Fukushima Daini – Glück und Ausdauer verhinderten die Kernschmelze

Erinnern wir uns an den 11. März zurück, prangerten in den Medien die Reaktorblöcke von Fukushima Daiichi auf Bildschirmen und dem Titelblatt der Zeitungen. Stunde um Stunde bangten wir um die Zukunft Japans nach einer solchen Krise und brannten uns das Bild des Kernkraftwerks ins Gedächtnis ein. Trotz seiner japanischen Herkunft ist „Fukushima“ ein Begriff geworden, der weltweit verstanden wird. Kaum 12 Kilometer südlich von Daiichi befindet sich das Kernkraftwerk Fukushima Daini (Fukushima 2). Mit vier leistungsfähigeren Reaktoren erzeugt es eine Energie, die den sechs Reaktoren des Unglückskraftwerks ebenbürtig ist. Heute steht es durch Inspektions- und Wartungsarbeiten, sowie zahlreichen Sicherheitstests still. Das gleiche Schicksal wie Daiichi teilt es nicht, doch von Schäden und ernsthaften Risiken blieb es nicht verschont.

Das Atomkraftwerk Fukushima Daini, aufgenommen im Mai 2009. (Copyright © KEI, Lizenz: CC BY 3.0)

Die Reaktoren fuhren auch hier durch die Erschütterung automatisch herunter, während die Wellen wenige Minuten später mit hoher Intensität auf das Gelände des Meilers peitschten. Durch die großen Wassermassen streikten die Kühlsysteme der Reaktorblöcke 1, 2 und 4. Vorbeugend richtete die Regierung um Fukushima Daini eine Evakuierungszone mit einem Durchmesser von 20 Kilometern ein, die fast vollständig von der 40 Kilometer im Durchmesser messenden Zone von Fukushima I umschlossen wurde. Allein die zusätzliche Sicherheitszone von Daini forderte 30.000 Anwohner auf, ihre Heimat für einen gewissen Zeitraum zu verlassen. Laut Betreiber TEPCO gelang es den Arbeitern, die Kühlsysteme seit dem 15. März 2011 wieder in Betrieb zu nehmen, sodass die japanische Atomaufsichtsbehörde (NISA) diesen Vorfall mit der INES-Stufe 3 („Ernster Störfall“) in den Akten verbannte. Ein Expertenteam der NISA besichtigte Anfang dieses Jahres die Anlage und beschönigte den Zustand von Fukushima Daini, es sei zu keinen schweren Schäden gekommen. Die Version des Kraftwerkleiters Naohiro Masusa wirft wie zu erwarten einen Schatten auf das Kraftwerk und unterscheidet sich nicht nur in den Details von dem Bericht der Behörde. Laut ihm wurde die Kernschmelze nur durch Glück überwunden. Was geschah in diesen vier Tagen?

Die Meerwasserpumpen wurden in Kürze von den Wassermassen erfasst. Aufgrund der defekten Kühlsysteme konnte der Druck innerhalb der Reaktoren von Fukushima 2 nicht mehr kontrolliert werden, sodass die Temperatur der Kühlflüssigkeit die zulässigen 100°C überschritt. Der Notstand wurde ausgerufen, da der Druck durch die Abgabe der kontaminierten Gase in die Umwelt gesenkt werden sollte. Ähnlich wie bei Daiichi gelangte der Wasserdampf der Druckbehälter in die Sicherheitsbehälter der Reaktorblöcke. Trotz des hohen Drucks habe man allerdings keine Gase in die Umwelt abgelassen, beteuerten die Behörden der Internationalen Atomorganisation IAEA. Naohiro Masusa ist hingegen fest überzeugt, dass das Unglück durch pures Glück und den Bemühungen der Arbeiter verhindert werden konnte. Die einzige noch funktionierende Stromleitung lieferte den Arbeitern während der Katastrophe Daten über Temperatur und Wasserstand der Blöcke. Anders als bei Daiichi, dessen Werte durch bloßes Abschätzen erhoben wurden. Da die Wasserpumpen und Stromaggregate versagten, mussten über eine Länge von neun Kilometern Kabel verlegt werden. Auf der Anlage befanden sich zu diesem Zeitpunkt 2.000 Arbeiter, die die Anlage wieder mit Storm versorgten. Am Freitagabend oder an einem Wochenende hätten sich nur 40 Arbeiter auf der Anlage aufgehalten. Am 15. März konnten die Arbeiter bereits den Cold Shutdown melden, bei dem die Reaktortemperatur auf unter 100°C heruntergekühlt wurde. Bis heute ist unklar, ob die Anlage nach deren Wartung wieder in Betrieb geht. Was sich mit Sicherheit sagen lässt ist, dass ohne die Katastrophe von Fukushima Daiichi andere Kraftwerke Japans in den Vordergrund gerückt wären.

