Fukushima – Das Atomdesaster “Made in Japan”

“Das Desaster war vorhersehbar und vermeidbar”, heißt es in dem aktuellen Untersuchungsbericht der Parlamentskommission, die das Unglück vom März 2011 noch einmal aufarbeitete. Ein Team aus Wissenschaftlern setzte sich zusammen mit Politikern und Journalisten sechs Monate lang mit der Fukushima-Katastrophe auseinander und überprüfte das Krisenmanagement TEPCOs und die Folgen von Erdbeben und Tsunami. Aus über 900 Stunden an Anhörungen und 1000 Interviews wurde diese Woche der 641-seitige Abschlussbericht der Öffentlichkeit präsentiert. Das Ergebnis lieferte nun Schwarz auf Weiß die Gewissheit, dass die Naturkatastrophe geringere Auswirkungen auf die Reaktoren gehabt hätte, wenn TEPCO und Regierung ausreichende Vorbereitungen unternommen und die Behörden ihre Funktion als Aufsicht wahrgenommen hätten.

Das Logo der Nuclear Accident Independent Investigation Commission (NAIIC) mit dem japanischen Parlament als Piktogramm.

“Eine Vielzahl an Fehlern” und “vorsätzliche Fahrlässigkeiten” waren der Ausgangspunkt, der die Naturkatastrophe zu einer atomaren Katastrophe werden ließ. “Der folgende Unfall war [...] offensichtlich von Menschenhand verursacht», zitiert die Yomiuri Shimbun den Bericht. Die Verantwortung hat nicht allein der Konzern TEPCO zu tragen, sondern das System der dichten Vernetzung von Atomaufsicht, Kraftwerksbetreiber und Regierung. Durch die Kooperation von Bürokratie, Wirtschaft und Politik war eine Aufsicht faktisch nicht vorhanden. “Auch wenn dieses Geständnis sehr schmerzhaft ist – dieses Desaster ist ‘Made in Japan’”, erläuterte der Vorsitzende der Kommission, Kiyoshi Kurokawa, in seiner Stellung als Arzt und zugleich langjähriger Berater der Regierung.

Von der Expertenkommission gefordert wird nun eine Anpassung an internationale Standards zur permanenten Überwachung der Atomindustrie Japans. “Die Behörden müssten ihre insulare Sichtweise aufgegeben und die weltweiten Standards für Sicherheit, Gesundheit und Wohlfahrt erreichen. Die derzeitigen Gesetze dienten der Förderung der Atomkraft und nicht der öffentlichen Sicherheit”, schreibt Japanmarkt.

Schon Monate zuvor drang der Trugschluss TEPCOs an die Öffentlichkeit, das Unternehmen habe wenig bis keine Sicherheitsvorkehrungen für derartige Naturkatastrophen getroffen, da es die Gefahr einer Kernschmelze durch Naturereignisse nicht ernst nahm. Nach dem Abschlussbericht verabschiedete sich auch der letzte Trumpf TEPCOS, die eigenen Kraftwerke seien erdbebensicher, da die Nuklearkatastrophe allein dem Tsunami geschuldet sei. Sowohl das Beben, als auch der Tsunami beschädigten die Reaktoren so sehr, dass die dritte Katastrophe unausweichlich war.

Das zerstörte Reaktorgebäude 3 des AKWs Fukushima Daiichi. (flickr/IAEA)

Bis heute existiert die Sperrzone im Umkreis von 20 Kilometern um das Kraftwerksgelände, nachdem in drei Reaktoren eine Kernschmelze stattfand und weite Teile der Küstenregion der Präfektur Fukushima kontaminiert wurden. Über 80.000 Menschen können nicht mehr in ihre Heimat zurück. In den Monaten nach dem 11. März 2011 gruppierten sich zahlreiche Atomkraftgegner in Japan und brachten eine neue Anti-Atomkraft-Bewegung hervor. Ihren Höhepunkt fand sie in den vergangenen Tagen in Tokio mit einem Massenprotest, der etwa 150.000 Menschen zählte und gegen die Wiederinbetriebnahme des AKW Oi in der Präfektur Fukui demonstrierte. Es ist das erste und vorerst einzige Atomkraftwerk in Japan, dass zur Stromerzeugung wieder hochgefahren wurde.

