„Zur politischen Kultur in Japan“ – Eine Diskussion über das Fünfeck der Atompolitik Japans

Der Thomasius Club lud am 22. Februar 2012 in die Südvorstadt Leipzigs, um über die politische Kultur Japans zu sprechen. Hintergrund der Auseinandersetzung war die Dreifachkatastrophe von Fukushima und die neuen Protestbewegungen der vermeintlich unpolitischen Japaner. Ein uriges Ambiente und bequeme Sitzgelegenheiten zierten den Veranstaltungsraum. Eine Ausstattung, wie es sich für die monatlichen Gespräche des Thomasius Clubs gehört. Speziell für dieses Thema eingeladen wurde Steffi Richter, Professorin und Lehrstuhlinhaberin der Japanologie an der Universität Leipzig. Ihr Schwerpunkt: „Gesellschaft und Kulturen im neuzeitlich-modernen Japan“. Begleitet und angetrieben wurde die Diskussion von den Moderatoren Bettina Kremberg und Ulrich Johannes Schneider. Lasst uns diskutieren.

Ein Foto der Gesprächsteilnehmer: v.l. Bettina Kremberg, Steffi Richter, Ulrich Johannes Schneider. (Thomasius Club)

Im Schatten des Gesprächs stand der baldige Jahrestag der Katastrophe von Japan. Frau Richter selbst versuchte zu Beginn die Auswirkungen dieses Unglücks außerhalb der Grenzen Japans zu verdeutlichen. Für sie als Japanologin war der 11. März 2011 ein tiefer Schock der sie bis heute zeichnet. Fällt Japan in einem Gespräch, spielen sich die Geschehnisse der Katastrophe erneut ab. So weist sie auch am 22. Februar auf jene dramatischen Tage hin. „Eine Katastrophe auf zwei Ebenen“, versucht sie zu charakterisieren: institutionell und wissenschaftlich. Die Leipziger Japanologie machte sich Sorgen um ihre Studenten in Japan. Groß war die Erleichterung, als die jungen Japanologen unversehrt ihren Fuß nach Deutschland setzen konnten. Doch der Forschungsschwerpunkt änderte sich.

In den ersten Wochen nach der Katastrophe war es schwer, einen klaren Gedanken zu sammeln. Wie soll es weitergehen? Die Massenmedien berichteten unentwegt von der Atomkatastrophe in Fukushima. Eine einseitige Berichterstattung folgte auf die nächste. Das Ziel musste es sein, neue Perspektiven zu eröffnen. Die Basis für Frau Richters aktuelles Projekt war geschaffen. Eine Kooperation der Japanologien von Leipzig, Frankfurt und Zürich schuf die Textinitiative Fukushima. Der Leitgedanke war, spezielles Wissen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, das mangels des eigenen Wissensstands verwehrt wurde. Nicht etwa das Aufdecken von Verheimlichungen der Regierung Japans ist die Aufgabe dieser Initiative, sondern das Übersetzen japanischer Protestaktionen, Texte und Bücher. Die deutsche Öffentlichkeit sollte informiert werden. Ein ungeheurer Aufwand stand den Japanologen bevor, zu denen sich die Studenten höheren Semesters aus eigenem Engagement heraus verpflichtet fühlten.

So betont Frau Richter die gemeinsame Anstrengung der Studenten, die bis heute auf 30 Übersetzungen zurückblicken kann. Als Material stand zumeist japanischer Pop-Protest zur Verfügung. Aufbegehrende Videos japanischer Künstler ziert das Internet und alle stimmen sie in einen Anti-Atomkraft-Kanon ein. Die Protestbewegung Japans beginnt sich zu entfalten, doch eine soziale Bewegung ist es noch lange nicht. Die Proteste sind politisch, zeigen aber wenig Bestand und verflüchtigen sich. Für eine soziale Bewegung, die den Anti-Atomkraft-Forderungen der Japaner Auftrieb verleihen würde, muss sich diese Protest-Bewegung in den Alltag integrieren. Sie muss an Vielfalt gewinnen und ein Markenzeichen der Gesellschaft Japans werden. Bis dieser Zustand erreicht ist, muss das japanische Volk noch viele Hürden meistern. Die Berechtigung der Textinitiative bleibt, denn sie gibt ein Bild Japans, dem wir in den Massenmedien nicht begegnen.

Anti-Atomkraft-Protest in Tokio am 16. November 2011.

Einer weiteren Thematik schenkte Frau Richter in diesem Gespräch Beachtung. Das „Eiserne Dreieck“, wie wir es schon in unserem Einstieg zu Fukushima 24/7 behandelt hatten. Die Interessenverflechtung von Politik, Wirtschaft und dem Staat in Form der Bürokratie. Doch die Professorin hatte noch eine vierte Ecke für das Dreieck, die Gefälligskeitswissenschaftler. Eine Gruppe von Wissenschaftlern, die zugunsten eines finanziellen Vorteils die Machenschaften des Staats befürworten, so fraglich und riskant sie auch sein mögen. In den 1960ern war die Nuklearisierung der Stromindustrie Japans allerdings eine rein politische Entscheidung. Die Wirtschaft fand keinen Gefallen an den kostspieligen Atomkraftwerken. Zu groß waren die Investitionen in neue Sicherheitssysteme. Doch die Politik gab den Anstoß und was die Investitionen in Sicherheit angeht, sehen wir seit dem späten 20. Jahrhundert weltweit durch die Stör- und Unfälle von Kernkraftwerken.

Nun musste man dem Volk die riskante Technologie schmackhaft machen. Vertrauen sollte geschaffen werden. Was wäre da nicht besser, als ein japanischer Comic? Aus seiner deutschen Übersetzung lässt der Cartoon-Charakter Astro Boy keine Rückschlüsse auf Atomkraft zu. Dass der Roboterjunge als Heldenfigur im Kinderprogramm Atomkraft propagiert, ist schwer zu glauben. Doch mit Tetsuwan Atomu, die korrekte Übersetzung wäre „Eisenarm Atom“, hört der Roboter auf seinen Original-Namen. Tetsuwan Atomu erschien von 1952 bis 1968 im Manga-Magazin Shōnen. Ab 1962 begann die Produktion des gleichnamigen Animes, der 1980 und 2003 durch weitere Folgen ergänzt wurde. Hinzu kamen Kinofilme, Videospiele und eine Fülle von Merchandise-Artikeln, die dem japanischen Volk die Atomkraft schmackhaft machen sollten. Immerhin sorgt sich der kleine Atom-Boy um die Erhaltung von Frieden und setzt sich gegen Krieg und Unrecht ein. Was kann es nicht besseres geben, als eine sichere, verlässliche Technologie⸮

Zum Ende der Diskussion kam Frau Richter auf den engagierten Journalisten Suzuki Tomohiko zu sprechen. Tomohiko beschäftigt sich intensiv mit dem Abgrund der japanischen Gesellschaft und stellte die Verflechtung der Atomindustrie mit der japanischen Mafia dar, auch als Yakuza bekannt. So mutiert die vermeintliche Dreiecksbeziehung zu einem gut organisierten Fünfeck. Die Aufgabe der Yakuza liegt darin, Arbeitskräfte für die Säuberung von Atomreaktoren und speziell für die Aufräum- und Reparaturarbeiten in Fukushima I zu verpflichten. Ein ernstes Thema, dass gerne verschwiegen wird. Die aus ihrer Existenznot kooperierenden Arbeiter tragen den Namen „Wegwerfarbeiter“. Menschliches Kapital für gesundheitsgefährdende Arbeiten. Die Bezahlung gleicht purem Spott. Bei einem Job, der die Lebenserwartung der Betroffenen drastisch senkt. Etwa 80.000 dieser „AKW-Gipsy“ existieren in Japan. Von einem japanischen Phänomen ist allerdings abzusehen. Wer in Japan als „Wegwerfarbeiter“ sein Leben bewältigt, trägt in anderen Ländern ähnliche Bezeichnungen. Frankreich verfügt über schätzungsweise 30.000 sogenannter Atom-Nomaden. Und selbst Deutschland zählt bereits 24.000 Menschen, die einen Namen tragen, der im Sprachgebrauch schon zum Alltag gehört: Leiharbeiter.

