Umfrage zur Wahrnehmung der Katastrophe von Fukushima

Sehr geehrte Leserinnen und Leser, ich möchte Ihnen bereits an dieser Stelle für Ihr Engagement danken, das Sie mit dem Aufruf dieser Seite zeigen.

Die folgende Umfrage dient dem Zweck, das Interesse der Umfrageteilnehmer an dem Atomunglück von Fukushima zu ermitteln, zu hinterfragen, ob die Katastrophe in Deutschland noch immer ein Gesprächsgegenstand ist und ob sich die Haltung gegenüber einem Aufenthalt in Japan, anderthalb Jahre nach der Katastrophe, geändert hat. Zu den Befragten zählen größtenteils Studenten der Japanologien in Deutschland. Dennoch sind sämtliche Leser dieses Blogs dazu eingeladen, an der Umfrage teilzunehmen.

Verantwortlich für die Durchführung und Auswertung der Umfrage ist der Inhaber des Blogs „Fukushima 24/7“. Die Umfrage verfolgt, wie der Blog selbst, keinen kommerziellen Zweck. Das Ergebnis der Umfrage wird zeitnah auf diesem Blog veröffentlicht und sieht von der Veröffentlichung von Einzelergebnissen ab, um Ihre Anonymität zu gewähren. Falls Sie sich dennoch bei bestimmten Fragen in ihrer Privatsphäre verletzt fühlen, können Sie diese unbeantwortet lassen.

Die Umfrage beinhaltet 18 Fragen, deren Beantwortung maximal fünf Minuten in Anspruch nimmt. Außer bei den ersten drei Fragen zu Ihrer Person sind die Antwortmöglichkeiten vorgegeben. Bitte wählen Sie die für Sie passenden Antworten aus und streichen Sie die nicht zutreffenden.

Zur Auswertung bitte ich Sie, Ihre Antworten inkl. der zugehörigen Fragen an die Mail-Adresse fukushima247@googlemail.com zu schicken. Bei Rückfragen und Problemen wenden Sie sich bitte an dieselbe Mail-Adresse.

Der Einsendeschluss ist der 30. September 2012.

Das zerstörte Reaktorgebäude 3 des AKWs Fukushima Daiichi. (flickr/IAEA)

  1. Geschlecht
  2. Alter
  3. Nationalität
  4. Wie informieren Sie sich über die aktuelle Lage der Atompolitik Japans? [Mehrfachantworten möglich]
  5. Zeitung, Radio und/oder Fernsehen inkl. Internetauftritt | Blogs | Öffentliche Ämter (Verbraucherzentrale) | NGOs (Greenpeace) | Fachbücher | Freunde und Verwandte | Ich informiere mich nicht.

  6. Die Nuklearkatastrophe von Fukushima ist in meinem Umfeld noch immer ein Gesprächsthema.
  7. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  8. Trotz des Reaktorunglücks von Fukushima kommt für mich eine Reise nach Japan in Frage.
  9. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  10. Im Falle eines Aufenthalts in Japan meide ich die Metropole Tokio aufgrund deren Nähe zum Atomkraftwerk Fukushima.
  11. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  12. Im Falle eines Aufenthalts in Japan warnen mich Freunde und Familie vor den gesundheitlichen Risiken.
  13. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  14. Im Falle eines Aufenthalts in Japan achte ich beim Einkauf auf die Herkunft der Lebensmittel.
  15. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  16. Das gesundheitliche Risiko eines Aufenthalts in Japan ist heute genauso niedrig, wie vor dem Unglück von Fukushima.
  17. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  18. Der Umgang mit Atomkraft durch Vertreter aus Politik und Wirtschaft ist in Deutschland sicherer als in Japan.
  19. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  20. Die Informationen der Regierung und Medien Japans zur eigenen Atompolitik sind zuverlässig.
  21. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  22. Die Gefahr einer radioaktiven Kontamination in Japan besteht auch außerhalb der Sperrzone um das Kraftwerksgelände von Fukushima.
  23. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  24. Ich bin zuversichtlich, dass von dem Kraftwerk Fukushima Daiichi keine Gefahr mehr ausgeht.
  25. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  26. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft Japans aufgrund des Unglücks von Fukushima.
  27. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  28. Die Katastrophe von Fukushima war verheerender, als der Unfall von Tschernobyl.
  29. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  30. Aufgrund des Reaktorunglücks von Tschernobyl achte ich beim Kauf von Lebensmitteln in Deutschland auf deren Herkunft.
  31. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

  32. Von Stör- und Unfällen, wie wir sie von Tschernobyl und Fukushima kennengelernt haben, sind deutsche Kernkraftwerke nicht betroffen.
  33. Stimme völlig zu | Stimme zu | Weiß nicht | Stimme nicht zu | Stimme gar nicht zu

      Ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme und die Zeit, die Sie für die Beantwortung der Fragen investiert haben. Bei Anregungen und Kommentaren können Sie diese an die genannte Mail-Adresse (fukushima247@googlemail.com) schicken.

TEPCO erwägt die Wiederinbetriebnahme der Fukushima-Reaktoren

Die Arbeiten an den beschädigten Reaktoren von Fukushima I und II gehen weiter voran. Während die Reaktoren von Fukushima Daiichi gesichert werden, ging die Öffentlichkeit noch 2011 davon aus, dass auch Fukushima Daini aufgegeben wird. Der Rückbau des Meilers wurde trotz seiner verhältnismäßig geringen Beschädigung auch vom Gouverneur der Präfektur Fukushima begrüßt. „[…] die Präfektur Fukushima will sich von der Atomkraft verabschieden: Mit Rücksicht auf die Betroffenen setzt sich der Gouverneur für den Rückbau aller zehn Reaktoren in den Komplexen Daiichi und Daini ein“, schrieb Japanmarkt noch im Dezember. Kurze Zeit später wurde Fukushima II erstmals den Medien zugänglich gemacht, sodass sich die Öffentlichkeit am 8. Februar 2012 selbst ein Bild von den Bauarbeiten am Kraftwerk machen konnte. Nach weiteren Monaten entschied sich TEPCO allerdings, den Meiler wieder instand zu setzen.

Der Hauptsitz TEPCOs in Tokio, aufgenommen im April 2007. (Copyright © PON, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Bis zum Frühjahr 2013 sollen die Reparaturarbeiten inmitten der Sperrzone andauern, um das Kraftwerk gegebenenfalls an das Stromnetz anzuspeisen. Die vier Reaktoren des Kraftwerks liegen 12 Kilometer südlich von Fukushima Daiichi und wurden 1982 in Betrieb genommen. Grund genug für TEPCO, das Kraftwerk wieder in Betrieb zu nehmen, um die zwei Milliarden Euro Restwert nicht ungenutzt zu lassen. Das japanische Wirtschaftsministerium begrüßt den Vorschlag, ohne die hohen Rückbaukosten aus dem Auge zu verlieren, obwohl die Lokalregierung der Präfektur Fukushima sich Monate zuvor für die Stilllegung aussprach. Im Wiederaufbau-Plan der Präfektur ist bereits von einem Abbau der Kraftwerke die Rede.

Trotz der möglichen Wiederinbetriebnahme beabsichtigt TEPCO, die Strompreise zu erhöhen. Seine Begründung findet der Konzern in den hohen Unterhaltskosten des Meilers, die jährlich bis zu 900 Millionen Euro verschlingen. In die Kosten werden auch die Reaktoren 5 und 6 von Fukushima Daiichi einbezogen, die während der Katastrophe aufgrund ihrer Abgeschiedenheit zu den Reaktoren 1 bis 4 wenig Schaden nahmen. Ein Neustart dieser Reaktoren könnte im Angesicht der massiven Protestbewegungen eine Herausforderung für den Kraftwerksbetreiber werden. Dieser gibt sich bisher recht unentschlossen. „Über das Schicksal der Anlage in Daini sei noch nicht entschieden, erklärte Tepco-Präsident Naomi Hirose in dieser Woche.
Dafür werde man ’nationale und lokale Meinungen hören‘, zitiert ihn Japanmarkt und verweist auf ein anderes Motiv TEPCOs. Noch steht das weltweit leistungsfähigste Kraftwerk Kashiwazaki-Kariwa außer Betrieb, doch mit den beiden Fukushima-Kraftwerken als bittere Alternative, ist die Wiederinbetriebnahme des Komplexes in der Präfektur Niigata umso wahrscheinlicher.