Quellen und weiterer Lesestoff:

Die nahe Befürchtung eines weiteren Großbebens

Betrachtet man das Tôhoku-Beben vom März 2011 aus einer quälend optimistischen Sicht, so müsste diese Erschütterung zweifellos als Jahrhundert-Beben in die Geschichte eingehen. Eine Stärke von 9,0 auf der Momenten-Magnituden-Skala hat es bis dahin nie gegeben und wird auch in Zukunft lange auf sich warten lassen. Eine Liste der ab einer Magnitude von 7,0 uns bekannten Beben in Japan bekräftigt diese Vermutung nur zu gut und geht in die Tendenz über, Japan würde etwa alle 50 Jahre von einem riesigen Beben getroffen.

Tektonische Vorgänge um Japan. (Copyright © Eric Gaba, Lizenz: CC BY-SA 2.5)

Dass es sich hierbei ausschließlich um beschönigende Prognosen fern der Wirklichkeit handelt, bestätigten zuletzt Erdbebenforscher der Universität Tokio. Vor dem Tôhoku-Beben ging die japanische Regierung davon aus, ein Beben mit einer Stärke von bis zu 9,0 würde sich innerhalb der nächsten 30 Jahre mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent ereignen. Doch neueste Erkenntnisse der Forscher liefern die geradezu reißerische These, Japan müsse sich bis 2016 für ein ähnliches Beben rüsten, dass mit 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit erwartet wird. Gerade wegen dem Beben vom 11. März hinterließen die tektonischen Spannungen eine tiefer gelegene und verschobene Inselkette, die ein Beben innerhalb der folgenden 30 Jahre bei einer Wahrscheinlichkeit von 98 Prozent regelrecht herausfordert. Die Forscher sehen ein Indiz für diese Prognose in der Häufung kleinerer Beben nahe Tokio seit der Katastrophe von 2011. Genauer Zeitpunkt und Ort der nächsten “Horror-Erschütterung” lässt sich aber selbst von den Erdbebenforschern nicht vorhersagen.

Ein Video auf der Videoplattform YouTube betont die häufigen Beben um Japan und offenbart eine Analyse, mit wie vielen Beben und an welchen Ballungszentren seismische Aktivitäten im Jahr 2011 bemerkbar waren. Zu Beginn werden die einzelnen Grafiken erläutert, worauf eine grafische Auswertung sämtlicher Beben seit dem ersten Januar des letzten Jahres folgt. Welches Ausmaß das Tôhoku-Beben vom 11. März annahm, wird spätestens nach der großflächigen Erschütterung im Video sichtbar. Des Weiteren lassen sich die Ballungsräume kurz nach dem großen Beben leicht nachvollziehen, die nach Experten Beweis dafür sind, dass uns ein weiteres großes Beben bevorsteht.

So deprimierend diese Feststellung für Japan auch klingen mag, mobilisieren Experten aus Erdbebenforschung und Meterologie sämtliche Kräfte, dieser drohenden Katastrophe habhaft zu werden. Allen voran wurde durch ein Team aus Wissenschaftlern des Erdbebenforschungsinstituts der Universität Tokio ein effizienteres System zur Prognostizierung schwerer Erdbeben entwickelt. Fortan erhofft man sich nicht nur schnellere Datenerhebungen zu den seismischen Wellen eines Bebens, sondern möchte im Voraus die potentiellen Schäden schwerer Erschütterungen berechnen, um sichere Evakuierungszonen zu ermitteln. Das gesamte System stützt sich dabei auf den japanischen Supercomputer K – genau jener Computer, der es erst Mitte des Jahres 2011 zum weltweit leistungsstärksten Supercomputer geschafft hat.