Journalist Suzuki Tomohiko (AFP)

Es bleibt die Aufgabe der Textinitiative, mit ihrer Internetpräsenz Informationen an die Öffentlichkeit zu tragen, die aufgrund des eigenen Wissensdefizits der Menschen unsichtbar bleiben. Die Massenmedien konzentrieren sich längst nicht mehr auf den Unglücksfall Fukushima. Spätestens am Jahrestag der Katastrophe wird der Hauptstrom der Ereignisse erneut aufgearbeitet und die Öffentlichkeit mit dem Mainstream an Informationen versorgt, den sie ohnehin schon kennt. Die Informationen am Rande sind nur marginal verteilt. Die Kanäle, um an sie zu gelangen, sind rar gesät.

Aus dem Publikum kam die These, allein 70 Prozent der weltweiten Medienberichte über Fukushima stammen aus Deutschland. Es ist ein Einwurf, der nicht nur die scheinbare Atom-Hysterie der Deutschen in Betracht zieht, sondern umso mehr das Interesse nach Aufklärung und Diskussion. Der Einwurf der Moderatorin Bettina Kremberg kam zugleich, ob die Textinitiative Fukushima nicht Informationen aus dem Deutschen übersetzen könnte, um der desaströsen Informationspolitik Japans entgegenzuwirken. Ein Vorschlag, dem Frau Richter nichts entgegenzusetzen hätte. Doch die Arbeit ist zu aufwendig, als dass sie von einem Team aus wenigen engagierten Studenten bewältigt werden könnte. „Eine Krise des investigativen Journalismus.“ Das Schlusswort des Abends.

[Die gesamte Unterhaltung ist als Audio-Datei unter diesem Link verfügbar.]

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TEPCO – Teil 2: Von der Katastrophe bis zur Gegenwart

Ein Wunderwerk der Technik. Ein Symbol für die Zukunft des Landes, für ein goldenes Zeitalter. Sicherheit, Verlässlichkeit und Transparenz propagiert der Image-Film Tepcos in den unteren beiden Videos. Die Nation sollte keinen Anlass zu Beunruhigung haben. Atomkraft ist sicher, besonders in den Händen Tepcos. So führen die Videos in den Bau des Kernkraftwerks ein und vermitteln stolz die moderne Technologie, die von dem Meiler ausgeht. Ausgeschmückt mit lobenden Attributen und dem Hantieren beeindruckender Zahlenwerte versucht Fukushima I zu überzeugen. „Die Reaktoren unseres Landes sind ein Modell innovativen Ingenieurwesens im Bereich der Atomkraft. Die neue nukleare Energie, die hier geboren ist, wird eine großartige Energie sein, die all unser Leben unterstützt“, verkündet der Sprecher zum Abschluss. Nahezu zynisch mag es nach der Katastrophe klingen. Doch weshalb sich nach diesem Film sorgen machen? Spätestens seit März 2011 gab es die Antwort: den Beschönigungen Tepcos ist nicht mehr zu glauben. Das Unternehmen hat sein Gesicht verloren. Selbstverschuldet, und das auf unbestimmte Zeit.

Nach dem 11. März hatte das Misstrauen in Tepco einen unbekannten Grad erreicht. Bereits die Jahre zuvor stand der Energieversorger vereinzelt in den Schlagzeilen der japanischen Medien, konnte durch die enge Verzahnung mit Politik und Aufsichtsbehörden aber immer wieder den Kopf aus der Schlinge ziehen. Nun stand das Unternehmen vor dem Bankrott, denn der Schaden wuchs ins Unermessliche. Tepco musste haften.

Die wahren Informationen im Angesicht der Katastrophe zurückhaltend, versuchten die Manager Tepcos, das Problem traditionell herunterzuspielen. Es bestehe keinerlei Grund zur Beunruhigung. Die Gesundheit stehe nicht auf dem Spiel. Ein Meister im Verleugnen, der mit dem Leben der Einwohner in der Präfektur Fukushima spielt. Als die ersten Medien mit dem Unternehmen ins Gericht zogen, ließ das Bollwerk aus Verschleierung und Lügen nach. Zum eigenen Fehler stehen wollte man nicht. So schoben TEPCO, Politik und Bürokraten in Form der japanischen Atomaufsichtsbehörde NISA die Verantwortung hin und her. Zu groß war die Angst, die Last des Unglücks auf den eigenen Schultern zu tragen. Es brauchte ein Machtwort, um sich dem Chaos zwischen Missmanagement und Desinformation zu entledigen.

Der ehemalige japanische Premierminister Naoto Kan im Jahr 2011. (Copyright © World Economic Forum, Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Damaliger Ministerpräsident Naoto Kan reiste aus diesem Anlass am 15. März höchstpersönlich in die Zentrale Tepcos um seiner Wut Ausdruck zu verleihen. „Was ist hier eigentlich los?“, drang er auf die Manager ein und ernannte sich kurzerhand selbst zum Chef des Krisenstabs. Weshalb diese Verschwiegenheit? „Was die Welt derzeit erlebt, ist die typisch japanische Angewohnheit, Pannen zu vertuschen – aus Scham und falsch verstandenem Gruppen- oder Firmengeist. Dabei ist das Unglück doch längst für alle offensichtlich“, schreibt der Spiegel noch am selben Tag. Falscher Stolz und die Angst vor dem Aus, dem finanziellen wie dem gesellschaftlichen. Die Frage, warum die Arbeiter lange zögerten, um Salzwasser in die überhitzten Blöcke zu pumpen, ist nach diesen Informationen einfach zu beantworten. Tepco sah seine Priorität in der Erhaltung des eigenen Besitzes. Das Kernkraftwerk sollte gerettet werden. Das Salzwasser hätte die Reaktoren auf lange Sicht beschädigt. Ein Verlust, der sich erst Stunden, wenn nicht Tage später in Kauf nehmen ließ.

Noch während der Bewältigung des Unglücks verhandelte Tepco um Notkredite. Allmählich wurde dem Versorger klar, welche finanzielle Last sich auf ihn legt. Sieben Finanzinstitute erklärten sich bereit, eine Summe von zwei Billionen Yen (17 Milliarden Euro) dem Unternehmen zu überlassen. Durch Anleihen verfügte Tepco über 670 Milliarden Yen an liquiden Mitteln. Das Geld war bitter nötig, denn zehntausende Einwohner der Präfektur Fukushimas galt es zu entschädigen. Doch das Geld der Banken wurde für andere Zwecke gebraucht. Reparaturen waren wichtiger, da Atomkraftwerke und andere Anlagen in Mitleidenschaft gezogen wurden. Für die Betroffenen blieb später eine Summe von umgerechnet 8000 Euro, pro Familie, nicht pro Kopf. Ein äußerst knapper Betrag, um das verlorene Hab und Gut zu ersetzen. Doch Tepco konnte nicht mehr entbehren. Der Staat musste nun für den Wiederaufbau herhalten. Nach japanischem Gesetz muss die Regierung im Falle der Beschädigung eines Kernkraftwerks infolge einer Naturkatastrophe die ersten 120 Milliarden Yen der Reparaturkosten aufbringen. Ein wahrer Segen für den Energieversorger, wenn gleich das Volk die Kosten auf sich nimmt. Es rief nach einer Erhöhung von Steuern und Strompreisen.

Zur Finanzierung der Katastrophe stellte die japanische Regierung einen öffentlichen Fonds zur Verfügung, der mitunter die Entschädigungszahlungen für die Opfer begleichen sollte. Der Staat griff Tepco mächtig unter die Arme. Ein erstes Aufatmen für den Energiekonzern. Doch im Gegenzug wurde das Unternehmen stärker kontrolliert, auch wenn man von einer Verstaatlichung absah. Die Aktienkurse Tepcos hatten seit der Katastrophe vom 11. März um 80 Prozent an Wert verloren. Hinzu kamen erwartete Schadensersatzforderungen in Höhe von zehn Billionen Yen (84 Milliarden Euro). Mit dem Fond sollte Tepco vor dem finanziellen Aus bewahrt werden. Als zinsloses Anleihen wurde der öffentliche Fonds eingerichtet, der vom Konzern zurückgezahlt werden soll.

Ein weiteres Gesicht mischt sich nach der Katastrophe unter die weltweiten Medien. Der Präsident Tepcos, Masataka Shimizu, stellte sich einen Tag nach der Katastrophe nur kurz der Presse vor, ohne Andeutungen auf die Krisenbewältigung zu machen. Mehrere Tage verschwand er danach von der Bildfläche. Man spekulierte über einen Selbstmord, doch Shimizu hatte sich lediglich krank gemeldet. Von Bluthochdruck und Schwindelanfällen geplagt, wurde er in ein Krankenhaus eingewiesen. Einen Monat nach der Katastrophe kehrte er zurück, in blauer Montur des Energieversorgers. Es hieß zu trauern und so versenkte er sein Haupt für Minuten. Masataka Shimizu wirkte schwach und resignierend, als sei nichts mehr zu retten. Sein Gesicht hatte er auf Dauer verloren und so waren seinen Worten an die Presse nur noch Bestürztheit und Bitten um Verzeihung zu entnehmen. Antworten auf Fragen gab es keine. Shimizu schwieg. Zwei Monate später musste er den Posten räumen. Sein Nachfolger ist Toshio Nishizawa, ein ehemaliger Direktor und Manager Tepcos. Mit seinem Rücktritt nahm Shimizu die Verantwortung mit sich. Er versuchte, für die Pannenserie und die Milliardenverluste Tepcos gerade zu stehen.

