Auswertung der Umfrage und abschließende Worte

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

nach der unangekündigten Pause möchte ich mich zu allererst bei denjenigen entschuldigen, die diesen Blog regelmäßig als Informationsquelle nutzten, nun jedoch seit mehreren Monaten auf einen weiteren Artikel warten. Seit der Aufforderung zur Umfrage über die Wahrnehmung der Katastrophe von Fukushima hat sich die Motivation gelegt, diesen Blog regelmäßig mit Artikeln zu versorgen. Gründe für die Pausierung gab es viele, unter anderem die niedrige Teilnehmerzahl bei der Umfrage und das geringe Interesse an diesem Blog im Allgemeinen. Die Bemühung um die Aufrechterhaltung des Blogs stehen daher in keinem Verhältnis zur Rezeption.

Ein Sattelitenbild des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi nach dem Großbeben im März 2011. (Getty Images)

Ein Sattelitenbild des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi nach dem Großbeben im März 2011. (Getty Images)

Das Ziel dieses Blogs war es, die Ereignisse in und um Fukushima aufzuarbeiten, zusammenzufassen und zu präsentieren. Interesse für diesen Blog und seinen Inhalt in der Öffentlichkeit zu schaffen, konnte nur teilweise gelingen. Dennoch bedanke ich mich bei allen Lesern, jeden einzelnen Kommentar, jede Meinung und jeden Verbesserungsvorschlag. Zwar wird der Blog vorerst nicht weiter aktualisiert, doch stehen Ihnen die gesamten Artikel nach wie vor zur Verfügung.

Die Ergebnisse der Umfrage können Sie im Folgenden betrachten. Außerdem möchte ich Ihnen weitere Seiten empfehlen, die mir während meiner Recherche als wertvolle Quellen gedient haben. Manche dieser Seiten versorgen Sie nahezu täglich mit Informationen über die Folgen von Fukushima und die aktuellen Debatten um Japans Atompolitik. Sämtliche Quellen finden Sie unter der Rubrik „Informationsmöglichkeiten“ dieses Blogs.

Zum anderen möchte ich auf das Film-Projekt des Schweizers Thomas Köhler aufmerksam machen. Als Japan-Spezialist und Reisefachmann verlor er seine Kundschaft und schließlich seinen Job. Anstatt aufzugeben reiste er nach Japan, begab sich zu Fuß von Hokkaido über die Hauptinseln bis zum Süden Japans und lief insgesamt 2900 Kilometer. Daraus hervorgegangen ist der Film „Negativ: nichts“. Thomas Köhler wollte mit seiner Reise die Menschen überzeugen, dass Japan seit dem 11. März 2011 nicht nur Fukushima kennt. Gleichzeitig spendete er den Menschen neue Kraft und Mut. Seine Premiere feierte der Film bereits im September 2012 in Zürich und Tokio. Eine weitere Vorstellung ist für den 7. Januar in Zürich geplant.

Seit Anfang August, dem Beginn der Umfrage, hat sich in Japan vieles getan. Die Protestbewegungen finden nach wie vor jeden Freitag in Tokio statt, doch auch in anderen Gebieten Japans haben sich Protestler zusammengefunden. Sie protestieren nach wie vor für ein atomfreies Japan. Als die Energiebetreiber Mitte des Jahres sämtliche Atomreaktoren aufgrund von Wartungsarbeiten herunterfuhren und sich sowohl Politiker als auch Privatpersonen gegen die Wiederinbetriebnahme aussprachen, standen die Chancen nicht schlecht. Japan hatte die Grundlage für eine Zukunft ohne Atomstrom.

Diese Chance blieb ungenutzt. Mit der letzten Unterhauswahl und dem neuen Premierminister Abe Shinzô wird sich Japan von seiner konservativen Natur nicht lösen können. Statt der Demokratischen Partei Japans (DPJ) gewann die Liberal-Demokratische Partei (LDP) mit einer Zweidrittelmehrheit. Es ist jene Partei, die seit der Nachkriegszeit fast ununterbrochen die Zukunft Japans dirigierte. Ein Japan, das sein Heil im wirtschaftlichen Erfolg auf der Basis von Atomenergie suchte. Die LDP beförderte ihr Land zu einem der weltweit größten Nutznießer der Atomkraft. Da die LDP als Befürworter der Atomkraft gilt, ist die Hoffnung der AKW-Gegner auf ein atomfreies Japan vorerst nicht tragbar. Zwar war die Zahl derjenigen, die offen gegen Atomkraft protestierten, nicht zu unterschätzen, doch konnten sich die Parteien mit ihrem Parteiprogramm für ein zukünftiges Japan ohne Atomstrom bei der Unterhauswahl nicht durchsetzen.

Shinzo Abe

Der aktuelle Premierminister Japans: Shinzô Abe (Hajime Takashi/ZUMA Press/Newscom).