Zur selben Zeit versucht die Meteorologische Behörde Japans, ein neues Frühwarnsystem zu etablieren. Zum Anlass nahm man die mangelnden und standardisierten Warnmaßnahmen, die dem Gefahrenpotential des Tsunamis vom letzten Jahr nicht mehr gerecht wurden. Worte wie “Große Tsunami-Warnung” oder “Tsunami-Warnung” seien laut Experten nicht mehr zweckmäßig und müssten in alarmierender Form den Betroffenen mitgeteilt werden. Einfache Warnungen in Kombinationen einer Unterschätzung von Wellenhöhe und Erdbebenstärke hätten beim großen Beben vor 11 Monaten eine zügige Evakuierung behindert. Neue Ausdrücke wie “gigantisch” und “hoch”, ein Vergleich mit dem Tôhoku-Beben und eine Einschätzung befürchteter Schäden sollen in das Warnsystem einfließen und für eine schnellere Evakuierung sorgen, die keine Unterschätzung der Gefahren zulässt.

Quellen:

Atomenergie & Japan – Teil 2: Was geschah bei Fukushima Daiichi?

Im zweiten Teil unseres Artikels werden wir noch einmal die Ereignislage des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi seit der Schnellabschaltung der Kernreaktoren am 11. März 2011 aufarbeiten. Für diese Analyse fassen wir sämtliche wichtigen Ereignisse, die mit dem Ausfall der Reaktoren unmittelbar in Verbindung stehen, zusammen. Die Zusammenfassung bezieht ihre Informationen in großem Maße auf die von der Wikipedia bereit gestellte “Chronik der Nuklearkatastrophe von Fukushima“. Wir entschieden uns zwecks des besseren Verständnisses und einer lückenlosen Zusammenfassung ebenfalls für eine chronologische Analyse. Sollten Sie darauf Wert legen, das Ereignis in all seiner Breite zu erfassen, empfehlen wir Ihnen einen Blick auf unsere genannten Quellen zu werfen. Außerdem empfiehlt es sich, die speziell auf Fukushima ausgerichtete Dokumentation der vom ZDF produzierten Wissenschaftssendung “Abenteuer Forschung” mitzuverfolgen, die am Ende dieser Analyse im Videoformat eingebettet wurde.

Das Atomkraftwerk Fukushima I. Im Vordergrund der Reaktorblock 1. (Copyright © Kawamoto Takuo, Lizenz: CC BY 2.0)

Japans Kernkraftwerk Fukushima Daiichi (Fukushima I) befindet sich 250 Kilometer nordöstlich der Millionenmetropole Tokio in der Präfektur Fukushima. Im Jahre 1971 wurde es erstmals in Betrieb genommen und ist daher das älteste Kernkraft des privaten Energiekonzerns Tokyo Electric Power Company (TEPCO). Der Kraftwerk-Komplex besteht aus sechs Reaktoren: Die Reaktorblöcke 1 bis 4 sind von den beiden Blöcken 5 und 6 räumlich getrennt, befinden sich jedoch allesamt in unmittelbarer Nähe zum Pazifik, dessen Meerwasser als sekundärer Wasserkreislauf zur Kühlung des Reaktors genutzt wird.

Alle sechs Reaktorblöcke basieren auf Siedewasserreaktoren, wie wir sie in unserem letzten Artikel vorgestellt haben. Der Reaktordruckbehälter, indem die Kernspaltung abläuft, ist von einer massiven Betonwand umgeben, die als primärer Sicherheitsbehälter dient. Die einzelnen Reaktorblöcke basieren auf einer Betonkonstruktion, die neben dem Druckbehälter auch ein Abklingbecken für verbrauchte Brennelemente beherbergt. Der obere Teil des Blocks ist eine Stahlkonstruktion mit Arbeitsbereichen und bildet zusammen mit der Betonkonstruktion den zweiten Sicherheitsbehälter.

Das Kraftwerksgelände wurde mit einer nur 5,70 Meter hohen Schutzmauer vor potentiellen Flutwellen für sicher erklärt, da der Baugrund der Reaktorblöcke 1 bis 4 um 10 Meter über dem Meeresspiegel erhöht wurde. Diese Fehlentscheidung, den Schutz nicht für außergewöhnlich drastische Seebeben auszubauen, sowie die unvorteilhafte Lage der Notstromgeneratoren und andere elektrischer Systeme im Untergeschoss der Reaktorgebäude, waren neben dem eigentlichen Beben Hauptursachen der Nuklearkatastrophe.

Der Querschnitt eines Kernreaktors, wie er in Fukushima I verbaut wurde.

