnt. Jede Woche steht er auf der Straße und mahnt sein Umfeld zur Vorsicht beim Lebensmittelkauf. Auch er fand sein Engagement zur Aufklärung durch die Sorge um die eigenen Kinder. Beim Lebensmittelskandal im Sommer 2011, als kontaminiertes Fleisch in Schulkantinen bedenkenlos verteilt wurde, waren seine drei Söhne ein kleiner Teil der mehr als 84.000 Schüler aus Yokohama. „Viele Eltern regen sich auf. Wir alle können nicht verstehen, wie verseuchte Nahrung überhaupt in den Handel gelangen kann. Wir dachten, hier in der Schule wären unsere Kinder sicher. Und genau dort serviert man ihnen verstrahltes Essen. Mir macht das Angst“, kommentiert Furuya seine bittere Erfahrung mit den japanischen Behörden. Denn diese scheinen als letztes zu schalten, wenn es um die Sicherheit der Bevölkerung geht.

Kontaminiert wurde das Fleisch durch Futter aus Fukushima. Japan ist ein Negativ-Beispiel für weite Ackerflächen und riesige Weideflächen. Zwei Drittel des Landes wird vom Gebirge beansprucht, sodass sich auf 20 Prozent der Landmasse Industrie, Menschen und Landwirtschaft ihren Platz teilen müssen. Bei diesen Bedingungen ist es ein tragisches Schicksal, wenn die begrenzten Flächen für die Landwirtschaft nun kontaminiert sind. Das Liefer- und Ausfuhrverbot von Lebensmitteln und Stroh aus Fukushima bedeutete das finanzielle Desaster für die Farmer, auch wenn die Entfernung zwischen Ackerfläche und Atommeiler Dutzende Kilometer beträgt.

Importierte Lebensmittel aus Japan. (flickr/ Jean-François Chénier)

Monate nach dem Verbot zeichnet sich ein anderes Bild ab. Regierung und Behörden sprechen sich momentan für die Sicherheit von Waren aus Fukushima aus und betreiben aufwendige Werbe- und Image-Maßnahmen, um den wirtschaftlich brach liegenden Regionen von Fukushima neues Wachstum zu verleihen. Das Ziel des japanischen Außenministeriums ist es unterdessen, die internationalen Einfuhr-Beschränkungen von Lebensmitteln zu lockern, nachdem der Griff nach japanischen Lebensmitteln weltweit gleich drei Mal überdacht wurde. Die richtige Richtung schlägt die Regierung seit April 2012 mit der Verschärfung der Grenzwerte für Grundnahrungsmittel ein, auch wenn diese nur für Konsumenten im Inland gelten. Von zulässigen 500 Becquerel wurde die Radioaktivität auf 100, Babynahrung auf 50 Becquerel pro Kilogramm gesenkt. Der Grenzwert von Wasser wurde sogar um 95 Prozent gemindert. Mit den neuen Auflagen zählt Japan aktuell zu den Ländern mit den strengsten Grenzwerten. „In den USA sind 1.200 Becquerel aus Cäsium pro Kilogramm erlaubt. Die EU schreibt bei einem Atomunfall maximal 1.000 Becquerel pro Kilogramm an Cäsium vor. Nach Ansicht von Wissenschaftlern sind diese Strahlenmengen gesundheitlich unbedenklich“, schreibt Japanmarkt.

Die EU übernahm die Grenzwerte für Importwaren aus Japan. Allerdings sind von dieser Verschärfung getrocknete Teeblätter, Reis und Sojabohnen und deren Erzeugnisse ausgeschlossen. Hier gelten nach wie vor die alten Grenzwerte. Es scheint, als befinde sich in Sachen Lebensmittelkontrolle nicht mehr die japanische Regierung, sondern die Europäische Union im Kreuzfeuer der Kritik. Denn die Verbraucherzentrale Hamburg schreibt: „Auch für Lebensmittel aus anderen Regionen, z.B. aus der Region rund um Tschernobyl, gelten weiterhin die alten Werte von 600 Becquerel, um in der Europäischen Union in den Handel zu gelangen. Selbst in der Ukraine und in Weissrussland gelten strengere Grenzwerte als in der EU. Das ‚Grenzwert-Chaos‘ wird von den Verbraucherzentralen bemängelt; verbraucherfreundlicher wäre das Absenken aller gültigen Grenzwerte auf das neue Niveau für japanische Lebensmittel.“ Japan wird zum weltweiten Vorbild radioaktiver Grenzwertkontrollen. Es ist der erste erfolgreiche Schritt, das Image des Landes aufzupolieren.