Das Atomkraftwerk Fukushima Daini, aufgenommen im Mai 2009. (Copyright © KEI, Lizenz: CC BY 3.0)

Das Kraftwerk Fukushima II wurde ebenfalls von den beiden Naturkatastrophen überrascht und hatte Mühe, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Zwar spricht die japanische Atomaufsichtsbehörde (NISA) in beschönigenden Worten von keinerlei beunruhigenden Schäden, doch konnte eine weitere Kernschmelze nur durch Glück überwunden werden. Eine einzige funktionierende Stromquelle hatte damals verhindert, dass der Meiler dasselbe Schicksal wie Fukushima I teilt. Die Arbeiten an Fukushima II nehmen momentan auch ohne der Gewissheit ihren Lauf, dass das Kraftwerk jemals wieder in Betrieb genommen wird. Bis die Entscheidung fällt, bleibt der Schutzanzug der Arbeiter weiterhin Routine, denn trotz seiner geringen radioaktiven Strahlung befindet sich das Kraftwerk innerhalb der Sperrzone.

Quellen und weiterer Lesestoff:

Fukushima – Das Atomdesaster „Made in Japan“

„Das Desaster war vorhersehbar und vermeidbar“, heißt es in dem aktuellen Untersuchungsbericht der Parlamentskommission, die das Unglück vom März 2011 noch einmal aufarbeitete. Ein Team aus Wissenschaftlern setzte sich zusammen mit Politikern und Journalisten sechs Monate lang mit der Fukushima-Katastrophe auseinander und überprüfte das Krisenmanagement TEPCOs und die Folgen von Erdbeben und Tsunami. Aus über 900 Stunden an Anhörungen und 1000 Interviews wurde diese Woche der 641-seitige Abschlussbericht der Öffentlichkeit präsentiert. Das Ergebnis lieferte nun Schwarz auf Weiß die Gewissheit, dass die Naturkatastrophe geringere Auswirkungen auf die Reaktoren gehabt hätte, wenn TEPCO und Regierung ausreichende Vorbereitungen unternommen und die Behörden ihre Funktion als Aufsicht wahrgenommen hätten.

Das Logo der Nuclear Accident Independent Investigation Commission (NAIIC) mit dem japanischen Parlament als Piktogramm.

„Eine Vielzahl an Fehlern“ und „vorsätzliche Fahrlässigkeiten“ waren der Ausgangspunkt, der die Naturkatastrophe zu einer atomaren Katastrophe werden ließ. „Der folgende Unfall war […] offensichtlich von Menschenhand verursacht», zitiert die Yomiuri Shimbun den Bericht. Die Verantwortung hat nicht allein der Konzern TEPCO zu tragen, sondern das System der dichten Vernetzung von Atomaufsicht, Kraftwerksbetreiber und Regierung. Durch die Kooperation von Bürokratie, Wirtschaft und Politik war eine Aufsicht faktisch nicht vorhanden. „Auch wenn dieses Geständnis sehr schmerzhaft ist – dieses Desaster ist ‚Made in Japan'“, erläuterte der Vorsitzende der Kommission, Kiyoshi Kurokawa, in seiner Stellung als Arzt und zugleich langjähriger Berater der Regierung.

Von der Expertenkommission gefordert wird nun eine Anpassung an internationale Standards zur permanenten Überwachung der Atomindustrie Japans. „Die Behörden müssten ihre insulare Sichtweise aufgegeben und die weltweiten Standards für Sicherheit, Gesundheit und Wohlfahrt erreichen. Die derzeitigen Gesetze dienten der Förderung der Atomkraft und nicht der öffentlichen Sicherheit“, schreibt Japanmarkt.

Schon Monate zuvor drang der Trugschluss TEPCOs an die Öffentlichkeit, das Unternehmen habe wenig bis keine Sicherheitsvorkehrungen für derartige Naturkatastrophen getroffen, da es die Gefahr einer Kernschmelze durch Naturereignisse nicht ernst nahm. Nach dem Abschlussbericht verabschiedete sich auch der letzte Trumpf TEPCOS, die eigenen Kraftwerke seien erdbebensicher, da die Nuklearkatastrophe allein dem Tsunami geschuldet sei. Sowohl das Beben, als auch der Tsunami beschädigten die Reaktoren so sehr, dass die dritte Katastrophe unausweichlich war.

Das zerstörte Reaktorgebäude 3 des AKWs Fukushima Daiichi. (flickr/IAEA)

Bis heute existiert die Sperrzone im Umkreis von 20 Kilometern um das Kraftwerksgelände, nachdem in drei Reaktoren eine Kernschmelze stattfand und weite Teile der Küstenregion der Präfektur Fukushima kontaminiert wurden. Über 80.000 Menschen können nicht mehr in ihre Heimat zurück. In den Monaten nach dem 11. März 2011 gruppierten sich zahlreiche Atomkraftgegner in Japan und brachten eine neue Anti-Atomkraft-Bewegung hervor. Ihren Höhepunkt fand sie in den vergangenen Tagen in Tokio mit einem Massenprotest, der etwa 150.000 Menschen zählte und gegen die Wiederinbetriebnahme des AKW Oi in der Präfektur Fukui demonstrierte. Es ist das erste und vorerst einzige Atomkraftwerk in Japan, dass zur Stromerzeugung wieder hochgefahren wurde.

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Gefährdung durch Lebensmittel? – Wie Japan sein Image aufpoliert

Wie sicher sind japanische Lebensmittel? Es ist eine Frage, die sich die Menschen nach der Katastrophe von Fukushima nicht nur in Japan, sondern auch auf der anderen Seite der Erdkugel stellen. Durch den globalen Handel haben es kontaminierte Produkte leicht, die Grenzen Japans zu überwinden. In Deutschland wurden die Bürger schon am Tag der Katastrophe misstrauisch gegen alle Produkte, deren Herkunftsland Japan war. Doch Deutschland ist keine Ausnahme. Auch wenn Japans Behörden aufgrund ihrer späten und unzureichenden Informationen in Verruf geraten sind, schaut zumindest die heimische Bevölkerung nicht weg.

Japanische Lebensmittel auf dem Prüfstand. Die Unsicherheit beim Kauf heimischer Produkte.

Seit März 2011 lässt sich von zwei Gruppen in Japan sprechen: Die eine, die vor jeglichen Gütern aus Fukushima warnt und die Informationspflicht der Regierung übernimmt, und die andere, die aus Angst vor dem wirtschaftlichen Aus den Verzehr von Produkten aus der Grenzregion Fukushima propagiert. Die Katastrophe des Unglücksmeilers stellt die japanischen Bauern vor ungeahnte Schwierigkeiten. Kein Mensch kommt auf den Gedanken, Produkte aus Fukushima zu erwerben oder gar zu verzehren. Selbst Landwirte, deren Besitzungen bis zu 100 Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt liegen, haben mit mangelndem Absatz zu rechnen. Von dem Ackerland unmittelbar neben der Sperrzone ganz zu schweigen. Die Atomkatastrophe sorgt damit für einen wirtschaftlichen Schaden, der Japan noch über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, begleiten wird. Viel zu oberflächlich wäre eine bloße Konzentration der Regierung auf Dekontamination und Wiederaufbau von Sperrzone, Atommeiler und den von Tsunami und Erdbeben verwüsteten Regionen. Über diesem materiellen Wert steht das Vertrauen der Bevölkerung in die heimischen Produkte.

Zwischen diesen Gruppen steht der gemeine japanische Bürger, der im Supermarkt vor den Regalen verweilt und nach den Lebensmittelskandalen vom Sommer 2011 über die eigene Gesundheit besorgt ist. Denn nicht ohne Grunde sprossen Eigeninitiativen aus dem Boden, als kontaminierte Lebensmittel in Märkten und Kantinen entdeckt wurden. Eine dieser Initiativen ist etwa die des Japaners Motohiro Takamatsu. Aus Sorge um seine Töchter erwarb er ein deutsches Strahlenmessgerät. „Daraus entstand schliesslich eine Geschäftsidee. Im Bekumiru-Komplex beim Bahnhof Kashiwa hat Takamatsu seit kurzem ein Büro eröffnet, in dem Privatpersonen und Unternehmen selbständig ihre Lebensmittel auf Strahlung messen können“, schreibt Asienspiegel. Für bedeutend weniger Geld als bei offiziellen Stellen zur Prüfung von Lebensmitteln, verschafft Takamatsu die Sicherheit, um der Normalität eines Einkaufs in Japan ein gutes Stück näherzukommen.