Der Querschnitt eines Kernreaktors, wie er in Fukushima I und II verbaut wurde.

Der Atommeiler Fukushima Daini ist seit 1982 in Betrieb und versorgte Japan durch vier Siedewasserreaktoren mit Strom. Auch diese Anlage blieb von der verantwortungslosen Verwaltung TEPCOs nicht verschont. Im Jahr 2002 wurde die Fälschung von Berichten über 16 Jahre hinweg aufgedeckt. Um Kosten zu sparen, vernachlässigte TEPCO die Wartung der Anlage und setzte das Personal einem hohen Risiko aus.

Quellen:

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Die Gesellschaft übt sich in Kritik – Protestsongs statt Protestmarsch

Protestbewegungen in Japan wachsen nur langsam. Nicht nur die Regierung stellt sich öffentlichen Protesten in den Weg, auch der Großteil der Japaner verspüren kaum den Drang, öffentlich den Staat zu kritisieren. Zu konservativ ist die eigene Einstellung. Die Gesellschaft steht über dem Individuum. Was zählen da einzelne Meinungen und Bekundungen gegen Atomkraft? Der Protest findet daher nicht nur auf der Straße statt. Seit Tschernobyl und Fukushima findet der Protest seine Basis in den Texten von Bands und einzelnen Musikern. In einem sind sie sich einig: Der Staat braucht Transparenz.

Der Anti-Atomkraft-Song „You can’t see it, you can’t smell it“ ist eine Kooperation des japanischen Reggae-Musikers Rankin Taxi und der Dub Ainu Band. Die Band des japanischen Musikers Oki Kano sorgt für die musikalische Unterstützung, während sich Rankin Taxi dem Text widmete. Dieser kritisiert in skurriler, fast unterhaltender Weise die japanischen Regierung. Der Song tadelt die Regierung, Atomenergie für sicher erklärt zu haben, ohne die Einwohner Japans über die Folgen ausreichend aufgeklärt zu haben. Mehrfach wird in dem Video die unsichtbare Gefahr von Atomkraft und die Auswirkungen nach der Katastrophe von Fukushima veranschaulicht.

Auch die japanische Popkultur setzt sich mit dem Thema Atomkraft und deren Risiken auseinander. Das untere Video zeigt eine Band, die durch kindliche Choreografien im japanischen Schuldmädchen-Outfit nicht auf jedermanns Geschmack stößt. Das Thema, das die fünf Mädchen aufgreifen, steht der Präsentation des Songs allerdings im krassen Gegensatz. Kritisch äußern sie sich zu der riskanten Technologie bei einem Musikgenre, dem solche Themen kaum zuzumuten sind. Mehr Informationen lassen sich bei der Textinitiative Fukushima finden.

Es folgen drei weitere Songs, deren Musiker im Westen meist unbekannt sind, der japanischen Gesellschaft jedoch einen kritischen Charakter verleihen. Protestbewegungen in Japan sind selten, da sie von der Regierung unter Druck gesetzt und stark behindert werden. Die Musiker entdecken ihre Form des Protests im Schreiben neuer Songs mit kritischem Inhalt. Durch die Aufnahme dieser Titel in ihr Programm erreichen sie bei Konzerten mehr Hörer, als auf den Straßen der Städte Japans auf taube Ohren zu stoßen. Den Songs wurde eine deutsche Übersetzung angefügt, um sich auch als Person ohne Japanisch-Kenntnisse mit dem kritischen Inhalt auseinanderzusetzen. Die Übersetzung stammt nicht von Fukushima 24/7, sondern von dem engagierten Team der „Textinitiative Fukushima“. Eine Angabe der Quelle gibt es hinter jedem Video.