Trotz massiver Protestbewegungen ist die politische Mehrheit noch immer für die Erhaltung der Atomkraft im eigenen Land. Die Wiederinbetriebnahme und der Neubau weiterer Kraftwerke ist wahrscheinlicher geworden. Japan steht wieder am Anfang, vor der Katastrophe von Fukushima. Das Unglück jährt sich in wenigen Monaten zum zweiten Mal. Für viele Japaner ist das Unglück von 2011 längst vergessen. Für die AKW-Gegner wird es umso härter, weitere Mitglieder zu gewinnen, die die Demonstrationen am Leben halten. Womöglich härter, als wenige Wochen nach dem 11. März 2011, als sich die Japaner nach und nach als Kollektiv am öffentlichen Protest versuchten.

 

Auswertung der Umfrage

Aufgrund der geringen Teilnehmerzahl lässt sich das Ergebnis der Umfrage nur schwer interpretieren. Die Antworten sind nicht repräsentativ. Eine Betrachtung der Ergebnisse empfehle ich Ihnen dennoch. Die Umfrage wurde überwiegend deutschen Japanologen präsentiert und ist einer der möglichen Gründe für den hohen Anteil an Teilnehmerinnen. Eine Interpretation nach Nationalität ist nicht möglich, da zu wenige Menschen verschiedener Nationalitäten teilgenommen haben.

  • Teilnehmeranzahl: 36
  • davon Frauen: 72 Prozent
  • davon Teilnehmer mit deutscher Nationalität: 89 Prozent
  • Durchschnittsalter: 30 Jahre
  1. Wie informieren Sie sich über die aktuelle Lage der Atompolitik Japans? [Mehrfachantworten waren möglich]
  2. Medien (Presse): 92 Prozent
    Freunde/ Verwandte: 56 Prozent
    Blogs: 44 Prozent
    Fachbücher: 25 Prozent
    Öffentliche Ämter: 17 Prozent
    NGOs: 14 Prozent

    Alle Teilnehmer mussten bei den folgenden Fragen zwischen fünf Antwortmöglichkeiten wählen. Für die Auswertung wurde jeder Antwort ein Zahlenwert zugeordnet, um den Mittelwert zu bilden. Die entsprechende Antwort des Mittelwerts steht neben dem Zahlenwert.

    1 Stimme gar nicht zu | 2 Stimme nicht zu | 3 Weiß nicht | 4 Stimme zu | 5 Stimme völlig zu
    ___________________________________________________________________________

  3. Die Nuklearkatastrophe von Fukushima ist in meinem Umfeld noch immer ein Gesprächsthema.
  4. 3,9 – Stimme zu

  5. Trotz des Reaktorunglücks von Fukushima kommt für mich eine Reise nach Japan in Frage.
  6. 4,3 – Stimme zu

  7. Im Falle eines Aufenthalts in Japan meide ich die Metropole Tokio aufgrund deren Nähe zum Atomkraftwerk Fukushima.
  8. 1,9 – Stimme nicht zu

  9. Im Falle eines Aufenthalts in Japan warnen mich Freunde und Familie vor den gesundheitlichen Risiken.
  10. 3,6 – Stimme zu

  11. Im Falle eines Aufenthalts in Japan achte ich beim Einkauf auf die Herkunft der Lebensmittel.
  12. 3,9 – Stimme zu

  13. Das gesundheitliche Risiko eines Aufenthalts in Japan ist heute genauso niedrig, wie vor dem Unglück von Fukushima.
  14. 2,2 – Stimme nicht zu

  15. Der Umgang mit Atomkraft durch Vertreter aus Politik und Wirtschaft ist in Deutschland sicherer als in Japan.
  16. 2,7 – Weiß nicht

  17. Die Informationen der Regierung und Medien Japans zur eigenen Atompolitik sind zuverlässig.
  18. 1,9 – Stimme nicht zu

  19. Die Gefahr einer radioaktiven Kontamination in Japan besteht auch außerhalb der Sperrzone um das Kraftwerksgelände von Fukushima.
  20. 4,4 – Stimme zu

  21. Ich bin zuversichtlich, dass von dem Kraftwerk Fukushima Daiichi keine Gefahr mehr ausgeht.
  22. 1,6 – Stimme nicht zu

  23. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft Japans aufgrund des Unglücks von Fukushima.
  24. 3,8 – Stimme zu

  25. Die Katastrophe von Fukushima war verheerender, als der Unfall von Tschernobyl.
  26. 2,8 – Weiß nicht

  27. Aufgrund des Reaktorunglücks von Tschernobyl achte ich beim Kauf von Lebensmitteln in Deutschland auf deren Herkunft.
  28. 2,2 – Stimme nicht zu

  29. Von Stör- und Unfällen, wie wir sie von Tschernobyl und Fukushima kennengelernt haben, sind deutsche Kernkraftwerke nicht betroffen.
  30. 2,0 – Stimme nicht zu

Auffällig ist die mehrheitliche Zustimmung für eine Reise nach Japan trotz des Bewusstseins, dass die Kontamination über das Kraftwerksgelände von Fukushima hinausgeht. Für die große Mehrheit ist der Aufenthalt in Tokio trotz der Nähe zu Fukushima selbstverständlich. Weiterhin ist der Großteil überzeugt, dass weder die japanische Regierung noch die Medien zuverlässige Informationen liefern. Wohl gerade aus diesem Grund würden im Falle eines Aufenthalts in Japan die meisten Teilnehmer auf die Herkunft der angebotenen Lebensmittel achten. Die weitere Interpretation überlasse ich dem jeweiligen Betrachter.