Japanischer Lebensmittelmarkt in Sendai. (AFP)

Ein anderer Fall, die japanische Fisch-Industrie. Während der Katastrophe wurde, ob bewusst oder ungewollt, kontaminiertes Kühlwasser in das Meer abgelassen. Die Auswirkungen spüren wir erst in den folgenden Jahren und Jahrzehnten, doch könnten sie immens sein. Erhöhte Strahlenwerte in der Küstenregion um Fukushima wurden bereits zuhauf gemessen, die sich selbst auf die südliche Küstenregion der Präfektur Ibaraki ausgeweitet haben. Ungewohnt früh reagierte die Regierung und verhängte bereits im März 2011 ein Fangverbot für diese Regionen. Vorzeitige Entwarnung gab es allerdings bei den übrigen Regionen. Im Januar 2012 wurden über 5000 Fische dieser Gebiete auf ihre Radioaktivität getestet, kein einziger überstieg die Grenzwerte. Selbst Wanderfische wie der Thunfisch, der die Küstenregion um Fukushima durchwandert, zeigte keine beunruhigenden Werte, sofern den Angaben zu trauen ist. Laut Asienspiegel könnten die Fische südlich von Tokio bedenkenlos verzehrt werden, da durch die Strömungsverhältnisse kontaminiertes Wasser aus Fukushima maximal bis zur Präfektur Chiba gelangt, bevor es in Richtung Pazifik abdriftet. Ohne ein Fangverbot an der Küste Chibas bleibt trotz aller Entwarnungen zu hoffen, dass diese Lücke keine weiteren Lebensmittelskandale zu Tage fördern.

Quellen und weiterer Lesestoff:

Plutonium Boy – Ein Image-Film mit gravierenden Fehlern

Als in den 1960ern die ersten Atomkraftwerke in Japan aus dem Boden sprossen, traf die japanische Atomlobby Vorkehrungen, um den Protest der Öffentlichkeit im Keim zu ersticken. Der Schock in der Bevölkerung war groß, als die Regierung beschloss, Atomkraft im eigenen Land zu etablieren. Mit dem Atomschlag der USA gegen Japan zum Ende des Zweiten Weltkriegs machte sich Unsicherheit breit. Japan ist das einzige Land, in dem Kernwaffen bisher zum Einsatz kamen. Mit solch einer negativen Erfahrung vorbelastet, ist es heute nahezu paradox, dass ein Land wie Japan nur 20 Jahre nach Ende des Krieges seinen ersten Meiler in Betrieb nahm.

Ohne mediale Maßnahmen wäre es ein aussichtsloses Unterfangen gewesen, Atomkraft im eigenen Land zu etablieren. Schon zu Kriegszeiten war die mediale Aufbereitung politischer Ideologien ein Mittel, die Masse des Volks zu kontrollieren. Nicht nur Japan, auch Deutschland, die USA und andere Länder nutzten Propaganda im großen Stil. Doch anders als zu Kriegszeiten stand die Wirtschaftlichkeit des Landes im Vordergrund, nachdem sich das Land von der Niederlage erholt hatte. Die Nation benötigte Ikonen, die ihr die Angst vor der Atomtechnologie nahm. Eine Werbefigur sollte es sein, die aufklärt und lächelt, die Angst zügelt und für eine bedenkenlose Zukunft sorgt.

Kein Mittel war und ist für Japan geeigneter, als eine freundlich gesinnte Comic-Figur mit Superkräften. Zu Beginn fand Astroboy (Tetsuwan Atomu) seinen Weg zu den japanischen Bürgern, indem er regelmäßig im Fernsehen über den Bildschirm flimmerte. Sein Markenzeichen war Hochtechnologie, mit der er Gerechtigkeit walten und das Böse bekämpfen konnte. So schlich der kleine Astroboy in der Medienwelt Japans umher, erschien im Manga und Anime-Format und erfreute sich einer Beliebtheit, die ihn selbst einen Platz im westlichen Fernsehen besorgte. Auszusetzen gab es an dem Jungen mit markanter Spitzen-Frisur nichts, denn nur unterschwellig wurde die Begeisterung des Volks für Hochtechnologie geweckt.

Eine Plutonium-Scheibe auf einem Calciumchlorid-Block.

