TEPCO – Teil 1: Die Hintergründe langjähriger Verschwiegenheit

Bringt man den Namen TEPCO ins Gespräch fallen die Worte Fukushima, Atomkraft und Misstrauen auf den nächsten Augenblick, während  die Verflechtung von Politik, Wirtschaft und großzügigem Risikomanagement assoziiert wird. Kein anderes Unternehmen schaffte es im letzten und in diesem Jahr für so viel Gesprächsstoff, der nicht durch Ruhm, Engagement und Innovation geschuldet war. Die Aktiengesellschaft als größtes Energieversorgungsunternehmen Japans, mit vollem Name „Tokyo Electric Power Company“, wird auch heute noch von den Medien aufgegriffen, um ein Vorzeigebeispiel für Verantwortungslosigkeit und desaströser Informationspolitik zu erzeugen.

Ein Foto des Kohlekraftwerks Senjû in den 1940ern. (Quelle: Japanese book "Archives for the Tokyo downtown area 100 years" published by Life Information Center.)

Doch TEPCOs eigentümliche Firmenpolitik wurde nicht erst durch den nuklearen Unfall von Fukushima I bekannt. Bereits Jahre zuvor fiel der Konzern immer wieder im Schatten der Medien durch Vertuschungen und Unglaubwürdigkeit auf, konnte sein Gesicht allerdings über Jahrzehnte hinweg wahren. Das „Tôhoku-Beben“ bildet letztendlich den Katalysator. Eine Vielzahl begieriger Medienunternehmen stürzten sich auf den Energieversorger und stimmten in einer gemeinsamen Parole ein, dem Unternehmen sei nicht zu trauen. Der 11. März legte damit den Grundstein, die Fehler der Unternehmensleitung weltweit zu offenbaren und sich über die Grenzen Japans auszuweiten.

Dabei wurde zur Gründung des Unternehmens am 11. Mai 1951 eine solide Ausgangsbasis geschaffen, die dem Energiekonzern auch mit genügend Transparenz zu positivem Glanz verholfen hätte. Kurz vor dem 2. Weltkrieg wurden alle stromerzeugenden Betriebe Japans verstaatlicht und im Verlaufe des Krieges zu neun großen Staatsunternehmen zusammengefasst. Als sich nach der Kapitulation Japans die Besatzungsmächte für eine neue politische Struktur aussprachen, folgte im Mai 1951 die Privatisierung der Unternehmen. Ausgestattet mit regionalen Monopolen lag es nun in der Hand dieser neun Unternehmen, ihr Land mit Energie zu versorgen. TEPCO selbst gewann im Laufe der Jahre die Oberhand und zählt bis vor der Katastrophe 2011 zu den weltweit umsatzstärksten Unternehmen, die sich gar den 136. Platz unter den Fortune 500 erkämpften.

So ist es fast überflüssig, den Konzern als größten Energieproduzenten Japans darzustellen, der 27 Prozent des Energiebedarfs seines Landes deckt. Insbesondere die Metropole Tokio zählt zu seinem Zuständigkeitsbereich, womit 45 Millionen Menschen auf den Energielieferanten angewiesen sind – mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung Japans. Seit 2009 zählt die Tokyo Electric Power Company 160 Wasserkraftwerke und 25 Verbrennungskraftwerken durch Öl, Kohle und Erdgas, sowie je ein Geothermie- und Windkraftwerk denen eine vergleichsweise marginale Rolle zukommt. Nicht zu vergessen die Technologie, die das Unternehmen ohne deren Verwendung vermutlich in ein positiveres Licht gerückt hätte: Die drei Kernkraftwerke Fukushima Daiichi, Fukushima Daini und Kashiwazaki-Kariwa mit insgesamt 17 Atomreaktoren.