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Umfrage zur Wahrnehmung der Katastrophe von Fukushima

Sehr geehrte Leserinnen und Leser, ich möchte Ihnen bereits an dieser Stelle für Ihr Engagement danken, das Sie mit dem Aufruf dieser Seite zeigen.

Die folgende Umfrage dient dem Zweck, das Interesse der Umfrageteilnehmer an dem Atomunglück von Fukushima zu ermitteln, zu hinterfragen, ob die Katastrophe in Deutschland noch immer ein Gesprächsgegenstand ist und ob sich die Haltung gegenüber einem Aufenthalt in Japan, anderthalb Jahre nach der Katastrophe, geändert hat. Zu den Befragten zählen größtenteils Studenten der Japanologien in Deutschland. Dennoch sind sämtliche Leser dieses Blogs dazu eingeladen, an der Umfrage teilzunehmen.

Verantwortlich für die Durchführung und Auswertung der Umfrage ist der Inhaber des Blogs „Fukushima 24/7“. Die Umfrage verfolgt, wie der Blog selbst, keinen kommerziellen Zweck. Das Ergebnis der Umfrage wird zeitnah auf diesem Blog veröffentlicht und sieht von der Veröffentlichung von Einzelergebnissen ab, um Ihre Anonymität zu gewähren. Falls Sie sich dennoch bei bestimmten Fragen in ihrer Privatsphäre verletzt fühlen, können Sie diese unbeantwortet lassen.

Die Umfrage beinhaltet 18 Fragen, deren Beantwortung maximal fünf Minuten in Anspruch nimmt. Außer bei den ersten drei Fragen zu Ihrer Person sind die Antwortmöglichkeiten vorgegeben. Bitte wählen Sie die für Sie passenden Antworten aus und streichen Sie die nicht zutreffenden.

Zur Auswertung bitte ich Sie, Ihre Antworten inkl. der zugehörigen Fragen an die Mail-Adresse fukushima247@googlemail.com zu schicken. Bei Rückfragen und Problemen wenden Sie sich bitte an dieselbe Mail-Adresse.

Der Einsendeschluss ist der 30. September 2012.

Das zerstörte Reaktorgebäude 3 des AKWs Fukushima Daiichi. (flickr/IAEA)

  1. Geschlecht
  2. Alter
  3. Nationalität
  4. Wie informieren Sie sich über die aktuelle Lage der Atompolitik Japans? [Mehrfachantworten möglich]
  5. Zeitung, Radio und/oder Fernsehen inkl. Internetauftritt | Blogs | Öffentliche Ämter (Verbraucherzentrale) | NGOs (Greenpeace) | Fachbücher | Freunde und Verwandte | Ich informiere mich nicht.

  6. Die Nuklearkatastrophe von Fukushima ist in meinem Umfeld noch immer ein Gesprächsthema.
  7. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  8. Trotz des Reaktorunglücks von Fukushima kommt für mich eine Reise nach Japan in Frage.
  9. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  10. Im Falle eines Aufenthalts in Japan meide ich die Metropole Tokio aufgrund deren Nähe zum Atomkraftwerk Fukushima.
  11. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  12. Im Falle eines Aufenthalts in Japan warnen mich Freunde und Familie vor den gesundheitlichen Risiken.
  13. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  14. Im Falle eines Aufenthalts in Japan achte ich beim Einkauf auf die Herkunft der Lebensmittel.
  15. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  16. Das gesundheitliche Risiko eines Aufenthalts in Japan ist heute genauso niedrig, wie vor dem Unglück von Fukushima.
  17. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  18. Der Umgang mit Atomkraft durch Vertreter aus Politik und Wirtschaft ist in Deutschland sicherer als in Japan.
  19. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  20. Die Informationen der Regierung und Medien Japans zur eigenen Atompolitik sind zuverlässig.
  21. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  22. Die Gefahr einer radioaktiven Kontamination in Japan besteht auch außerhalb der Sperrzone um das Kraftwerksgelände von Fukushima.
  23. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  24. Ich bin zuversichtlich, dass von dem Kraftwerk Fukushima Daiichi keine Gefahr mehr ausgeht.
  25. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  26. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft Japans aufgrund des Unglücks von Fukushima.
  27. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  28. Die Katastrophe von Fukushima war verheerender, als der Unfall von Tschernobyl.
  29. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  30. Aufgrund des Reaktorunglücks von Tschernobyl achte ich beim Kauf von Lebensmitteln in Deutschland auf deren Herkunft.
  31. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  32. Von Stör- und Unfällen, wie wir sie von Tschernobyl und Fukushima kennengelernt haben, sind deutsche Kernkraftwerke nicht betroffen.
  33. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

      Ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme und die Zeit, die Sie für die Beantwortung der Fragen investiert haben. Bei Anregungen und Kommentaren können Sie diese an die genannte Mail-Adresse (fukushima247@googlemail.com) schicken.

Gefährdung durch Lebensmittel? – Wie Japan sein Image aufpoliert

Wie sicher sind japanische Lebensmittel? Es ist eine Frage, die sich die Menschen nach der Katastrophe von Fukushima nicht nur in Japan, sondern auch auf der anderen Seite der Erdkugel stellen. Durch den globalen Handel haben es kontaminierte Produkte leicht, die Grenzen Japans zu überwinden. In Deutschland wurden die Bürger schon am Tag der Katastrophe misstrauisch gegen alle Produkte, deren Herkunftsland Japan war. Doch Deutschland ist keine Ausnahme. Auch wenn Japans Behörden aufgrund ihrer späten und unzureichenden Informationen in Verruf geraten sind, schaut zumindest die heimische Bevölkerung nicht weg.

Japanische Lebensmittel auf dem Prüfstand. Die Unsicherheit beim Kauf heimischer Produkte.

Seit März 2011 lässt sich von zwei Gruppen in Japan sprechen: Die eine, die vor jeglichen Gütern aus Fukushima warnt und die Informationspflicht der Regierung übernimmt, und die andere, die aus Angst vor dem wirtschaftlichen Aus den Verzehr von Produkten aus der Grenzregion Fukushima propagiert. Die Katastrophe des Unglücksmeilers stellt die japanischen Bauern vor ungeahnte Schwierigkeiten. Kein Mensch kommt auf den Gedanken, Produkte aus Fukushima zu erwerben oder gar zu verzehren. Selbst Landwirte, deren Besitzungen bis zu 100 Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt liegen, haben mit mangelndem Absatz zu rechnen. Von dem Ackerland unmittelbar neben der Sperrzone ganz zu schweigen. Die Atomkatastrophe sorgt damit für einen wirtschaftlichen Schaden, der Japan noch über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, begleiten wird. Viel zu oberflächlich wäre eine bloße Konzentration der Regierung auf Dekontamination und Wiederaufbau von Sperrzone, Atommeiler und den von Tsunami und Erdbeben verwüsteten Regionen. Über diesem materiellen Wert steht das Vertrauen der Bevölkerung in die heimischen Produkte.

Zwischen diesen Gruppen steht der gemeine japanische Bürger, der im Supermarkt vor den Regalen verweilt und nach den Lebensmittelskandalen vom Sommer 2011 über die eigene Gesundheit besorgt ist. Denn nicht ohne Grunde sprossen Eigeninitiativen aus dem Boden, als kontaminierte Lebensmittel in Märkten und Kantinen entdeckt wurden. Eine dieser Initiativen ist etwa die des Japaners Motohiro Takamatsu. Aus Sorge um seine Töchter erwarb er ein deutsches Strahlenmessgerät. „Daraus entstand schliesslich eine Geschäftsidee. Im Bekumiru-Komplex beim Bahnhof Kashiwa hat Takamatsu seit kurzem ein Büro eröffnet, in dem Privatpersonen und Unternehmen selbständig ihre Lebensmittel auf Strahlung messen können“, schreibt Asienspiegel. Für bedeutend weniger Geld als bei offiziellen Stellen zur Prüfung von Lebensmitteln, verschafft Takamatsu die Sicherheit, um der Normalität eines Einkaufs in Japan ein gutes Stück näherzukommen.

Eine weitere Initiative startete der Politiker Yasuhiko Furuya, der im obigen Video über Lautsprecher seine Mitbürger warnt. Jede Woche steht er auf der Straße und mahnt sein Umfeld zur Vorsicht beim Lebensmittelkauf. Auch er fand sein Engagement zur Aufklärung durch die Sorge um die eigenen Kinder. Beim Lebensmittelskandal im Sommer 2011, als kontaminiertes Fleisch in Schulkantinen bedenkenlos verteilt wurde, waren seine drei Söhne ein kleiner Teil der mehr als 84.000 Schüler aus Yokohama. „Viele Eltern regen sich auf. Wir alle können nicht verstehen, wie verseuchte Nahrung überhaupt in den Handel gelangen kann. Wir dachten, hier in der Schule wären unsere Kinder sicher. Und genau dort serviert man ihnen verstrahltes Essen. Mir macht das Angst“, kommentiert Furuya seine bittere Erfahrung mit den japanischen Behörden. Denn diese scheinen als letztes zu schalten, wenn es um die Sicherheit der Bevölkerung geht.