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Titel: „Summer Time Blues“ von Kiyoshirô Iwamano (1988) – Übersetzung

Der heiße Sommer kommt immer näher, alle sind unterwegs ans Meer.
Als ich im menschenleeren Meer schwamm, entdeckte ich ein Atomkraftwerk.
Ich kapier es einfach nicht: Wozu bloß? Kleines Japan, das ist dein Summertime Blues.

Glühende Flammen spucken die Schlote empor, die Tôkai-Beben kommen immer näher.
Trotzdem werden es mehr und mehr, werden weiter Atomkraftwerke gebaut.
Ich kapier es einfach nicht: Für wen bloß? Kleines Japan, das ist dein Summertime Blues.

Der eisige Winter kommt immer näher.
Du verlierst in letzter Zeit auch eine Menge Haar (das ist schon echt schlimm)
Trotzdem, im Fernsehen heißt es: „Die japanischen AKWs sind sicher.“
Ich kapier es einfach nicht: Alles aus der Luft gegriffen (Wo ist der Beweis?)
Das ist der allerletzte Summertime Blues.

Wir sollten auch noch einmal die Abkürzung AKWs überdenken.
Es ist ein schlechte Angewohnheit der Japaner alles abkürzen zu müssen.
Gibt es denn den korrekten Ausdruck Atomkraftwerk nicht? (Macht euch keine Sorgen)

Ich schufte mich ab, um meine Steuern zu zahlen,
und wenn ich dann doch mal im Urlaub aufs Land fahre, stehen da schon 37 neue Meiler rum
Die Atomkraftwerke werden immer mehr. Noch ehe wir es merken, leckt es.
Wie schrecklich, dieser Summertime Blues.

Atomkraft ist überflüssig, wir brauchen sie nicht mehr, nie mehr.
Atomkraft ist überflüssig, wir brauchen und wollen sie nicht mehr.
Atomkraft braucht keiner, sie ist gefährlich und unerwünscht.
Wir brauchen, brauchen und wollen sie nicht.
Brauchen, brauchen die nicht, denn Atomkraft ist so überflüssig.
Sinnlos und gefährlich.

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Titel: „Alles nur Lügen“ von Saito Kazuyoshi – Übersetzung

Läuft man durch diese Land, sieht man 54 Atommeiler.
In den Schulbüchern und Werbung heißt es „Die sind sicher“.
Sie haben uns belogen und nannten es „unvorstellbar“.
So vertraut dieser Himmel, so juckend der schwarze Regen.
Die ganze Zeit nur gelogen. Alles gelogen die ganze Zeit
Jetzt ist es doch raus gekommen, wirklich alles nur Lügen.
Atomkraft ist sicher.

Alles gelogen die ganze Zeit. Ich möchte so gern Spinat. Wirklich alles nur Lügen.
Habt ihr eigentlich überhaupt was gemerkt? Ihr kanntet die Lage, nicht wahr?

Die Strahlung weht unaufhaltsam im Wind.
Wie viele Menschen werden schon verstrahlt sein, ehe ihr es endlich merkt?
Liebe Regierung dieses Landes, gibt es außerhalb dieser Stadt noch irgendwo gutes Wasser?
Sagt uns wo! Ach schon gut. Kein Ort mehr, an den wir fliehen können.

Alles nur Scheiße! TEPCO, HEPCO, CECPO, KEPCO
haben zwar nicht immer gepennt, aber nur Scheiße erzählt!
Trotzdem wollt ihr so weitermachen!? Das war wirklich alles nur Scheiße!
Ich will irgendwas unternehmen. Alles waren alles nur Lügen. Alles war nur Scheiße.

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Titel: „Tschernobyl“ von The Blue Hearts (1988) – Übersetzung

Irgendwer zieht eine Grenze. Der Lärm bringt alles durcheinander.
Jemand starrt mich mit aufgerissenen Augen an hoch oben vom Himmel.
Ich will nicht nach Tschernobyl.
Dieses Mädchen möchte ich in die Arme schließen.
Ist es wirklich überall dasselbe?