Einen Fehltritt leistete sich Jahre später die „Power Reactor and Nuclear Fuel Development Corporation“ (PNC) mit einem Image-Film, der international auf harte Kritik stoß und kurz nach seiner Erstausstrahlung wieder eingestellt wurde. Die Rede ist von „Plutonium Boy“ (puruto-kun). Mit fröhlich heller Stimme stellt sich das kleine Geschöpf im Video vor und sorgt laut PNC für die Aufklärung der Öffentlichkeit über das radioaktive Element Plutonium. „Hallo, ich bin das kleine Plutonium. Ich hasse Krieg und setze mich für Frieden ein“, lässt sich der Einstieg des Image-Films zusammenfassen. „Plutonium Boy, unser verlässlicher Freund“, propagiert das Video wenig später und schüttelt kurz darauf die Hand unserer Erde. Die Botschaft ist eindeutig und sollte nachhaltig den Bau weiterer Atomkraftwerke fördern. Nicht umsonst wählte man Plutonium als Ikone des Image-Films. Vor der Katastrophe in Fukushima schmiedete die Regierung noch Pläne, den Schnellen Brüter als Kraftwerkstypen im eigenen Land zu verbreiten. Genau jenes Kernkraftwerk, das mehr Plutonium erzeugt, als es verbraucht.

Plutonium Boy erklärt, die Angst vor ihm sei unbegründet. Allerdings vermischen sich gravierende Fehler in seine Ausführungen. So beteuert er, es bestehe keinerlei Gefahr beim Hautkontakt mit dem radioaktiven Element. Selbst das Verschlucken von Plutonium sei unerheblich, da es wieder ausgeschieden werden kann. Zwar ist die α-Strahlung von Plutonium weitaus geringerer, als bei Uran, sodass direkter Hautkontakt wenig Wirkung zeigt, doch eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht. Dass das Metall unter keinen Umständen in den Körper gelangen darf, davon haben die Macher des Videos offenbar nichts gewusst oder ihre Unwissenheit durch bloße Mutmaßung vertuscht.

Wieder und wieder wird der politische Kanon auch im Video wiederholt, es gäbe keine belegbaren Fälle, dass Plutonium Krebs hervorrufen könnte. Einzeln präsentiert das Video Aufnahmen von Atomkraftwerken und propagierte eine Sicherheit, die durch heitere Melodien im Hintergrund und Aufnahmen des technologischen Fortschritts hervorgerufen wird. Mit der aufkeimenden kritischen Bewegung in Japan, wie sie der Film „Radioactivists“ verdeutlicht, dürfte es der Atomlobby schwer fallen, das gute Image der Atomtechnologie heute erneut aufleben zu lassen.

„Die Suche nach der Wahrheit“ – Ein Vortrag zwischen Lüge und Aufklärung

„Die Geschichte der Lügen um die Kernkraft ist so alt, wie die Kernkraft selbst“, startete Dr. Sebastian Pflugbeil seinen Vortrag und lud am 23. Mai mit dem Thema „Tschernobyl, Fukushima und Atomkraft in Deutschland – Die Suche nach der Wahrheit“ in den Vortragssaal der Hauptbibliothek Leipzigs. Der Zusatz dieses Titels kam nicht von ungefähr, denn was sich dem aufmerksamen Publikum bot, war eine Aneinanderreihung von Lügen aus offizieller Seite, die emsig über die Jahre hinweg von Herrn Pflugbeil zusammengetragen wurden. Es eröffnete sich eine zweite Perspektive auf die Welt, wie wir sie kennen oder gekannt geglaubt haben.

Physiker, Umweltschützer, Bürgerrechtler und Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz e.V. Sebastian Pflugbeil. (IPPNW)

Mit einem gewissen Unbehagen lauschte man der ruhigen, aber umso kräftigeren Stimme eines Mannes, der den sarkastischen Titel „einziger Oppositionelle in der DDR“ trägt. Denn wird über Atomkraft debattiert, waren die Lügen schon seit den 1960ern nicht fern. Es entsteht ein politisches Spannungsfeld, dessen Pol zur offenen Befürwortung der Atomkraft überwiegend dominiert. Wer Kernenergie kritisiert, macht sich zum Feind der Politiker und Ökonomen, heute nicht weniger als noch vor wenigen Jahrzehnten. Herr Pflugbeil als gestandener Physiker und Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz e.V. wählte den Weg der Aufklärung, setzte sich früh mit Kernenergiepolitik auseinander und war einer der Ersten, die sich offen mit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 beschäftigen. So ist er bis heute einer der Wenigen die das Innere der Betonschutzhülle des Unglücksreaktors betraten.

Mit ernster Miene verriet er seine Trauer über das eigentliche Verbrechen der Kernkraft-Lobbyisten. Nicht nur das Spiel mit einer riskanten Hochtechnologie, sondern der Schaden an Natur und Lebewesen macht ihm zu schaffen. Kurz flackerte das Bild eines Kindes zu Anfang seiner Präsentation auf. Eine trauernde Mimik, ein geschorener Kopf und die Angst vor dem Ungewissen. Pflugbeil hielt inne, schaltete um und erklärte, die Begegnung mit an Leukämie (Blutkrebs) erkrankten Kindern sei Grund genug, seine Recherche und Aufklärungsarbeiten fortzusetzen.