Kontaminiert wurde das Fleisch durch Futter aus Fukushima. Japan ist ein Negativ-Beispiel für weite Ackerflächen und riesige Weideflächen. Zwei Drittel des Landes wird vom Gebirge beansprucht, sodass sich auf 20 Prozent der Landmasse Industrie, Menschen und Landwirtschaft ihren Platz teilen müssen. Bei diesen Bedingungen ist es ein tragisches Schicksal, wenn die begrenzten Flächen für die Landwirtschaft nun kontaminiert sind. Das Liefer- und Ausfuhrverbot von Lebensmitteln und Stroh aus Fukushima bedeutete das finanzielle Desaster für die Farmer, auch wenn die Entfernung zwischen Ackerfläche und Atommeiler Dutzende Kilometer beträgt.

Importierte Lebensmittel aus Japan. (flickr/ Jean-François Chénier)

Monate nach dem Verbot zeichnet sich ein anderes Bild ab. Regierung und Behörden sprechen sich momentan für die Sicherheit von Waren aus Fukushima aus und betreiben aufwendige Werbe- und Image-Maßnahmen, um den wirtschaftlich brach liegenden Regionen von Fukushima neues Wachstum zu verleihen. Das Ziel des japanischen Außenministeriums ist es unterdessen, die internationalen Einfuhr-Beschränkungen von Lebensmitteln zu lockern, nachdem der Griff nach japanischen Lebensmitteln weltweit gleich drei Mal überdacht wurde. Die richtige Richtung schlägt die Regierung seit April 2012 mit der Verschärfung der Grenzwerte für Grundnahrungsmittel ein, auch wenn diese nur für Konsumenten im Inland gelten. Von zulässigen 500 Becquerel wurde die Radioaktivität auf 100, Babynahrung auf 50 Becquerel pro Kilogramm gesenkt. Der Grenzwert von Wasser wurde sogar um 95 Prozent gemindert. Mit den neuen Auflagen zählt Japan aktuell zu den Ländern mit den strengsten Grenzwerten. „In den USA sind 1.200 Becquerel aus Cäsium pro Kilogramm erlaubt. Die EU schreibt bei einem Atomunfall maximal 1.000 Becquerel pro Kilogramm an Cäsium vor. Nach Ansicht von Wissenschaftlern sind diese Strahlenmengen gesundheitlich unbedenklich“, schreibt Japanmarkt.

Die EU übernahm die Grenzwerte für Importwaren aus Japan. Allerdings sind von dieser Verschärfung getrocknete Teeblätter, Reis und Sojabohnen und deren Erzeugnisse ausgeschlossen. Hier gelten nach wie vor die alten Grenzwerte. Es scheint, als befinde sich in Sachen Lebensmittelkontrolle nicht mehr die japanische Regierung, sondern die Europäische Union im Kreuzfeuer der Kritik. Denn die Verbraucherzentrale Hamburg schreibt: „Auch für Lebensmittel aus anderen Regionen, z.B. aus der Region rund um Tschernobyl, gelten weiterhin die alten Werte von 600 Becquerel, um in der Europäischen Union in den Handel zu gelangen. Selbst in der Ukraine und in Weissrussland gelten strengere Grenzwerte als in der EU. Das ‚Grenzwert-Chaos‘ wird von den Verbraucherzentralen bemängelt; verbraucherfreundlicher wäre das Absenken aller gültigen Grenzwerte auf das neue Niveau für japanische Lebensmittel.“ Japan wird zum weltweiten Vorbild radioaktiver Grenzwertkontrollen. Es ist der erste erfolgreiche Schritt, das Image des Landes aufzupolieren.

Japanischer Lebensmittelmarkt in Sendai. (AFP)

Ein anderer Fall, die japanische Fisch-Industrie. Während der Katastrophe wurde, ob bewusst oder ungewollt, kontaminiertes Kühlwasser in das Meer abgelassen. Die Auswirkungen spüren wir erst in den folgenden Jahren und Jahrzehnten, doch könnten sie immens sein. Erhöhte Strahlenwerte in der Küstenregion um Fukushima wurden bereits zuhauf gemessen, die sich selbst auf die südliche Küstenregion der Präfektur Ibaraki ausgeweitet haben. Ungewohnt früh reagierte die Regierung und verhängte bereits im März 2011 ein Fangverbot für diese Regionen. Vorzeitige Entwarnung gab es allerdings bei den übrigen Regionen. Im Januar 2012 wurden über 5000 Fische dieser Gebiete auf ihre Radioaktivität getestet, kein einziger überstieg die Grenzwerte. Selbst Wanderfische wie der Thunfisch, der die Küstenregion um Fukushima durchwandert, zeigte keine beunruhigenden Werte, sofern den Angaben zu trauen ist. Laut Asienspiegel könnten die Fische südlich von Tokio bedenkenlos verzehrt werden, da durch die Strömungsverhältnisse kontaminiertes Wasser aus Fukushima maximal bis zur Präfektur Chiba gelangt, bevor es in Richtung Pazifik abdriftet. Ohne ein Fangverbot an der Küste Chibas bleibt trotz aller Entwarnungen zu hoffen, dass diese Lücke keine weiteren Lebensmittelskandale zu Tage fördern.