Eine weitere Initiative startete der Politiker Yasuhiko Furuya, der im obigen Video über Lautsprecher seine Mitbürger warnt. Jede Woche steht er auf der Straße und mahnt sein Umfeld zur Vorsicht beim Lebensmittelkauf. Auch er fand sein Engagement zur Aufklärung durch die Sorge um die eigenen Kinder. Beim Lebensmittelskandal im Sommer 2011, als kontaminiertes Fleisch in Schulkantinen bedenkenlos verteilt wurde, waren seine drei Söhne ein kleiner Teil der mehr als 84.000 Schüler aus Yokohama. „Viele Eltern regen sich auf. Wir alle können nicht verstehen, wie verseuchte Nahrung überhaupt in den Handel gelangen kann. Wir dachten, hier in der Schule wären unsere Kinder sicher. Und genau dort serviert man ihnen verstrahltes Essen. Mir macht das Angst“, kommentiert Furuya seine bittere Erfahrung mit den japanischen Behörden. Denn diese scheinen als letztes zu schalten, wenn es um die Sicherheit der Bevölkerung geht.

Kontaminiert wurde das Fleisch durch Futter aus Fukushima. Japan ist ein Negativ-Beispiel für weite Ackerflächen und riesige Weideflächen. Zwei Drittel des Landes wird vom Gebirge beansprucht, sodass sich auf 20 Prozent der Landmasse Industrie, Menschen und Landwirtschaft ihren Platz teilen müssen. Bei diesen Bedingungen ist es ein tragisches Schicksal, wenn die begrenzten Flächen für die Landwirtschaft nun kontaminiert sind. Das Liefer- und Ausfuhrverbot von Lebensmitteln und Stroh aus Fukushima bedeutete das finanzielle Desaster für die Farmer, auch wenn die Entfernung zwischen Ackerfläche und Atommeiler Dutzende Kilometer beträgt.

Importierte Lebensmittel aus Japan. (flickr/ Jean-François Chénier)

Monate nach dem Verbot zeichnet sich ein anderes Bild ab. Regierung und Behörden sprechen sich momentan für die Sicherheit von Waren aus Fukushima aus und betreiben aufwendige Werbe- und Image-Maßnahmen, um den wirtschaftlich brach liegenden Regionen von Fukushima neues Wachstum zu verleihen. Das Ziel des japanischen Außenministeriums ist es unterdessen, die internationalen Einfuhr-Beschränkungen von Lebensmitteln zu lockern, nachdem der Griff nach japanischen Lebensmitteln weltweit gleich drei Mal überdacht wurde. Die richtige Richtung schlägt die Regierung seit April 2012 mit der Verschärfung der Grenzwerte für Grundnahrungsmittel ein, auch wenn diese nur für Konsumenten im Inland gelten. Von zulässigen 500 Becquerel wurde die Radioaktivität auf 100, Babynahrung auf 50 Becquerel pro Kilogramm gesenkt. Der Grenzwert von Wasser wurde sogar um 95 Prozent gemindert. Mit den neuen Auflagen zählt Japan aktuell zu den Ländern mit den strengsten Grenzwerten. „In den USA sind 1.200 Becquerel aus Cäsium pro Kilogramm erlaubt. Die EU schreibt bei einem Atomunfall maximal 1.000 Becquerel pro Kilogramm an Cäsium vor. Nach Ansicht von Wissenschaftlern sind diese Strahlenmengen gesundheitlich unbedenklich“, schreibt Japanmarkt.

Die EU übernahm die Grenzwerte für Importwaren aus Japan. Allerdings sind von dieser Verschärfung getrocknete Teeblätter, Reis und Sojabohnen und deren Erzeugnisse ausgeschlossen. Hier gelten nach wie vor die alten Grenzwerte. Es scheint, als befinde sich in Sachen Lebensmittelkontrolle nicht mehr die japanische Regierung, sondern die Europäische Union im Kreuzfeuer der Kritik. Denn die Verbraucherzentrale Hamburg schreibt: „Auch für Lebensmittel aus anderen Regionen, z.B. aus der Region rund um Tschernobyl, gelten weiterhin die alten Werte von 600 Becquerel, um in der Europäischen Union in den Handel zu gelangen. Selbst in der Ukraine und in Weissrussland gelten strengere Grenzwerte als in der EU. Das ‚Grenzwert-Chaos‘ wird von den Verbraucherzentralen bemängelt; verbraucherfreundlicher wäre das Absenken aller gültigen Grenzwerte auf das neue Niveau für japanische Lebensmittel.“ Japan wird zum weltweiten Vorbild radioaktiver Grenzwertkontrollen. Es ist der erste erfolgreiche Schritt, das Image des Landes aufzupolieren.

Japanischer Lebensmittelmarkt in Sendai. (AFP)

Ein anderer Fall, die japanische Fisch-Industrie. Während der Katastrophe wurde, ob bewusst oder ungewollt, kontaminiertes Kühlwasser in das Meer abgelassen. Die Auswirkungen spüren wir erst in den folgenden Jahren und Jahrzehnten, doch könnten sie immens sein. Erhöhte Strahlenwerte in der Küstenregion um Fukushima wurden bereits zuhauf gemessen, die sich selbst auf die südliche Küstenregion der Präfektur Ibaraki ausgeweitet haben. Ungewohnt früh reagierte die Regierung und verhängte bereits im März 2011 ein Fangverbot für diese Regionen. Vorzeitige Entwarnung gab es allerdings bei den übrigen Regionen. Im Januar 2012 wurden über 5000 Fische dieser Gebiete auf ihre Radioaktivität getestet, kein einziger überstieg die Grenzwerte. Selbst Wanderfische wie der Thunfisch, der die Küstenregion um Fukushima durchwandert, zeigte keine beunruhigenden Werte, sofern den Angaben zu trauen ist. Laut Asienspiegel könnten die Fische südlich von Tokio bedenkenlos verzehrt werden, da durch die Strömungsverhältnisse kontaminiertes Wasser aus Fukushima maximal bis zur Präfektur Chiba gelangt, bevor es in Richtung Pazifik abdriftet. Ohne ein Fangverbot an der Küste Chibas bleibt trotz aller Entwarnungen zu hoffen, dass diese Lücke keine weiteren Lebensmittelskandale zu Tage fördern.

Quellen und weiterer Lesestoff:

Suzuki Tomohiko – Auf der Spur der kriminellen Ader Japans

Monate nach der Katastrophe von Fukushima nahm das Interesse der japanischen Medien an der Atompolitik des eigenes Landes rapide ab. Politik, Wirtschaft und Medien waren sich einig: Der Ausnahmezustand wurde aufgehoben, da der Zustand der zerstörten Meiler wieder stabil sei. Die Information, dass die Folgen der Nuklearkatastrophe ihren Lauf nehmen, dringt nur schwach an die Öffentlichkeit. Die Gesellschaft hört weg, wenn es um Schlampereien des Kraftwerksbetreibers TEPCO geht. Erst recht, wenn sich eine Organisation der Probleme annimmt, die für ihre Mafia-ähnliche Organisationsform und kriminellen Methoden bekannt ist.

Ein Sattelitenbild des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi nach dem Großbeben im März 2011. (Getty Images)

Gemeint ist die Yakuza, eine kriminelle Organisation, die in westlichen Medien oft als „japanische Mafia“ bezeichnet wird. Ihre Entstehung geht in die Vormoderne Japans zurück. Da seit 1993 das japanische Gesetz die Zugehörigkeit zu einer kriminellen Organisation unter Strafe stellt, agieren ihre Mitglieder zunehmend im Untergrund, was ihren Einfluss auf Politik und Finanzmärkte nicht mindert. Zu ihren Geschäften zählen Prostitution, Menschen- und Drogenhandel, Glücksspiel und Schutzgelderpressung. Neu ist hingegen die Vermittlung von Arbeitskräften, zumeist Ausländer ohne Aufenthaltserlaubnis. Es ist die Verbindung der Yakuza zur Atomindustrie Japans, denn wer würde die Bereitstellung von Arbeitskräften für derart gefährliche Aufgaben in einem zerstörten Atomkraftwerk übernehmen, wenn nicht eine kriminelle Organisation?