Am Freitag, dem 11. März 2011, ereignete sich das Tohoku-Erdbeben um 14.46 Uhr Ortszeit und führte innerhalb weniger Sekunden durch die automatisierten Schutzmaßnahmen zum Abschalten der Kernreaktoren in Fukushima I. Von der Schnellabschaltung waren die Blöcke 1 bis 3 betroffen, während die restlichen Blöcke aufgrund von Wartungsarbeiten nicht in Betrieb waren. Ungeachtet der verheerenden Flutwelle erfuhr die Mehrheit der Reaktorblöcke durch das Seebeben eine Erschütterung über ihren Belastungsgrenzen. Die Folgen sind geplatzte Rohrleitungen, die nach Vermutungen des Bedienungspersonals den Kühlkreislauf beschädigten, sowie ein Defekt der Schaltanlagen. Die Stromversorgung des Kernkraftwerks brach daraufhin zusammen und startete 12 der insgesamt 13 Notstromaggregate. Weitere Folgen des Bebens sind der Ausfall von Kommunikationssystemen, der Gebäude-Beleuchtung, elektrischen Türöffnern und Messgeräten zur Auswertung der aktuellen Strahlenbelastung des Personals.

Nach nur zwei Minuten, um 14.48 Uhr Ortszeit, wurden die Reaktoren 1 bis 3 heruntergefahren und die Steuerstäbe vollkommen zwischen die Brennstäbe geschoben. Die Kühlung der Reaktoren war ab diesem Zeitpunkt vollständig von den elektrisch betriebenen Kühlwasserpumpen und den Notstromgeneratoren abhängig. Mit zu erwähnen sei an dieser Stelle, dass der komplette Komplex von Fukushima I nicht an das vorhandene Tsunami-Warnssystem angeschlossen war und demzufolge keine Frühwarnung erhielt. Aufgrund des mangelnden Ausbaus der Schutzmauern im Meer reichten bereits die ersten, etwa vier Meter hohen Wellen aus, die hinter den Mauern angebrachten Meerwasserpumpen zu zerstören. Als schwerwiegende Folge zeichnete sich der Ausfall der regulären Kühlung aller Reaktoren, der Abklingbecken und der neun wassergekühlten Notstromgeneratoren ab. Nachdem der Tsunami die Anlage erreicht hatte, fegte dieser angesichts seiner 13 bis 15 Meter hohen Wellen über die Schutzmauern hinweg und ließ die mehrere Meter unter Wasser stehenden Reaktorblöcke 1 bis 4 zurück. Diese Überschwemmung hatte den Ausfall aller Notstromgeneratoren zur Folge, sodass die Kühlung von Reaktoren und Abklingbecken nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte.

Eine Luftaufnahme des Atommeilers Fukushima Daiichi aus dem Jahre 1975. (Copyright © Ministry of Land, Infrastructure, Transport and Tourism of Japan)

Die folgenden Stunden sind von zahlreichen Pannen und Versorgungslücken geprägt, während das Personal darum bemüht war, die Notkühlung mit Notstrombatterien aufrechtzuerhalten. Die Kühlung konnte nur noch wenige Stunden gewährleistet werden und fiel gegen 17.00 Uhr Ortszeit vollkommen aus. Die Reaktoren begannen sich allmählich zu erhitzen und sorgten durch die Überschreitung ihrer Grenzwerte zur Dekalibrierung der Messinstrumente. Von da an war die Einschätzung des Kühlwasserstands und die Temperatur innerhalb des Druckbehälters ausschließlich von Vermutungen und Schätzungen geprägt. Der Kernkraftwerksbetreiber TEPCO meldete einen nuklearen Notfall an das Wirtschaftsministerium und die japanische Atomaufsichtsbehörde und forderte die Unterstützung durch mobile Notstromgeneratoren. Die Arbeiter versuchten manuell, den Druckbehälter durch die Öffnung von Ventilen zu entlasten, da die Brennstäbe zur Überhitzung neigten und das Kühlwasser unkontrolliert verdampfte. Außerdem versuchte man der mangelnden Kühlung durch Feuerlöschpumpen Abhilfe zu schaffen. Erste Vermutungen gingen zu dieser Zeit bereits von freiliegenden Brennstäben aus, die aufgrund der starken Temperaturentwicklung zu schmelzen begannen. Um 19.03 Uhr rief die japanische Regierung mit Hinblick auf die Meldung TEPCOs den nuklearen Notstand aus, beteuerte aber, es handle sich um reine Vorsichtsmaßnahmen und es trete kein radioaktives Material aus.

