Die Gesellschaft übt sich in Kritik – Protestsongs statt Protestmarsch

Protestbewegungen in Japan wachsen nur langsam. Nicht nur die Regierung stellt sich öffentlichen Protesten in den Weg, auch der Großteil der Japaner verspüren kaum den Drang, öffentlich den Staat zu kritisieren. Zu konservativ ist die eigene Einstellung. Die Gesellschaft steht über dem Individuum. Was zählen da einzelne Meinungen und Bekundungen gegen Atomkraft? Der Protest findet daher nicht nur auf der Straße statt. Seit Tschernobyl und Fukushima findet der Protest seine Basis in den Texten von Bands und einzelnen Musikern. In einem sind sie sich einig: Der Staat braucht Transparenz.

Der Anti-Atomkraft-Song „You can’t see it, you can’t smell it“ ist eine Kooperation des japanischen Reggae-Musikers Rankin Taxi und der Dub Ainu Band. Die Band des japanischen Musikers Oki Kano sorgt für die musikalische Unterstützung, während sich Rankin Taxi dem Text widmete. Dieser kritisiert in skurriler, fast unterhaltender Weise die japanischen Regierung. Der Song tadelt die Regierung, Atomenergie für sicher erklärt zu haben, ohne die Einwohner Japans über die Folgen ausreichend aufgeklärt zu haben. Mehrfach wird in dem Video die unsichtbare Gefahr von Atomkraft und die Auswirkungen nach der Katastrophe von Fukushima veranschaulicht.

Auch die japanische Popkultur setzt sich mit dem Thema Atomkraft und deren Risiken auseinander. Das untere Video zeigt eine Band, die durch kindliche Choreografien im japanischen Schuldmädchen-Outfit nicht auf jedermanns Geschmack stößt. Das Thema, das die fünf Mädchen aufgreifen, steht der Präsentation des Songs allerdings im krassen Gegensatz. Kritisch äußern sie sich zu der riskanten Technologie bei einem Musikgenre, dem solche Themen kaum zuzumuten sind. Mehr Informationen lassen sich bei der Textinitiative Fukushima finden.

Es folgen drei weitere Songs, deren Musiker im Westen meist unbekannt sind, der japanischen Gesellschaft jedoch einen kritischen Charakter verleihen. Protestbewegungen in Japan sind selten, da sie von der Regierung unter Druck gesetzt und stark behindert werden. Die Musiker entdecken ihre Form des Protests im Schreiben neuer Songs mit kritischem Inhalt. Durch die Aufnahme dieser Titel in ihr Programm erreichen sie bei Konzerten mehr Hörer, als auf den Straßen der Städte Japans auf taube Ohren zu stoßen. Den Songs wurde eine deutsche Übersetzung angefügt, um sich auch als Person ohne Japanisch-Kenntnisse mit dem kritischen Inhalt auseinanderzusetzen. Die Übersetzung stammt nicht von Fukushima 24/7, sondern von dem engagierten Team der „Textinitiative Fukushima“. Eine Angabe der Quelle gibt es hinter jedem Video.

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Titel: „Summer Time Blues“ von Kiyoshirô Iwamano (1988) – Übersetzung

Der heiße Sommer kommt immer näher, alle sind unterwegs ans Meer.
Als ich im menschenleeren Meer schwamm, entdeckte ich ein Atomkraftwerk.
Ich kapier es einfach nicht: Wozu bloß? Kleines Japan, das ist dein Summertime Blues.

Glühende Flammen spucken die Schlote empor, die Tôkai-Beben kommen immer näher.
Trotzdem werden es mehr und mehr, werden weiter Atomkraftwerke gebaut.
Ich kapier es einfach nicht: Für wen bloß? Kleines Japan, das ist dein Summertime Blues.

Der eisige Winter kommt immer näher.
Du verlierst in letzter Zeit auch eine Menge Haar (das ist schon echt schlimm)
Trotzdem, im Fernsehen heißt es: „Die japanischen AKWs sind sicher.“
Ich kapier es einfach nicht: Alles aus der Luft gegriffen (Wo ist der Beweis?)
Das ist der allerletzte Summertime Blues.