Im Dezember 2011 veröffentlichte der Autor und Journalist Suzuki Tomohiko sein Buch „Yakuza to genpatsu. Fukushima Dai’ichi sen’nyûki [Die japanische Mafia und die Atomindustrie. Geheime Reportage über den Meiler Fukushima I]“ und gab der Öffentlichkeit erstmals einen Einblick in die Machenschaften der Yakuza im Schatten der Atomindustrie Japans. Seine Informationen gewann er aus erster Hand, denn als investigativer Journalist, getarnt als Leiharbeiter, schleußte er sich im Sommer 2011 für mehrere Wochen in Fukushima ein. Seine Entdeckungen reichten von unverantwortlichen Sparmaßnahmen TEPCOs, bis hin zur bewusst unterlassenen Gefahrenaufklärung der Leiharbeiter. Seine Aufmerksamkeit galt allerdings der Beziehung von AKW-Betreiber und Yakuza, die stetig nach Arbeitskräften für eine Tätigkeit Ausschau hielten, die bewusst niemand freiwillig übernehmen möchte.

Freier Autor und Journalist Suzuki Tomohiko bei der Präsentation seines Buches. (AFP)

Mit Minikamera im Armbanduhr-Format betrat er eine Welt, die ihm durch frühere Recherchen schon vertraut ist. Die Yakuza ist sein Spezialgebiet, seine einzige Beziehung. Denn Frau und Kinder hat er nicht. Mit einer Familie könnte er dieser Tätigkeit nicht nachgehen. Zu groß wäre das Risiko für die eigenen Angehörigen. „Suzukis Recherche, die die erste sein dürfte, die den aktuellen Abläufen im AKW Fukushima I dergestalt nahe gekommen ist, will zeigen, dass das Atomgeschäft letztlich eine schmutzige Angelegenheit darstellt, getragen von zahlreichen Akteuren und Profiteuren – die letzten Glieder in der Kette bilden die „Wegwerfarbeiter“ oder „Atomzigeuner“. Der Cold Shutdown kann aus diesem Blickwinkel eventuell nur als Versuch der Regierung gelten, sich zu rehabilitieren und zur Tagesordnung überzugehen. Der Wiederaufbau in Fukushima, so vermittelt uns Suzuki, ist aber gerade erst am Anfang“, kommentiert Lisette Gebhardt von der Japanologie Frankfurt auf der Seite der „Textinitiative Fukushima“.

Laut Suzuki, der schon öfters Berichte über die Yakuza an japanische Medien sendete, seien die Kriminellen schon vor dem Unglück von 2011 keine Unbekannten in Fukushima und der Atomindustrie gewesen. Gerade durch die Katastrophe ist ihr Einfluss mit der Beschaffung von Arbeitskräften für die AKW-Betreiber noch mehr gewachsen. „Es wird gemunkelt, dass die Yakuza-Mitglieder, die vor dem Unfall gewöhnliche Fahrzeugen fuhren, nun mit noblen Autos unterwegs sind“, berichtet er. Zur Zeit seiner Recherche als Leiharbeiter in Fukushima war es für die Arbeiter nicht unüblich, ihre Strahlenmessgeräte zu manipulieren. Da Regierung und TEPCO verkündet hatten, alles stehe wieder unter ihrer Kontrolle, wurde der Lohn für die Arbeiter stark gekürzt. Um trotz der hohen Strahlung nicht ausgetauscht zu werden, gingen manche Arbeiter sogar soweit, indem sie die Dosiermeter bewusst falsch bedienten oder in ihre Socken steckten, um die Messwerte auf einem möglichsten geringem Niveau zu halten.

Das Cover von Suzuki Tomohikos Buch „Yakuza to Genpatsu“. (Bungei Shunju)

Im Zentrum der Korruption von Atomwirtschaft und Politik steht die japanische Mafia. Suzuki weiß, dass die Beteiligung der Yakuza an der Atomindustrie für westliche Leser unverständlich ist und ihre Mitglieder sogar ihr eigenes Leben im Falle eines nuklearen Unfalls riskieren. Doch Suzuki weiß durch seine langjährigen Recherchen auch, dass die Yakuza tief in der japanischen Gesellschaft verwurzelt sind. Tatsächlich waren die Mitglieder dieser Organisation eine der ersten Helfer nach dem Beben, unterstützten die Anwohner mit Lebensmitteln und Lieferungen und kontrollierten die Straßen, um Plünderungen vorzubeugen. Die Existenz der Yakuza ist auch für die Regierung Japans kein Geheimnis. Die Organisation verfolgt ihre eigenen Interessen und kümmert sich um die Art von schmutzigen Geschäften, die keine Behörde, keine Gruppe und keine Einzelperson in Japan sonst nachgehen würde. Damit füllt sie eine Lücke in Japan, die sich zwar im Grenzbereich des Legalen und darüber hinaus bewegt, für das japanische System aber eine Rolle übernimmt, die womöglich nicht mehr wegzudenken ist.

Suzuki erinnert sich an ein Gespräch: „Ein ehemaliger Yakuza-Boss erzählte mir, dass seine ‚Gruppe‘ schon immer in der Rekrutierung von Arbeitern für die Atomindustrie involviert war. ‚Es ist dreckige, gefährliche Arbeit und die einzigen Personen, die es machen wollen, sind obdachlos, Yakuza oder Leute, die so hoch verschuldet sind, dass sie keinen anderen Ausweg sehen, als es in dieser Form abzubezahlen.'“ Für Suzuki liegt die Inkaufnahme des Todes durch radioaktive Verstrahlung darin begründet, dass die Mehrheit der Arbeiter keine Kenntnisse über Radioaktivität besitzen. Für sie ist es ein gesundheitlicher Schaden, der sich vielleicht in zehn Jahren bemerkbar machen könnte. Damit ist es ein Risiko, dass die Arbeiter bereit sind, einzugehen, anstatt von dem kriminellen Netzwerk verschluckt zu werden.

Dass die Arbeiten im Unglücksmeiler alles andere als ungefährlich sind, wissen auch die Arbeiter. Einer erzählt, er wurde mit dem Hinweis zum Weiterarbeiten bewogen, dass sich eine Yakuza-Gruppe in der Umgebung befindet, als er versucht hatte, die Arbeit frühzeitig zu beenden. Dass Betreiber TEPCO nichts von diesen Machenschaften weiß, bezweifelt er. Und in der Tat stimmten ehemalige Manager, Arbeiter und Polizeibeamten TEPCOs zu, das Unternehmen wisse, dass es mit der Yakuza zusammenarbeitet. Nur kümmern tut es den Konzern nicht.

Quellen und weiterer Lesestoff:

„Die Suche nach der Wahrheit“ – Ein Vortrag zwischen Lüge und Aufklärung

„Die Geschichte der Lügen um die Kernkraft ist so alt, wie die Kernkraft selbst“, startete Dr. Sebastian Pflugbeil seinen Vortrag und lud am 23. Mai mit dem Thema „Tschernobyl, Fukushima und Atomkraft in Deutschland – Die Suche nach der Wahrheit“ in den Vortragssaal der Hauptbibliothek Leipzigs. Der Zusatz dieses Titels kam nicht von ungefähr, denn was sich dem aufmerksamen Publikum bot, war eine Aneinanderreihung von Lügen aus offizieller Seite, die emsig über die Jahre hinweg von Herrn Pflugbeil zusammengetragen wurden. Es eröffnete sich eine zweite Perspektive auf die Welt, wie wir sie kennen oder gekannt geglaubt haben.

Physiker, Umweltschützer, Bürgerrechtler und Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz e.V. Sebastian Pflugbeil. (IPPNW)

Mit einem gewissen Unbehagen lauschte man der ruhigen, aber umso kräftigeren Stimme eines Mannes, der den sarkastischen Titel „einziger Oppositionelle in der DDR“ trägt. Denn wird über Atomkraft debattiert, waren die Lügen schon seit den 1960ern nicht fern. Es entsteht ein politisches Spannungsfeld, dessen Pol zur offenen Befürwortung der Atomkraft überwiegend dominiert. Wer Kernenergie kritisiert, macht sich zum Feind der Politiker und Ökonomen, heute nicht weniger als noch vor wenigen Jahrzehnten. Herr Pflugbeil als gestandener Physiker und Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz e.V. wählte den Weg der Aufklärung, setzte sich früh mit Kernenergiepolitik auseinander und war einer der Ersten, die sich offen mit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 beschäftigen. So ist er bis heute einer der Wenigen die das Innere der Betonschutzhülle des Unglücksreaktors betraten.