In der Stadt im Osten regnet es. In der Stadt im Westen regnet es.
Im Norden am Meer regnet es. Im Süden auf den Inseln regnet es.
Ich will nicht nach Tschernobyl.
Dieses Mädchen würde ich so gern küssen…
Auf diesem so winzigen Planeten.
Wem gehört die runde Erde nun?
Wem gehört die alles vernichtende Flut?

In der Stadt im Osten regnet es. In der Stadt im Westen regnet es.
Im Norden am Meer regnet es. Im Süden auf den Inseln regnet es.
Ich will nicht nach Tschernobyl.
Dieses Mädchen würde ich so gern küssen…
Auf diesem so winzigen Planeten
Wem gehört die runde Erde nun?
Wem gehört die alles vernichtende Flut?
Wem gehört der Gegenwind?
Wem gehört der schöne Morgen?
Nach Tschernobyl – ah nach Tschernobyl – ah.
Nach Tschernobyl will ich auf keinen Fall.

Der 11. März in Bildern – Augenzeugenberichte und Dokumentationen

In diesen Stunden jährt sich die Katastrophe von 2011. Exakt ein Jahr ist vergangenen und brachte einen Umbruch der Energiepolitik Japans. Die japanische Regierung rückte für Wochen und Monate in den Mittelpunkt der Medien und präsentierte der weltweiten Öffentlichkeit ein Bild, über das die Menschen außerhalb Japans wenig Einsicht hatten. Die Katastrophe forderte nicht nur Politik und Wirtschafts heraus, sondern erzeugte einen Umbruch der Gesellschaft Japans, der bis heute andauert. Kritik, Protestbewegungen und großflächige, monatelange Sparmaßnahmen verändern den Alltag der Japaner. Das einstige Bild eines konservativen, stummen Landes beginnt zu bröckeln. Wie lange dieser Umbruch anhält, bleibt abzuwarten.

An diesem Sonntag versammelten sich die Japaner, um gemeinsam zu trauern. Während einer Gedenkzeremonie im Nationaltheater Tokios rief Premierminister Yoshihiko Noda zum Wiederaufbau. Das Kaiserpaar bedankte sich bei allen Helfern, versuchte noch einmal Mut zu machen und schickte seinem Volk die Botschaft, Lehren aus der Katastrophe zu ziehen, um sie künftigen Generationen mit auf den zu geben.

Wir nutzen diesen Tag, um die Ereignisse des 11. März erneut zu betrachten. Doch nicht mit Texten und Diskussionen, sondern mit Szenen, die uns eine neue Perspektive auf die Katastrophe gewähren. Verschiedene Augenzeugenberichte verdeutlichen uns die Situation, die vor einem Jahr im Katastrophengebiet herrschte. Wir haben uns für vier Videos entschieden, die allesamt einen anderen Blickwinkel auf das Beben und den anschließenden Tsunami geben. Im Anschluss fassen wir aktuelle Artikel von Spiegel und Stern zusammen.

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Der Japaner Yu Muroga wurde am 11. März in seinem Fahrzeug von dem Beben überrascht. Wie viele der Japaner fühlte auch er sich nicht von dem Tsunami betroffen, da sein Aufenthaltsort weit von der Küste entfernt lag. Er führte seine Fahrt daher unbeeindruckt fort. Wenige Zeit später muss er stoppen. Einige Meter voraus bahnen sich die ersten Trümmer und Lasten auf den Wassermassen ihren Weg durch die Stadt. Aus dem Auto vor ihm steigt der Beifahrer aus, um sich zu Fuß in Sicherheit zu bringen. Wenige Sekunden später werden sämtliche Fahrzeuge unterspült. Die Wagen treiben im Wasser.

Eine Person filmt mit seiner Kamera auf den sicheren Stufen einer Anhöhe die eintreffenden Wassermassen. Innerhalb kürzester Zeit werden Straßen und Gassen zu breiten Wasserläufen und Kanälen. Kurz schwenkt er zu den Anwohnern, um ihre Fassungslosigkeit festzuhalten. Die Wassermassen nehmen an Kraft zu. Wiederholt muss er seine Position wechseln, bis das Geländer der Treppe nachgibt. Neben dem dröhnenden Wasserläufen erklingen in unregelmäßigen Abständen die Sirenen des Ortes. Eine energische Stimme gibt über Lautsprecher kurze Instruktionen an die Anwohner. Das Wasser beginnt, die komplette Ortschaft zu unterspülen. Die Häuser treiben auf der schmutzigen Brühe und lösen sich von ihrer Basis. Wie gebannt verharrt die Kamera auf dieser unfassbaren Naturgewalt.