Die Reaktorblöcke 2 und 3 verharrten in einem stabilen Zustand, da die Notkühlung durch das Eintreffen mobiler Notstromgeneratoren gewährleistet werden konnte. Der Druck im Druckbehälter von Block 1 stieg hingegen weiter an. Infolge der freiliegenden Brennstäbe liefen unterschiedliche chemische und physikalische Prozesse im Reaktor ab und führten zur Bildung von Wasserstoff. Der Druckbehälter konnte der Belastung nicht mehr standhalten und gab durch entstehende Lecks radioaktives Material und Wasserstoff in den Sicherheitsbehälter ab. Da der Anstieg der Temperatur und das Verdampfen des Kühlwassers nicht unterbunden werden konnte, stieg auch im Sicherheitsbehälter der Druck. Im Vordergrund des Personals stand die Aufgabe, für eine Druckentlastung des Sicherheitsbehälters zu sorgen. Jedoch war unklar, ob eine Entlastung als ungefährlich eingestuft werden konnte, da die Freisetzung von radioaktivem Material befürchtet wurde. Außerdem ließen sich die elektrischen Ventile durch den Zusammenbruch der Stromversorgung nur manuell betätigen. Der Druck des Sicherheitsbehälters erreichte einen Wert fern seines zulässigen Grenzbereichs und ließ durch nachgebende Dichtungen radioaktive Partikel in das Reaktorgebäude entweichen. Infolgedessen ließ die japanische Regierung im Umkreis von drei Kilometern das Gebiet um das Kernkraftwerk evakuieren.

Grafische Auswertung des Druckniveaus innerhalb der Sicherheitsbehälter

Trotz der geglückten manuellen Druckentlastung des Reaktors 1 kam es am 12. März gegen 15.30 Uhr zu einer Wasserstoffexplosion. Der Sicherheitsbehälter blieb intakt, doch wurden Teile des Gebäudes und der oberen Stahlkonstruktion zerstört. Erste Versuchen wurden durchgeführt, den Reaktor 1 mit Meerwasser zu kühlen. Premierminister Naoto Kan ordnete des Weiteren an, die Evakuierungszone auf einen Umkreis von 20 Kilometern auszuweiten. Die Notkühlung fiel bei Reaktor 2 und 3 mehrfach aus und konnte bei Letzterem nicht mehr aufrechterhalten werden. Der Reaktor durchlief daher denselben Prozess, wie Reaktor 1 zwei Tage zuvor. Die Kühlflüssigkeit verdampfte unkontrolliert, die Kernschmelze setzte ein und durch einen hohen Druckaufbau geschah auch in Reaktor 3 am 14. März um 11.00 Uhr Ortszeit eine Wasserstoffexplosion mit ähnlichen Auswirkungen. Am selben Tag konnte auch die Notkühlung von Reaktor 2 nicht aufrechterhalten werden. Die Brennstäbe lagen vereinzelt frei, sodass eine Kernschmelze erfolgte. Vereinzelte kleinere Wasserstoffexplosionen und Brände in den Reaktoren 2 und 4 durchzogen die nächsten Tage, doch entwickelte sich durch die allmähliche Wiederinbetriebnahme der Notkühlungen ein als stabil zu wertender Zustand der Reaktoren.

Zu vernachlässigen ist allerdings nicht, dass alle drei Reaktoren den Prozess einer Kernschmelze durchliefen, wie es TEPCO erst Monate später öffentlich bestätigt. Der exponentielle Anstieg der Strahlenbelastung durch das Ausweichen von radioaktiven Partikeln rund um das Gelände von Fukushima Daiichi war ein enormer Gefahrenfaktor für die Arbeiter. Entwickelte sich die Strahlenbelastung zu Beginn des Unglücks nur mäßig, erreicht diese am 15. März einen bisher unerreichten Höchstwert von 900 Millisievert pro Stunde. Zum Vergleich: Ab einer Gesamtdosis von 500 Millisievert treten akute Strahlenkrankheiten auf, während bei einer Dosis von 1000 Millisievert bereits zehn Prozent der Betroffenen innerhalb der folgenden 30 Tage versterben. TEPCO ordnete daher den Rückzug aller Mitarbeiter vom Gelände an, die nicht unmittelbar mit der Kühlung der Reaktoren beschäftigt waren. Von 800 Tepco-Mitarbeitern verblieben 50 Personen, zusammen mit Soldaten, Helfern von Feuerwehrkräften und anderen Organisationen.