Mit ernster Miene verriet er seine Trauer über das eigentliche Verbrechen der Kernkraft-Lobbyisten. Nicht nur das Spiel mit einer riskanten Hochtechnologie, sondern der Schaden an Natur und Lebewesen macht ihm zu schaffen. Kurz flackerte das Bild eines Kindes zu Anfang seiner Präsentation auf. Eine trauernde Mimik, ein geschorener Kopf und die Angst vor dem Ungewissen. Pflugbeil hielt inne, schaltete um und erklärte, die Begegnung mit an Leukämie (Blutkrebs) erkrankten Kindern sei Grund genug, seine Recherche und Aufklärungsarbeiten fortzusetzen.

Die Behandlung eines an Leukämie erkrankten Patienten in der Universitätsklinik Leipzig am 10. März 1989. (Copyright © Deutsches Bundesarchiv, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Auf der anderen Seite vertrauenerweckend formulierte Organisationen mit falscher Führung und profitgierigem Credo, ohne Rückgrat, ohne Skrupel. Die International Atomic Energy Agency (IAEO), das United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic Radiation (UNSCEAR), die World Association of Nuclear Operators (WANO) und selbst The International Project on the Health Effects of the Chernobyl Accident. Eine Liste ohne Ende, doch in ihrer Argumentation sind sie sich einig. Die Rede ist von Beschönigung, Verharmlosung und dreisten Lügen. Schon Eisenhower als ehemaliger Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika (1953–1961) wusste mit Atomkraft umzugehen und unterrichtete die zuständigen politischen Organe mit den Worten: „Haltet sie [das Volk] im Unklaren über Kernspaltung und Kernfusion.“

Der Lügenkanon nimmt kein Ende und sammelt sich nach Pflugbeils Worten zu einem Gemisch oberster Perversität. Zu seinen Favoriten zählen zwei Zitate von japanischer Seite, vor und nach dem Unglück von Fukushima: „Strahlenschäden kommen nicht zu Menschen, die glücklich sind und lächeln. Sie kommen zu Leuten, die verzagt sind.“ Das Volk leidet an Strahlenphobie, denn von offizieller Seite gibt es kaum bis keine eindeutigen Beweise für tödliche Erkrankungen im Zuge von Reaktorunglücken und atomaren Experimenten. „Der Unfall von Fukushima ist ein Beweis dafür, wie sicher Atomkraftwerke sind.“ Der Gipfel der Verharmlosung.

Der Tschernobyl Reaktor Nummer 4, aufgenommen am 18. September 2006. (Copyright © Carl Montgomery, Lizenz: CC BY 2.0)

Beweise gibt es viele, doch werden diese emsig unter Verschluss gehalten. Pflugbeil präsentierte Statistiken über Statistiken zur Häufigkeit der Strahlenschäden, sortierte sie nach Alter und Generation und verdeutlichte die Kontamination der betroffenen Gebiete. Laut offiziellen Angaben sei die Region um Tschernobyl in wenigen Jahrzehnten wieder begehbar. Dass es sich um Jahrtausende handelt, darüber lässt man die Öffentlichkeit im Unklaren. Seit dem Reaktorunfall erreichte die Erkrankung an Strahlenschäden beunruhigende Werte, nicht nur im Kreise der Ukraine, sondern auch in Deutschland. Ein doppeltes Spiel für wissenschaftliche Forschungen: Wer sich an die Öffentlichkeit wendet, riskiert die eigene Karriere. Auch Universitäten müssen sich den Interessen von Politik und Wirtschaft beugen, wenn es um Anträge auf Drittmittel zur Finanzierung von Forschung und Lehre geht. Abhängig von finanziellen Mitteln fügten sich in der Vergangenheit selbst renommierte Wissenschaftler den Richtlinien der Industrie.

Für Sebastian Pflugbeil sprechen die Statistiken: Die abnehmende Tendenz der gesunden Bevölkerung um Tschernobyl, die Häufigkeit von Mutationen, die Verbreitung psychologischer Störungen im Kindesalter und abnormale Zahlen von Totgeburten und Abtreibungen mit hoher Dunkelziffer – europaweit. Selbst provisorische Endlagerstätten wie Gorleben werden in der Recherche untersucht und weisen ähnliche Anomalien auf. So verkündet Pflugbeil die erschütternde These, bereits im Umkreis von Kernkraftwerken im Normalbetrieb liefern die Daten erhöhte Zahlen zu Erkrankungen in Folge von Strahlenschäden.

Seit 2011 weist Japan ein ähnliches Bild auf, auch wenn die Größe der kontaminierten Fläche weitaus kleiner ausfällt, als Tschernobyl. International auf sich aufmerksam macht jedoch nicht die Kontamination, sondern die über 1000 gelagerten Brennstäbe des Reaktorblocks vier. Ein erneutes Erdbeben, ein weiterer Tsunami könnte die Trümmerfestung samt Kühlbecken zum Absturz bringen. Schon jetzt zieren Risse die einst massive Konstruktion des Beckens. Im schlimmsten Falle erlebt Japan ein weiteres Unglück, dass dem von 2011 in nichts nachsteht. Mit der Zerstörung der Brennstäbe wird eine Menge an radioaktiven Partikeln frei, die Teile Tokios zur Evakuierung zwingen würden. Ein unmögliches Unterfangen. Deutschland hat keine bessere Ausgangslage vorzuweisen. Wie aus einem Gutachten der Strahlenschutzkommission hervorgeht, sei die Bundesrepublik im Falle einer Nuklearkatastrophe in keinem Maße vorbereitet. Doch mindestens mit der Verantwortung sollte es in Deutschland ja wesentlich günstiger laufen, als bei unseren japanischen Freunden⸮

Eine Übersicht der aktiven und stillgelegten Kernkraftwerke in Deutschland – Stand 2011. (Copyright © Lencer, Lizenz: CC BY-SA 2.5)

Sebastian Pflugbeil nutzt zum Abschluss seines Vortrags ein Zitat aus Bertolt Brechts „Leben des Galilei“, das auch wir hierfür nutzen möchten. Brecht befand sich während seiner Arbeit an dem Theaterstück im dänischen Exil, während in Deutschland Forschungen in der Kernphysik ihren Höhepunkt fanden. Mit einer ins Englische übersetzten Version nach den Atombombenabwürfen auf Japan änderte Brecht die Kernaussage vom „Umgang mit Macht“, in die „Verantwortung der Wissenschaft“. So äußerte sich Galileo Galilei in Brechts Werk mit folgenden Worten: „Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!“ Ein denkwürdiger Kommentar.

Quellen und weiterer Lesestoff:

 

Zwischen Millisievert und Atemmaske

Gegen sechs Uhr in der Früh aufstehen. Zwischen sieben und acht Uhr die erste Besprechung. Ab acht Uhr eine längere Pause für die erste Mahlzeit des Tages, bestehend aus etwas Gebäck und einer Flasche Gemüsesaft. Um zehn Uhr heißt es dann anpacken, um die Kühlung der Reaktoren aufrechtzuerhalten. Gegen 17 Uhr ruft die zweite und letzte Mahlzeit des Tages. Erneut bleiben zwei Stunden für den Verzehr von etwas Reis und Konserven. Vorsichtig werden die Lebensmittel verzehrt, um sie nicht mit der Schutzkleidung zu kontaminieren. Es wird neue Kraft geschöpft, doch lange Zeit zum Ausruhen ist nicht in Sicht. Um 20 Uhr eine weitere Besprechung. Wie kommen wir voran? Was muss getan werden? Die Nachtschicht beginnt. Der andere Teil der Arbeiter darf endlich Abschied nehmen, dem Chaos entfliehen. Die Augen schließen vor der Katastrophe. Eingerollt in einem Tuch, das notdürftig als Decke herhalten muss, verbringen sie die Nacht auf dem Boden zusammen mit ihren Kollegen auf engstem Raum.