Quellen und weiterer Lesestoff:

Die Fukushima 50 – Eine Frage der Ehre?

„Wir werden ein Selbstmordkommando zusammenstellen müssen“, hieß es von Seiten der Regierung und AKW-Leitung, als die Radioaktivität in den Reaktoren von Fukushima akute gesundheitsgefährdende Werte erreichte. Die Kühlung musste aufrechterhalten und der Druck der Sicherheits- und Druckbehälter verringert werden, um die Gefahr einer weiträumigen Kontamination mit radioaktiven Partikeln zu vermeiden. Automatische Vorrichtungen zur Kühlung und Druckentlastung waren vorhanden, doch beschädigten Beben und Tsunami die Reaktoren so schwer, dass die interne elektrische Versorgung nicht mehr aufrechterhalten werden konnte. Den einzigen Ausweg sah man in der manuellen Öffnung der Ventile. Eine Aufgabe, die 50 Arbeitern des AKW-Betreibers TEPCO zugemutet wurde und mit ihrem Leben spielte. Ihre Namen sind den Medien unbekannt. Keine Identität, kein Gesicht, dass man zuordnen könnte, um die Opfer dieses Selbstmordkommandos zu identifizieren.

Eine japanische Postkarte aus den 1920ern mit dem Motiv der 47 Ronin.

Nur allzu gern wurde in den Medien diese ehrenvolle Aufgabe hervorgehoben, der Zukunft des Landes mehr Wert beizumessen, als der eigenen Gesundheit. Schnell war der Vergleich mit den legendären 47 Rônen gezogen, jene Samurai die im Angesicht des Todes ihren Herren rächten. Doch wen sollte man mit dem eigenen Leben rächen? Eine Naturkatastrophe, die für Japan zu einem normalen Phänomen geworden ist? Erinnern wir uns an die Diskussion vom 22. Februar zurück, so betonte man den Einsatz sogenannter „Wegwerfarbeiter“, die ihre Verwendung in besonders gefährlichen, schmutzigen und schwierigen Arbeiten finden. Uns als Leiharbeiter bekannt, verrichten sie Tätigkeiten unter äußerst geringer Bezahlung, um von Ort zu Ort je nach Bedarf weitergegeben zu werden. Nach ihrer Meinung werden sie nicht gefragt. Streiks und Proteste lassen auf sich warten, denn am Rande des Existenzminimums dürfen sie nicht wählerisch sein.

Waren die „Fukushima 50“ Wegwerfarbeiter? Die Aufgaben in den Reaktoren waren zwar lebensgefährlich, doch nicht so komplex, als dass man gutes Personal mit langjähriger Erfahrung opfern müsste. Um ein Ventil per Hand zu öffnen braucht es keinen wertvollen Ingenieur. Kurze Instruktionen an Wegwerfarbeiter reichen, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. TEPCO opfert keine Experten, während den unerfahrenen AKW-Gipsy die Gefahr der Verstrahlung verschwiegen wird, die sie an der Ausübung dieser „ehrenvollen“ Tätigkeit hätten zweifeln lassen können. Zudem werden Leiharbeiter nicht als vollwertige Mitglieder eines Unternehmens gezählt und erreichen demnach nicht den Status einer Festanstellung, um ihre Personaldaten in den firmeneigenen Dokumenten festzuhalten. Der Tod von 50 Experten mit Festanstellung bei TEPCO ist weitaus schneller aufzudecken, als das Dahinscheiden von 50 unbekannten Leiharbeitern, deren Verlust auch den Wirren der Naturkatastrophe anhängt werden kann. Dieser Absatz liest sich wie eine Hetzschrift, gerade weil er Fakten und Vermutungen miteinander verbindet, ohne sich auf handfeste Informationen zu stützen. Doch allein die Recherche zu personellen Daten der Fukushima 50 bleibt ohne Ergebnis. Weder ihr Wohlbefinden, noch die Strahlenbelastung oder deren Auswirkungen wurden in den Medien ausführlich dokumentiert. Sicher waren sich die Medien allerdings in Einem: Es könnte der letzte Dienst der 50 Arbeiter gewesen sein.

Arbeiter auf dem Gelände von Fukushima Daiichi. Im Hintergrund die Trümmer der Reaktorblöcke.

