TEPCO erwägt die Wiederinbetriebnahme der Fukushima-Reaktoren

Die Arbeiten an den beschädigten Reaktoren von Fukushima I und II gehen weiter voran. Während die Reaktoren von Fukushima Daiichi gesichert werden, ging die Öffentlichkeit noch 2011 davon aus, dass auch Fukushima Daini aufgegeben wird. Der Rückbau des Meilers wurde trotz seiner verhältnismäßig geringen Beschädigung auch vom Gouverneur der Präfektur Fukushima begrüßt. „[…] die Präfektur Fukushima will sich von der Atomkraft verabschieden: Mit Rücksicht auf die Betroffenen setzt sich der Gouverneur für den Rückbau aller zehn Reaktoren in den Komplexen Daiichi und Daini ein“, schrieb Japanmarkt noch im Dezember. Kurze Zeit später wurde Fukushima II erstmals den Medien zugänglich gemacht, sodass sich die Öffentlichkeit am 8. Februar 2012 selbst ein Bild von den Bauarbeiten am Kraftwerk machen konnte. Nach weiteren Monaten entschied sich TEPCO allerdings, den Meiler wieder instand zu setzen.

Der Hauptsitz TEPCOs in Tokio, aufgenommen im April 2007. (Copyright © PON, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Bis zum Frühjahr 2013 sollen die Reparaturarbeiten inmitten der Sperrzone andauern, um das Kraftwerk gegebenenfalls an das Stromnetz anzuspeisen. Die vier Reaktoren des Kraftwerks liegen 12 Kilometer südlich von Fukushima Daiichi und wurden 1982 in Betrieb genommen. Grund genug für TEPCO, das Kraftwerk wieder in Betrieb zu nehmen, um die zwei Milliarden Euro Restwert nicht ungenutzt zu lassen. Das japanische Wirtschaftsministerium begrüßt den Vorschlag, ohne die hohen Rückbaukosten aus dem Auge zu verlieren, obwohl die Lokalregierung der Präfektur Fukushima sich Monate zuvor für die Stilllegung aussprach. Im Wiederaufbau-Plan der Präfektur ist bereits von einem Abbau der Kraftwerke die Rede.

Trotz der möglichen Wiederinbetriebnahme beabsichtigt TEPCO, die Strompreise zu erhöhen. Seine Begründung findet der Konzern in den hohen Unterhaltskosten des Meilers, die jährlich bis zu 900 Millionen Euro verschlingen. In die Kosten werden auch die Reaktoren 5 und 6 von Fukushima Daiichi einbezogen, die während der Katastrophe aufgrund ihrer Abgeschiedenheit zu den Reaktoren 1 bis 4 wenig Schaden nahmen. Ein Neustart dieser Reaktoren könnte im Angesicht der massiven Protestbewegungen eine Herausforderung für den Kraftwerksbetreiber werden. Dieser gibt sich bisher recht unentschlossen. „Über das Schicksal der Anlage in Daini sei noch nicht entschieden, erklärte Tepco-Präsident Naomi Hirose in dieser Woche.
Dafür werde man ’nationale und lokale Meinungen hören‘, zitiert ihn Japanmarkt und verweist auf ein anderes Motiv TEPCOs. Noch steht das weltweit leistungsfähigste Kraftwerk Kashiwazaki-Kariwa außer Betrieb, doch mit den beiden Fukushima-Kraftwerken als bittere Alternative, ist die Wiederinbetriebnahme des Komplexes in der Präfektur Niigata umso wahrscheinlicher.

Das Atomkraftwerk Fukushima Daini, aufgenommen im Mai 2009. (Copyright © KEI, Lizenz: CC BY 3.0)

Das Kraftwerk Fukushima II wurde ebenfalls von den beiden Naturkatastrophen überrascht und hatte Mühe, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Zwar spricht die japanische Atomaufsichtsbehörde (NISA) in beschönigenden Worten von keinerlei beunruhigenden Schäden, doch konnte eine weitere Kernschmelze nur durch Glück überwunden werden. Eine einzige funktionierende Stromquelle hatte damals verhindert, dass der Meiler dasselbe Schicksal wie Fukushima I teilt. Die Arbeiten an Fukushima II nehmen momentan auch ohne der Gewissheit ihren Lauf, dass das Kraftwerk jemals wieder in Betrieb genommen wird. Bis die Entscheidung fällt, bleibt der Schutzanzug der Arbeiter weiterhin Routine, denn trotz seiner geringen radioaktiven Strahlung befindet sich das Kraftwerk innerhalb der Sperrzone.