Die Behandlung eines an Leukämie erkrankten Patienten in der Universitätsklinik Leipzig am 10. März 1989. (Copyright © Deutsches Bundesarchiv, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Auf der anderen Seite vertrauenerweckend formulierte Organisationen mit falscher Führung und profitgierigem Credo, ohne Rückgrat, ohne Skrupel. Die International Atomic Energy Agency (IAEO), das United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic Radiation (UNSCEAR), die World Association of Nuclear Operators (WANO) und selbst The International Project on the Health Effects of the Chernobyl Accident. Eine Liste ohne Ende, doch in ihrer Argumentation sind sie sich einig. Die Rede ist von Beschönigung, Verharmlosung und dreisten Lügen. Schon Eisenhower als ehemaliger Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika (1953–1961) wusste mit Atomkraft umzugehen und unterrichtete die zuständigen politischen Organe mit den Worten: „Haltet sie [das Volk] im Unklaren über Kernspaltung und Kernfusion.“

Der Lügenkanon nimmt kein Ende und sammelt sich nach Pflugbeils Worten zu einem Gemisch oberster Perversität. Zu seinen Favoriten zählen zwei Zitate von japanischer Seite, vor und nach dem Unglück von Fukushima: „Strahlenschäden kommen nicht zu Menschen, die glücklich sind und lächeln. Sie kommen zu Leuten, die verzagt sind.“ Das Volk leidet an Strahlenphobie, denn von offizieller Seite gibt es kaum bis keine eindeutigen Beweise für tödliche Erkrankungen im Zuge von Reaktorunglücken und atomaren Experimenten. „Der Unfall von Fukushima ist ein Beweis dafür, wie sicher Atomkraftwerke sind.“ Der Gipfel der Verharmlosung.

Der Tschernobyl Reaktor Nummer 4, aufgenommen am 18. September 2006. (Copyright © Carl Montgomery, Lizenz: CC BY 2.0)

Beweise gibt es viele, doch werden diese emsig unter Verschluss gehalten. Pflugbeil präsentierte Statistiken über Statistiken zur Häufigkeit der Strahlenschäden, sortierte sie nach Alter und Generation und verdeutlichte die Kontamination der betroffenen Gebiete. Laut offiziellen Angaben sei die Region um Tschernobyl in wenigen Jahrzehnten wieder begehbar. Dass es sich um Jahrtausende handelt, darüber lässt man die Öffentlichkeit im Unklaren. Seit dem Reaktorunfall erreichte die Erkrankung an Strahlenschäden beunruhigende Werte, nicht nur im Kreise der Ukraine, sondern auch in Deutschland. Ein doppeltes Spiel für wissenschaftliche Forschungen: Wer sich an die Öffentlichkeit wendet, riskiert die eigene Karriere. Auch Universitäten müssen sich den Interessen von Politik und Wirtschaft beugen, wenn es um Anträge auf Drittmittel zur Finanzierung von Forschung und Lehre geht. Abhängig von finanziellen Mitteln fügten sich in der Vergangenheit selbst renommierte Wissenschaftler den Richtlinien der Industrie.

Für Sebastian Pflugbeil sprechen die Statistiken: Die abnehmende Tendenz der gesunden Bevölkerung um Tschernobyl, die Häufigkeit von Mutationen, die Verbreitung psychologischer Störungen im Kindesalter und abnormale Zahlen von Totgeburten und Abtreibungen mit hoher Dunkelziffer – europaweit. Selbst provisorische Endlagerstätten wie Gorleben werden in der Recherche untersucht und weisen ähnliche Anomalien auf. So verkündet Pflugbeil die erschütternde These, bereits im Umkreis von Kernkraftwerken im Normalbetrieb liefern die Daten erhöhte Zahlen zu Erkrankungen in Folge von Strahlenschäden.

Seit 2011 weist Japan ein ähnliches Bild auf, auch wenn die Größe der kontaminierten Fläche weitaus kleiner ausfällt, als Tschernobyl. International auf sich aufmerksam macht jedoch nicht die Kontamination, sondern die über 1000 gelagerten Brennstäbe des Reaktorblocks vier. Ein erneutes Erdbeben, ein weiterer Tsunami könnte die Trümmerfestung samt Kühlbecken zum Absturz bringen. Schon jetzt zieren Risse die einst massive Konstruktion des Beckens. Im schlimmsten Falle erlebt Japan ein weiteres Unglück, dass dem von 2011 in nichts nachsteht. Mit der Zerstörung der Brennstäbe wird eine Menge an radioaktiven Partikeln frei, die Teile Tokios zur Evakuierung zwingen würden. Ein unmögliches Unterfangen. Deutschland hat keine bessere Ausgangslage vorzuweisen. Wie aus einem Gutachten der Strahlenschutzkommission hervorgeht, sei die Bundesrepublik im Falle einer Nuklearkatastrophe in keinem Maße vorbereitet. Doch mindestens mit der Verantwortung sollte es in Deutschland ja wesentlich günstiger laufen, als bei unseren japanischen Freunden⸮