Ob das Selbstmordkommando eine ehrenhafte Aufgabe übernahm, ist ebenfalls zweifelhaft. Ehre wird nur dem zu Teil, der sich aus freiem Willen der Gefahr aussetzt. Mit der Kündigung bei TEPCO und dem Existenzverlust geködert, blieb nur eine Entscheidung. Dass sich den Fukushima 50 keine rosigeren Alternativen eröffnen und die eigene Existenz auch durch Strahlenkrankheiten in Frage gestellt wird, davon wusste offenbar nur ein Teil der Arbeiter. Immerhin konnte man Trost bei dem Gedanken finden, für das eigene Vaterland zu sterben. Aber bleiben wir bei der Theorie, die Hilfskräfte würden sich überwiegend aus Leiharbeitern zusammensetzen, hinkt diese Aufopferung gewaltig. Leiharbeiter in Japan sind nicht unbedingt Japaner, sondern Ausländer wie Koreaner, Chinesen und andere Minderheiten, für die gerade aufgrund ihrer sozialen Abseitsstellung in Japan nur der geringfügig bezahlte Job als Wegwerfarbeiter bleibt. War es nun Ehre, die die Fukushima 50 antrieb oder vielmehr ein durch Zwang bestimmtes Himmelfahrtskommando? Die Antwort gab uns die Regierung bereits in der ersten Zeile.

Weiterer Lesestoff

Spiegel: „Der Elektriker von Reaktor 3“
Spiegel: „Freiwillige für einen Höllenjob“
Spiegel: „Die ‚Tapferen 50‘ an der Strahlenfront“
Spiegel: „Die Ehre der Freiheit“
Spiegel: „50 Mann sollen Japan retten“
Stern: „Die 50 Helden von Fukushima“
Japan aktuell: „Die 50 von Fukushima – die modernen 47 Ronin?“
20 Minuten Online: „Die ‚Tapferen 50‘ erwartet der Strahlentod“
Welt Online: „50 Namenlose sind die letzte Hoffnung Fukushimas“

TEPCO – Teil 1: Die Hintergründe langjähriger Verschwiegenheit

Bringt man den Namen TEPCO ins Gespräch fallen die Worte Fukushima, Atomkraft und Misstrauen auf den nächsten Augenblick, während  die Verflechtung von Politik, Wirtschaft und großzügigem Risikomanagement assoziiert wird. Kein anderes Unternehmen schaffte es im letzten und in diesem Jahr für so viel Gesprächsstoff, der nicht durch Ruhm, Engagement und Innovation geschuldet war. Die Aktiengesellschaft als größtes Energieversorgungsunternehmen Japans, mit vollem Name „Tokyo Electric Power Company“, wird auch heute noch von den Medien aufgegriffen, um ein Vorzeigebeispiel für Verantwortungslosigkeit und desaströser Informationspolitik zu erzeugen.

Ein Foto des Kohlekraftwerks Senjû in den 1940ern. (Quelle: Japanese book "Archives for the Tokyo downtown area 100 years" published by Life Information Center.)

Doch TEPCOs eigentümliche Firmenpolitik wurde nicht erst durch den nuklearen Unfall von Fukushima I bekannt. Bereits Jahre zuvor fiel der Konzern immer wieder im Schatten der Medien durch Vertuschungen und Unglaubwürdigkeit auf, konnte sein Gesicht allerdings über Jahrzehnte hinweg wahren. Das „Tôhoku-Beben“ bildet letztendlich den Katalysator. Eine Vielzahl begieriger Medienunternehmen stürzten sich auf den Energieversorger und stimmten in einer gemeinsamen Parole ein, dem Unternehmen sei nicht zu trauen. Der 11. März legte damit den Grundstein, die Fehler der Unternehmensleitung weltweit zu offenbaren und sich über die Grenzen Japans auszuweiten.

Dabei wurde zur Gründung des Unternehmens am 11. Mai 1951 eine solide Ausgangsbasis geschaffen, die dem Energiekonzern auch mit genügend Transparenz zu positivem Glanz verholfen hätte. Kurz vor dem 2. Weltkrieg wurden alle stromerzeugenden Betriebe Japans verstaatlicht und im Verlaufe des Krieges zu neun großen Staatsunternehmen zusammengefasst. Als sich nach der Kapitulation Japans die Besatzungsmächte für eine neue politische Struktur aussprachen, folgte im Mai 1951 die Privatisierung der Unternehmen. Ausgestattet mit regionalen Monopolen lag es nun in der Hand dieser neun Unternehmen, ihr Land mit Energie zu versorgen. TEPCO selbst gewann im Laufe der Jahre die Oberhand und zählt bis vor der Katastrophe 2011 zu den weltweit umsatzstärksten Unternehmen, die sich gar den 136. Platz unter den Fortune 500 erkämpften.