Im Juli 2011 rückten erneut die Opfer der Atom-Katastrophe in den Blickpunkt der Regierung. Schätzungsweise 850 Euro sollte der AKW-Betreiber allen Betroffenen als finanzielle Stütze zahlen. Pro Monat, den die Menschen nicht in ihrem Haus verbringen konnten. Die 20 bis 30 Kilometer große Evakuierungszone umfasste 160.000 Bewohner, die in Notunterkünften ihr Dasein fristeten. Laut der Nachrichtenagentur Kyodo betrugen die Schadensersatzzahlungen umgerechnet 52 Milliarden Dollar. Diese gewaltige Summe, die Sicherung der Reaktoren von Fukushima Daiichi und die gesunkene Nachfrage nach Storm durch die Sparmaßnahmen der Japaner forderten Tepco finanziell heraus. Wie sollte das Unternehmen diesem angesetzten Todesstoß Herr werden? Die Leidtragenden waren umso mehr die Arbeiter. Die Regierung forderte im September vergangenen Jahres die Restrukturierung Tepcos und sah einen drastischen Stellenabbau, die Abtretung von Aktienanteilen und gekürzte Rentenzahlungen vor. Um weiterhin liquide zu bleiben, forderte die Regierungskommission die Wiederinbetriebnahme der übrigen Kernkraftwerke Japans und eine Erhöhung der Strompreise. Bis heute wurde allerdings kein Kraftwerk hochgefahren.

Das Atomkraftwerk Fukushima I. Im Vordergrund der Reaktorblock 1. (Copyright © Kawamoto Takuo, Lizenz: CC BY 2.0)

Die letzten Monate des Jahres 2011 waren von staatlichen Finanzspritzen durchsetzt. Tepco durfte nicht aufgegeben werden, denn der Energieversorger ist eng an das Stromnetz Tokios gekoppelt. Eine Abschaltung wäre undenkbar. Nachdem im Januar der AKW-Betreiber weitere Finanzspritzen über den öffentlichen Fonds forderte, zieht der Staat die Übernahme von zwei Dritteln der Anteile Tepcos in Betracht. Der Energieversorger könnte nach 60 Jahren Privatwirtschaft verstaatlicht werden. Japan selbst erhofft sich damit auch eine Veränderung der Energiepolitik des Landes. Bisher stellt sich der Konzern vehement gegen eine Aufhebung der regionalen Monopole und den Ausbau erneuerbarer Energien. Die Geschichte der Tokyo Electric Power Company als privates Unternehmen ginge damit zu Ende. Welchen Weg Japan danach bestreitet, liegt einmal mehr in den Händen der japanischen Regierung. Eine fragwürdige Zukunft bei Regierungsvertretern, deren Misstrauen gegenüber dem Tepcos in nichts nachsteht.

Quellen: Spiegel Online | Japanmarkt

TEPCO – Teil 1: Die Hintergründe langjähriger Verschwiegenheit

Bringt man den Namen TEPCO ins Gespräch fallen die Worte Fukushima, Atomkraft und Misstrauen auf den nächsten Augenblick, während  die Verflechtung von Politik, Wirtschaft und großzügigem Risikomanagement assoziiert wird. Kein anderes Unternehmen schaffte es im letzten und in diesem Jahr für so viel Gesprächsstoff, der nicht durch Ruhm, Engagement und Innovation geschuldet war. Die Aktiengesellschaft als größtes Energieversorgungsunternehmen Japans, mit vollem Name „Tokyo Electric Power Company“, wird auch heute noch von den Medien aufgegriffen, um ein Vorzeigebeispiel für Verantwortungslosigkeit und desaströser Informationspolitik zu erzeugen.

Ein Foto des Kohlekraftwerks Senjû in den 1940ern. (Quelle: Japanese book "Archives for the Tokyo downtown area 100 years" published by Life Information Center.)

Doch TEPCOs eigentümliche Firmenpolitik wurde nicht erst durch den nuklearen Unfall von Fukushima I bekannt. Bereits Jahre zuvor fiel der Konzern immer wieder im Schatten der Medien durch Vertuschungen und Unglaubwürdigkeit auf, konnte sein Gesicht allerdings über Jahrzehnte hinweg wahren. Das „Tôhoku-Beben“ bildet letztendlich den Katalysator. Eine Vielzahl begieriger Medienunternehmen stürzten sich auf den Energieversorger und stimmten in einer gemeinsamen Parole ein, dem Unternehmen sei nicht zu trauen. Der 11. März legte damit den Grundstein, die Fehler der Unternehmensleitung weltweit zu offenbaren und sich über die Grenzen Japans auszuweiten.

Dabei wurde zur Gründung des Unternehmens am 11. Mai 1951 eine solide Ausgangsbasis geschaffen, die dem Energiekonzern auch mit genügend Transparenz zu positivem Glanz verholfen hätte. Kurz vor dem 2. Weltkrieg wurden alle stromerzeugenden Betriebe Japans verstaatlicht und im Verlaufe des Krieges zu neun großen Staatsunternehmen zusammengefasst. Als sich nach der Kapitulation Japans die Besatzungsmächte für eine neue politische Struktur aussprachen, folgte im Mai 1951 die Privatisierung der Unternehmen. Ausgestattet mit regionalen Monopolen lag es nun in der Hand dieser neun Unternehmen, ihr Land mit Energie zu versorgen. TEPCO selbst gewann im Laufe der Jahre die Oberhand und zählt bis vor der Katastrophe 2011 zu den weltweit umsatzstärksten Unternehmen, die sich gar den 136. Platz unter den Fortune 500 erkämpften.

So ist es fast überflüssig, den Konzern als größten Energieproduzenten Japans darzustellen, der 27 Prozent des Energiebedarfs seines Landes deckt. Insbesondere die Metropole Tokio zählt zu seinem Zuständigkeitsbereich, womit 45 Millionen Menschen auf den Energielieferanten angewiesen sind – mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung Japans. Seit 2009 zählt die Tokyo Electric Power Company 160 Wasserkraftwerke und 25 Verbrennungskraftwerken durch Öl, Kohle und Erdgas, sowie je ein Geothermie- und Windkraftwerk denen eine vergleichsweise marginale Rolle zukommt. Nicht zu vergessen die Technologie, die das Unternehmen ohne deren Verwendung vermutlich in ein positiveres Licht gerückt hätte: Die drei Kernkraftwerke Fukushima Daiichi, Fukushima Daini und Kashiwazaki-Kariwa mit insgesamt 17 Atomreaktoren.

Der Hauptsitz TEPCOs in Tokio, aufgenommen im April 2007. (Copyright © PON, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Spätestens im August 2002 drangen erstmals Dokumente an die japanische Öffentlichkeit, die den Schein TEPCOS, als sicheres und glaubwürdiges Unternehmen aufzutreten, stark trübten. Die japanischen Medien sprachen von gefälschten Berichten, bewusst verzögerten Reparaturen und dem Nichterfüllen gesetzlich vorgeschriebener Meldungen von Störfällen. Mindestens 16 Jahre schafften die Verantwortlichen TEPCOs, das mediale Aufbegehren gegen den Energieversorger zu unterbinden. Nach der Enthüllung wurden Ämter neu besetzt, die nur wenig der unterdrückten Meldepflicht entgegensetzen konnten. So wurden mindestens sechs Notabschaltungen und eine siebenstündige kritische Reaktion in Block 3 von Fukushima I verschwiegen. Ein Schaden durch Erdbeben und mangelnde Wartung folgte auf den nächsten, ein routinierter Test führte im Mai 2008 in Block 6 zum Ausfall mehrerer Kühlsysteme und als am 1. März 2011 die japanische Atomaufsichtsbehörde (NISA) eine Inspektion initiierte, kamen weitere Übel zutage, die sich in mangelnden Kontrollen technischer Geräte über Jahre hinweg äußerte. Sie bildeten den Ausgangspunkt für die nukleare Katastrophe.