Quellen und weiterer Lesestoff:

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Fukushima – Das Atomdesaster „Made in Japan“

„Das Desaster war vorhersehbar und vermeidbar“, heißt es in dem aktuellen Untersuchungsbericht der Parlamentskommission, die das Unglück vom März 2011 noch einmal aufarbeitete. Ein Team aus Wissenschaftlern setzte sich zusammen mit Politikern und Journalisten sechs Monate lang mit der Fukushima-Katastrophe auseinander und überprüfte das Krisenmanagement TEPCOs und die Folgen von Erdbeben und Tsunami. Aus über 900 Stunden an Anhörungen und 1000 Interviews wurde diese Woche der 641-seitige Abschlussbericht der Öffentlichkeit präsentiert. Das Ergebnis lieferte nun Schwarz auf Weiß die Gewissheit, dass die Naturkatastrophe geringere Auswirkungen auf die Reaktoren gehabt hätte, wenn TEPCO und Regierung ausreichende Vorbereitungen unternommen und die Behörden ihre Funktion als Aufsicht wahrgenommen hätten.

Das Logo der Nuclear Accident Independent Investigation Commission (NAIIC) mit dem japanischen Parlament als Piktogramm.

„Eine Vielzahl an Fehlern“ und „vorsätzliche Fahrlässigkeiten“ waren der Ausgangspunkt, der die Naturkatastrophe zu einer atomaren Katastrophe werden ließ. „Der folgende Unfall war […] offensichtlich von Menschenhand verursacht», zitiert die Yomiuri Shimbun den Bericht. Die Verantwortung hat nicht allein der Konzern TEPCO zu tragen, sondern das System der dichten Vernetzung von Atomaufsicht, Kraftwerksbetreiber und Regierung. Durch die Kooperation von Bürokratie, Wirtschaft und Politik war eine Aufsicht faktisch nicht vorhanden. „Auch wenn dieses Geständnis sehr schmerzhaft ist – dieses Desaster ist ‚Made in Japan'“, erläuterte der Vorsitzende der Kommission, Kiyoshi Kurokawa, in seiner Stellung als Arzt und zugleich langjähriger Berater der Regierung.

Von der Expertenkommission gefordert wird nun eine Anpassung an internationale Standards zur permanenten Überwachung der Atomindustrie Japans. „Die Behörden müssten ihre insulare Sichtweise aufgegeben und die weltweiten Standards für Sicherheit, Gesundheit und Wohlfahrt erreichen. Die derzeitigen Gesetze dienten der Förderung der Atomkraft und nicht der öffentlichen Sicherheit“, schreibt Japanmarkt.

Schon Monate zuvor drang der Trugschluss TEPCOs an die Öffentlichkeit, das Unternehmen habe wenig bis keine Sicherheitsvorkehrungen für derartige Naturkatastrophen getroffen, da es die Gefahr einer Kernschmelze durch Naturereignisse nicht ernst nahm. Nach dem Abschlussbericht verabschiedete sich auch der letzte Trumpf TEPCOS, die eigenen Kraftwerke seien erdbebensicher, da die Nuklearkatastrophe allein dem Tsunami geschuldet sei. Sowohl das Beben, als auch der Tsunami beschädigten die Reaktoren so sehr, dass die dritte Katastrophe unausweichlich war.

Das zerstörte Reaktorgebäude 3 des AKWs Fukushima Daiichi. (flickr/IAEA)

Bis heute existiert die Sperrzone im Umkreis von 20 Kilometern um das Kraftwerksgelände, nachdem in drei Reaktoren eine Kernschmelze stattfand und weite Teile der Küstenregion der Präfektur Fukushima kontaminiert wurden. Über 80.000 Menschen können nicht mehr in ihre Heimat zurück. In den Monaten nach dem 11. März 2011 gruppierten sich zahlreiche Atomkraftgegner in Japan und brachten eine neue Anti-Atomkraft-Bewegung hervor. Ihren Höhepunkt fand sie in den vergangenen Tagen in Tokio mit einem Massenprotest, der etwa 150.000 Menschen zählte und gegen die Wiederinbetriebnahme des AKW Oi in der Präfektur Fukui demonstrierte. Es ist das erste und vorerst einzige Atomkraftwerk in Japan, dass zur Stromerzeugung wieder hochgefahren wurde.

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