So ist es fast überflüssig, den Konzern als größten Energieproduzenten Japans darzustellen, der 27 Prozent des Energiebedarfs seines Landes deckt. Insbesondere die Metropole Tokio zählt zu seinem Zuständigkeitsbereich, womit 45 Millionen Menschen auf den Energielieferanten angewiesen sind – mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung Japans. Seit 2009 zählt die Tokyo Electric Power Company 160 Wasserkraftwerke und 25 Verbrennungskraftwerken durch Öl, Kohle und Erdgas, sowie je ein Geothermie- und Windkraftwerk denen eine vergleichsweise marginale Rolle zukommt. Nicht zu vergessen die Technologie, die das Unternehmen ohne deren Verwendung vermutlich in ein positiveres Licht gerückt hätte: Die drei Kernkraftwerke Fukushima Daiichi, Fukushima Daini und Kashiwazaki-Kariwa mit insgesamt 17 Atomreaktoren.

Der Hauptsitz TEPCOs in Tokio, aufgenommen im April 2007. (Copyright © PON, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Spätestens im August 2002 drangen erstmals Dokumente an die japanische Öffentlichkeit, die den Schein TEPCOS, als sicheres und glaubwürdiges Unternehmen aufzutreten, stark trübten. Die japanischen Medien sprachen von gefälschten Berichten, bewusst verzögerten Reparaturen und dem Nichterfüllen gesetzlich vorgeschriebener Meldungen von Störfällen. Mindestens 16 Jahre schafften die Verantwortlichen TEPCOs, das mediale Aufbegehren gegen den Energieversorger zu unterbinden. Nach der Enthüllung wurden Ämter neu besetzt, die nur wenig der unterdrückten Meldepflicht entgegensetzen konnten. So wurden mindestens sechs Notabschaltungen und eine siebenstündige kritische Reaktion in Block 3 von Fukushima I verschwiegen. Ein Schaden durch Erdbeben und mangelnde Wartung folgte auf den nächsten, ein routinierter Test führte im Mai 2008 in Block 6 zum Ausfall mehrerer Kühlsysteme und als am 1. März 2011 die japanische Atomaufsichtsbehörde (NISA) eine Inspektion initiierte, kamen weitere Übel zutage, die sich in mangelnden Kontrollen technischer Geräte über Jahre hinweg äußerte. Sie bildeten den Ausgangspunkt für die nukleare Katastrophe.

Nehmen wir uns an dieser Stelle die Zeit und überdenken die Frage, ob TEPCO ohne Atomkraft diesem Desaster entgangen wäre. Da sich bei einer kurzen Recherche ausschließlich Störfälle innerhalb der atomaren Kraftwerke finden lassen und diese Technologie als weitaus komplexer und damit risikoträchtiger als andere Kraftwerke angesehen wird, folgt eine klare Antwort: Ohne Atomkraft hätte sich TEPCO als Energielieferant besser verdient gemacht. Doch trifft es angesichts der Sicherheitsmängel einzig dieses Unternehmen? Es müsste nahezu als „Glückstreffer“ gewertet werden, dass gerade dieses Unternehmen von einer Katastrophe dermaßen herausgefordert wird, dass es Störfälle nicht mehr verheimlichen kann. Bei weiterer Recherche lässt sich allerdings feststellen, dass TEPCO keine Ausnahme in Sicherheitsmängeln und mangelnder öffentlicher Aufklärung bildet. Stünde Fukushima Daiichi unter der Verwaltung eines anderen Energiekonzerns Japans, so hätten sich voraussichtlich dieselben dramatischen Stunden abgespielt und nicht TEPCO, sondern KEPCO, Hokuden und die Namen anderer Konzerne stünden in den Schlagzeilen der letzten Monate.

Das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi im Jahr 2007. (Copyright © KEI, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Die Sicherheitslücken der Tokyo Electric Power Company dürfen an dieser Stelle nicht vernachlässigt werden, denn zählt man die Stör- und Unfälle der Kraftwerke anderer Betreiber zusammen, bildet TEPCO noch immer die oberste Spitze. Handelt es sich nun um ein japanisches Phänomen? Können wir diese Haltung mit den einfachen japanischen Stereotypen Verschwiegenheit, Intransparenz und übermäßigem Stolz vereinbaren? In keinerlei Hinsicht, denn Störfälle sind ein weltweites Phänomen von Atommeilern, von denen sich jeder allzu gerne der Verantwortung entziehen möchte. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Die finanziellen Interessen überwiegen; und nehmen wir stichprobenartig ein deutsches Atomkraftwerk, so füllen die Störfälle bereits eine ganze Seite.

Dieser Absatz möchte zeigen, dass man in Sachen Sicherheitsbedenken und Verantwortungsentzug nicht einzig japanische Unternehmen und TEPCO einzukreisen hat. Dennoch lässt dieser Abschnitt vorerst keine weiteren Schlussfolgerung angesichts der verhältnismäßig kurzen, stichprobenartigen Recherche zu.