Nehmen wir uns an dieser Stelle die Zeit und überdenken die Frage, ob TEPCO ohne Atomkraft diesem Desaster entgangen wäre. Da sich bei einer kurzen Recherche ausschließlich Störfälle innerhalb der atomaren Kraftwerke finden lassen und diese Technologie als weitaus komplexer und damit risikoträchtiger als andere Kraftwerke angesehen wird, folgt eine klare Antwort: Ohne Atomkraft hätte sich TEPCO als Energielieferant besser verdient gemacht. Doch trifft es angesichts der Sicherheitsmängel einzig dieses Unternehmen? Es müsste nahezu als „Glückstreffer“ gewertet werden, dass gerade dieses Unternehmen von einer Katastrophe dermaßen herausgefordert wird, dass es Störfälle nicht mehr verheimlichen kann. Bei weiterer Recherche lässt sich allerdings feststellen, dass TEPCO keine Ausnahme in Sicherheitsmängeln und mangelnder öffentlicher Aufklärung bildet. Stünde Fukushima Daiichi unter der Verwaltung eines anderen Energiekonzerns Japans, so hätten sich voraussichtlich dieselben dramatischen Stunden abgespielt und nicht TEPCO, sondern KEPCO, Hokuden und die Namen anderer Konzerne stünden in den Schlagzeilen der letzten Monate.

Das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi im Jahr 2007. (Copyright © KEI, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Die Sicherheitslücken der Tokyo Electric Power Company dürfen an dieser Stelle nicht vernachlässigt werden, denn zählt man die Stör- und Unfälle der Kraftwerke anderer Betreiber zusammen, bildet TEPCO noch immer die oberste Spitze. Handelt es sich nun um ein japanisches Phänomen? Können wir diese Haltung mit den einfachen japanischen Stereotypen Verschwiegenheit, Intransparenz und übermäßigem Stolz vereinbaren? In keinerlei Hinsicht, denn Störfälle sind ein weltweites Phänomen von Atommeilern, von denen sich jeder allzu gerne der Verantwortung entziehen möchte. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Die finanziellen Interessen überwiegen; und nehmen wir stichprobenartig ein deutsches Atomkraftwerk, so füllen die Störfälle bereits eine ganze Seite.

Dieser Absatz möchte zeigen, dass man in Sachen Sicherheitsbedenken und Verantwortungsentzug nicht einzig japanische Unternehmen und TEPCO einzukreisen hat. Dennoch lässt dieser Abschnitt vorerst keine weiteren Schlussfolgerung angesichts der verhältnismäßig kurzen, stichprobenartigen Recherche zu.

Probleme nach der Schnellabschaltung und die Beschönigung TEPCOs

Japan konnte nach Monaten der Anspannung und Ungewissheit endlich aufatmen, als Ende 2011 der „cold shutdown“ der gefährdeten Reaktorblöcke von Fukushima Daiichi offiziell bestätigt wurde. Die Gefahr war gebannt, die Kontrolle über das Kernkraftwerk wiederhergestellt. Ein letztes Argument für die Medien, sich aktuelleren Vorgängen zu widmen, das Thema Atomkraft wieder herabzustufen und die Problemstelle Fukushima der Öffentlichkeit als sicher und stabil zu erklären. Doch Kritiker hüteten sich, von einer Kaltabschaltung zu sprechen, die nur zu gut das Gesicht der Verantwortlichen hinter TEPCO und japanischer Atomaufsichtsbehörde (NISA) retten konnte. Seit Mittwoch, dem 8. Februar, wissen wir, dass der „cold shutdown“ als stabile Kühlung des Reaktorkerns unter eine Temperatur von 100°C nur partiell erreicht werden konnte.

Der innere Aufbau eines Kernreaktors (beleuchtet).

Die Wärmeentwicklung nahm wieder zu. Sie erreichte keinen bedrohlichen Zustand und konnte bis auf weiteres durch eine erhöhte Wasserzufuhr und den abermaligen Zulauf von Borsäure eingedämmt werden, doch weiß Betreiber TEPCO keine Antwort auf die Zunahme der Temperatur um mehr als 20 Grad auf 72°C. Tetsuo Ito vom Atomforschungszentrum der Universität Kinki gab zu bedenken, die japanische Regierung hätte zu früh von einer geglückten Kaltabschaltung gesprochen, da es im Angesicht des unbekannten Zustands der Brennstäbe immer wieder zu ähnlichen Temperaturschwankungen kommen könne. Die Aussage Tetsuo Itos gewinnt insofern Beweiskraft, als dass ein Artikel der Wikipedia unmissverständlich betont, dass nach einer Kernschmelze, wie sie sich mit Gewissheit in Fukushima I zugetragen hatte, ein „cold shutdown“ nicht möglich sei. Zwar konnte der Kühlmittelkreislauf repariert werden, doch ist es unmöglich, die Reaktionen der Kernschmelz-Überreste vorherzusagen.

Eine sichere Kühlung des Reaktors nach dessen Schnellabschaltung ist insofern wichtig, als dass sich selbst nach Einführung der Steuerstäbe zwischen die Brennelemente der Reaktorkern durch chemische und physikalische Prozesse wieder aufheizen kann. Die sogenannte Nachzerfallswärme erreicht zwar nur ein Minimum der eigentlichen thermischen Energie bei geregeltem Betriebsablauf eines Kernreaktors, kann allerdings bei mangelnder Kühlung des Systems zu einer erneuten unkontrollierten Kettenreaktion führen. Eine von der Wikipedia bereitgestellte Tabelle informiert darüber, welche Energie ein Atomkraftwerk mit einer Leistung von 4000 Megawatt selbst nach seiner Schnellabschaltung erzeugen kann. Demzufolge würden nach einem Tag der Abschaltung bereits 14 Stunden ausreichen, um 2500 Kubikmeter Wasser von 15°C auf 100°C zu erhitzen. Der Abfall der Nachzerfallswärme erfolgt exponentiell, sodass erst nach einem Zeitraum von etwa einem Jahr die Brennstäbe ohne Kühlung auskommen. Dies Tatsache macht die Errichtung von Abklingbecken neben den Reaktoren für abgebrannte Brennelemente obligatorisch, auch wenn die Reaktoren von Fukushima eine geringere Leistung von 1400 bis 2300 Megawatt vor deren Abschaltung erzeugten.

Der Querschnitt eines Kernreaktors, wie er in Fukushima I verbaut wurde.

Die nunmehr ungewisse Kaltabschaltung ist indes nicht das einzige Problem, mit dem Arbeiter des Kernkraftwerks konfrontiert werden. Durch den undichten Sicherheitsbehälter sammeln sich nach wie vor kontaminierte Wassermassen im Untergeschoss von Reaktorblock 2 an. Gerade die Erhöhung der Wasserzufuhr für eine kontrollierte Kühlung fördert dieses Problem.

TEPCO als Betreiber des Kraftwerks schafft es hingegen, seine Unbeliebheit zu fördern, indem es bekannte Probleme nach wie vor unter der Verbreitung von Halbwahrheiten herunter spielt. Erst im Dezember 2011 wurde das Zerfallsprodukt Xenon in Block 2 nachgewiesen, das normalerweise Beweis genug für erneute, wenn auch marginale Kettenreaktionen ist. Der Betreiber selbst kommentierte diesen Vorfall als „natürlich“. Zudem häuften sich vergangene Woche die Meldungen von ausgetretenem radioaktivem Wasser durch Lecks und geplatzte Wasserschläuche. Die kurzweilig, überdurchschnittlich hohe gemessene Strahlung ist jedoch nicht allein gefrorener Wasserleitungen zu verschulden, sondern gleichfalls durch die Verwendung günstiger Plastikschläuche. Derartige Probleme könnten auf ein Minimum kompensiert werden, sollte TEPCO auf eigene finanzielle Interessen verzichten. Selbst zu der Temperaturzunahme in Reaktorblock 2, die die Angabe eines gesicherten „cold shutdown“ allmählich bröckeln lässt, fand ein Sprecher TEPCOs nur die Worte, die Temperatur sei unverändert.

Quellen:

Die nahe Befürchtung eines weiteren Großbebens

Betrachtet man das Tôhoku-Beben vom März 2011 aus einer quälend optimistischen Sicht, so müsste diese Erschütterung zweifellos als Jahrhundert-Beben in die Geschichte eingehen. Eine Stärke von 9,0 auf der Momenten-Magnituden-Skala hat es bis dahin nie gegeben und wird auch in Zukunft lange auf sich warten lassen. Eine Liste der ab einer Magnitude von 7,0 uns bekannten Beben in Japan bekräftigt diese Vermutung nur zu gut und geht in die Tendenz über, Japan würde etwa alle 50 Jahre von einem riesigen Beben getroffen.