Wir sollten auch noch einmal die Abkürzung AKWs überdenken.
Es ist ein schlechte Angewohnheit der Japaner alles abkürzen zu müssen.
Gibt es denn den korrekten Ausdruck Atomkraftwerk nicht? (Macht euch keine Sorgen)

Ich schufte mich ab, um meine Steuern zu zahlen,
und wenn ich dann doch mal im Urlaub aufs Land fahre, stehen da schon 37 neue Meiler rum
Die Atomkraftwerke werden immer mehr. Noch ehe wir es merken, leckt es.
Wie schrecklich, dieser Summertime Blues.

Atomkraft ist überflüssig, wir brauchen sie nicht mehr, nie mehr.
Atomkraft ist überflüssig, wir brauchen und wollen sie nicht mehr.
Atomkraft braucht keiner, sie ist gefährlich und unerwünscht.
Wir brauchen, brauchen und wollen sie nicht.
Brauchen, brauchen die nicht, denn Atomkraft ist so überflüssig.
Sinnlos und gefährlich.

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Titel: „Alles nur Lügen“ von Saito Kazuyoshi – Übersetzung

Läuft man durch diese Land, sieht man 54 Atommeiler.
In den Schulbüchern und Werbung heißt es „Die sind sicher“.
Sie haben uns belogen und nannten es „unvorstellbar“.
So vertraut dieser Himmel, so juckend der schwarze Regen.
Die ganze Zeit nur gelogen. Alles gelogen die ganze Zeit
Jetzt ist es doch raus gekommen, wirklich alles nur Lügen.
Atomkraft ist sicher.

Alles gelogen die ganze Zeit. Ich möchte so gern Spinat. Wirklich alles nur Lügen.
Habt ihr eigentlich überhaupt was gemerkt? Ihr kanntet die Lage, nicht wahr?

Die Strahlung weht unaufhaltsam im Wind.
Wie viele Menschen werden schon verstrahlt sein, ehe ihr es endlich merkt?
Liebe Regierung dieses Landes, gibt es außerhalb dieser Stadt noch irgendwo gutes Wasser?
Sagt uns wo! Ach schon gut. Kein Ort mehr, an den wir fliehen können.

Alles nur Scheiße! TEPCO, HEPCO, CECPO, KEPCO
haben zwar nicht immer gepennt, aber nur Scheiße erzählt!
Trotzdem wollt ihr so weitermachen!? Das war wirklich alles nur Scheiße!
Ich will irgendwas unternehmen. Alles waren alles nur Lügen. Alles war nur Scheiße.

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Titel: „Tschernobyl“ von The Blue Hearts (1988) – Übersetzung

Irgendwer zieht eine Grenze. Der Lärm bringt alles durcheinander.
Jemand starrt mich mit aufgerissenen Augen an hoch oben vom Himmel.
Ich will nicht nach Tschernobyl.
Dieses Mädchen möchte ich in die Arme schließen.
Ist es wirklich überall dasselbe?

In der Stadt im Osten regnet es. In der Stadt im Westen regnet es.
Im Norden am Meer regnet es. Im Süden auf den Inseln regnet es.
Ich will nicht nach Tschernobyl.
Dieses Mädchen würde ich so gern küssen…
Auf diesem so winzigen Planeten.
Wem gehört die runde Erde nun?
Wem gehört die alles vernichtende Flut?

In der Stadt im Osten regnet es. In der Stadt im Westen regnet es.
Im Norden am Meer regnet es. Im Süden auf den Inseln regnet es.
Ich will nicht nach Tschernobyl.
Dieses Mädchen würde ich so gern küssen…
Auf diesem so winzigen Planeten
Wem gehört die runde Erde nun?
Wem gehört die alles vernichtende Flut?
Wem gehört der Gegenwind?
Wem gehört der schöne Morgen?
Nach Tschernobyl – ah nach Tschernobyl – ah.
Nach Tschernobyl will ich auf keinen Fall.

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