Zwischen Millisievert und Atemmaske

Gegen sechs Uhr in der Früh aufstehen. Zwischen sieben und acht Uhr die erste Besprechung. Ab acht Uhr eine längere Pause für die erste Mahlzeit des Tages, bestehend aus etwas Gebäck und einer Flasche Gemüsesaft. Um zehn Uhr heißt es dann anpacken, um die Kühlung der Reaktoren aufrechtzuerhalten. Gegen 17 Uhr ruft die zweite und letzte Mahlzeit des Tages. Erneut bleiben zwei Stunden für den Verzehr von etwas Reis und Konserven. Vorsichtig werden die Lebensmittel verzehrt, um sie nicht mit der Schutzkleidung zu kontaminieren. Es wird neue Kraft geschöpft, doch lange Zeit zum Ausruhen ist nicht in Sicht. Um 20 Uhr eine weitere Besprechung. Wie kommen wir voran? Was muss getan werden? Die Nachtschicht beginnt. Der andere Teil der Arbeiter darf endlich Abschied nehmen, dem Chaos entfliehen. Die Augen schließen vor der Katastrophe. Eingerollt in einem Tuch, das notdürftig als Decke herhalten muss, verbringen sie die Nacht auf dem Boden zusammen mit ihren Kollegen auf engstem Raum.

Ein Auszug wie aus einer Kriegsszene: Der Ausnahmezustand in Fukushima, der routinierte Tagesablauf der Fukushima 50. Doch es sind nicht nur die Menschen, die zwischen Ehre und Zwang ihr Leben aufs Spiel setzen. Rund 1000 Ingenieure, Feuerwehrleute und andere Helfer schlossen sich bis zum 23. März 2011 der ursprünglichen Aufstellung der Fukushima 50 an, um das tragische Schicksal von Fukushima Daiichi abzuwenden. Die Gefahr der radioaktiven Kontamination war immer präsent. Die Strahlung auf dem Gelände der Reaktorblöcke erreichte Höchstwerte, die die Gesundheit der Arbeiter herausforderte. Die größte Gefahr stellte das Innere der Blöcke dar, deren Strahlung die Skala der Messgeräte sprengte. In kleine Gruppe aufgeteilt versuchten die Arbeiter abwechselnd die Reaktoren zu stabilisieren, um nach 15 Minuten das nächste Team in die dunkle Hölle zu schicken. Angst vor Verstrahlung, stetige Dunkelheit und die beiden Wasserstoffexplosionen in den Reaktorblöcken zerrten genauso an den Nerven der Arbeiter, wie die kräftezehrenden Wege durch die Trümmer der Reaktoren unter schwerer Schutzkleidung und Atemmaske. War eine Schicht vorbei, winkten rationierte Mahlzeiten und kaltes Wasser.

Ihr Aufgabe war es, die Meiler mit Meerwasser zu versorgen, um die Kühlung aufrechtzuerhalten. Die Theorie war simpel, umso schwieriger die Praxis. Durch Beben und Tsunami wurden Teile des Kraftwerksgeländes auf den Kopf gestellt. Geräte, Werkzeuge und Löschmittel wurden zur Mangelware. Doch nicht ausschließlich, weil sie von den Wassermassen erfasst wurden, sondern weil TEPCO keine Vorsorge traf. Blind hatte sich das Unternehmen auf seine milden Prognosen verlassen und war nicht auf den Ernstfall vorbereitet.

Millisievert-Strahlenwerte im Vergleich. (Copyright © Spiegel Online)

Es mangelte an allem, nicht nur materiell, sondern auch an der Erfahrung der Arbeiter. Weder Dosimeter zum Ablesen der aktuellen Strahlung, noch die Anzahl verlässlicher Sicherheitsstiefel waren ausreichend, um den Helfern genügend Schutz zu bieten. Augenzeugen berichten von der Leichtsinnigkeit mancher Arbeiter, die mit Klebeband und Plastiktüte ihr Schuhwerk abbanden oder mit blanken Arbeitsschuhen durch die kontaminierten Wassermassen wateten. Die Folge waren schwere Verletzungen durch Verstrahlung. So glich es fast Spott, als das japanische Gesundheitsministerium die Obergrenze der jährlichen Strahlenbelastung von 100 auf 250 Millisievert erhöhte. Die festgesetzte Grenze der Internationalen Strahlenschutzkomission (ICRP) von 100 Millisievert war nicht ausreichend, um der Lage in Fukushima Herr zu werden. Dabei führt eine Dosis von 250 Millisievert bereits zu akuten Strahlenerkrankungen, schädigt die Körperzellen und lässt das Krebsrisiko exponentiell in die Höhe schießen. Ohne Erhöhung der Grenze wäre es womöglich zum Abzug der Arbeiter aus dem Gefahrenbereich gekommen. Die Krise hätte kaum überwunden werden können, wenn sich ein Großteil der Arbeiter nicht diesem Risiko ausgesetzt hätte. Doch die Erhöhung wollen wir dadurch nicht gut heißen. TEPCO kann sich von seiner Schuld nicht freisprechen.

Video:

BBC: „Firefighters‘ key Fukushima mission“
BBC: „Inside crippled Fukushima plant“

Weiterer Lesestoff:

Spiegel: „Wir brauchen jede Weisheit“
Stern: „Japanischer Jobbewerber unfreiwillig am Akw Fukushima eingesetzt“
Asienspiegel: „Überarbeitung im AKW Fukushima“
Asienspiegel: „Die trügerische Ruhe in Fukushima“
ABC News: „Outpouring of Tears and Prayers for Japan’s Heroes: The Fukushima 50“

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