Tektonische Vorgänge um Japan. (Copyright © Eric Gaba, Lizenz: CC BY-SA 2.5)

Dass es sich hierbei ausschließlich um beschönigende Prognosen fern der Wirklichkeit handelt, bestätigten zuletzt Erdbebenforscher der Universität Tokio. Vor dem Tôhoku-Beben ging die japanische Regierung davon aus, ein Beben mit einer Stärke von bis zu 9,0 würde sich innerhalb der nächsten 30 Jahre mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent ereignen. Doch neueste Erkenntnisse der Forscher liefern die geradezu reißerische These, Japan müsse sich bis 2016 für ein ähnliches Beben rüsten, dass mit 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit erwartet wird. Gerade wegen dem Beben vom 11. März hinterließen die tektonischen Spannungen eine tiefer gelegene und verschobene Inselkette, die ein Beben innerhalb der folgenden 30 Jahre bei einer Wahrscheinlichkeit von 98 Prozent regelrecht herausfordert. Die Forscher sehen ein Indiz für diese Prognose in der Häufung kleinerer Beben nahe Tokio seit der Katastrophe von 2011. Genauer Zeitpunkt und Ort der nächsten „Horror-Erschütterung“ lässt sich aber selbst von den Erdbebenforschern nicht vorhersagen.

Ein Video auf der Videoplattform YouTube betont die häufigen Beben um Japan und offenbart eine Analyse, mit wie vielen Beben und an welchen Ballungszentren seismische Aktivitäten im Jahr 2011 bemerkbar waren. Zu Beginn werden die einzelnen Grafiken erläutert, worauf eine grafische Auswertung sämtlicher Beben seit dem ersten Januar des letzten Jahres folgt. Welches Ausmaß das Tôhoku-Beben vom 11. März annahm, wird spätestens nach der großflächigen Erschütterung im Video sichtbar. Des Weiteren lassen sich die Ballungsräume kurz nach dem großen Beben leicht nachvollziehen, die nach Experten Beweis dafür sind, dass uns ein weiteres großes Beben bevorsteht.

So deprimierend diese Feststellung für Japan auch klingen mag, mobilisieren Experten aus Erdbebenforschung und Meterologie sämtliche Kräfte, dieser drohenden Katastrophe habhaft zu werden. Allen voran wurde durch ein Team aus Wissenschaftlern des Erdbebenforschungsinstituts der Universität Tokio ein effizienteres System zur Prognostizierung schwerer Erdbeben entwickelt. Fortan erhofft man sich nicht nur schnellere Datenerhebungen zu den seismischen Wellen eines Bebens, sondern möchte im Voraus die potentiellen Schäden schwerer Erschütterungen berechnen, um sichere Evakuierungszonen zu ermitteln. Das gesamte System stützt sich dabei auf den japanischen Supercomputer K – genau jener Computer, der es erst Mitte des Jahres 2011 zum weltweit leistungsstärksten Supercomputer geschafft hat.

Zur selben Zeit versucht die Meteorologische Behörde Japans, ein neues Frühwarnsystem zu etablieren. Zum Anlass nahm man die mangelnden und standardisierten Warnmaßnahmen, die dem Gefahrenpotential des Tsunamis vom letzten Jahr nicht mehr gerecht wurden. Worte wie „Große Tsunami-Warnung“ oder „Tsunami-Warnung“ seien laut Experten nicht mehr zweckmäßig und müssten in alarmierender Form den Betroffenen mitgeteilt werden. Einfache Warnungen in Kombinationen einer Unterschätzung von Wellenhöhe und Erdbebenstärke hätten beim großen Beben vor 11 Monaten eine zügige Evakuierung behindert. Neue Ausdrücke wie „gigantisch“ und „hoch“, ein Vergleich mit dem Tôhoku-Beben und eine Einschätzung befürchteter Schäden sollen in das Warnsystem einfließen und für eine schnellere Evakuierung sorgen, die keine Unterschätzung der Gefahren zulässt.

Quellen:

Atomenergie & Japan – Teil 3: Die Folgen für Atompolitik und Länder

Zum Abschluss unseres dreiteiligen Artikels über die Dreifachkatastrophe von Japan nähern wir uns der Gegenwart und betrachten die Auswirkungen des Störfalls in Fukushima Daiichi. Hierbei möchten wir uns nicht nur auf die Atompolitik Japans beschränken, sondern auch über die nationalen Grenzen hinwegschauen. Hat die Katastrophe ein Umdenken erzeugt? Welche Länder wenden sich von der Atomenergie ab? Diese Fragen und andere möchten wir Ihnen in folgender Ausführung beantworten.

Prozentualer Anteil der Atomenergie an der Stormerzeugung weltweit. (Copyright © NuclearVacuum, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Atompolitik in Japan
Im Jahre 1965 nahm das erste japanische Kernkraftwerk seinen Betrieb auf und legte den Grundstein für einen regelrechten Boom des Kraftwerkbaus innerhalb der folgenden 70er, 80er und 90er Jahre. Bis heute wurden in Japan mehr als 60 Atomkraftwerke zur Energiegewinnung errichtet. Mehr als ein Drittel des Strombedarfs wurde 2010 durch Kernenergie gedeckt. Erst die Katastrophe von Fukushima konnte die öffentliche Meinung mehrheitlich dazu bewegen, sich für einen Atomausstieg auszusprechen. Bereits 1999 konnte Japan seine ersten Erfahrungen mit einem Nuklearunfall machen, als es im Kernkraftwerk Tokai in der Präfektur Ibaraki zu einer unkontrollierten nuklearen Kettenreaktion kam. Die öffentliche Meinung wurde infolge dieses Unfalls allerdings nicht betrübt.

Bis vor dem Unglück von Fukushima Daiichi waren 54 Atomkraftwerke in Betrieb, während sich etwa 20 weitere Kraftwerke im Bau befanden oder geplant wurden. Die Nuklearkatastrophe zerstörte die Atommeiler 1 bis 4 in Fukushima I vollständig, weshalb die japanische Regierung das Kernkraftwerk aufgab und von der Errichtung der Reaktorblöcke 7 und 8 im Mai 2011 absah. Japan erwägte erstmals nach dieser Katastrophe die Abkehr von wirtschaftlich nutzbarer Kernenergie zu einem Ausbau erneuerbarer Energien. Der damalige Ministerpräsident Naoto Kan kündigte an, aus der Kernkraft langfristig auszusteigen, während die übrige Regierung Japans drängte, sämtliche zur Inspektion heruntergefahrenen Atomkraftwerke bis spätestens zum Sommer 2011 erneut hochzufahren, um eventuelle Stromengpässe zu vermeiden. Erstmals äußerte sich die japanische Bevölkerung mit lautstarker Kritik gegenüber dieser politischen (Irr-)Führung. Auch Yoshihiko Noda, der das Amt von Naoto Kan nach dessen Rücktritt am 2. September 2011 übernahm, suchte einen Weg zum langfristigen Atomausstieg und einer „Energiewende“ zu erneuerbaren Ressourcen. Bestehende Kernkraftwerke sollen zwar weiter betrieben werden, den Neubau von Atomkraftwerken halte man jedoch für unwahrscheinlich.

Der ehemalige japanische Premierminister Naoto Kan im Jahr 2011. (Copyright © World Economic Forum, Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Dem Beispiel Europas folgend, ordnete die japanische Regierung die Ein- und Durchführung von Stresstests, Inspektionen und Wartungen aller Atomkraftwerke Japans an, um deren Sicherheit und Belastungsgrenzen zu garantieren. Mit dieser Entscheidung wurden nacheinander einzelne Kraftwerke vom Netz genommen. Seit der Katastrophe konnte sich die Intention Naoto Kans durchsetzen, die zur Inspektion heruntergefahrenen Kraftwerke noch nicht an das Netz anzuschließen. Einen großen Beitrag leistet hierfür die japanische Bevölkerung durch drastische Stromsparmaßnahmen, um die Masse an Kernreaktoren abgeschaltet zu lassen. Ende August 2011 versorgten nur noch 18 Atomkraftwerke das Land mit Strom. Dieser außergewöhnliche Zustand spitzte sich zu, als von knapp 50 potentiell nutzbaren Kernkraftwerken im Dezember 2011 nur noch neun an das Stromnetz angeschlossen waren. Im Januar des aktuellen Jahres speisten nur noch fünf Atomkraftwerke das Stromnetz. Die Tendenz geht aktuell gar in die Richtung, dass Japan ab April 2012 ohne Atomstrom auskommen muss, sofern die letzten verbliebenen Meiler zur geplanten Inspektion heruntergefahren werden. Sollte diese Phase ohne Komplikationen und Stromengpässen ablaufen, wäre die Basis für ein atomfreies Japan geschaffen.

