Masataka Shimizu und die Angst vor der Verantwortung

Von der japanischen Öffentlichkeit verachtet und von Politikern gemieden, hält sich Masataka Shimizu als einstiger Präsident TEPCOS im Hintergrund bedeckt. Seine Glanzzeit bei einem der wirtschaftlich stärksten Energieunternehmen Japans ist abgelaufen und wurde mit dem Tôhoku-Beben besiegelt. Spätestens seit seinem Austritt aus dem Energiekonzern am 20. Mai 2011, zusammen mit anderen hochgradigen Managern TEPCOS, wird Shimizu in Schande leben müssen. Unter seiner Führung zog das Unternehmen den Inselstaat Japan mit dem Atomkraftwerk Fukushima Daiichi ins Verderben. Seine Tage als verlässliche Führungskraft sind gezählt. In den Köpfen der Japaner hat er sich verewigen können, doch sein Name wird nur noch dann fallen, wenn die dramatischen Ereignisse des 11. März erneut aufgerollt werden.

Masataka Shimizu während eines Interviews zur Unternehmenspolitik TEPCOs am 14. Dezember 2010. (Copyright © TEPCO)

Noch während eines Interviews vom 14. Dezember 2010 zur Unternehmenspolitik TEPCOS hätte er sich nicht träumen lassen, nur drei Monate später eine solche Krise durchleben zu müssen. Damals sprach er noch in großen Tönen von der „2020 Vision“ TEPCOS und warb mit dem Slogan „Itsumono denki, Motto Sakie“ [zu Deutsch: „Mit gewöhnlicher Energie in Richtung einer besseren Zukunft“] für den Energiekonzern. Beinahe ironisch, einer Farce gleichend, lesen sich die Worte des ehemaligen Wirtschaftsbosses. So spricht er etwa davon, mehr Wert auf das Vertrauen der Gesellschaft in TEPCO zu legen. „Die TEPCO Group wird immer derselbe zuverlässige Energiekonzern sein, während wir Fortschritte zugunsten einer besseren Zukunft machen.“

Nette Worte, die er als einstiger Chef der PR-Abteilung TEPCOs nur allzu gut zu wählen wusste. Sein umworbener „2020 Vision Plan“ betonte unablässig die Erzeugung von kostengünstigem, umweltfreundlichem Strom und das Vertrauen der Öffentlichkeit in den Konzern. Bei diesen edlen Vorsätzen stand die eigene Wirtschaftlichkeit an oberster Stelle, während das eigentliche Vertrauen mehr und mehr darunter litt. Nicht umsonst war Masataka Shimizu als Cost Cutter bekannt, der die Unternehmenskosten unablässig zu senken versuchte. Kapitalintensive Sicherheitsvorkehrungen wurden abgewiesen, denn das Unternehmen wollte wachsen und seine Monopolstellung als Stromerzeuger und -verteiler für den Großraum Tokio weiter ausbauen.

Seit Jahrzehnten ist Shimizu Teil des Unternehmens. Bereits im Jahre 1968 trat er mit 22 Jahren TEPCO bei und stieg kontinuierlich in der Hierarchie des Energiekonzerns auf. Ab 2006 übernahm er die Stelle des Vize-Präsidenten und rückte 2008 nach ganz oben. Sein Vorgänger Tsunehisa Katsumata musste sein Amt niederlegen, als TEPCO gerade in einem seiner zahlreichen Skandale verwickelt war. Eine übliche Praktik, die 2011 seinen Höhepunkt fand. Trotz vorheriger Skandale, die statt einer Ausnahme bereits zur Unternehmensroutine wurde, setzte die Katastrophe dem damals 66-Jährigen gewaltig zu. Von der Bildfläche verschwunden, rätselten Medien und Politiker über seinen Zustand. Nach ersten Vermutungen einer Landesflucht oder dem Freitod gab das Unternehmen bekannt, der Präsident leide an Kreislaufproblemen und wäre nicht für öffentliche Stellungnahmen zu gewinnen. Seine Flucht vor der Verantwortung hinterließ starke Narben.

Es war eine Schuld, der er sich zum Großteil selbst verantworten musste. Als Präsident traf er die Entscheidungen zu Einsparungen und nachlässiger Sicherheit. Japan konnte den Rückzug Shimizus aus der Öffentlichkeit nicht nachvollziehen. Der Mann, dessen Unternehmensstrategie mitunter zu der Katastrophe führte, entzog sich seiner Verantwortung, während Premierminister Naoto Kan in Kürze einen Krisenstab unter eigener Führung einrichtete. Nach einmonatiger Abwesenheit trat Masataka Shimizu wieder öffentlich auf. Viel zu sagen hatte er nicht, konnte er nicht. Wichtig waren allerdings die vier Worte „Ich übernehme die Verantwortung“, die Japan noch einmal kurzzeitig aufhorchen ließen. Er verneigte sein Haupt vor laufender Kamera während einer Pressekonferenz, doch seine Buße kam viel zu spät. Zu lange hatte er sich der Verantwortung entzogen. Für Japan ein unentschuldbares Vergehen.

Masataka Shimizu (2. v. l.) und andere Mitglieder TEPCOs verneigen sich öffentlich im Angesicht ihrer Schuld. (Copyright © The Oregonian)

War es Angst, die den Cost Cutter so sehr unter Druck setzte? Angst vor der Öffentlichkeit, den hasserfüllten Blicken und der Trauer eines ganzen Landes? Mit Weisheiten ließ er jedenfalls nicht geizen. Neben seiner hohen Position bei TEPCO begleitete er auch das Amt des Vize-Präsidenten von Keidanren. Jenem Wirtschaftsverband, der die einzelnen Unternehmen Japans zusammenhält. Er gilt als stark konservativ und versucht nach eigener Überzeugung, das Wirtschaftswachstum Japans und die Kooperation der Konzerne zu fördern. Masataka verkündete in dieser Position, Kommunikation sei zum Überleben wichtig. Eine Aussage, die nicht nur wir an dieser Stelle gerne auf die Goldwaage legen, denn Kommunikation und Transparenz ließ der Energiekonzern bereits vor 2011 erheblich missen. Masatakas Lebensmotto lautet „Achte auf das, was unter deinen Füßen liegt“, eine Weisheit des Zen-Buddhismus, die er sich zunutze macht. Für ihn heißt es Weitsichtigkeit, um selbst bei extremen Situationen nicht den Überblick zu verlieren. Eine noble Einstellung die allerdings so weit nicht reichen konnte. Weitsichtigkeit heißt, Fehler und Gefahren im Voraus zu erkennen. Die Vermeidung dieser schloss Masataka anscheinend nicht ein. Nun ist er ein gefallener Mann, dessen Präsens zum Gedenktag der Katastrophe von TEPCO verschwiegen wird. Das Unternehmen hat Ersatz gefunden – Toshio Nishizawa. Als Präsident TEPCOs lässt sich erahnen, dass auch er an der Tradition des Unternehmens festhalten wird.

Quellen:

TEPCO: „Announcement of Changes of Directors“
Keidanren: „Watch your Step“
Spiegel: „Zorn auf Mr. Unsichtbar“
N-TV: „Versagt, abgetaucht, zurückgetreten“

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