Kurze Videoaufnahmen zeigen eine Ortschaft nach der Katastrophe und die Zerstörung innerhalb der Gebäude. Anschließend rückt ein bewaldeter Hügel in das Blickfeld der Kamera. Die Perspektive ändert sich und zeigt einen Ausschnitt beim Antreffen der Wassermassen. Panisch warnen die Bewohner ihre Mitmenschen, die die nahende Gefahr noch nicht wahrnehmen. Schließlich gelingt es den Menschen, sich gemeinsam auf dem Hügel in Sicherheit zu bringen.

Eine Person filmt von einem Gebäude aus die sich auftürmenden Wellenberge im Meer. Langsam treffen die Wellen auf die Küste und überfluten das angrenzende Wäldchen, das den Ort von der Küste trennt. Wie eine Sturmflut breitet sich das Wasser über der Küste aus, sodass die Grenze zwischen Meer und Strand verschwimmt. Langsam schieben sich die Wassermassen über die Straße, die den Ort mit der Küste verbindet. Die Straße schwillt zu einem reißenden Storm an, doch die Betongebäude halten stand.

Augenzeugenberichte:

Wiederaufbau und Dekontamination

Wenige Tage vor dem Jahrestag der Dreifachkatastrophe beginnt sich die Situation in Japan zu normalisieren. Strahlenschutzmaßnahmen werden gelockert, die internationale Presse erhält weitere Einblicke in das zerstörte Kernkraftwerk Fukushima I und die letzten Notunterkünfte lösen sich allmählich auf.

Nach fast einem Jahr des Wiederaufbaus erholt sich Japan langsam von seinem Schock. Die Gefahr einer weiteren Katastrophe ist hingegen nicht gebannt. Jüngste Studien prognostizieren den Ort des bevorstehenden Großbebens Japans nahe der Präfektur Fukushima. Die starke Erschütterung vom 11. März vergangenen Jahres erzeugte einen Spalt in der Erdkruste, der sich mit Flüssigkeit füllt und die Bruchstücke weiter auseinander treibt. Experten befürchten dadurch ein weiteres Großbeben mit der Stärke 7. Abgesehen von den Kernkraftwerken ist die potentielle Opferzahl trotz geringerer Intensität nicht zu unterschätzen, da das bevorstehende Beben näher an bewohnten Gebieten vermutet wird, als das Seebeben von Tôhoku.

Deutsche und japanische Wissenschaftler unternehmen vom 8. März bis zum 6. April 2012 eine Expedition mit modernen Tauchfahrzeugen, um den Meeresboden nach dem Starkbeben genauer zu analysieren. Hintergrund der Expedition wird es sein, Messanlagen auf dem Meeresgrund zu installieren, um Informationen über die Entstehung und den Verlauf von Großbeben zu erhalten. Zum Einsatz kommt außerdem ein Tauchroboter, der ein exaktes Profil des Meeresbodens erstellen wird. Die Auswertung erfolgt mit vergangenen Messungen japanischer Forscher aus den Jahren 1999 und 2004. Der Vergleich der Profile und Daten soll zeigen, welche Veränderungen derartig starke Beben bewirken.