Der Inselstaat verfügt noch über keine konkreten Pläne zur Endlagerung von radioaktivem Material, verfügt jedoch über eine Endlagerstätte im Nordosten Japans. Abgebrannte Brennstäbe werden nach Frankreich und Großbritannien zur Wiederaufarbeitung verschifft. Der hierbei gewonnene radioaktive Abfall wird anschließend zurück nach Japan transportiert und im einzigen Endlager Rokkasho in der Präfektur Aomori nahe der Oberfläche gelagert. In Rokkasho befindet sich außerdem eine Wiederaufarbeitungsanlage.

Die Wiederaufarbeitungsanlage nahe des Dorfes Rokkasho im Nordosten Japans. (Copyright © Nife, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Atompolitik in Deutschland
In Deutschland wurden zwischen 1957 und 2004 etwa 110 kerntechnische Anlagen aus Interessen der Energiegewinnung und Forschung in Betrieb genommen. Seit dem sogenannten Atomkonsens zwischen Bundesregierung und Energieversorgungsunternehmen vom 14. Juni 2000 ist Deutschland eines der wenigen Industrienationen, die von der künftigen Nutzung von Atomenergie absehen. Die Vereinbarung forderte die zeitlich begrenzte Nutzung bestehender und ein Bauverbot neuer Kernkraftwerke. Die Kerntechnik-Forschung blieb von diesen Bestimmungen unberührt. Zu diesem Zeitpunkt wurden noch 19 Kernkraftwerke in Deutschland zur Energiegewinnung genutzt. Die Bundesregierung verabschiedete im Jahr 2010 ungeachtet des Atomkonsens eine Laufzeitverlängerung der 17 noch in Betrieb stehenden Kernkraftwerke um durchschnittlich zwölf Jahre und stieß dabei von Seiten der Opposition und der Gesellschaft auf Protest.

Infolge der Nuklearunfälle von Fukushima beschloss die Bundesregierung allerdings am 14. März 2011 ein Atom-Moratorium, das vordergründig die Abschaltung der sieben ältesten deutschen Atomkraftwerke vorsah. Die Novellierung des Atomgesetzes im August 2011 forderte schließlich einen Wandel der Atom- und Energiepolitik Deutschlands und beabsichtigte den Atomausstieg bis zum Jahre 2022. Gegenwärtig stehen noch neun deutsche Kernkraftwerke zur wirtschaftlichen Nutzung in Betrieb.

Ein weiterer Knackpunkt der deutschen Atompolitik bleibt die Lagerung radioaktiver Abfälle, für die gegenwärtig die Endlager Salzgitter und Gorleben in Betracht gezogen werden. Zwei weitere Endlagerstätten (Morsleben und Versuchsendlager Asse) wurden in der Vergangenheit bereits genutzt, mussten aufgrund ihrer geringen Kapazität und sicherheitstechnischen Mängel hingegen aufgegeben werden. Bei allen vier Lagerstätten handelt es sich um ehemalige Salzbergwerke bzw. Eisenerzgruben, die sich aufgrund ihrer geologischen Beschaffenheit zur Endlagerung von radioaktiven Abfällen eignen. Während die Lagerstätte Salzgitter für nicht oder nur schwach wärmeproduzierende Abfälle umgebaut und dessen Fertigstellung nicht vor 2019 erwartet wird, läuft seit 1979 eine Untersuchung des Salzstocks Gorleben, ob dieser sich für eine mehrere Jahrhunderte umfassende Lagerung aller Arten radioaktiven Materials eignet.

Eine Übersicht der aktiven und stillgelegten Kernkraftwerke in Deutschland - Stand 2011. (Copyright © Lencer, Lizenz: CC BY-SA 2.5)

Atompolitik in China
Das hohe Wirtschaftswachstum der Volksrepublik China verlangt mehr und mehr nach neuen Energieressourcen. Den Großteil der chinesischen Energiepolitik machen Kohlekraftwerke und erneuerbare Energien aus, doch versucht China gegenwärtig, die Kernkraft für sich zu entdecken. Derzeit verfügt die Volksrepublik über insgesamt 16 Kernreaktoren, die allesamt entlang der Küste des Ostchinesischen und Gelben Meeres gebaut wurden. Weitere 20 Reaktoren befinden sich noch im Bau, doch plant man zukünftig die Errichtung von 150 zusätzlichen Atomkraftwerken, um den gewaltigen Energiehunger des Landes zu decken.

Hatte die Katastrophe des stetigen Rivalen Auswirkungen auf die chinesische Atompolitik? Zunächst sah sich der chinesische Volkskongress am 14. März 2011 nicht genötigt, den gewaltigen Ausbau des Landes mit Atomkraftwerken zu überdenken. Innerhalb der folgenden fünf Jahre sollte der Bau von etwa 40 Reaktoren beginnen. Die Nuklearkatastrophe in Japan nahm man zwar zur Kenntnis, doch wolle China „seine Entschlossenheit und Pläne für die Entwicklung der Atomkraft nicht ändern“, wie es der Vizeumweltminister Zhang Lijun betonte. Selbst die Nutzung von Kernenergie in Zentralchina sollte gefördert werden.

Zwei Tage später erfuhr die Atompolitik Chinas urplötzlich eine Kehrtwende. Vom Ausstieg aus der Atomkraft war selbstverständlich keine Rede, doch besah sich die politische Führung im Angesicht der chaotischen Lage Japans, das eigene Atomprogramm zu überdenken. Geplante Bauvorhaben neuer Reaktoren wurden kurzfristig gestoppt, obgleich die in Betrieb stehenden Atommeiler keine Abschaltung erfuhren. China wolle vorerst Sicherheitsfragen klären und diese in den Entwicklungsprozess neuer Kraftwerke einfließen lassen. Wann das Bauvorhaben erneut aufgenommen wird, bleibt bisher ungewiss.

Das Kernkraftwerk Daya Bay in der chinesischen Provinz Guangdong im März 2007.

Atompolitik global
Derzeit profitieren 30 Länder weltweit von dieser heiß diskutierten Technologie. Die oberste Spitze übernehmen dabei die USA, Frankreich und Japan. Weltweit versuchen sich besonders die Industriestaaten in einer Atompolitik, während der Großteil Afrikas, die an der Westküste Lateinamerikas gelegenen Staaten und der gesamte Kontinent Australien noch keinen Einstieg in diese Technologie gewagt haben. Auf der anderen Seite steht eine deutlich geringere Anzahl an Ländern, die trotz vorhandener Reaktoren den Atomausstieg planen oder schon vollzogen haben. Diese Anzahl an Staaten, zu denen sich unter anderem Italien, Österreich, die Schweiz, Deutschland und in naher Zukunft vielleicht auch Japan sehen, könnte langfristig zunehmen. Mit einem Rückblick auf die vergangenen bekanntesten Atomkatastrophen in den USA (Three Mile Island 1979), der Ukraine (Tschernobyl 1986) und Japan (Fukushima 2011) kommt der mehr und mehr schmaler werdende Turm der Atompolitik ins wanken und verliert seine Basis. Risiken und Sicherheit werden gleich mehrfach abgewogen und seit Fukushima nehmen selbst hoch technisierte Staaten dieses Risiko nicht mehr gleichgültig in Kauf.

Grafische Übersicht der weltweit geplanten Nutzung von Atomkraftwerken (2009)

Dies war der letzte Teil unseres Artikels über den Ursprung, Hergang und die Folgen des Unglücks von Fukushima. Wir hoffen, unseren Lesern ein besseres Verständnis, eine Einsicht in dieses chaotische Ereignis und eine Basis für künftige Diskussionen geschaffen zu haben.

Quellen: bundesregierung.de | japanmarkt.de | asienspiegel.ch | manager-magazin.de | faz.net

Atomenergie & Japan – Teil 2: Was geschah bei Fukushima Daiichi?