Eine Übersicht der aktiven und stillgelegten Kernkraftwerke in Deutschland – Stand 2011. (Copyright © Lencer, Lizenz: CC BY-SA 2.5)

Sebastian Pflugbeil nutzt zum Abschluss seines Vortrags ein Zitat aus Bertolt Brechts „Leben des Galilei“, das auch wir hierfür nutzen möchten. Brecht befand sich während seiner Arbeit an dem Theaterstück im dänischen Exil, während in Deutschland Forschungen in der Kernphysik ihren Höhepunkt fanden. Mit einer ins Englische übersetzten Version nach den Atombombenabwürfen auf Japan änderte Brecht die Kernaussage vom „Umgang mit Macht“, in die „Verantwortung der Wissenschaft“. So äußerte sich Galileo Galilei in Brechts Werk mit folgenden Worten: „Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!“ Ein denkwürdiger Kommentar.

Quellen und weiterer Lesestoff:

 

Der 11. März in Bildern – Augenzeugenberichte und Dokumentationen

In diesen Stunden jährt sich die Katastrophe von 2011. Exakt ein Jahr ist vergangenen und brachte einen Umbruch der Energiepolitik Japans. Die japanische Regierung rückte für Wochen und Monate in den Mittelpunkt der Medien und präsentierte der weltweiten Öffentlichkeit ein Bild, über das die Menschen außerhalb Japans wenig Einsicht hatten. Die Katastrophe forderte nicht nur Politik und Wirtschafts heraus, sondern erzeugte einen Umbruch der Gesellschaft Japans, der bis heute andauert. Kritik, Protestbewegungen und großflächige, monatelange Sparmaßnahmen verändern den Alltag der Japaner. Das einstige Bild eines konservativen, stummen Landes beginnt zu bröckeln. Wie lange dieser Umbruch anhält, bleibt abzuwarten.

An diesem Sonntag versammelten sich die Japaner, um gemeinsam zu trauern. Während einer Gedenkzeremonie im Nationaltheater Tokios rief Premierminister Yoshihiko Noda zum Wiederaufbau. Das Kaiserpaar bedankte sich bei allen Helfern, versuchte noch einmal Mut zu machen und schickte seinem Volk die Botschaft, Lehren aus der Katastrophe zu ziehen, um sie künftigen Generationen mit auf den zu geben.

Wir nutzen diesen Tag, um die Ereignisse des 11. März erneut zu betrachten. Doch nicht mit Texten und Diskussionen, sondern mit Szenen, die uns eine neue Perspektive auf die Katastrophe gewähren. Verschiedene Augenzeugenberichte verdeutlichen uns die Situation, die vor einem Jahr im Katastrophengebiet herrschte. Wir haben uns für vier Videos entschieden, die allesamt einen anderen Blickwinkel auf das Beben und den anschließenden Tsunami geben. Im Anschluss fassen wir aktuelle Artikel von Spiegel und Stern zusammen.

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Der Japaner Yu Muroga wurde am 11. März in seinem Fahrzeug von dem Beben überrascht. Wie viele der Japaner fühlte auch er sich nicht von dem Tsunami betroffen, da sein Aufenthaltsort weit von der Küste entfernt lag. Er führte seine Fahrt daher unbeeindruckt fort. Wenige Zeit später muss er stoppen. Einige Meter voraus bahnen sich die ersten Trümmer und Lasten auf den Wassermassen ihren Weg durch die Stadt. Aus dem Auto vor ihm steigt der Beifahrer aus, um sich zu Fuß in Sicherheit zu bringen. Wenige Sekunden später werden sämtliche Fahrzeuge unterspült. Die Wagen treiben im Wasser.

Eine Person filmt mit seiner Kamera auf den sicheren Stufen einer Anhöhe die eintreffenden Wassermassen. Innerhalb kürzester Zeit werden Straßen und Gassen zu breiten Wasserläufen und Kanälen. Kurz schwenkt er zu den Anwohnern, um ihre Fassungslosigkeit festzuhalten. Die Wassermassen nehmen an Kraft zu. Wiederholt muss er seine Position wechseln, bis das Geländer der Treppe nachgibt. Neben dem dröhnenden Wasserläufen erklingen in unregelmäßigen Abständen die Sirenen des Ortes. Eine energische Stimme gibt über Lautsprecher kurze Instruktionen an die Anwohner. Das Wasser beginnt, die komplette Ortschaft zu unterspülen. Die Häuser treiben auf der schmutzigen Brühe und lösen sich von ihrer Basis. Wie gebannt verharrt die Kamera auf dieser unfassbaren Naturgewalt.