Das Deutsche Institut für Japanstudien konzentrierte sich mit einer Umfrage auf die Einwohner Japans und deren Vertrauen in Politik und Medien. Befragt wurden 1.600 Japaner der Metropole Tokio und im Nordosten des Inselstaats. Die größte Sorge der Bewohner der Region Tôhoku besteht in der Befürchtung eines weiteren Bebens und der Ungewissheit vor radioaktiver Strahlung. Hinzu kommt das Misstrauen, welche Lebensmittel ohne Bedenken gegessen werden können. Ein Armutszeugnis stellt die Befragung zum Vertrauen der Gesellschaft in die japanische Regierung dar. Gerade einmal sechs Prozent der Japaner trauen den Informationen der Regierung über den Atomunfall. Nur fünf Prozent sind es, die den Angaben der Betreiberfirma TEPCO Glauben schenken. Das Vertrauen in die japanischen Medien musste ebenso leiden. Aktuell verlassen sich 13 Prozent auf die Berichterstattungen. Im Jahr 2009 war dieses Vertrauen mit 24 Prozent fast doppelt so hoch, doch sollte nur ein Viertel der japanischen Einwohner bereits zu Bedenken geben. Besonders hart trifft es die älteren Generationen der Japaner. Haben sie Jahrzehnte lang ihrer Regierung vertraut, stellte die Katastrophe und die desaströse Informationspolitik ihre Einstellung zur Politik auf den Kopf. Ihr Vertrauen in die Regierung liegt aktuell unter dem Durchschnitt. Das Vertrauen schlug sprunghaft in Misstrauen um. Des Weiteren konnte die Umfrage ein erhöhtes Interesse der Jugend Japans in die Politik des Landes belegen. Gerade die persönlich Betroffenen engagieren sich lokal für die Interessen der Gesellschaft, was mitunter in Protestbewegungen zum Ausdruck kommt.

Von über 1000 Notunterkünften ist den Anwohnern der Sperrzone um Fukushima I nur noch eine geblieben. Eine ehemalige Schule der Stadt Kazo in der Präfektur Saitama beherbergt etwa 500 Bewohner, von denen 40 Prozent das 65. Lebensjahr überschritten haben. Die Notunterkunft befindet sich etwa 200 Kilometer von dem Kraftwerk entfernt. Die ehemalige Heimatstadt Futaba liegt innerhalb des Sperrgebiets, weshalb die Notunterkunft noch lange Bestand haben wird. Die Notunterkunft beherbergt auch die Verwaltung Futabas und den Bürgermeister. Dieser hatte dafür gesorgt, die Einwohner Futabas an einem gemeinsamen Ort unterzubringen. Die Stadt Kazo ist vorerst das neue zu Hause der Betroffenen. Wenige Wochen nach der Katastrophe nahmen mehr als 100.000 Japaner von den Notunterkünften Gebrauch. Hierzu zählten Turnhallen und Schulen, in denen die Japaner auf engem Raum miteinander auskommen mussten, aber auch von der Regierung finanzierte Hotels. Die Errichtung von Fertighäusern sorgte bereits Ende letzten Jahres für die Auflösung der Notunterkünfte. Was aus den ehemaligen Bewohner Futabas geschieht, ist bisher nicht geklärt.

Zur gleichen Zeit wurden die Sicherheitsmaßnahmen der Arbeiter in Fukushima I gelockert. Indem man kleinere Atemschutzmasken mit Staubfiltern austeilt, verzichtet man seit dem 1. März auf die schweren Gesichtsmasken mit Aktivkohlefilter. Begründen möchte Tepco die Entscheidung mit einer gesunkenen radioaktiven Belastung der Luft. Selbst auf die Ganzkörperschutzkleidung aus Plastik wird verzichtet, sodass normale Arbeitskleidung wieder zum Alltag der Arbeiter gehört. In gefährdeten Bereichen des AKWs sind Schutzkleidung und schwere Atemmasken noch immer obligatorisch.

Abseits der Schutzbekleidung der Arbeiter von Fukushima sehen sich TEPCO und Regierung mit dem Problem der kontaminierten Gebiete um Fukushima Daiichi konfrontiert. Im letzten Jahr begannen die Arbeiten, Erde rund um das betroffene Gebiet abzutragen. Die Behörden gehen von 28 Millionen Kubikmeter aus, wofür fünf Quadratkilometer als Lagerstätte benötigt werden. Derzeit greift man auf Zwischenlager zurück, auch wenn Kritiker bei diesen provisorischen Lagern von Endlagerstätten ausgehen. Die Dekontamination der 20-Kilometer-Sperrzone beginnt ab April. Man hofft, die evakuierte Bevölkerung in Zukunft wieder in ihre Heimat zurückzuholen. Für die benötigten vier Quadratkilometer sollen die etwa acht evakuierten Gemeinden aufkommen. Dieser Plan stößt auf Gegenwehr bei den Bürgermeistern der Gemeinden. Sie können und wollen der Regierung nicht trauen. Nach ihrer Meinung wurden sie nicht gefragt.

Quellen: Japanmarkt | Asienspiegel