Im zweiten Teil unseres Artikels werden wir noch einmal die Ereignislage des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi seit der Schnellabschaltung der Kernreaktoren am 11. März 2011 aufarbeiten. Für diese Analyse fassen wir sämtliche wichtigen Ereignisse, die mit dem Ausfall der Reaktoren unmittelbar in Verbindung stehen, zusammen. Die Zusammenfassung bezieht ihre Informationen in großem Maße auf die von der Wikipedia bereit gestellte „Chronik der Nuklearkatastrophe von Fukushima„. Wir entschieden uns zwecks des besseren Verständnisses und einer lückenlosen Zusammenfassung ebenfalls für eine chronologische Analyse. Sollten Sie darauf Wert legen, das Ereignis in all seiner Breite zu erfassen, empfehlen wir Ihnen einen Blick auf unsere genannten Quellen zu werfen. Außerdem empfiehlt es sich, die speziell auf Fukushima ausgerichtete Dokumentation der vom ZDF produzierten Wissenschaftssendung „Abenteuer Forschung“ mitzuverfolgen, die am Ende dieser Analyse im Videoformat eingebettet wurde.

Das Atomkraftwerk Fukushima I. Im Vordergrund der Reaktorblock 1. (Copyright © Kawamoto Takuo, Lizenz: CC BY 2.0)

Japans Kernkraftwerk Fukushima Daiichi (Fukushima I) befindet sich 250 Kilometer nordöstlich der Millionenmetropole Tokio in der Präfektur Fukushima. Im Jahre 1971 wurde es erstmals in Betrieb genommen und ist daher das älteste Kernkraft des privaten Energiekonzerns Tokyo Electric Power Company (TEPCO). Der Kraftwerk-Komplex besteht aus sechs Reaktoren: Die Reaktorblöcke 1 bis 4 sind von den beiden Blöcken 5 und 6 räumlich getrennt, befinden sich jedoch allesamt in unmittelbarer Nähe zum Pazifik, dessen Meerwasser als sekundärer Wasserkreislauf zur Kühlung des Reaktors genutzt wird.

Alle sechs Reaktorblöcke basieren auf Siedewasserreaktoren, wie wir sie in unserem letzten Artikel vorgestellt haben. Der Reaktordruckbehälter, indem die Kernspaltung abläuft, ist von einer massiven Betonwand umgeben, die als primärer Sicherheitsbehälter dient. Die einzelnen Reaktorblöcke basieren auf einer Betonkonstruktion, die neben dem Druckbehälter auch ein Abklingbecken für verbrauchte Brennelemente beherbergt. Der obere Teil des Blocks ist eine Stahlkonstruktion mit Arbeitsbereichen und bildet zusammen mit der Betonkonstruktion den zweiten Sicherheitsbehälter.

Das Kraftwerksgelände wurde mit einer nur 5,70 Meter hohen Schutzmauer vor potentiellen Flutwellen für sicher erklärt, da der Baugrund der Reaktorblöcke 1 bis 4 um 10 Meter über dem Meeresspiegel erhöht wurde. Diese Fehlentscheidung, den Schutz nicht für außergewöhnlich drastische Seebeben auszubauen, sowie die unvorteilhafte Lage der Notstromgeneratoren und andere elektrischer Systeme im Untergeschoss der Reaktorgebäude, waren neben dem eigentlichen Beben Hauptursachen der Nuklearkatastrophe.

Der Querschnitt eines Kernreaktors, wie er in Fukushima I verbaut wurde.

Am Freitag, dem 11. März 2011, ereignete sich das Tohoku-Erdbeben um 14.46 Uhr Ortszeit und führte innerhalb weniger Sekunden durch die automatisierten Schutzmaßnahmen zum Abschalten der Kernreaktoren in Fukushima I. Von der Schnellabschaltung waren die Blöcke 1 bis 3 betroffen, während die restlichen Blöcke aufgrund von Wartungsarbeiten nicht in Betrieb waren. Ungeachtet der verheerenden Flutwelle erfuhr die Mehrheit der Reaktorblöcke durch das Seebeben eine Erschütterung über ihren Belastungsgrenzen. Die Folgen sind geplatzte Rohrleitungen, die nach Vermutungen des Bedienungspersonals den Kühlkreislauf beschädigten, sowie ein Defekt der Schaltanlagen. Die Stromversorgung des Kernkraftwerks brach daraufhin zusammen und startete 12 der insgesamt 13 Notstromaggregate. Weitere Folgen des Bebens sind der Ausfall von Kommunikationssystemen, der Gebäude-Beleuchtung, elektrischen Türöffnern und Messgeräten zur Auswertung der aktuellen Strahlenbelastung des Personals.

Nach nur zwei Minuten, um 14.48 Uhr Ortszeit, wurden die Reaktoren 1 bis 3 heruntergefahren und die Steuerstäbe vollkommen zwischen die Brennstäbe geschoben. Die Kühlung der Reaktoren war ab diesem Zeitpunkt vollständig von den elektrisch betriebenen Kühlwasserpumpen und den Notstromgeneratoren abhängig. Mit zu erwähnen sei an dieser Stelle, dass der komplette Komplex von Fukushima I nicht an das vorhandene Tsunami-Warnssystem angeschlossen war und demzufolge keine Frühwarnung erhielt. Aufgrund des mangelnden Ausbaus der Schutzmauern im Meer reichten bereits die ersten, etwa vier Meter hohen Wellen aus, die hinter den Mauern angebrachten Meerwasserpumpen zu zerstören. Als schwerwiegende Folge zeichnete sich der Ausfall der regulären Kühlung aller Reaktoren, der Abklingbecken und der neun wassergekühlten Notstromgeneratoren ab. Nachdem der Tsunami die Anlage erreicht hatte, fegte dieser angesichts seiner 13 bis 15 Meter hohen Wellen über die Schutzmauern hinweg und ließ die mehrere Meter unter Wasser stehenden Reaktorblöcke 1 bis 4 zurück. Diese Überschwemmung hatte den Ausfall aller Notstromgeneratoren zur Folge, sodass die Kühlung von Reaktoren und Abklingbecken nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte.

Eine Luftaufnahme des Atommeilers Fukushima Daiichi aus dem Jahre 1975. (Copyright © Ministry of Land, Infrastructure, Transport and Tourism of Japan)

Die folgenden Stunden sind von zahlreichen Pannen und Versorgungslücken geprägt, während das Personal darum bemüht war, die Notkühlung mit Notstrombatterien aufrechtzuerhalten. Die Kühlung konnte nur noch wenige Stunden gewährleistet werden und fiel gegen 17.00 Uhr Ortszeit vollkommen aus. Die Reaktoren begannen sich allmählich zu erhitzen und sorgten durch die Überschreitung ihrer Grenzwerte zur Dekalibrierung der Messinstrumente. Von da an war die Einschätzung des Kühlwasserstands und die Temperatur innerhalb des Druckbehälters ausschließlich von Vermutungen und Schätzungen geprägt. Der Kernkraftwerksbetreiber TEPCO meldete einen nuklearen Notfall an das Wirtschaftsministerium und die japanische Atomaufsichtsbehörde und forderte die Unterstützung durch mobile Notstromgeneratoren. Die Arbeiter versuchten manuell, den Druckbehälter durch die Öffnung von Ventilen zu entlasten, da die Brennstäbe zur Überhitzung neigten und das Kühlwasser unkontrolliert verdampfte. Außerdem versuchte man der mangelnden Kühlung durch Feuerlöschpumpen Abhilfe zu schaffen. Erste Vermutungen gingen zu dieser Zeit bereits von freiliegenden Brennstäben aus, die aufgrund der starken Temperaturentwicklung zu schmelzen begannen. Um 19.03 Uhr rief die japanische Regierung mit Hinblick auf die Meldung TEPCOs den nuklearen Notstand aus, beteuerte aber, es handle sich um reine Vorsichtsmaßnahmen und es trete kein radioaktives Material aus.

Die Reaktorblöcke 2 und 3 verharrten in einem stabilen Zustand, da die Notkühlung durch das Eintreffen mobiler Notstromgeneratoren gewährleistet werden konnte. Der Druck im Druckbehälter von Block 1 stieg hingegen weiter an. Infolge der freiliegenden Brennstäbe liefen unterschiedliche chemische und physikalische Prozesse im Reaktor ab und führten zur Bildung von Wasserstoff. Der Druckbehälter konnte der Belastung nicht mehr standhalten und gab durch entstehende Lecks radioaktives Material und Wasserstoff in den Sicherheitsbehälter ab. Da der Anstieg der Temperatur und das Verdampfen des Kühlwassers nicht unterbunden werden konnte, stieg auch im Sicherheitsbehälter der Druck. Im Vordergrund des Personals stand die Aufgabe, für eine Druckentlastung des Sicherheitsbehälters zu sorgen. Jedoch war unklar, ob eine Entlastung als ungefährlich eingestuft werden konnte, da die Freisetzung von radioaktivem Material befürchtet wurde. Außerdem ließen sich die elektrischen Ventile durch den Zusammenbruch der Stromversorgung nur manuell betätigen. Der Druck des Sicherheitsbehälters erreichte einen Wert fern seines zulässigen Grenzbereichs und ließ durch nachgebende Dichtungen radioaktive Partikel in das Reaktorgebäude entweichen. Infolgedessen ließ die japanische Regierung im Umkreis von drei Kilometern das Gebiet um das Kernkraftwerk evakuieren.

