Probleme nach der Schnellabschaltung und die Beschönigung TEPCOs

Japan konnte nach Monaten der Anspannung und Ungewissheit endlich aufatmen, als Ende 2011 der „cold shutdown“ der gefährdeten Reaktorblöcke von Fukushima Daiichi offiziell bestätigt wurde. Die Gefahr war gebannt, die Kontrolle über das Kernkraftwerk wiederhergestellt. Ein letztes Argument für die Medien, sich aktuelleren Vorgängen zu widmen, das Thema Atomkraft wieder herabzustufen und die Problemstelle Fukushima der Öffentlichkeit als sicher und stabil zu erklären. Doch Kritiker hüteten sich, von einer Kaltabschaltung zu sprechen, die nur zu gut das Gesicht der Verantwortlichen hinter TEPCO und japanischer Atomaufsichtsbehörde (NISA) retten konnte. Seit Mittwoch, dem 8. Februar, wissen wir, dass der „cold shutdown“ als stabile Kühlung des Reaktorkerns unter eine Temperatur von 100°C nur partiell erreicht werden konnte.

Der innere Aufbau eines Kernreaktors (beleuchtet).

Die Wärmeentwicklung nahm wieder zu. Sie erreichte keinen bedrohlichen Zustand und konnte bis auf weiteres durch eine erhöhte Wasserzufuhr und den abermaligen Zulauf von Borsäure eingedämmt werden, doch weiß Betreiber TEPCO keine Antwort auf die Zunahme der Temperatur um mehr als 20 Grad auf 72°C. Tetsuo Ito vom Atomforschungszentrum der Universität Kinki gab zu bedenken, die japanische Regierung hätte zu früh von einer geglückten Kaltabschaltung gesprochen, da es im Angesicht des unbekannten Zustands der Brennstäbe immer wieder zu ähnlichen Temperaturschwankungen kommen könne. Die Aussage Tetsuo Itos gewinnt insofern Beweiskraft, als dass ein Artikel der Wikipedia unmissverständlich betont, dass nach einer Kernschmelze, wie sie sich mit Gewissheit in Fukushima I zugetragen hatte, ein „cold shutdown“ nicht möglich sei. Zwar konnte der Kühlmittelkreislauf repariert werden, doch ist es unmöglich, die Reaktionen der Kernschmelz-Überreste vorherzusagen.

Eine sichere Kühlung des Reaktors nach dessen Schnellabschaltung ist insofern wichtig, als dass sich selbst nach Einführung der Steuerstäbe zwischen die Brennelemente der Reaktorkern durch chemische und physikalische Prozesse wieder aufheizen kann. Die sogenannte Nachzerfallswärme erreicht zwar nur ein Minimum der eigentlichen thermischen Energie bei geregeltem Betriebsablauf eines Kernreaktors, kann allerdings bei mangelnder Kühlung des Systems zu einer erneuten unkontrollierten Kettenreaktion führen. Eine von der Wikipedia bereitgestellte Tabelle informiert darüber, welche Energie ein Atomkraftwerk mit einer Leistung von 4000 Megawatt selbst nach seiner Schnellabschaltung erzeugen kann. Demzufolge würden nach einem Tag der Abschaltung bereits 14 Stunden ausreichen, um 2500 Kubikmeter Wasser von 15°C auf 100°C zu erhitzen. Der Abfall der Nachzerfallswärme erfolgt exponentiell, sodass erst nach einem Zeitraum von etwa einem Jahr die Brennstäbe ohne Kühlung auskommen. Dies Tatsache macht die Errichtung von Abklingbecken neben den Reaktoren für abgebrannte Brennelemente obligatorisch, auch wenn die Reaktoren von Fukushima eine geringere Leistung von 1400 bis 2300 Megawatt vor deren Abschaltung erzeugten.

Der Querschnitt eines Kernreaktors, wie er in Fukushima I verbaut wurde.

Die nunmehr ungewisse Kaltabschaltung ist indes nicht das einzige Problem, mit dem Arbeiter des Kernkraftwerks konfrontiert werden. Durch den undichten Sicherheitsbehälter sammeln sich nach wie vor kontaminierte Wassermassen im Untergeschoss von Reaktorblock 2 an. Gerade die Erhöhung der Wasserzufuhr für eine kontrollierte Kühlung fördert dieses Problem.

TEPCO als Betreiber des Kraftwerks schafft es hingegen, seine Unbeliebheit zu fördern, indem es bekannte Probleme nach wie vor unter der Verbreitung von Halbwahrheiten herunter spielt. Erst im Dezember 2011 wurde das Zerfallsprodukt Xenon in Block 2 nachgewiesen, das normalerweise Beweis genug für erneute, wenn auch marginale Kettenreaktionen ist. Der Betreiber selbst kommentierte diesen Vorfall als „natürlich“. Zudem häuften sich vergangene Woche die Meldungen von ausgetretenem radioaktivem Wasser durch Lecks und geplatzte Wasserschläuche. Die kurzweilig, überdurchschnittlich hohe gemessene Strahlung ist jedoch nicht allein gefrorener Wasserleitungen zu verschulden, sondern gleichfalls durch die Verwendung günstiger Plastikschläuche. Derartige Probleme könnten auf ein Minimum kompensiert werden, sollte TEPCO auf eigene finanzielle Interessen verzichten. Selbst zu der Temperaturzunahme in Reaktorblock 2, die die Angabe eines gesicherten „cold shutdown“ allmählich bröckeln lässt, fand ein Sprecher TEPCOs nur die Worte, die Temperatur sei unverändert.

Quellen:

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