Grafische Übersicht der Strahlenbelastung von Fukushima Daiichi

In den folgenden Wochen und Monaten gelang es den Mitarbeitern schließlich, die Kühlung auf ein Maß zu stabilisieren, dass die Kernschmelzen der Reaktoren 1 bis 3 gestoppt werden konnten. Die Sorge bestand fortwährend, dass sich die Masse aus geschmolzenen Brennstäben in den Betonboden des Reaktorgebäudes frisst und direkten Kontakt mit der Umwelt erzeugt. Zudem musste die Kühlung der Abklingbecken stabilisiert werden, die noch immer aktive Brennstäbe beherbergten. Spätestens mit der Wiederherstellung der Stromversorgung kehrte ein Teil der Normalität zurück, mit der das Personal vor dem Unglück vertraut war. Die Kühlung schien sich zu stabilisieren, sodass die Reaktoren zu ihrem Normalzustand fanden, auch wenn dieser Prozess von langer Dauer geprägt war. Die Kühlkreisläufe ließen sich andererseits nicht instand setzen, da das radioaktiv kontaminierte Wasser eine Wiederinbetriebnahme der Turbinen nicht zuließ. Die externe Kühlung mit Meer- und Süßwasser wurde deshalb zur Routine.

Der Austritt von kontaminiertem Wasser in den Pazifik beschäftigte TEPCO für einige Wochen, da nicht nur Flora und Fauna davon betroffen, sondern die komplette Schifffahrt um Japan gefährdet war. Erst Anfang Mai wurde man diesem Problem habhaft, in dem Austrittsstellen mit Beton versiegelt und große Wassermengen abgepumpt wurden. Ab Juni wurden die Schäden an den Reaktoren überschaubar. Mittels Computersimulationen konnte errechnet werden, dass alle drei Druckbehälter einen sogenannten “melt-through” erfahren haben. Dies bedeutet, dass Teile des geschmolzenen Reaktorkerns den Druckbehälter durchbrochen haben, aber vom Sicherheitsbehälter so weit wie möglich aufgehalten wurden. Nach einem weiteren Monat konnte schließlich eine Wasser-Dekontaminationsanlage in Betrieb genommen werden. Dadurch kam man dem Ziel zur Wiederherstellung der Kühlkreisläufe erheblich näher.

Die Reaktoren 1 bis 4 am 16. März 2011 um 9.45 Uhr Ortszeit. (Copyright © Digital Globe, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Im September 2011 kehrte die Normalität in Tohoku allmählich zurück. Die Evakuierungsgrenzen wurden aufgehoben und erste Baumaßnahmen zur Abwehr der Meereskontamination wurden geplant, während sich die Reaktoren 1 bis 3 bei einer stabilen Temperatur von 100°C einfanden. Wenige Wochen später wurde eine Hülle für das Reaktorgebäude 1 fertiggestellt, um die radioaktive Emission um 90 Prozent zu mindern. Zum Ende des Jahres 2011 wurde der “cold shutdown” bestätigt. Sämtliche Unglücksreaktoren von Fukushima I konnten auf eine Temperatur von stabilen 100°C heruntergekühlt werden. Außerdem bestätigt TEPCO erstmals den Eintritt der Kernschmelzen in allen drei Reaktoren. In Block 1 konnte sich die radioaktive Masse mehr als einen halben Meter in den Beton des 10-Meter-starken Sicherheitsbehälters fressen. Kurz vor der Bestätigung erhielten Journalisten erstmals Zugang zu dem Komplex.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass mittels erhöhter Sicherheitsvorkehrungen, auf die wir zu Anfang dieser Analyse zu sprechen kamen, die meisten Schäden hätten vermieden werden können. Der Tsunami machte den Großteil der Sicherheitsvorkehrungen zunichte, unterbrach den bitter notwendigen Stromkreislauf zur Stabilisierung der Kühlung und löste deshalb auf indirektem Wege die Kernschmelze aus. Als Ursache geht also ein Naturphänomen hervor, dem sich Japan seit Jahrhunderten bewusst ist. Dieses Urteil fällen nicht nur wir, es ging auch aus der Auswertung diverser Expertenkommissionen hervor, die den Energiekonzern TEPCO hart kritisierten. Die IAEO veröffentlichte einen Bericht, der die Vorgehensweise, das Krisenmanagement und die Informationspolitik des Konzerns bemängelte. Aufgeführt wurden unter anderem die Unterschätzung des Tsunamirisikos, fehlende Notfallausrüstung und -planung, sowie die unzureichende Sicherheitsauslegung der Reaktoren und Betriebsvorgänge.