Ein Auszug wie aus einer Kriegsszene: Der Ausnahmezustand in Fukushima, der routinierte Tagesablauf der Fukushima 50. Doch es sind nicht nur die Menschen, die zwischen Ehre und Zwang ihr Leben aufs Spiel setzen. Rund 1000 Ingenieure, Feuerwehrleute und andere Helfer schlossen sich bis zum 23. März 2011 der ursprünglichen Aufstellung der Fukushima 50 an, um das tragische Schicksal von Fukushima Daiichi abzuwenden. Die Gefahr der radioaktiven Kontamination war immer präsent. Die Strahlung auf dem Gelände der Reaktorblöcke erreichte Höchstwerte, die die Gesundheit der Arbeiter herausforderte. Die größte Gefahr stellte das Innere der Blöcke dar, deren Strahlung die Skala der Messgeräte sprengte. In kleine Gruppe aufgeteilt versuchten die Arbeiter abwechselnd die Reaktoren zu stabilisieren, um nach 15 Minuten das nächste Team in die dunkle Hölle zu schicken. Angst vor Verstrahlung, stetige Dunkelheit und die beiden Wasserstoffexplosionen in den Reaktorblöcken zerrten genauso an den Nerven der Arbeiter, wie die kräftezehrenden Wege durch die Trümmer der Reaktoren unter schwerer Schutzkleidung und Atemmaske. War eine Schicht vorbei, winkten rationierte Mahlzeiten und kaltes Wasser.

Ihr Aufgabe war es, die Meiler mit Meerwasser zu versorgen, um die Kühlung aufrechtzuerhalten. Die Theorie war simpel, umso schwieriger die Praxis. Durch Beben und Tsunami wurden Teile des Kraftwerksgeländes auf den Kopf gestellt. Geräte, Werkzeuge und Löschmittel wurden zur Mangelware. Doch nicht ausschließlich, weil sie von den Wassermassen erfasst wurden, sondern weil TEPCO keine Vorsorge traf. Blind hatte sich das Unternehmen auf seine milden Prognosen verlassen und war nicht auf den Ernstfall vorbereitet.

Millisievert-Strahlenwerte im Vergleich. (Copyright © Spiegel Online)

Es mangelte an allem, nicht nur materiell, sondern auch an der Erfahrung der Arbeiter. Weder Dosimeter zum Ablesen der aktuellen Strahlung, noch die Anzahl verlässlicher Sicherheitsstiefel waren ausreichend, um den Helfern genügend Schutz zu bieten. Augenzeugen berichten von der Leichtsinnigkeit mancher Arbeiter, die mit Klebeband und Plastiktüte ihr Schuhwerk abbanden oder mit blanken Arbeitsschuhen durch die kontaminierten Wassermassen wateten. Die Folge waren schwere Verletzungen durch Verstrahlung. So glich es fast Spott, als das japanische Gesundheitsministerium die Obergrenze der jährlichen Strahlenbelastung von 100 auf 250 Millisievert erhöhte. Die festgesetzte Grenze der Internationalen Strahlenschutzkomission (ICRP) von 100 Millisievert war nicht ausreichend, um der Lage in Fukushima Herr zu werden. Dabei führt eine Dosis von 250 Millisievert bereits zu akuten Strahlenerkrankungen, schädigt die Körperzellen und lässt das Krebsrisiko exponentiell in die Höhe schießen. Ohne Erhöhung der Grenze wäre es womöglich zum Abzug der Arbeiter aus dem Gefahrenbereich gekommen. Die Krise hätte kaum überwunden werden können, wenn sich ein Großteil der Arbeiter nicht diesem Risiko ausgesetzt hätte. Doch die Erhöhung wollen wir dadurch nicht gut heißen. TEPCO kann sich von seiner Schuld nicht freisprechen.

Video:

BBC: „Firefighters‘ key Fukushima mission“
BBC: „Inside crippled Fukushima plant“

Weiterer Lesestoff:

Spiegel: „Wir brauchen jede Weisheit“
Stern: „Japanischer Jobbewerber unfreiwillig am Akw Fukushima eingesetzt“
Asienspiegel: „Überarbeitung im AKW Fukushima“
Asienspiegel: „Die trügerische Ruhe in Fukushima“
ABC News: „Outpouring of Tears and Prayers for Japan’s Heroes: The Fukushima 50“

Die Fukushima 50 – Eine Frage der Ehre?

„Wir werden ein Selbstmordkommando zusammenstellen müssen“, hieß es von Seiten der Regierung und AKW-Leitung, als die Radioaktivität in den Reaktoren von Fukushima akute gesundheitsgefährdende Werte erreichte. Die Kühlung musste aufrechterhalten und der Druck der Sicherheits- und Druckbehälter verringert werden, um die Gefahr einer weiträumigen Kontamination mit radioaktiven Partikeln zu vermeiden. Automatische Vorrichtungen zur Kühlung und Druckentlastung waren vorhanden, doch beschädigten Beben und Tsunami die Reaktoren so schwer, dass die interne elektrische Versorgung nicht mehr aufrechterhalten werden konnte. Den einzigen Ausweg sah man in der manuellen Öffnung der Ventile. Eine Aufgabe, die 50 Arbeitern des AKW-Betreibers TEPCO zugemutet wurde und mit ihrem Leben spielte. Ihre Namen sind den Medien unbekannt. Keine Identität, kein Gesicht, dass man zuordnen könnte, um die Opfer dieses Selbstmordkommandos zu identifizieren.

Eine japanische Postkarte aus den 1920ern mit dem Motiv der 47 Ronin.

Nur allzu gern wurde in den Medien diese ehrenvolle Aufgabe hervorgehoben, der Zukunft des Landes mehr Wert beizumessen, als der eigenen Gesundheit. Schnell war der Vergleich mit den legendären 47 Rônen gezogen, jene Samurai die im Angesicht des Todes ihren Herren rächten. Doch wen sollte man mit dem eigenen Leben rächen? Eine Naturkatastrophe, die für Japan zu einem normalen Phänomen geworden ist? Erinnern wir uns an die Diskussion vom 22. Februar zurück, so betonte man den Einsatz sogenannter „Wegwerfarbeiter“, die ihre Verwendung in besonders gefährlichen, schmutzigen und schwierigen Arbeiten finden. Uns als Leiharbeiter bekannt, verrichten sie Tätigkeiten unter äußerst geringer Bezahlung, um von Ort zu Ort je nach Bedarf weitergegeben zu werden. Nach ihrer Meinung werden sie nicht gefragt. Streiks und Proteste lassen auf sich warten, denn am Rande des Existenzminimums dürfen sie nicht wählerisch sein.

Waren die „Fukushima 50“ Wegwerfarbeiter? Die Aufgaben in den Reaktoren waren zwar lebensgefährlich, doch nicht so komplex, als dass man gutes Personal mit langjähriger Erfahrung opfern müsste. Um ein Ventil per Hand zu öffnen braucht es keinen wertvollen Ingenieur. Kurze Instruktionen an Wegwerfarbeiter reichen, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. TEPCO opfert keine Experten, während den unerfahrenen AKW-Gipsy die Gefahr der Verstrahlung verschwiegen wird, die sie an der Ausübung dieser „ehrenvollen“ Tätigkeit hätten zweifeln lassen können. Zudem werden Leiharbeiter nicht als vollwertige Mitglieder eines Unternehmens gezählt und erreichen demnach nicht den Status einer Festanstellung, um ihre Personaldaten in den firmeneigenen Dokumenten festzuhalten. Der Tod von 50 Experten mit Festanstellung bei TEPCO ist weitaus schneller aufzudecken, als das Dahinscheiden von 50 unbekannten Leiharbeitern, deren Verlust auch den Wirren der Naturkatastrophe anhängt werden kann. Dieser Absatz liest sich wie eine Hetzschrift, gerade weil er Fakten und Vermutungen miteinander verbindet, ohne sich auf handfeste Informationen zu stützen. Doch allein die Recherche zu personellen Daten der Fukushima 50 bleibt ohne Ergebnis. Weder ihr Wohlbefinden, noch die Strahlenbelastung oder deren Auswirkungen wurden in den Medien ausführlich dokumentiert. Sicher waren sich die Medien allerdings in Einem: Es könnte der letzte Dienst der 50 Arbeiter gewesen sein.

Arbeiter auf dem Gelände von Fukushima Daiichi. Im Hintergrund die Trümmer der Reaktorblöcke.