Kurze Videoaufnahmen zeigen eine Ortschaft nach der Katastrophe und die Zerstörung innerhalb der Gebäude. Anschließend rückt ein bewaldeter Hügel in das Blickfeld der Kamera. Die Perspektive ändert sich und zeigt einen Ausschnitt beim Antreffen der Wassermassen. Panisch warnen die Bewohner ihre Mitmenschen, die die nahende Gefahr noch nicht wahrnehmen. Schließlich gelingt es den Menschen, sich gemeinsam auf dem Hügel in Sicherheit zu bringen.

Eine Person filmt von einem Gebäude aus die sich auftürmenden Wellenberge im Meer. Langsam treffen die Wellen auf die Küste und überfluten das angrenzende Wäldchen, das den Ort von der Küste trennt. Wie eine Sturmflut breitet sich das Wasser über der Küste aus, sodass die Grenze zwischen Meer und Strand verschwimmt. Langsam schieben sich die Wassermassen über die Straße, die den Ort mit der Küste verbindet. Die Straße schwillt zu einem reißenden Storm an, doch die Betongebäude halten stand.

Augenzeugenberichte:

Wiederaufbau und Dekontamination

Wenige Tage vor dem Jahrestag der Dreifachkatastrophe beginnt sich die Situation in Japan zu normalisieren. Strahlenschutzmaßnahmen werden gelockert, die internationale Presse erhält weitere Einblicke in das zerstörte Kernkraftwerk Fukushima I und die letzten Notunterkünfte lösen sich allmählich auf.

Nach fast einem Jahr des Wiederaufbaus erholt sich Japan langsam von seinem Schock. Die Gefahr einer weiteren Katastrophe ist hingegen nicht gebannt. Jüngste Studien prognostizieren den Ort des bevorstehenden Großbebens Japans nahe der Präfektur Fukushima. Die starke Erschütterung vom 11. März vergangenen Jahres erzeugte einen Spalt in der Erdkruste, der sich mit Flüssigkeit füllt und die Bruchstücke weiter auseinander treibt. Experten befürchten dadurch ein weiteres Großbeben mit der Stärke 7. Abgesehen von den Kernkraftwerken ist die potentielle Opferzahl trotz geringerer Intensität nicht zu unterschätzen, da das bevorstehende Beben näher an bewohnten Gebieten vermutet wird, als das Seebeben von Tôhoku.

Deutsche und japanische Wissenschaftler unternehmen vom 8. März bis zum 6. April 2012 eine Expedition mit modernen Tauchfahrzeugen, um den Meeresboden nach dem Starkbeben genauer zu analysieren. Hintergrund der Expedition wird es sein, Messanlagen auf dem Meeresgrund zu installieren, um Informationen über die Entstehung und den Verlauf von Großbeben zu erhalten. Zum Einsatz kommt außerdem ein Tauchroboter, der ein exaktes Profil des Meeresbodens erstellen wird. Die Auswertung erfolgt mit vergangenen Messungen japanischer Forscher aus den Jahren 1999 und 2004. Der Vergleich der Profile und Daten soll zeigen, welche Veränderungen derartig starke Beben bewirken.

Das Deutsche Institut für Japanstudien konzentrierte sich mit einer Umfrage auf die Einwohner Japans und deren Vertrauen in Politik und Medien. Befragt wurden 1.600 Japaner der Metropole Tokio und im Nordosten des Inselstaats. Die größte Sorge der Bewohner der Region Tôhoku besteht in der Befürchtung eines weiteren Bebens und der Ungewissheit vor radioaktiver Strahlung. Hinzu kommt das Misstrauen, welche Lebensmittel ohne Bedenken gegessen werden können. Ein Armutszeugnis stellt die Befragung zum Vertrauen der Gesellschaft in die japanische Regierung dar. Gerade einmal sechs Prozent der Japaner trauen den Informationen der Regierung über den Atomunfall. Nur fünf Prozent sind es, die den Angaben der Betreiberfirma TEPCO Glauben schenken. Das Vertrauen in die japanischen Medien musste ebenso leiden. Aktuell verlassen sich 13 Prozent auf die Berichterstattungen. Im Jahr 2009 war dieses Vertrauen mit 24 Prozent fast doppelt so hoch, doch sollte nur ein Viertel der japanischen Einwohner bereits zu Bedenken geben. Besonders hart trifft es die älteren Generationen der Japaner. Haben sie Jahrzehnte lang ihrer Regierung vertraut, stellte die Katastrophe und die desaströse Informationspolitik ihre Einstellung zur Politik auf den Kopf. Ihr Vertrauen in die Regierung liegt aktuell unter dem Durchschnitt. Das Vertrauen schlug sprunghaft in Misstrauen um. Des Weiteren konnte die Umfrage ein erhöhtes Interesse der Jugend Japans in die Politik des Landes belegen. Gerade die persönlich Betroffenen engagieren sich lokal für die Interessen der Gesellschaft, was mitunter in Protestbewegungen zum Ausdruck kommt.