Der Hauptsitz TEPCOs in Tokio, aufgenommen im April 2007. (Copyright © PON, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Spätestens im August 2002 drangen erstmals Dokumente an die japanische Öffentlichkeit, die den Schein TEPCOS, als sicheres und glaubwürdiges Unternehmen aufzutreten, stark trübten. Die japanischen Medien sprachen von gefälschten Berichten, bewusst verzögerten Reparaturen und dem Nichterfüllen gesetzlich vorgeschriebener Meldungen von Störfällen. Mindestens 16 Jahre schafften die Verantwortlichen TEPCOs, das mediale Aufbegehren gegen den Energieversorger zu unterbinden. Nach der Enthüllung wurden Ämter neu besetzt, die nur wenig der unterdrückten Meldepflicht entgegensetzen konnten. So wurden mindestens sechs Notabschaltungen und eine siebenstündige kritische Reaktion in Block 3 von Fukushima I verschwiegen. Ein Schaden durch Erdbeben und mangelnde Wartung folgte auf den nächsten, ein routinierter Test führte im Mai 2008 in Block 6 zum Ausfall mehrerer Kühlsysteme und als am 1. März 2011 die japanische Atomaufsichtsbehörde (NISA) eine Inspektion initiierte, kamen weitere Übel zutage, die sich in mangelnden Kontrollen technischer Geräte über Jahre hinweg äußerte. Sie bildeten den Ausgangspunkt für die nukleare Katastrophe.

Nehmen wir uns an dieser Stelle die Zeit und überdenken die Frage, ob TEPCO ohne Atomkraft diesem Desaster entgangen wäre. Da sich bei einer kurzen Recherche ausschließlich Störfälle innerhalb der atomaren Kraftwerke finden lassen und diese Technologie als weitaus komplexer und damit risikoträchtiger als andere Kraftwerke angesehen wird, folgt eine klare Antwort: Ohne Atomkraft hätte sich TEPCO als Energielieferant besser verdient gemacht. Doch trifft es angesichts der Sicherheitsmängel einzig dieses Unternehmen? Es müsste nahezu als „Glückstreffer“ gewertet werden, dass gerade dieses Unternehmen von einer Katastrophe dermaßen herausgefordert wird, dass es Störfälle nicht mehr verheimlichen kann. Bei weiterer Recherche lässt sich allerdings feststellen, dass TEPCO keine Ausnahme in Sicherheitsmängeln und mangelnder öffentlicher Aufklärung bildet. Stünde Fukushima Daiichi unter der Verwaltung eines anderen Energiekonzerns Japans, so hätten sich voraussichtlich dieselben dramatischen Stunden abgespielt und nicht TEPCO, sondern KEPCO, Hokuden und die Namen anderer Konzerne stünden in den Schlagzeilen der letzten Monate.

Das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi im Jahr 2007. (Copyright © KEI, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Die Sicherheitslücken der Tokyo Electric Power Company dürfen an dieser Stelle nicht vernachlässigt werden, denn zählt man die Stör- und Unfälle der Kraftwerke anderer Betreiber zusammen, bildet TEPCO noch immer die oberste Spitze. Handelt es sich nun um ein japanisches Phänomen? Können wir diese Haltung mit den einfachen japanischen Stereotypen Verschwiegenheit, Intransparenz und übermäßigem Stolz vereinbaren? In keinerlei Hinsicht, denn Störfälle sind ein weltweites Phänomen von Atommeilern, von denen sich jeder allzu gerne der Verantwortung entziehen möchte. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Die finanziellen Interessen überwiegen; und nehmen wir stichprobenartig ein deutsches Atomkraftwerk, so füllen die Störfälle bereits eine ganze Seite.

Dieser Absatz möchte zeigen, dass man in Sachen Sicherheitsbedenken und Verantwortungsentzug nicht einzig japanische Unternehmen und TEPCO einzukreisen hat. Dennoch lässt dieser Abschnitt vorerst keine weiteren Schlussfolgerung angesichts der verhältnismäßig kurzen, stichprobenartigen Recherche zu.

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