Ob das Selbstmordkommando eine ehrenhafte Aufgabe übernahm, ist ebenfalls zweifelhaft. Ehre wird nur dem zu Teil, der sich aus freiem Willen der Gefahr aussetzt. Mit der Kündigung bei TEPCO und dem Existenzverlust geködert, blieb nur eine Entscheidung. Dass sich den Fukushima 50 keine rosigeren Alternativen eröffnen und die eigene Existenz auch durch Strahlenkrankheiten in Frage gestellt wird, davon wusste offenbar nur ein Teil der Arbeiter. Immerhin konnte man Trost bei dem Gedanken finden, für das eigene Vaterland zu sterben. Aber bleiben wir bei der Theorie, die Hilfskräfte würden sich überwiegend aus Leiharbeitern zusammensetzen, hinkt diese Aufopferung gewaltig. Leiharbeiter in Japan sind nicht unbedingt Japaner, sondern Ausländer wie Koreaner, Chinesen und andere Minderheiten, für die gerade aufgrund ihrer sozialen Abseitsstellung in Japan nur der geringfügig bezahlte Job als Wegwerfarbeiter bleibt. War es nun Ehre, die die Fukushima 50 antrieb oder vielmehr ein durch Zwang bestimmtes Himmelfahrtskommando? Die Antwort gab uns die Regierung bereits in der ersten Zeile.

Weiterer Lesestoff

Spiegel: „Der Elektriker von Reaktor 3“
Spiegel: „Freiwillige für einen Höllenjob“
Spiegel: „Die ‚Tapferen 50‘ an der Strahlenfront“
Spiegel: „Die Ehre der Freiheit“
Spiegel: „50 Mann sollen Japan retten“
Stern: „Die 50 Helden von Fukushima“
Japan aktuell: „Die 50 von Fukushima – die modernen 47 Ronin?“
20 Minuten Online: „Die ‚Tapferen 50‘ erwartet der Strahlentod“
Welt Online: „50 Namenlose sind die letzte Hoffnung Fukushimas“

Wiederaufbau und Dekontamination

Wenige Tage vor dem Jahrestag der Dreifachkatastrophe beginnt sich die Situation in Japan zu normalisieren. Strahlenschutzmaßnahmen werden gelockert, die internationale Presse erhält weitere Einblicke in das zerstörte Kernkraftwerk Fukushima I und die letzten Notunterkünfte lösen sich allmählich auf.

Nach fast einem Jahr des Wiederaufbaus erholt sich Japan langsam von seinem Schock. Die Gefahr einer weiteren Katastrophe ist hingegen nicht gebannt. Jüngste Studien prognostizieren den Ort des bevorstehenden Großbebens Japans nahe der Präfektur Fukushima. Die starke Erschütterung vom 11. März vergangenen Jahres erzeugte einen Spalt in der Erdkruste, der sich mit Flüssigkeit füllt und die Bruchstücke weiter auseinander treibt. Experten befürchten dadurch ein weiteres Großbeben mit der Stärke 7. Abgesehen von den Kernkraftwerken ist die potentielle Opferzahl trotz geringerer Intensität nicht zu unterschätzen, da das bevorstehende Beben näher an bewohnten Gebieten vermutet wird, als das Seebeben von Tôhoku.

Deutsche und japanische Wissenschaftler unternehmen vom 8. März bis zum 6. April 2012 eine Expedition mit modernen Tauchfahrzeugen, um den Meeresboden nach dem Starkbeben genauer zu analysieren. Hintergrund der Expedition wird es sein, Messanlagen auf dem Meeresgrund zu installieren, um Informationen über die Entstehung und den Verlauf von Großbeben zu erhalten. Zum Einsatz kommt außerdem ein Tauchroboter, der ein exaktes Profil des Meeresbodens erstellen wird. Die Auswertung erfolgt mit vergangenen Messungen japanischer Forscher aus den Jahren 1999 und 2004. Der Vergleich der Profile und Daten soll zeigen, welche Veränderungen derartig starke Beben bewirken.

Das Deutsche Institut für Japanstudien konzentrierte sich mit einer Umfrage auf die Einwohner Japans und deren Vertrauen in Politik und Medien. Befragt wurden 1.600 Japaner der Metropole Tokio und im Nordosten des Inselstaats. Die größte Sorge der Bewohner der Region Tôhoku besteht in der Befürchtung eines weiteren Bebens und der Ungewissheit vor radioaktiver Strahlung. Hinzu kommt das Misstrauen, welche Lebensmittel ohne Bedenken gegessen werden können. Ein Armutszeugnis stellt die Befragung zum Vertrauen der Gesellschaft in die japanische Regierung dar. Gerade einmal sechs Prozent der Japaner trauen den Informationen der Regierung über den Atomunfall. Nur fünf Prozent sind es, die den Angaben der Betreiberfirma TEPCO Glauben schenken. Das Vertrauen in die japanischen Medien musste ebenso leiden. Aktuell verlassen sich 13 Prozent auf die Berichterstattungen. Im Jahr 2009 war dieses Vertrauen mit 24 Prozent fast doppelt so hoch, doch sollte nur ein Viertel der japanischen Einwohner bereits zu Bedenken geben. Besonders hart trifft es die älteren Generationen der Japaner. Haben sie Jahrzehnte lang ihrer Regierung vertraut, stellte die Katastrophe und die desaströse Informationspolitik ihre Einstellung zur Politik auf den Kopf. Ihr Vertrauen in die Regierung liegt aktuell unter dem Durchschnitt. Das Vertrauen schlug sprunghaft in Misstrauen um. Des Weiteren konnte die Umfrage ein erhöhtes Interesse der Jugend Japans in die Politik des Landes belegen. Gerade die persönlich Betroffenen engagieren sich lokal für die Interessen der Gesellschaft, was mitunter in Protestbewegungen zum Ausdruck kommt.

Von über 1000 Notunterkünften ist den Anwohnern der Sperrzone um Fukushima I nur noch eine geblieben. Eine ehemalige Schule der Stadt Kazo in der Präfektur Saitama beherbergt etwa 500 Bewohner, von denen 40 Prozent das 65. Lebensjahr überschritten haben. Die Notunterkunft befindet sich etwa 200 Kilometer von dem Kraftwerk entfernt. Die ehemalige Heimatstadt Futaba liegt innerhalb des Sperrgebiets, weshalb die Notunterkunft noch lange Bestand haben wird. Die Notunterkunft beherbergt auch die Verwaltung Futabas und den Bürgermeister. Dieser hatte dafür gesorgt, die Einwohner Futabas an einem gemeinsamen Ort unterzubringen. Die Stadt Kazo ist vorerst das neue zu Hause der Betroffenen. Wenige Wochen nach der Katastrophe nahmen mehr als 100.000 Japaner von den Notunterkünften Gebrauch. Hierzu zählten Turnhallen und Schulen, in denen die Japaner auf engem Raum miteinander auskommen mussten, aber auch von der Regierung finanzierte Hotels. Die Errichtung von Fertighäusern sorgte bereits Ende letzten Jahres für die Auflösung der Notunterkünfte. Was aus den ehemaligen Bewohner Futabas geschieht, ist bisher nicht geklärt.

Zur gleichen Zeit wurden die Sicherheitsmaßnahmen der Arbeiter in Fukushima I gelockert. Indem man kleinere Atemschutzmasken mit Staubfiltern austeilt, verzichtet man seit dem 1. März auf die schweren Gesichtsmasken mit Aktivkohlefilter. Begründen möchte Tepco die Entscheidung mit einer gesunkenen radioaktiven Belastung der Luft. Selbst auf die Ganzkörperschutzkleidung aus Plastik wird verzichtet, sodass normale Arbeitskleidung wieder zum Alltag der Arbeiter gehört. In gefährdeten Bereichen des AKWs sind Schutzkleidung und schwere Atemmasken noch immer obligatorisch.