Von über 1000 Notunterkünften ist den Anwohnern der Sperrzone um Fukushima I nur noch eine geblieben. Eine ehemalige Schule der Stadt Kazo in der Präfektur Saitama beherbergt etwa 500 Bewohner, von denen 40 Prozent das 65. Lebensjahr überschritten haben. Die Notunterkunft befindet sich etwa 200 Kilometer von dem Kraftwerk entfernt. Die ehemalige Heimatstadt Futaba liegt innerhalb des Sperrgebiets, weshalb die Notunterkunft noch lange Bestand haben wird. Die Notunterkunft beherbergt auch die Verwaltung Futabas und den Bürgermeister. Dieser hatte dafür gesorgt, die Einwohner Futabas an einem gemeinsamen Ort unterzubringen. Die Stadt Kazo ist vorerst das neue zu Hause der Betroffenen. Wenige Wochen nach der Katastrophe nahmen mehr als 100.000 Japaner von den Notunterkünften Gebrauch. Hierzu zählten Turnhallen und Schulen, in denen die Japaner auf engem Raum miteinander auskommen mussten, aber auch von der Regierung finanzierte Hotels. Die Errichtung von Fertighäusern sorgte bereits Ende letzten Jahres für die Auflösung der Notunterkünfte. Was aus den ehemaligen Bewohner Futabas geschieht, ist bisher nicht geklärt.

Zur gleichen Zeit wurden die Sicherheitsmaßnahmen der Arbeiter in Fukushima I gelockert. Indem man kleinere Atemschutzmasken mit Staubfiltern austeilt, verzichtet man seit dem 1. März auf die schweren Gesichtsmasken mit Aktivkohlefilter. Begründen möchte Tepco die Entscheidung mit einer gesunkenen radioaktiven Belastung der Luft. Selbst auf die Ganzkörperschutzkleidung aus Plastik wird verzichtet, sodass normale Arbeitskleidung wieder zum Alltag der Arbeiter gehört. In gefährdeten Bereichen des AKWs sind Schutzkleidung und schwere Atemmasken noch immer obligatorisch.

Abseits der Schutzbekleidung der Arbeiter von Fukushima sehen sich TEPCO und Regierung mit dem Problem der kontaminierten Gebiete um Fukushima Daiichi konfrontiert. Im letzten Jahr begannen die Arbeiten, Erde rund um das betroffene Gebiet abzutragen. Die Behörden gehen von 28 Millionen Kubikmeter aus, wofür fünf Quadratkilometer als Lagerstätte benötigt werden. Derzeit greift man auf Zwischenlager zurück, auch wenn Kritiker bei diesen provisorischen Lagern von Endlagerstätten ausgehen. Die Dekontamination der 20-Kilometer-Sperrzone beginnt ab April. Man hofft, die evakuierte Bevölkerung in Zukunft wieder in ihre Heimat zurückzuholen. Für die benötigten vier Quadratkilometer sollen die etwa acht evakuierten Gemeinden aufkommen. Dieser Plan stößt auf Gegenwehr bei den Bürgermeistern der Gemeinden. Sie können und wollen der Regierung nicht trauen. Nach ihrer Meinung wurden sie nicht gefragt.

Quellen: Japanmarkt | Asienspiegel

Probleme nach der Schnellabschaltung und die Beschönigung TEPCOs

Japan konnte nach Monaten der Anspannung und Ungewissheit endlich aufatmen, als Ende 2011 der „cold shutdown“ der gefährdeten Reaktorblöcke von Fukushima Daiichi offiziell bestätigt wurde. Die Gefahr war gebannt, die Kontrolle über das Kernkraftwerk wiederhergestellt. Ein letztes Argument für die Medien, sich aktuelleren Vorgängen zu widmen, das Thema Atomkraft wieder herabzustufen und die Problemstelle Fukushima der Öffentlichkeit als sicher und stabil zu erklären. Doch Kritiker hüteten sich, von einer Kaltabschaltung zu sprechen, die nur zu gut das Gesicht der Verantwortlichen hinter TEPCO und japanischer Atomaufsichtsbehörde (NISA) retten konnte. Seit Mittwoch, dem 8. Februar, wissen wir, dass der „cold shutdown“ als stabile Kühlung des Reaktorkerns unter eine Temperatur von 100°C nur partiell erreicht werden konnte.