Nach einer Erklärung der japanischen Regierung vom 20. März 2011 sollte das Kraftwerk ganz aufgegeben werden, doch lagen bereits Pläne vor, zwei weitere Reaktorblöcke zu errichten. Nach der Katastrophe wurde dieses Vorhaben jedoch verworfen. Auch wenn die Reaktorblöcke 5 und 6 noch funktionsfähig sind, möchte die japanische Regierung das Kernkraftwerk Fukushima I vollständig stilllegen. Bis 2040 sollen die Blöcke 1 bis 4 abgerissen werden.

Weitere Quellen: physikblog.eu

Das Tôhoku-Erdbeben 2011 und die Intention von “Fukushima 24/7″

Es war der 11. März 2011, als vor der Präfektur Miyagi der japanischen Region Tôhoku um 14.46 Uhr Ortszeit ein Beben im Pazifischen Ozean gemessen wurde, das nachträglich als “Tôhoku-Erdbeben 2011″ bzw. “Große Erdbebenkatastrophe Ost-Japans” in die Geschichte einging. Nach Informationen der Japan Meteorological Agency (JMA) lag das Hypozentrum in annähernd 24 km Tiefe und hatte eine Stärke von 9,0 auf der Momenten-Magnituden-Skala. Eine Intensität, die das größte, jemals in Japan gemessene Beben erzeugte. Das Epizentrum des Bebens wurde etwa 370 km nordöstlich von Japans Metropole Tokio gemessen und konnte aufgrund seiner Stärke problemlos auf der gesamten japanischen Inselkette nachgewiesen werden.

Beben-Verteilung vom 11. bis 14. März 2011 vor der Küste Japans. (Hellgrün: 11.3.2011, Gelb: 12.3.2011, Orange: 13.3.2011, Rot: 14.3.2011)

Die gewaltige Intensität der Erschütterung war zugleich der Auslöser für zwei weitere Katastrophen, weshalb das Beben nur kurze Zeit später als sogenannte “Dreifachkatastrophe” weltweit in den Medien zirkulierte. Der mehr als 10 Meter hohe Tsunami war einer der beiden Katastrophen, die aus dem Seebeben resultierten, und richtete starke Verwüstungen an der Küste Miyagis an. Besonders betroffen und von internationalen Medien durch Bild- und Videodokumentationen oftmals aufgegriffen war die japanische Großstadt Sendai, die sich 130 km westlich des Epizentrums befand.

Erdbeben, ob auf dem Festland oder als Seebeben, sind in Japan keine Seltenheit, sodass es nicht wundert, dass trotz einer solch hohen Zerstörungskraft das größte Schadenspotential abgewendet werden konnte; trotz einer für die Anwohner schwer zu verarbeitenden Anzahl von mehr als 15.700 Todesopfern. Als Vergleich dient das vielen Betroffenen im Kopf noch immer präsente Erdbeben von Haiti am 12. Januar 2010 mit einer überdurchschnittlich hohen Anzahl an Todesopfern von über 316.000 bei einem Wert von 7,0 auf der Momenten-Magnituden-Skala. Japan ist sich aufgrund seiner markanten Lage zwischen vier tektonischen Platten stets über die Gefahr von Erdbeben bewusst und tut die fast täglichen Erschütterungen nahezu als Alltagsphänomen ab. Ein ausgereiftes Frühwarnsystem und eine Vielzahl von vorbeugenden Maßnahmen verhelfen dem Großteil der Bevölkerung, sich auch vor großen Beben zu schützen. Mit 685 Toten und 180 Vermissten traf es die Großstadt Sendai durch den Tsunami womöglich am verheerendsten, doch konnte das Schlimmste bei einer Einwohnerzahl von mehr als eine Million Menschen und der Ankunft der Wassermassen innerhalb weniger Minuten verhindert werden.