Abseits der Schutzbekleidung der Arbeiter von Fukushima sehen sich TEPCO und Regierung mit dem Problem der kontaminierten Gebiete um Fukushima Daiichi konfrontiert. Im letzten Jahr begannen die Arbeiten, Erde rund um das betroffene Gebiet abzutragen. Die Behörden gehen von 28 Millionen Kubikmeter aus, wofür fünf Quadratkilometer als Lagerstätte benötigt werden. Derzeit greift man auf Zwischenlager zurück, auch wenn Kritiker bei diesen provisorischen Lagern von Endlagerstätten ausgehen. Die Dekontamination der 20-Kilometer-Sperrzone beginnt ab April. Man hofft, die evakuierte Bevölkerung in Zukunft wieder in ihre Heimat zurückzuholen. Für die benötigten vier Quadratkilometer sollen die etwa acht evakuierten Gemeinden aufkommen. Dieser Plan stößt auf Gegenwehr bei den Bürgermeistern der Gemeinden. Sie können und wollen der Regierung nicht trauen. Nach ihrer Meinung wurden sie nicht gefragt.

Quellen: Japanmarkt | Asienspiegel

TEPCO – Teil 1: Die Hintergründe langjähriger Verschwiegenheit

Bringt man den Namen TEPCO ins Gespräch fallen die Worte Fukushima, Atomkraft und Misstrauen auf den nächsten Augenblick, während  die Verflechtung von Politik, Wirtschaft und großzügigem Risikomanagement assoziiert wird. Kein anderes Unternehmen schaffte es im letzten und in diesem Jahr für so viel Gesprächsstoff, der nicht durch Ruhm, Engagement und Innovation geschuldet war. Die Aktiengesellschaft als größtes Energieversorgungsunternehmen Japans, mit vollem Name „Tokyo Electric Power Company“, wird auch heute noch von den Medien aufgegriffen, um ein Vorzeigebeispiel für Verantwortungslosigkeit und desaströser Informationspolitik zu erzeugen.

Ein Foto des Kohlekraftwerks Senjû in den 1940ern. (Quelle: Japanese book "Archives for the Tokyo downtown area 100 years" published by Life Information Center.)

Doch TEPCOs eigentümliche Firmenpolitik wurde nicht erst durch den nuklearen Unfall von Fukushima I bekannt. Bereits Jahre zuvor fiel der Konzern immer wieder im Schatten der Medien durch Vertuschungen und Unglaubwürdigkeit auf, konnte sein Gesicht allerdings über Jahrzehnte hinweg wahren. Das „Tôhoku-Beben“ bildet letztendlich den Katalysator. Eine Vielzahl begieriger Medienunternehmen stürzten sich auf den Energieversorger und stimmten in einer gemeinsamen Parole ein, dem Unternehmen sei nicht zu trauen. Der 11. März legte damit den Grundstein, die Fehler der Unternehmensleitung weltweit zu offenbaren und sich über die Grenzen Japans auszuweiten.

Dabei wurde zur Gründung des Unternehmens am 11. Mai 1951 eine solide Ausgangsbasis geschaffen, die dem Energiekonzern auch mit genügend Transparenz zu positivem Glanz verholfen hätte. Kurz vor dem 2. Weltkrieg wurden alle stromerzeugenden Betriebe Japans verstaatlicht und im Verlaufe des Krieges zu neun großen Staatsunternehmen zusammengefasst. Als sich nach der Kapitulation Japans die Besatzungsmächte für eine neue politische Struktur aussprachen, folgte im Mai 1951 die Privatisierung der Unternehmen. Ausgestattet mit regionalen Monopolen lag es nun in der Hand dieser neun Unternehmen, ihr Land mit Energie zu versorgen. TEPCO selbst gewann im Laufe der Jahre die Oberhand und zählt bis vor der Katastrophe 2011 zu den weltweit umsatzstärksten Unternehmen, die sich gar den 136. Platz unter den Fortune 500 erkämpften.

So ist es fast überflüssig, den Konzern als größten Energieproduzenten Japans darzustellen, der 27 Prozent des Energiebedarfs seines Landes deckt. Insbesondere die Metropole Tokio zählt zu seinem Zuständigkeitsbereich, womit 45 Millionen Menschen auf den Energielieferanten angewiesen sind – mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung Japans. Seit 2009 zählt die Tokyo Electric Power Company 160 Wasserkraftwerke und 25 Verbrennungskraftwerken durch Öl, Kohle und Erdgas, sowie je ein Geothermie- und Windkraftwerk denen eine vergleichsweise marginale Rolle zukommt. Nicht zu vergessen die Technologie, die das Unternehmen ohne deren Verwendung vermutlich in ein positiveres Licht gerückt hätte: Die drei Kernkraftwerke Fukushima Daiichi, Fukushima Daini und Kashiwazaki-Kariwa mit insgesamt 17 Atomreaktoren.

Der Hauptsitz TEPCOs in Tokio, aufgenommen im April 2007. (Copyright © PON, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Spätestens im August 2002 drangen erstmals Dokumente an die japanische Öffentlichkeit, die den Schein TEPCOS, als sicheres und glaubwürdiges Unternehmen aufzutreten, stark trübten. Die japanischen Medien sprachen von gefälschten Berichten, bewusst verzögerten Reparaturen und dem Nichterfüllen gesetzlich vorgeschriebener Meldungen von Störfällen. Mindestens 16 Jahre schafften die Verantwortlichen TEPCOs, das mediale Aufbegehren gegen den Energieversorger zu unterbinden. Nach der Enthüllung wurden Ämter neu besetzt, die nur wenig der unterdrückten Meldepflicht entgegensetzen konnten. So wurden mindestens sechs Notabschaltungen und eine siebenstündige kritische Reaktion in Block 3 von Fukushima I verschwiegen. Ein Schaden durch Erdbeben und mangelnde Wartung folgte auf den nächsten, ein routinierter Test führte im Mai 2008 in Block 6 zum Ausfall mehrerer Kühlsysteme und als am 1. März 2011 die japanische Atomaufsichtsbehörde (NISA) eine Inspektion initiierte, kamen weitere Übel zutage, die sich in mangelnden Kontrollen technischer Geräte über Jahre hinweg äußerte. Sie bildeten den Ausgangspunkt für die nukleare Katastrophe.

Nehmen wir uns an dieser Stelle die Zeit und überdenken die Frage, ob TEPCO ohne Atomkraft diesem Desaster entgangen wäre. Da sich bei einer kurzen Recherche ausschließlich Störfälle innerhalb der atomaren Kraftwerke finden lassen und diese Technologie als weitaus komplexer und damit risikoträchtiger als andere Kraftwerke angesehen wird, folgt eine klare Antwort: Ohne Atomkraft hätte sich TEPCO als Energielieferant besser verdient gemacht. Doch trifft es angesichts der Sicherheitsmängel einzig dieses Unternehmen? Es müsste nahezu als „Glückstreffer“ gewertet werden, dass gerade dieses Unternehmen von einer Katastrophe dermaßen herausgefordert wird, dass es Störfälle nicht mehr verheimlichen kann. Bei weiterer Recherche lässt sich allerdings feststellen, dass TEPCO keine Ausnahme in Sicherheitsmängeln und mangelnder öffentlicher Aufklärung bildet. Stünde Fukushima Daiichi unter der Verwaltung eines anderen Energiekonzerns Japans, so hätten sich voraussichtlich dieselben dramatischen Stunden abgespielt und nicht TEPCO, sondern KEPCO, Hokuden und die Namen anderer Konzerne stünden in den Schlagzeilen der letzten Monate.

Das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi im Jahr 2007. (Copyright © KEI, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Die Sicherheitslücken der Tokyo Electric Power Company dürfen an dieser Stelle nicht vernachlässigt werden, denn zählt man die Stör- und Unfälle der Kraftwerke anderer Betreiber zusammen, bildet TEPCO noch immer die oberste Spitze. Handelt es sich nun um ein japanisches Phänomen? Können wir diese Haltung mit den einfachen japanischen Stereotypen Verschwiegenheit, Intransparenz und übermäßigem Stolz vereinbaren? In keinerlei Hinsicht, denn Störfälle sind ein weltweites Phänomen von Atommeilern, von denen sich jeder allzu gerne der Verantwortung entziehen möchte. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Die finanziellen Interessen überwiegen; und nehmen wir stichprobenartig ein deutsches Atomkraftwerk, so füllen die Störfälle bereits eine ganze Seite.

Dieser Absatz möchte zeigen, dass man in Sachen Sicherheitsbedenken und Verantwortungsentzug nicht einzig japanische Unternehmen und TEPCO einzukreisen hat. Dennoch lässt dieser Abschnitt vorerst keine weiteren Schlussfolgerung angesichts der verhältnismäßig kurzen, stichprobenartigen Recherche zu.