Grafische Auswertung des Druckniveaus innerhalb der Sicherheitsbehälter

Trotz der geglückten manuellen Druckentlastung des Reaktors 1 kam es am 12. März gegen 15.30 Uhr zu einer Wasserstoffexplosion. Der Sicherheitsbehälter blieb intakt, doch wurden Teile des Gebäudes und der oberen Stahlkonstruktion zerstört. Erste Versuchen wurden durchgeführt, den Reaktor 1 mit Meerwasser zu kühlen. Premierminister Naoto Kan ordnete des Weiteren an, die Evakuierungszone auf einen Umkreis von 20 Kilometern auszuweiten. Die Notkühlung fiel bei Reaktor 2 und 3 mehrfach aus und konnte bei Letzterem nicht mehr aufrechterhalten werden. Der Reaktor durchlief daher denselben Prozess, wie Reaktor 1 zwei Tage zuvor. Die Kühlflüssigkeit verdampfte unkontrolliert, die Kernschmelze setzte ein und durch einen hohen Druckaufbau geschah auch in Reaktor 3 am 14. März um 11.00 Uhr Ortszeit eine Wasserstoffexplosion mit ähnlichen Auswirkungen. Am selben Tag konnte auch die Notkühlung von Reaktor 2 nicht aufrechterhalten werden. Die Brennstäbe lagen vereinzelt frei, sodass eine Kernschmelze erfolgte. Vereinzelte kleinere Wasserstoffexplosionen und Brände in den Reaktoren 2 und 4 durchzogen die nächsten Tage, doch entwickelte sich durch die allmähliche Wiederinbetriebnahme der Notkühlungen ein als stabil zu wertender Zustand der Reaktoren.

Zu vernachlässigen ist allerdings nicht, dass alle drei Reaktoren den Prozess einer Kernschmelze durchliefen, wie es TEPCO erst Monate später öffentlich bestätigt. Der exponentielle Anstieg der Strahlenbelastung durch das Ausweichen von radioaktiven Partikeln rund um das Gelände von Fukushima Daiichi war ein enormer Gefahrenfaktor für die Arbeiter. Entwickelte sich die Strahlenbelastung zu Beginn des Unglücks nur mäßig, erreicht diese am 15. März einen bisher unerreichten Höchstwert von 900 Millisievert pro Stunde. Zum Vergleich: Ab einer Gesamtdosis von 500 Millisievert treten akute Strahlenkrankheiten auf, während bei einer Dosis von 1000 Millisievert bereits zehn Prozent der Betroffenen innerhalb der folgenden 30 Tage versterben. TEPCO ordnete daher den Rückzug aller Mitarbeiter vom Gelände an, die nicht unmittelbar mit der Kühlung der Reaktoren beschäftigt waren. Von 800 Tepco-Mitarbeitern verblieben 50 Personen, zusammen mit Soldaten, Helfern von Feuerwehrkräften und anderen Organisationen.

Grafische Übersicht der Strahlenbelastung von Fukushima Daiichi

In den folgenden Wochen und Monaten gelang es den Mitarbeitern schließlich, die Kühlung auf ein Maß zu stabilisieren, dass die Kernschmelzen der Reaktoren 1 bis 3 gestoppt werden konnten. Die Sorge bestand fortwährend, dass sich die Masse aus geschmolzenen Brennstäben in den Betonboden des Reaktorgebäudes frisst und direkten Kontakt mit der Umwelt erzeugt. Zudem musste die Kühlung der Abklingbecken stabilisiert werden, die noch immer aktive Brennstäbe beherbergten. Spätestens mit der Wiederherstellung der Stromversorgung kehrte ein Teil der Normalität zurück, mit der das Personal vor dem Unglück vertraut war. Die Kühlung schien sich zu stabilisieren, sodass die Reaktoren zu ihrem Normalzustand fanden, auch wenn dieser Prozess von langer Dauer geprägt war. Die Kühlkreisläufe ließen sich andererseits nicht instand setzen, da das radioaktiv kontaminierte Wasser eine Wiederinbetriebnahme der Turbinen nicht zuließ. Die externe Kühlung mit Meer- und Süßwasser wurde deshalb zur Routine.

Der Austritt von kontaminiertem Wasser in den Pazifik beschäftigte TEPCO für einige Wochen, da nicht nur Flora und Fauna davon betroffen, sondern die komplette Schifffahrt um Japan gefährdet war. Erst Anfang Mai wurde man diesem Problem habhaft, in dem Austrittsstellen mit Beton versiegelt und große Wassermengen abgepumpt wurden. Ab Juni wurden die Schäden an den Reaktoren überschaubar. Mittels Computersimulationen konnte errechnet werden, dass alle drei Druckbehälter einen sogenannten „melt-through“ erfahren haben. Dies bedeutet, dass Teile des geschmolzenen Reaktorkerns den Druckbehälter durchbrochen haben, aber vom Sicherheitsbehälter so weit wie möglich aufgehalten wurden. Nach einem weiteren Monat konnte schließlich eine Wasser-Dekontaminationsanlage in Betrieb genommen werden. Dadurch kam man dem Ziel zur Wiederherstellung der Kühlkreisläufe erheblich näher.

Die Reaktoren 1 bis 4 am 16. März 2011 um 9.45 Uhr Ortszeit. (Copyright © Digital Globe, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Im September 2011 kehrte die Normalität in Tohoku allmählich zurück. Die Evakuierungsgrenzen wurden aufgehoben und erste Baumaßnahmen zur Abwehr der Meereskontamination wurden geplant, während sich die Reaktoren 1 bis 3 bei einer stabilen Temperatur von 100°C einfanden. Wenige Wochen später wurde eine Hülle für das Reaktorgebäude 1 fertiggestellt, um die radioaktive Emission um 90 Prozent zu mindern. Zum Ende des Jahres 2011 wurde der „cold shutdown“ bestätigt. Sämtliche Unglücksreaktoren von Fukushima I konnten auf eine Temperatur von stabilen 100°C heruntergekühlt werden. Außerdem bestätigt TEPCO erstmals den Eintritt der Kernschmelzen in allen drei Reaktoren. In Block 1 konnte sich die radioaktive Masse mehr als einen halben Meter in den Beton des 10-Meter-starken Sicherheitsbehälters fressen. Kurz vor der Bestätigung erhielten Journalisten erstmals Zugang zu dem Komplex.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass mittels erhöhter Sicherheitsvorkehrungen, auf die wir zu Anfang dieser Analyse zu sprechen kamen, die meisten Schäden hätten vermieden werden können. Der Tsunami machte den Großteil der Sicherheitsvorkehrungen zunichte, unterbrach den bitter notwendigen Stromkreislauf zur Stabilisierung der Kühlung und löste deshalb auf indirektem Wege die Kernschmelze aus. Als Ursache geht also ein Naturphänomen hervor, dem sich Japan seit Jahrhunderten bewusst ist. Dieses Urteil fällen nicht nur wir, es ging auch aus der Auswertung diverser Expertenkommissionen hervor, die den Energiekonzern TEPCO hart kritisierten. Die IAEO veröffentlichte einen Bericht, der die Vorgehensweise, das Krisenmanagement und die Informationspolitik des Konzerns bemängelte. Aufgeführt wurden unter anderem die Unterschätzung des Tsunamirisikos, fehlende Notfallausrüstung und -planung, sowie die unzureichende Sicherheitsauslegung der Reaktoren und Betriebsvorgänge.

Nach einer Erklärung der japanischen Regierung vom 20. März 2011 sollte das Kraftwerk ganz aufgegeben werden, doch lagen bereits Pläne vor, zwei weitere Reaktorblöcke zu errichten. Nach der Katastrophe wurde dieses Vorhaben jedoch verworfen. Auch wenn die Reaktorblöcke 5 und 6 noch funktionsfähig sind, möchte die japanische Regierung das Kernkraftwerk Fukushima I vollständig stilllegen. Bis 2040 sollen die Blöcke 1 bis 4 abgerissen werden.

Weitere Quellen: physikblog.eu