Die Großstadt Sendai nach dem Tsunami.

Nach diesen Daten wäre das Tôhoku-Beben zwar als größtes je in Japan gemessenes Erdbeben eingegangen, hätte jedoch binnen Kürze das geballte Medieninteresse verloren, wie es sich noch viele Wochen nach der Katastrophe generierte. Seinen Fortbestand fand es mit der dritten Katastrophe, die den Menschen heute durch das Stichwort “Fukushima” jene dramatischen Tage in Erinnerung rufen, die unmittelbar mit den schweren Störfällen der Kernkraftwerke von Fukushima Daiichi zusammenhängen.

Der Schock saß weltweit tief, als sich die unvermeidbare Katastrophe mindestens einer Kernschmelze herauskristallisierte; und das in einem Land, das als Industrienation von moderner Technologie geprägt ist und längst seine Mitgliedschaft unter den G8 stolz vertreten kann. Bereits die atomare Katastrophe von Tschernobyl 1987 erzeugte ein ähnliches Medieninteresse, konnte auf den Schultern nachlässiger Bedienung und gefahrenträchtiger Bauweise des Atommeilers jedoch schnell auf die Rückständigkeit seines Standorts abgewälzt werden. Nun traf es im frühen 21. Jahrhundert eine hoch entwickelte Industrienation, die sich trotz der Kombination aus Atomkraft und dem Turnus von Erdbeben sicher glaubte.

Was ist passiert? Was waren die Gründe? Hätte man dieses Szenario vorhersehen können? Wer trägt die Schuld? Was geschieht jetzt? Die Fragen nach den Ursachen und den Folgen dieser Katastrophen nehmen auch heute kein Ende. Zurückzuführen lässt sich dies mitunter auf die Verschwiegenheit des “Eisernen Dreiecks”: Der Kooperation von Betreiber TEPCO, Atom-Aufsichtsbehörden und der japanischen Regierung. Doch was passiert ist, lässt sich nur schwer rückgängig machen. Es heißt, die Katastrophe aufzuarbeiten, zu verarbeiten und Antworten zu finden, die nicht nur die Vergangenheit unter die Lupe nehmen, sondern auch die Gegenwart nach passablen Lösungen abtasten. Es heißt, das wohl vertraute und fabelhaft einstudierte Totschweigen zu brechen und die Aufmerksamkeit unserer Mitmenschen zu erlangen.

Ein verzerrtes Satellitenbild der Unglücksstelle Fukushima Daiichi. Zu sehen sind die Reaktorblöcke 3 und 4. (Copyright © Digital Globe, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Das Team hinter “Fukushima 24/7″ ist keine Hinterlassenschaft diverser Anti-Atomkraftbewegungen, sofern unserer Leser diese Vermutung bereits hegten. Das Ziel ist vielmehr, das Problem des Totschweigens und “Herunterspielens” gezielt anzugehen und für Aufklärung zu sorgen, welche Spätfolgen die Atomkatastrophe für die Tôhoku-Region und die japanische Bevölkerung hat. Hierbei konzentrieren wir uns sowohl auf eine gezielte Aufarbeitung, klären Fragen nach den Ursachen der Katastrophe und versorgen Sie mit aktuellen Informationen. Dieser Blog erhält keine fest geplante, regelmäßige Aktualisierung, sondern wird nach Ereignislage und dem Stand unserer Recherche versorgt. Nichtsdestotrotz sind wir bemüht, wöchentlich das Mindestmaß von einem Artikel zu erfüllen, um Ihre Aufmerksamkeit für dieses Projekt auf einem stabilen Niveau zu halten.