Der innere Aufbau eines Kernreaktors (beleuchtet).

Die Wärmeentwicklung nahm wieder zu. Sie erreichte keinen bedrohlichen Zustand und konnte bis auf weiteres durch eine erhöhte Wasserzufuhr und den abermaligen Zulauf von Borsäure eingedämmt werden, doch weiß Betreiber TEPCO keine Antwort auf die Zunahme der Temperatur um mehr als 20 Grad auf 72°C. Tetsuo Ito vom Atomforschungszentrum der Universität Kinki gab zu bedenken, die japanische Regierung hätte zu früh von einer geglückten Kaltabschaltung gesprochen, da es im Angesicht des unbekannten Zustands der Brennstäbe immer wieder zu ähnlichen Temperaturschwankungen kommen könne. Die Aussage Tetsuo Itos gewinnt insofern Beweiskraft, als dass ein Artikel der Wikipedia unmissverständlich betont, dass nach einer Kernschmelze, wie sie sich mit Gewissheit in Fukushima I zugetragen hatte, ein „cold shutdown“ nicht möglich sei. Zwar konnte der Kühlmittelkreislauf repariert werden, doch ist es unmöglich, die Reaktionen der Kernschmelz-Überreste vorherzusagen.

Eine sichere Kühlung des Reaktors nach dessen Schnellabschaltung ist insofern wichtig, als dass sich selbst nach Einführung der Steuerstäbe zwischen die Brennelemente der Reaktorkern durch chemische und physikalische Prozesse wieder aufheizen kann. Die sogenannte Nachzerfallswärme erreicht zwar nur ein Minimum der eigentlichen thermischen Energie bei geregeltem Betriebsablauf eines Kernreaktors, kann allerdings bei mangelnder Kühlung des Systems zu einer erneuten unkontrollierten Kettenreaktion führen. Eine von der Wikipedia bereitgestellte Tabelle informiert darüber, welche Energie ein Atomkraftwerk mit einer Leistung von 4000 Megawatt selbst nach seiner Schnellabschaltung erzeugen kann. Demzufolge würden nach einem Tag der Abschaltung bereits 14 Stunden ausreichen, um 2500 Kubikmeter Wasser von 15°C auf 100°C zu erhitzen. Der Abfall der Nachzerfallswärme erfolgt exponentiell, sodass erst nach einem Zeitraum von etwa einem Jahr die Brennstäbe ohne Kühlung auskommen. Dies Tatsache macht die Errichtung von Abklingbecken neben den Reaktoren für abgebrannte Brennelemente obligatorisch, auch wenn die Reaktoren von Fukushima eine geringere Leistung von 1400 bis 2300 Megawatt vor deren Abschaltung erzeugten.

Der Querschnitt eines Kernreaktors, wie er in Fukushima I verbaut wurde.

Die nunmehr ungewisse Kaltabschaltung ist indes nicht das einzige Problem, mit dem Arbeiter des Kernkraftwerks konfrontiert werden. Durch den undichten Sicherheitsbehälter sammeln sich nach wie vor kontaminierte Wassermassen im Untergeschoss von Reaktorblock 2 an. Gerade die Erhöhung der Wasserzufuhr für eine kontrollierte Kühlung fördert dieses Problem.

TEPCO als Betreiber des Kraftwerks schafft es hingegen, seine Unbeliebheit zu fördern, indem es bekannte Probleme nach wie vor unter der Verbreitung von Halbwahrheiten herunter spielt. Erst im Dezember 2011 wurde das Zerfallsprodukt Xenon in Block 2 nachgewiesen, das normalerweise Beweis genug für erneute, wenn auch marginale Kettenreaktionen ist. Der Betreiber selbst kommentierte diesen Vorfall als „natürlich“. Zudem häuften sich vergangene Woche die Meldungen von ausgetretenem radioaktivem Wasser durch Lecks und geplatzte Wasserschläuche. Die kurzweilig, überdurchschnittlich hohe gemessene Strahlung ist jedoch nicht allein gefrorener Wasserleitungen zu verschulden, sondern gleichfalls durch die Verwendung günstiger Plastikschläuche. Derartige Probleme könnten auf ein Minimum kompensiert werden, sollte TEPCO auf eigene finanzielle Interessen verzichten. Selbst zu der Temperaturzunahme in Reaktorblock 2, die die Angabe eines gesicherten „cold shutdown“ allmählich bröckeln lässt, fand ein Sprecher TEPCOs nur die Worte, die Temperatur sei unverändert.

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